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Auf der Suche nach dem eigenen Stil

Bildtext: Wo es keine Grenzen gibt, tanzt die Freiheit © Lillis Ballroom
Bildtext: Wo es keine Grenzen gibt, tanzt die Freiheit © Lillis Ballroom
Bildtext: Portrait von Lilli / Lillis Ballroom © BSVWNB/Ursula Müller
Portrait von Lilli / Lillis Ballroom © BSVWNB/Ursula Müller. Eine Schwarzweiß-Aufnahme von tanzenden Paaren, alle mit Augenbinden. Ein Paar im Vordergrund, man sieht den Rücken des Mannes und Kopf und Arm der Frau © Lillis Ballroom

Tanzen bedeutet für Lilli Beresin Freiheit, Leidenschaft und das Gefühl wegzufliegen. Die junge Frau, die seit ihrer Kindheit stark sehbeeinträchtigt ist, hat Ballett getanzt, Standardtänze wie Wiener Walzer, Foxtrott oder Slowfox erlernt und Bälle eröffnet, aber ihre ganze Liebe gehört dem argentinischen Tango. Die Leichtigkeit, die sie heute beim Tanzen erlebt, ist ihrer Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit zu verdanken.

Liebe auf den ersten Ton

Als Lilli Beresin vor fast fünf Jahren im Wiener Museumsquartier eine Tango-Tanzshow besucht, kann sie aufgrund ihrer Sehbeeinträchtigung zwar kaum sehen was auf der Bühne gezeigt wird, aber die Tangomusik hat sie sofort in ihren Bann gezogen. Und sie weiß in diesem Moment genau was sie will. Sie möchte Tango tanzen lernen. Sie kontaktiert Tanzstudios, bekommt Absagen, denn nicht alle Lehrer fühlen sich in der Lage jemanden zu unterrichten, der kaum etwas sieht. Schließlich findet die junge Wienerin doch einen Lehrer, der ihr die Grundkenntnisse des Tangotanzens vermittelt. Bei ihrem ersten Besuch in Buenos Aires ist die Überraschung jedoch groß, denn hier wird der Tango ganz anders getanzt als in Wien. Der Tango Argentino unterscheidet sich stark vom Standardtango. Er wird weicher, enger und mit Hebefiguren getanzt. Außerdem wird der Rhythmus gewechselt, auch das trägt dazu bei, dass er als einer der schwierigsten Tänze gilt.

Zurück in Wien sucht Lilli einen Lehrer für den argentinischen Tango und findet über Umwege zu ihrer jetzigen Tanzlehrerin, die aus Deutschland kommt, aber argentinische Wurzeln hat. Eine Lehrerin, die es sich zutraut, Tanzen nicht durch Vorzeigen, sondern durch Führen und gemeinsames Bewegen zu vermitteln. Die für ihre Erklärungen eine bildhafte Sprache benützt und mit viel Einfühlungsvermögen unterrichtet. Zurzeit lernt die tanzbegeisterte junge Frau bereits das Führen, also die Rolle des Herren. Das ist eine große Herausforderung, denn alle bisher erlernten Schritte und Bewegungen müssen nun spiegelverkehrt ausgeführt werden. Aber es gelingt und Lilli erhält von ihrer Lehrerin eine überaus positive Rückmeldung. „Sie findet es ganz toll, dass jemand, der nicht sieht, sie in einer gewissen Weise, also vom Gefühl her, besser führen kann, als jemand, der sieht. Also, das war für mich ein ganz tolles Feedback.“Mit Gefühl zu tanzen, sei ihr sehr wichtig, genauso wie diese Freude am Tanzen auszustrahlen und spürbar werden zu lassen. „Das Tangotanzen ist leidenschaftlich, sinnlich und melancholisch. Aber diese Schwermut ist gerade das Schöne daran, weil man auf diese Weise beim Tanzen auch schwierige Erfahrungen verarbeiten kann.“

Erste Tanzerfahrungen

Schon als Kind besucht Lilli gerne die Ballettaufführungen in der Wiener Staatsoper, wenngleich sie nur wenig sehen kann, was auf der Bühne dargestellt wird. Mit vier Jahren beginnt sie mit dem Ballettunterricht und sie wird zehn Jahre lang üben. Sie mag die Ästhetik dieses klassischen Tanzes, will ihren Gleichgewichtssinn trainieren und ausprobieren, ob sie tun kann, was sie tun will. Sie ist das einzige Kind in der Ballettgruppe, das schlecht sieht. Das bringt sie mitunter in schwierige Situationen, sie macht die Erfahrung, dass manche Kinder sehr grausam sein können. Einige machen sich über sie lustig, andere tuscheln hinter ihrem Rücken über sie. „Kinder können so gemein sein“, so lassen sich manche Erlebnisse beim Ballett zusammenfassen. Hinzu kommt, dass sie nicht wie die anderen Kinder mit dem Spiegel arbeiten kann, weil sie sich darin nicht sehen kann. Mit einer Privatlehrerin übt sie, was die anderen durch Vorzeigen erlernen. Als die Lehrerin dann zur Bewegungstechnik des Spitzentanzes oder en pointe übergehen will, hört das Mädchen mit dem Ballett auf, denn es will seinen Füßen, Knien und seinem Rücken die Spitzentechnik nicht zumuten.

Auf den Abschied vom Ballett folgt eine kurze Tanzpause, dann werden neue Sachen ausprobiert wie zum Beispiel American tap dance und im Alter von 16 Jahren wechselt der Teenager in die Standardtanzschule. Doch sie fühlt sich nicht wohl dort. Wenn es heißt: „Schaut her, macht die Schritte nach!“, kann sie nichts damit anfangen, denn sie sieht ja nicht, was demonstriert wird. Sie nimmt Einzelunterricht, übt, was in der nächsten Stunde gezeigt wird und bekommt einen Aushilfslehrer als Tanzpartner. Denn zu den schwierigsten Situationen in der Tanzschule zählt die Damenwahl, alles geht schnell, die guten Tänzer sind sofort vergeben, dann passiert es, dass keiner mehr übrig ist und die wissbegierige Tanzschülerin für den Rest der Stunde herumsitzen muss. Auch kommt es vor, dass es dem einen oder anderem Tanzlehrer gänzlich an Takt und  Höflichkeit fehlt, wie sich Lilli Beresin erinnert. „Einer sagte einmal zu einem Pärchen, das hinter mir tanzte: ‚Bei dem Mädl brauchst dir gar nichts abschauen, die sieht nichts und die kann auch nichts.‘ Das fand ich richtig „ermutigend“ und sehr diskriminierend.“ Nach vier Jahren gibt sie auf und verlässt die Tanzschule. Es war einfach zu schwierig, dem Unterricht zu folgen. Was bleibt, ist die Überzeugung, dass es auch anders gehen müsste, dass ein tanzbegeisterter Mensch, der sehbeeinträchtigt oder blind ist, sich mit Freude und Spaß seiner Leidenschaft hingeben kann.

Volkstanz und Lebensgefühl

Trotz einiger bitterer und schmerzlicher Erfahrungen in den Tanzschulen, gibt Lilli Beresin nicht auf. Sie lernt den Tango kennen und lieben und fährt zum ersten Mal im Jahr 2013 nach Argentinien. Ein Tangoreiseführer für Buenos Aires führt sie zu einer Tangoschule einer Engländerin. Dort findet sie ihren Lehrer und wann immer sie nach Argentinien fährt, und sie tut es fast jedes Jahr, kontaktiert sie ihn und vereinbart Tanzstunden mit ihm.

In diesem Land wird jederzeit und überall getanzt. In den Schulen, den Bars und Cafes, auf Dachböden und in Kellern. Einmal schlendert die junge Wienerin mit ihrem Lehrer durch die Innenstadt, es tauchen drei, vier Bandoneonspieler auf und sogleich bittet der Lehrer sie zum Tanz. Fast alle Einheimischen lernen das Tangotanzen bereits als Kinder auf der Straße oder später in der Schule. Es ist ein Volkstanz, ein Lebensgefühl. Die Tanzschuhe, ein ganz wichtiges Accessoire, gibt es für unterschiedliche Gelegenheiten, für den Asphaltboden draußen und den Holzboden drinnen, sowie in verschiedenen Höhen und in Buenos Aires in bester Qualität. Mindestens 20 Paar habe sie und bei jedem Aufenthalt komme eines dazu.

Seit einiger Zeit schreibt die Mittzwanzigerin selbst Texte zur Tangomusik, singt und hat mittlerweile drei CDs herausgebracht. Aber so richtig zuhause fühlt sich die junge Frau beim Tanzen. Sie lernt die verschiedenen Stile wie Tango Walzer, Tango Melonga, den klassischen wie den modernen Tango und ist dabei immer auf der Suche nach ihrem eigenen Stil. „Ich pick mir bei jedem Lehrer etwas heraus, aber ich will niemanden kopieren. Ich möchte meinen eigenen Tangostil finden, das wäre schön.“

Lilli Beresin möchte nicht nur ihren eigenen Stil finden, sie will auch anderen Menschen, die wenig oder gar nichts sehen, die Möglichkeit geben zu tanzen und neue Tänze zu erlernen – in einem barrierefreien Tanzstudio für lateinamerikanische Tänze, in Lilli’s Ballroom. Sie sieht sich als Botschafterin für blinde Tänzer und seheingeschränkte Tänzerinnen. Sie möchte Menschen ermutigen, Neues auszuprobieren und sich Träume erfüllen. Es gehe nicht darum, einen Tanz perfekt zu erlernen, sondern vielmehr darum, den Rhythmus der Musik zu spüren, Bewegungen und  Schrittsysteme auszuprobieren und in einer wohlwollenden Umgebung Neues zu lernen. Auch sie selbst ist offen für neue Erfahrungen. Dachte sie lange, sie bräuchte unbedingt einen Tanzpartner, der gut sieht, um so Zusammenstöße oder Verletzungen zu vermeiden, weiss sie inzwischen, dass es auch anders geht. „Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mit jemanden tanzen kann, der noch weniger sieht als ich selbst. Aber es klappt. Obwohl ich mir das nie vorstellen konnte.“ Dabei spielen das Gefühl für den Rhythmus, die Liebe zur Musik und das Lebensgefühl des Tango genauso eine Rolle wie die gegenseitige Sympathie.

Bereits jetzt werden Workshops für lateinamerikanische Tänze wie Tango und Milonga, Cumbia Latina und Salsa oder Kizomba und Vallenato angeboten. Und zwar für alle: für Menschen, die gut sehen und für jene, die wenig oder gar nichts sehen. In wenigen Wochen wird es ein eigenes Tanzstudio für blinde, sehbeeinträchtigte und sehende Menschen in den Stadtbahnbögen geben, das erste barrierefreie Tanzstudio Wiens, wenn nicht sogar weltweit.

Auf der Website: Informationen über Lillis Ballroom  

Mag. Ursula Müller März 2018