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Sehbehindert – na und?

Bildtext: Obmann Kurt Prall, Marion Putzer-Schimack, Lisa Feucht, Heidemarie Feucht und Maria Kranner bei der Vorstellung des Buches im Louis Braille Haus © BSVWNB Tree
Bildtext: Obmann Kurt Prall, Marion Putzer-Schimack, Lisa Feucht, Heidemarie Feucht und Maria Kranner bei der Vorstellung des Buches im Louis Braille Haus © BSVWNB Tree. Fünf Personen stehen vor einer Wand und dem BSVWNB-Logo nebeneinander, alle lachen in die Kamera, Frau Feucht hält ihr neues Buch in der Hand

Ein Leben mit von Geburt an fortschreitender Sehbehinderung, dem Verlust eines Auges und zeitweiligen Lichtblicken im Erwachsenenalter – wie bringt man das als betroffene Person zu Papier? In Etappen, sowohl in erzählerischer wie auch in schriftstellerischer Hinsicht.

Heidemarie Feucht erzählt in ihrem Buch „Sehbehindert – na und? Mut tut gut“ gleich zu Beginn, dass es beinahe nichts zu erzählen gegeben hätte, da sie über zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen war, nach einigen Wochen und etlichen Komplikationen bereits für tot erklärt wurde – und dann doch „nur knapp am Tod vorbeigeschrammt“ ist. Überlebenswille und Kampfgeist sind zwei Eigenschaften, die für Frau Feucht schon zu Beginn ihres Lebens charakteristisch waren und auch zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben.

Die Hauptmotivation für Heidemarie Feucht, das Buch zu schreiben, war es, andere zu ermutigen. Sie selbst verfügt heute nur mehr über ein geringes Sehvermögen auf einem verbliebenen Auge und hat gerade, nach der Buchveröffentlichung, mit dem Mobilitätstraining beim BSVWNB begonnen: „Ich bin ein vorsichtiger Mensch, vor allem wenn ich unterwegs bin. Das Training ermöglicht mir aber mehr Freiheit, jetzt kann ich alleine meine Runden drehen. Obwohl mein Hund leider gestorben ist, gehe ich jeden Tag mindestens einmal spazieren.“

Die eigenen handschriftlichen Notizen wurden von ihrem Mann Karl portionsweise in den Computer getippt, Kapitel für Kapitel die Lebensabschnitte eines Menschen mit der Frühgeborenenerkrankung „retrolentale Fibroplasie“ aus den eigenen Empfindungen heraus beschrieben. Schwerwiegende Netzhautschädigungen seit der Geburt, Augenzittern durch Überanstrengung im Alter von zwei, drei  Jahren und eine Schieloperation vor Schuleintritt kennzeichnen die ersten Lebensjahre des Mädchens:

„Wieder im Zimmer zurück, erwachte ich in meinem Spitalsbett. Wahrscheinlich hatte ich Schmerzen. Der Verband, der meine Augen bedeckte, sie schützte und den Kopf fixierte, war unangenehm. Dieses Ungetüm von Mullbinden und Klebestreifen wollte ich mir immer wieder wegreißen. Infolgedessen wurden meine Hände fest angebunden und die Gitter des Bettes hochgezogen. Das war es dann.“

Nur mit den Augenproblemen war es das noch nicht, ganz im Gegenteil. Heidemarie Feucht wächst – mit stetigen Augenschmerzen – auf, erlernt einen Beruf, wird Mutter und behauptet sich im Leben. Doch die nächste Operation ist unvermeidlich:
„Wegen unerträglicher Schmerzen durfte ich mein Schrumpfauge endlich entfernen lassen. Seelisch ging es mir mies, denn wie meine Zukunft aussehen sollte, konnte ich nicht einmal ahnen. Angst, unsagbare Angst vor dem Danach erfüllte mein Dasein. Insgeheim war ich froh, von den grausigen Schmerzen befreit zu werden.“

Tabuthema Augenprothese


In Österreich gibt es ca. 20.000 Menschen, die ein künstliches Auge brauchen. Als es auch bei Frau Feucht so weit war, wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte, psychisch wie physisch. Nach dem ersten Einsetzen zur Probe musste sie die Prothese am Abend herausnehmen:
„Der Abend kam, das Auge sollte heraus. Aber wie diese Sache bewerkstelligen? Wie meinen Ekel überwinden? Mir graute vor meiner eigenen leeren Augenhöhle so sehr. Wie viele mutlose Stunden ich so dasaß, weiß ich nicht mehr.“

Doch sie bewältigte auch diese Herausforderung, und mit der Zeit kamen auch die Albträume, in denen sie Aggressionen gegen die Prothese richtet, sie zerbeißt oder zertritt, seltener vor.

Mit Anfang 50 trat die nächste große Etappe ein, nach vielen vorangegangenen Laser-Operationen, bei denen Löcher und Risse in der Netzhaut „repariert“ wurden, die nächste Operation am verbliebenen Auge. Die Hoffnung diesmal: Den „Grauen Star“ zu behandeln, der das geringe Sehvermögen zusätzlich beeinträchtigte, und eine Verbesserung der Dioptrienzahl durch eine Kunstlinse. Doch die Hoffnung schlug in Ernüchterung um, die Augenoperation brachte nicht den gewünschten Erfolg, ganz im Gegenteil.

„Beinahe wäre mir mein Lachen abhanden gekommen.(..) Nachdem mir mitgeteilt worden war, austherapiert zu sein, begann ich, mein Leben neu zu ordnen und zu organisieren. (..) Auch wagte ich mich wieder an das Thema „Buch“ heran, sooft es meine Augen zuließen. Jeden Tag ein bisschen zu schreiben, führte auch irgendwann zu meinem Ziel.“

Dieses Ziel hat Heidemarie Feucht nun erreicht, aber sie hat noch viel mehr vor. Die Blindenschrift möchte sie erlernen, den Umgang mit Computer und Smartphone, und sie will noch allerhand schreiben. Ihr ist wichtig, anderen zu vermitteln, dass es Spaß machen kann, den Umgang mit Hilfsmitteln zu erlernen. Sehenden Menschen legt sie nahe, sich mit der Welt blinder Menschen auseinanderzusetzen, zu fragen, ob jemand mit Blindenstock oder Blindenschleife Hilfe benötigt, statt einfach vorbei zu schleichen.

Die Kraft für all dies kommt zum Teil aus ihr selbst, zum Teil aus ihrer Familie. Selbstständigkeit ist für Frau Feucht dabei aber die Hauptsache. Für ihre jüngste Tochter Lisa hat sie zum 12. Geburtstag selbst eine Torte gebacken, die das Geburtstagskind mit einem freudigen Ausruf lobte: „Schön ist die Torte ja nicht, aber seeehr gut!“

Mag. Martin Tree März 2017

Heidemarie Feucht: „Sehbehindert – na und? Mut tut gut“
138 Seiten, 1. Auflage 2017
Verlag Ferdinand Berger & Söhne Ges.m.b.H

Bildtext: Das Buchcover zeigt Heidemarie Feucht in einer Portraitaufnahme vor grünlich-weißem Hintergrund © Verlag Berger