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Gemeinsam jung verrückt sein – Ein Jahr „Verrückte Jugend Aktion“

Bildtext: Die „Verrückte Jugend Aktion“ bringt Menschen zusammen und lässt Freundschaften entstehen. © BSVWNB/Glatz
Bildtext: Die „Verrückte Jugend Aktion“ bringt Menschen zusammen und lässt Freundschaften entstehen. © BSVWNB/Glatz. Zwei Burschen sitzen mit freundschaftlicher Umarmung lächelnd nebeneinander an einem Tisch auf der Dachterrasse.

Stolz tritt Werner auf die riesige Dachterrasse des Blinden- und Sehbehindertenverbands WNB in Wien. Der junge Mann balanciert ein Holzbrett mit drei Kuchenstücken in Buchstabenform: VJA steht dort in leuchtendem Zuckerguss. Liebevoll hat er die Sachertorte in den Logofarben der „Verrückten Jugend Aktion“ gebacken, um die Projektleiterin Tanja Kotek und ihre Kollegin Karoline Kadelski zu überraschen. Denn immerhin ist heute das Geburtstagsfest zum einjährigen Bestehen.

Tanja Kotek hat die „Verrückte Jugend Aktion“, wie sich die Jugendgruppe nennt, aufgebaut und seit den Anfängen im Februar 2017 begleitet. Endlich wird damit auch eine jüngere Zielgruppe im Alter von 15 bis 30 Jahren angesprochen.

„Wir möchten Aktivitäten in den Bereichen Musik, Kultur, Tanz und Sport anbieten, und füllen die Programme mit den Ideen, die von den Jugendlichen kommen“ erzählt die quirlige Projektleiterin. Sie möchte nicht am Bedarf vorbeiplanen, und daher ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Wünsche einbringen.

Ideen entstehend laufend. Sie werden in der Whatsapp- oder Facebook-Gruppe geteilt oder einfach persönlich bei einem Treffen besprochen. Aus den Vorschlägen der Gruppenmitglieder ist im vergangenen Jahr ein bunt gemischtes Programm entstanden: von einer Rätselrallye im 1. Wiener Gemeindebezirk über einen Schmink-Workshop bis hin zu einem Selbstverteidigungstraining von der Polizeisportvereinigung Wien. Insgesamt 50 Treffen gab es im Jahr 2017.

Noch heute schwärmen viele Jugendliche von dem Autofahren in der Fahrschule Sauer. Can erzählt begeistert und mit lebendigen Armbewegungen: „Das Autofahren war die leiwandste aller Aktivitäten! Und ich war der Einzige, der rückwärts einparken durfte! Es war ein so schönes Gefühl, Auto zu fahren.“ Das Gefühl, wie der Pedaldruck das Auto in Gang setzt, der Ruck beim Bremsen oder beim Angasen. Das Steuer selbst in die Hand zu nehmen, war für viele der blinden und sehbehinderten Jugendlichen eine eindrucksvolle Erfahrung.

Can ist einer der ersten Gäste auf der Feier. Gleich zu Beginn baut er ein Fingerfußball-Spiel auf dem großen Tisch in der Mitte der Dachterrasse auf. Damit der walnussgroße Fußball beim Kicken nicht zu Boden fällt, platziert Can einige Spielkartons als Feldbegrenzung. Die kleinen Fußballschuhe werden an die Zeigefinger gesteckt, die Tore aufgebaut und schon liefern sich Can und Matías ein spannendes Fußball-Match im Kleinformat.

Die Sonne strahlt auf das sommerliche Geburtstagsfest. Stani hat schon bald den DJ-Posten übernommen und sucht am Laptop nach passenden Songs für die Party. Ein Gast hat sich bereits über die langweiligen Jazz-Klänge mokiert, nun muss mit einem peppigeren Song aufgewartet werden. Vielleicht mit Hip Hop? „Eines meiner Highlights war übrigens der Rap-Workshop mit Kid Pex. Wir haben gelernt einen Raptext zu schreiben und den werden wir schon bald im Studio aufnehmen, “ freut sich Stani.

Auf die bevorstehende Ferienfahrt wartet er auch bereits voller Vorfreude, diese war nämlich im vergangenen Sommer eine seiner liebsten Aktivitäten. Zum Campen fuhr die Jugendgruppe an den Ratzersdorfer See in der Nähe von St. Pölten. Die Zelte bauten sie natürlich selbst auf. Tanja Kotek erinnert sich noch gut an den Ausflug: „Es war eine ausgelassene Stimmung, alle waren so harmonisch. Wir sind die ganze Nacht am Lagerfeuer gesessen und haben geredet.“

Manche der Jugendlichen sind bei fast jedem der Treffen dabei. Dominik erzählt, was ihn zur „Verrückten Jugend Aktion“ geführt hat: „Ich wusste immer schon, dass ich schlecht sehe. Aber nicht, wie schlecht. Das habe ich erst 2008 erfahren, als ich den Behindertenpass beantragt habe. Früher war ich in einer Spezialschule für sehbehinderte und blinde Menschen in Graz und hatte dort meine Kontakte. Jetzt wollte ich wieder in Verbindung zu Gleichaltrigen kommen, und habe dann beim Blinden- und Sehbehindertenverband von der Jugendgruppe erfahren. Ich brauche gar nicht so viel, einfach die Kommunikation mit anderen ist mir wichtig.“

Aber nicht nur blinde und sehbehinderte Jugendliche zieht es zur Jugendgruppe. Auch Matías und Oliver sind gerne dabei und helfen ehrenamtlich mit. Dabei lernen sie selbst immer viel dazu. Matías begleitete einmal einen Kinobesuch. „Da lernte ich die App ‚Greta‘ kennen, die eine Audiobeschreibung für Filme bereitstellt. So wird es möglich, die neuesten Kinofilme barrierefrei mitzuverfolgen. Das finde ich sehr cool.“

Die Richtung ihrer Aktivitäten bestimmen die Jugendlichen selbst. Und Langeweile kommt hier nie auf. In den kalten Wintermonaten wärmen sich die Jugendlichen in der Therme Oberlaa, erklimmen in der Boulderhalle Marswiese die Kletterwände oder fluten im Dianabad die Wasserrutsche. Sportlich geht es auch im Sommer zu, gemeinsam lenken sie Tretboote über das Wasser, besuchen den Prater und tanzen beim Popfest oder den Afrikatagen zur Musik.

Die Erinnerungen bleiben nachhaltig und hinterlassen Spuren. Wie zum Beispiel der Graffiti-Workshop: Mit Schutzmasken und Handschuhen ausgestattet verschönerten die blinden und sehbehinderten Teilnehmenden den Jugendraum, hier trifft sich die „Verrückte Jugend Aktion“ regelmäßig. Die Entstehung der Graffitis wird begleitet von den rhythmischen Klängen der geschüttelten Spraydose und intensiven Dämpfen. Vorgeschnittene Schablonen und Stencils bringen die starken Farbstöße aus der Dose geformt an die Wand. Und was nicht vorhanden ist, wird kreativ ersetzt: Die Körperformen von drei Jugendlichen werden einfach nachgezogen und schon herrscht auch auf der Wand farbenfrohe Partystimmung.

Auf der Geburtstagsfeier lachen die Jugendlichen ausgelassen, scherzen miteinander und testen barrierefreie Spiele. Schließlich eröffnen Can und Stani die alkoholfreie Cocktailbar. Penibel messen sie Orangensaft, Kokos- oder Curaçao-Sirup ab und kippen alles in den Edelstahl-Shaker. Vorsichtig kostet Can den Cocktail „Pinkfarbener Panther“. Er ist viel zu sauer. Ein Schuss Granatapfel-Sirup wird auf gut Glück beigesteuert und schon ist der Barkeeper zufrieden.

Die Feier klingt langsam aus, aber bereits jetzt kündigt sich ein neues Jahr mit noch mehr spannenden Aktivitäten an. Einige Fixpunkte werden wieder die beliebte Ferienfahrt sein, der Box-Workshop oder auch gemeinsame sportliche Aktionen mit sehenden Jugendlichen. Im Herbst 2018 soll die „Verrückte Jugend Aktion“ ausgebaut werden, und die Angebote sollen zukünftig drei bis vier Mal pro Woche stattfinden. Geplant sind fixe Öffnungszeiten vom Jugendraum, den die Jugendlichen dann selbst nutzen können.

An Ideen und Wünschen wird es jedenfalls nicht mangeln. Denn die Jugendlichen wissen genau, was sie machen möchten. Sie nutzen jede Gelegenheit, Ideen in Pläne und Pläne in Aktionen umzusetzen. Denn gemeinsam macht alles mehr Spaß. Und gemeinsam kann man wunderbar verrückt jung sein.

Mag. Astrid Glatz Juni 2018

Bildtext: Das Ergebnis des Graffiti-Workshops verschönert den Jugendraum. © BSVWNB/Glatz
Eine bunte gesprayte Wand mit den Umrissen von drei Jugendlichen
Bildtext: Werner überrascht mit einer selbstgebackenen Torte. © BSVWNB/Glatz
Ein Jugendlicher zeigt stolz die Tortenstücke in Buchstabenform VJA auf einem Tablett her
Bildtext: Stani sorgt mit schwungvollen Songs für Stimmung. © BSVWNB/Glatz
Der DJ hockt vor dem Laptop, dahinter sieht man Jugendliche bei einem Tisch sitzen
Bildtext: Ein hitziges Fingerfußball-Match sorgt für einige Torschüsse. © BSVWNB/Glatz
In Nahaufnahme zwei täuschend echte Fußballstutzen und -schuhe an Fingern, dazu ein kleines Tor und ein Ball
Bildtext: Die alkoholfreie Cocktailbar wird eröffnet. © BSVWNB/Glatz
Drei Jugendliche stehen beisammen, in den Händen ein Cocktailshaker und fruchtige Zutaten
Bildtext: Die „Verrückte Jugend Aktion“ feiert ihr einjähriges Bestehen. © BSVWNB/Glatz
Gruppenfoto: Ein fröhliches Dutzend rund um die beiden VJA-Organisatorinnen