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Rosenduft und Schneckenschleim - Erfahrungen einer blinden Hobbygärtnerin

Bildtext: Die Autorin zwischen Sträuchern (Foto zVg)
Bildtext: Die Autorin zwischen Sträuchern (Foto zVg).

Abgebrochene Fingernägel, trockene, rissige Haut auf den Händen und Stacheln an den Fingern und der Handfläche.
Kennen Sie das?
Denken Sie jetzt vielleicht an irgendeine seltene Hautkrankheit?
Dann liegen Sie falsch. Ein ganz anderes Virus ist es, das mich befallen hat:
Das Garten-Virus.

Vielleicht fragen Sie sich, warum denn meine Hände dabei so in Mitleidenschaft gezogen werden – ich könnte ja Handschuhe verwenden.
Nein, kann ich nicht, denn ich verrichte die Arbeit in meinem Garten unter besonderen Bedingungen:
Ich bin blind und benötige meine Hände zum „Sehen“.

Haben Sie Lust sich mit mir auf eine Gedankenreise durch meinen Garten zu begeben?
Dann lade ich Sie auf einen Rundgang durch mein kleines Paradies ein.
Ich möchte Ihnen gerne einen Eindruck vermitteln, was es hier auch ohne Augen zu „sehen“ gibt.

Zuerst zeige ich Ihnen meinen Gemüsegarten.

Hier auf meinen Hochbeeten wachsen unter anderem Salat, Kürbisse, Zucchini, Melanzane, Gurken, Grünkohl, Kohlsprossen und Kresse nebeneinander. Wie Kraut und Rüben, werden Sie vielleicht denken.
Was da so planlos und durcheinander wirkt, ist aber das Ergebnis ausgeklügelter Pflanzpläne. Denn in meinem Garten betreibe ich die sogenannte Mischkultur. Das bedeutet, dass ich die Pflanzen so nebeneinander positioniere, dass sie sich gegenseitig in ihrem Wachstum begünstigen oder zumindest nicht schaden.
Mais und Bohnen sind besonders gute Nachbarn, weil die Bohnenranken die Maispflanzen als Kletterhilfe benützen können. Karotten wachsen gut neben Zwiebeln, da die Möhrenfliege durch den geruchsintensiven Nachbarn abgeschreckt wird.

Die vielen Löcher in den Blättern der Melanzanepflanze, das waren die Schnecken.
Wenn Sie mich einmal abends besuchen kommen, finden Sie mich wahrscheinlich an meinen Beeten entlangwandernd, mit den Händen über meine Gemüsepflänzchen streichend und die eine oder andere Schnecke einsammelnd. Es könnte auch sein, dass Sie mich dabei fluchen hören.
Denn es sind wirklich Quälgeister, diese Weichtiere. Sehr hungrige Geschöpfe, und die schleimige Substanz, die sie absondern, lässt sich kaum mehr von den Händen abwaschen.

Wie rau sich die Blätter der Zucchini anfühlen, fast wie Schleifpapier. Und im Gegensatz dazu die Paprikablätter, ziemlich glatt und außerdem spitz und länglich.
Und hier die großblättrige Kresse: Gerne probiere ich im Vorbeischlendern ein Blatt und freue mich über die senfartige Schärfe. Oder daneben der Schnittlauch mit seiner pikanten Frische.

Dieses Jahr habe ich zwei verschiedene Kürbissorten angepflanzt. Hier der Hokkaido – die Frucht ist rund und hat eine eher raue Schale. Die Farbe ist kräftig orange. So steht es jedenfalls im Samenkatalog.
Und dann gibt es noch den Butternusskürbis. Er ist birnenförmig und sehr glatt. Ich glaube gelb.
Obwohl ich die Farben meiner Pflanzen nicht erkennen kann, stelle ich sie mir gerne vor.

Plötzlich weht ein zarter Duft zu mir herüber.

Er wird von meinen Rosenstöcken verströmt. Was für ein Aroma! Letzte Woche habe ich aus den Blüten Rosensirup hergestellt. Eine feine Zugabe zu Sekt oder Weißwein.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir beim Pflücken der Blüten helfen ließ, denn die Dornen meiner Rosen lassen sich trotz guten Zuredens nicht davon abhalten, mich zu stechen und zu kratzen.

Meine Hände sind bei der Gartenarbeit mein wichtigstes Werkzeug. Mit ihnen erkenne ich, ob der Boden feucht oder trocken, die Erde fein krümelig oder steinhart, eine Pflanze kräftig oder von Blattläusen befallen ist.
Auch beim Unkraut zupfen – wir Naturgärtner nennen diese übrigens Beikräuter – muss ich mich auf meinen Tastsinn verlassen. Leider gelingt das nicht immer. Das eine oder andere Mal habe ich schon die eigentliche Gemüsepflanze ausgezupft und den Löwenzahn stehen lassen.

Und weiter geht die Gartenreise.

Im Kräutergarten blüht gerade der Salbei und lockt Bienen und Hummeln an. Da brummt und summt es, und für einen kurzen Moment kann man sich der Illusion hingeben, dass es das viel beklagte Bienensterben überhaupt nicht gibt.

Ich streiche mit den Händen über den stacheligen Rosmarin und über die winzigen rundlichen Blätter des Thymians. Da steigen mir Düfte in die Nase, die an Urlaube im Süden erinnern. Daneben wächst die Eberraute, auch Colakraut genannt. Zerreibt man ein paar Blätter, duftet es stark nach Coca Cola. Leider schmeckt das Kraut ziemlich bitter.

Besonders freue ich mich über meine Obstbäumchen. Dieses Jahr trägt der Apfelbaum zum ersten Mal Früchte. Ich hoffe, dass wir im Herbst einige verkosten können.
Und auch die Quitte hat einige Früchte angesetzt. Wenn man mit dem Finger darüberstreicht, spürt man die flaumige Oberfläche. Das ist typisch für diese Obstsorte.

Hier in der hinteren Ecke meines Gartens müssen Besucher vielleicht etwas die Nase rümpfen. Denn da steht der Kübel mit der selbst angesetzten Brennnesseljauche. Stinkt fürchterlich, aber ist ein unheimlich kostbarer Dünger für mein Gemüse. Ich verdünne sie 1 zu 10 mit Wasser und gieße damit vor allem die Tomaten. Die Ernte ist jetzt schon voll im Gange. Jeden Tag pflücke ich eine Schüssel voll mit diesem erfrischenden, süß-säuerlichen Gemüse.

Übrigens kann man ganz leicht spüren, ob eine Tomate erntereif ist: Man nimmt die Frucht in die Hand und drückt sie ganz leicht. Dann hebt man sie ein wenig an. Wenn sie schon halbwegs weich ist und sich vom Stängel löst, ist sie genießbar. Am besten schmeckt sie, wenn man sie noch sonnenwarm vernascht.
Das ist für mich der Inbegriff des Sommers.

Darf ich vorstellen? Hier kommt der Gärtner, mein Mann.

Er hat keine Sehbehinderung. Trotzdem ist es nicht auszuschließen, dass er, wenn ich ihn um eine Hand voll Petersilie für den Salat bitte, mit einem Bund Zitronenmelisse aus dem Garten zurückkommt.
Für die Pflanzen bin eben ich zuständig. Er kümmert sich um die Gartenplanung, die Wiese, die Technik und die Beschwichtigung der Gärtnerin, wenn die Schnecken über Nacht ein ganzes Salatbeet aufgefressen haben.

Wenn ich müde von der Gartenarbeit bin, mache ich eine Pause auf meiner gemütlichen Gartenbank. Hier verweile ich, lausche, spüre, schnuppere und lasse mich bezaubern von all den Tönen, Düften und sonstigen Attraktionen, die sich ringsum ereignen.
Da plätschert ein Bächlein, der Specht klopft hoch oben am Baum und sucht nach Futter, eine Amsel trällert lustig vor sich hin.
Ein leichtes Lüftchen trägt den Duft von frisch gemähtem Gras und einem Hauch Lavendel herüber, und über meinen Arm krabbelt eine Ameise, oder ist es ein Käferchen?

Haben Sie einen Eindruck bekommen, wie ich als blinde Gärtnerin mein Reich wahrnehme?
Bei mir gibt es so viel zu riechen, zu schmecken, zu hören und zu erfühlen. Manchmal wäre ein intaktes Sehvermögen hilfreich, manches wäre leichter handzuhaben. Jedoch wäre es auch weniger spannend und herausfordernd.


Mag. Marion Putzer-Schimack August 2018

Bildtext: Schöne große grüne Paprikas am Strauch (Foto zVg)
Bildtext: Ein leuchtend oranger Kürbis zwischen Gräsern und Blättern (Foto zVg)
Bildtext: Eine schöne rosa Rose (Foto zVg)
Bildtext: Dicke Melanzane an der Pflanze (Foto zVg)