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… und ich kann es

Bildtext: Trainerin Andrea Wahl mit Klientin in der Küche © BSVWNB/Armin Plankensteiner
Bildtext: Trainerin Andrea Wahl mit Klientin in der Küche © BSVWNB/Armin Plankensteiner. Andrea Wahl und eine junge Frau mit Blindenschleife in der Küche mit Backutensilien vor dem Backofen

Wie letzten Sommer den Medien zu entnehmen war, forderte ein britischer Arzt, Warnhinweise auf Avocados anzubringen. Die beliebte Frucht kann beim Aufschneiden in zwei Hälften ihre Tücken haben. Mittlerweile landen so viele Briten mit Handverletzungen in der Notaufnahme, dass in Ärztekreisen der Begriff „Avocado-Hand“ geschaffen wurde.

Ein Pickerl mit einem Warnhinweis, wie eine Avocado sicher zu schneiden ist, würde vielleicht sehenden Menschen helfen. Für blinde und sehbehinderte Menschen wäre es nutzlos. Die Avocado an sich ist nicht gefährlich, aber das scharfe Messer. Der richtige Umgang mit ihm muss gelernt werden. Egal, ob jemand sehend ist oder nicht.

Andrea Wahl, Trainerin für Orientierung und Mobilität (O&M) und Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF) beim Blinden- und Sehbehindertenverband Wien, Niederösterreich und Burgenland, hilft sehbeeinträchtigten Menschen, sich im Alltag sicherer zu bewegen und Aufgaben selbstständig zu erledigen. Bislang ist die Trainerin noch nie mit der Aufgabenstellung konfrontiert worden, wie eine Avocado sicher zu schneiden ist. Wie würde sie dies angehen?

„Erst kläre ich ab, ob die Person mit einem Messer umgehen kann, ob sie weiß, wie man es in die Hand nimmt, wo ist der Messerrücken, wo die Schneide. Dann sorge ich dafür, dass für die Trainingseinheit eine oder besser mehrere Avocados vorrätig sind. Ich lasse mir berichten, ob sie diese Aufgabe schon einmal erledigt hat, wenn ja, bitte ich darum, mir zu zeigen, wie. Wenn nicht, bitte ich darum, es auszuprobieren.“

„Meine ersten Schritte sind die Beobachtung und Abklärung. Ich fange nicht mit Tipps an, sondern erfrage die Vorkenntnisse. Was kann man bei der Avocado essen, was nicht, wie soll die Avocado verarbeitet werden, nur geschnitten, ist ein Brei gewünscht, soll es eine halbe Avocado am Stück, ohne Kern werden? Wichtig ist die Fingerfertigkeit, auch spielt das noch vorhandene Sehvermögen eine große Rolle, ob und wie jemand noch visuell arbeitet. Kontrollieren die Augen, was die Hand macht, oder was macht die Hand mit der Avocado? Ich erachte es auch als meine Aufgabe, zu beobachten, ob Küchengrundsätze befolgt werden, z.B. wie werden die Hände gewaschen, wird die Avocado vor dem Verarbeiten gewaschen?“

Lebenspraktische Fähigkeiten

Im LPF-Training erhalten sehbehinderte und blinde Personen Anleitung, um alltägliche Aufgaben wie beispielsweise einkaufen, telefonieren, putzen, kochen, bügeln, nähen, die Körperpflege und die Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation (wieder) eigenständig zu bewältigen. Auch grundlegende Informationen zum Gebrauch spezieller Lese- und Schreibhilfen (schriftlich, verbal) werden im LPF-Training gegeben.

Das Erlernen der diversen Punktschriftversionen wird insbesondere für späterblindete Personen angeboten. Bei Kindern wird das Erlernen der Punktschrift meist von Lehrern im Rahmen des erweiterten Lehrplans („blindenspezifische Übungen“) durchgeführt. Zum Training gehören auch die Beratung und der Umgang mit einfachen Alltagshilfen. Ein wichtiger Teil des Trainings ist Angehörigenarbeit.

Erstgespräch

Dem Training voraus geht ein Erstgespräch, in dem

  • das Angebot vorgestellt wird
  • die momentane Situation und die Wünsche des Klienten geklärt werden
  • erste konkrete Fragen besprochen werden, z.B. ob ein Hilfsmittel eingesetzt werden kann, ob die Methode verändert werden könnte.

„Viele Klienten leben nach dem Grundsatz‚ Hauptsache, es funktioniert und ich bringe mich und andere nicht in Gefahr, da bin ich mit ihnen einer Meinung“, meint Andrea Wahl. „Das Angebot LPF wird weitaus weniger in Anspruch genommen als das O&M Training. Zudem betreffen etliche Punkte, die Trainingsthema sein könnten, intime Bereiche, die bespricht man nicht gerade gerne mit fremden Personen. Wie Körperpflege, Reinigung der Toilette, um hiesigen Standards zu entsprechen, Bereiche, über die sich auch sehende Menschen nicht häufig austauschen. Ich sehe meine Aufgabe so, dass ich mir erlaube, auf gewisse Themen zumindest hinzuweisen. Die Trainings finden im normalen Umfeld der Klienten statt, da fallen mir etliche Dinge auf, auch wenn ich mich zumeist auf das konzentriere, was gewünscht wird.“

„Ich grenze auch klar ab, was als Trainingsthema sinnvoll ist, und was nicht. Ich werde z.B. nicht das beste Schnitzelrezept der Welt vermitteln, aber ich kann, nachdem ich beobachtet habe, Tipps geben, nur das Schnitzel zu panieren, nicht die ganze Wohnung, wie es gelingt, die Pfanne am Herd zu zentrieren oder sich beim Ausbacken nicht zu verbrennen, und was alles noch zum Kochen, Aufräumen und Spülen gehört. Oder auf Alternativen hinweisen. Z.B. „Da gibt es ein nettes Schnitzelhaus keine zweihundert Meter von ihrer Wohnung entfernt.‘“

Eigenständig, Vermeidungstaktik oder helfen lassen?

Jeder Klient wird nach seinen Wünschen, Bedürfnissen und Möglichkeiten beraten. „Niemand kann alles wissen, niemand kann alles können“, sagt Andrea Wahl, „ob sehend, sehbehindert oder blind. Wir alle lernen lebenslang dazu, und lernen über andere Möglichkeiten.“

Manche Menschen sind experimentierfreudig, andere weniger. Geht es ums Essen, ist es einigen wichtiger, den Hunger zu stillen, als neue Genüsse zu entdecken.
Gewohnheiten bestehen, jeder Personenkreis baut sich eigene Verhaltensmuster auf. Unter sehenden Frauen wird empfohlen, beim ersten Date in einem Lokal nie Salat oder Pasta mit Tomatensauce zu bestellen, da könnte man sich leicht bekleckern.

Menschen mit weniger Sehvermögen haben die Tendenz, sich an Suppe zu halten, die kann man mit dem Löffel essen; zum gleichen Ober zu gehen, den sie schon „erzogen“ haben und der ihnen das Fleisch schneidet, sie kennen den Weg zur Toilette, wissen, wo das Klopapier zu finden ist, wo die Spülung, das Waschbecken ist ihnen vertraut mit der Anordnung von Seife, warmem und kaltem Wasser, sowie die Möglichkeit, sich die Hände zu trocknen. Durch „Herumwurschteln“ schaffen es die meisten, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden.

Neben dieser Taktik ist das „Vermeiden“ eine gängige Lösung. Geburtsblinde Menschen vermeiden oft Schuhe, die gebunden werden müssen, sie bevorzugen Schuhe mit Reiß- oder Klettverschluss, Schnallen oder Schuhwerk, in das man einfach reinschlüpft.

„Es wird hie und da gewünscht, ‚Schuhe binden’ zu lernen“, erzählt Andrea Wahl. „Die erste Voraussetzung, mit Schuhbändern umgehen zu können, ist die Fähigkeit, einen Knoten binden zu können, was Fingerfertigkeit voraussetzt. Je nach Voraussetzung übe ich mit dem Klienten nicht am Schuh, sondern mit einem dickeren Band, das z.B. um den Oberschenkel gelegt wird“.

Ihre Tätigkeit schließt sehr oft Lebens- und Alltagsberatung mit ein. „Haben Sie Nachbarn, die ihnen was aus dem Supermarkt mitbringen? Zehennägel muss man nicht unbedingt selber schneiden, man könnte auch zu einer Pediküre gehen.“

Ordnung und Regeln erleichtern den Alltag. Andrea Wahl arbeitet mit einprägsamen Begriffen wie „Schaffen Sie sich ‚Garagen’, eine für die Schlüssel, eine für das Handy und weitere für andere wichtige Dinge. Und bringen Sie alle Personen im gemeinsamen Haushalt dazu, diese ‚Garagen’ zu respektieren und einzuhalten.“

„Sehr oft rede ich über Möglichkeiten, um Hilfe zu bitten“, erzählt die Trainerin. „Wie bitte ich einen Passanten um Hilfe, welche Anweisungen gebe ich. Ich möchte das Bewusstsein stärken, dass der Klient selber der Experte ist und dies auch klar zum Ausdruck bringen darf. Hat man sich im Weg vertan und möchte geführt werden, darf man ruhig sagen, wie das geschehen soll, ob untergehakt, mit der Hand auf der Schulter, dem Oberarm des Führenden. Oder auch höflich, aber bestimmt, Hilfe ablehnen.“

Heilerziehungspflegerin

Die eigentliche Ausbildung von Andrea Wahl beinhaltet „Heilen“, „Erziehen“, „Pflegen“. Die Zusatzausbildung zur Rehabilitationslehrerin für O&M und LPF absolvierte sie an der Deutschen Blinden-Studienanstalt in Marburg. Ein Drittel der 18 Monate dauernden Ausbildung erledigte sie mit verbundenen Augen oder mit einer Brille, die ihr Sehvermögen reduzierte. So hat sie gelernt, was anders ist und worauf sie achten könnte.

„Wir wurden dazu angehalten, auch in der Freizeit zu Hause Tätigkeiten mit verbundenen Augen oder mit einer Simulationsbrille zu erledigen. Dies tue ich auch weiterhin, zu Hause etwas ‚blind’ durchdenken, eine Handlungsanalyse machen. Auf alle Eventualitäten kann man sich dennoch nie vorbereiten“, meint sie und fügt an: „Sollte ich von heute auf morgen erblinden, würde ich es nicht schaffen, alleine zurechtzukommen. Erst mal müsste ich es psychisch verkraften. Und ich wäre, genau wie meine Klienten, in meinen eigenen Gewohnheiten gefangen und würde auf manche Ideen nicht von selber kommen. Bei den Lebenspraktischen Fähigkeiten geht es mehr darum, umzudenken, als darum, etwas Neues zu lernen. Immerhin habe ich von meinen Klienten einiges dazugelernt. „Ich hätte früher nie eine Semmel mit der Brotschneidemaschine aufgeschnitten, aber das ist wirklich praktisch. Und das geht recht gut, als blinde oder sehbehinderte Person so eine Maschine zu bedienen.“

Außer den Erlebnissen vor Ort sind Grüße, die sie von ehemaligen Klienten erreichen, eine große Motivation für Andrea Wahl. „Ich höre, dass sie oft an mich denken. Auch wenn ich nur ein einziges Mal bei den Menschen gewesen bin.“

Das chinesische Sprichwort „Sage es mir und ich werde vergessen, zeige es mir und ich werde mich vielleicht erinnern, lass mich anwenden und ich werde verstehen“ hängt in ihrem Büro.
Sie hat es mit den Worten „Lass es Alltag werden, und ich kann es“ ergänzt.

Brigitt Albrecht November 2017