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„Kalkstein riecht anders als Schiefer“

Leidenschaft kennt keine Grenzen. Das hat Andy Holzer, der blinde Bergsteiger aus Tirol, immer wieder bewiesen. Und am 21. Mai 2017 hat ihn seine Leidenschaft auch auf den Gipfel des höchsten Berges der Welt geführt: den Mount Everest. Als zweiter blinder Mensch neben Erik Weihenmayer hat er die 8.848 Meter gemeistert. Damit hat er die Seven Summits – also die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente – komplett. Der BSVWNB gratuliert zu dieser überragenden Leistung.

 

Hier ein kurzes Portrait von Andy Holzer: "Kalkstein riecht anders als Schiefer“

Seine Hände ertasten jede Ritze, jeden Spalt, er schnalzt mit der Zunge und orientiert sich am Echo der Bergwände, pfeifender Wind verrät ihm, dass einige Meter weiter eine Kante aufragt, er riecht, auf welchem Gestein er sich befindet. Tasten, hören, riechen – diese Sinne verwendet Andy Holzer beim Klettern. Nur sehen kann er nichts. Andy Holzer ist blind.

„Die Finger sind meine Augen“, sagt der blinde Ausnahmealpinist. „Klettern ist eigentlich die perfekte Fortbewegungsart für mich, der Boden liegt senkrecht vor mir, ich kann ihn begreifen. Zudem ist mir die Geschwindigkeit, oder besser gesagt, die Langsamkeit überaus angenehm. Ein zu schnelles Tempo kann für blinde Menschen zum Problem werden.“

Der Bergfex

Aufgewachsen ist Andy Holzer in der Nähe von Lienz, die Berge haben ihn schon als Kind magisch angezogen. „Auf einer Wanderung mit meinen Eltern, da war ich 9 Jahre alt, bin ich auf den Geschmack gekommen“, erzählt er. „Als wir eine Rast eingelegt haben, habe ich den Fels mit meinen Händen ertastet. Eine Art Relief, ein Bild begann sich in meinem Kopf zusammenzusetzen. Das gab mir einen Begriff, wie die Welt ausschaut. So wurde meine Leidenschaft für das Klettern geweckt.“

Seine Eltern haben ihn in eine Regelschule geschickt, sie waren überzeugt, dass der schwierigere Weg für ihn der bessere sei. Sie erzogen ihn nicht anders als ein sehendes Kind. Mit sieben kletterte er auf dem elterlichen Hausdach herum und half dem Vater beim Dachdecken.

Der Umgang mit anderen Menschen in seiner Lage hat ihm nie gefehlt. Ihm war als Kind nicht bewusst, dass andere Kinder mit ihren Augen so viel mehr wahrnehmen konnten als er. Er lebte das Leben eines Sehenden. Das Wort „blind“ existierte für ihn praktisch gar nicht.

„Ich hatte meinen Weg gefunden, wie ich unter den Sehenden nicht untergehe. Natürlich gab es auch frustrierende Momente. Wenn wir Völkerball gespielt haben, bin ich als letzter ausgewählt worden, eh klar, dass ich als erster abgeschossen würde. Aber jede Mannschaft wollte mich als ersten beim Seilklettern“, lacht er.

Eine tragische Geschichte gab einen weiteren Impuls zum Klettern. Der Bruder seiner Mutter war im Alter von 17 Jahren in der Hochstadel-Nordwand der Lienzer Dolomiten tödlich verunglückt. Holzer hat seinen Onkel nie persönlich gekannt, die Erzählungen von ihm waren für den kleinen Buben eher faszinierend als schrecklich. Mit 25 hat er sich vorgestellt, diese Wand einmal durchsteigen zu können, wäre der Höhepunkt seiner Bergsteigerei.

Doch erst musste er klettern, gut klettern lernen. In seinem Heimatdorf waren viele der Ansicht, ein blinder Mensch gehöre nicht in die Berge. Jahrelang musste er nach einem Bergprofi suchen, der ihm das alpine Klettern beibrachte. „Mit 20, 25 Jahren hat mich das wahnsinnig geärgert“, sagt Holzer. „Da habe ich mich wirklich als Mensch zweiter Klasse gefühlt.“

Seinen Lehrmeister fand er im erfahrenen Bergrettungsmann Hans Bruckner, der ihm die Grundlagen der Klettertechnik lehrte. Nun klettert Andy Holzer die schwierigsten Touren und besteigt die höchsten Berge der Welt.

Andy Holzer hat mit seinem ebenfalls blinden Freund Erik Weihenmayer aus den USA den Roten Turm in den Lienzer Dolomiten ohne Hilfe von Sehenden bezwungen. Die beiden sind die einzigen blinden Bergsteiger der Welt, die sich so weit hoch wagen.

Er kletterte unter der Führung des beinamputierten Hugh Herr. Einer seiner Kletterfreunde, Peter Mair, hat nur eine Hand. „Wir klettern mit zwei Augen, drei Händen und vier Füßen. Mit ihm war ich auf dem Kilimandscharo in Afrika und auf den Aconcagua in Südamerika“, berichtet Holzer. „Auf die Tour auf den Mount McKinley in Alaska ist er nicht mitgekommen. Eh gscheit. Da gibt es Temperaturen um die minus 50 Grad. Mit einer Hand ist es nicht einfach, den Reißverschluss schnell genug zu schließen. Das kann dort entscheidend sein.“

Blindes Vertrauen

Seine Seilschaften verstehen es, sein Handicap nicht als bremsenden Schwachpunkt in der Gruppe zu sehen, sondern erkennen es als Motivationsschub, gemeinsam den Gipfel zu schaffen.
„Erst hat es geheißen, ist ja ein Wahnsinn, mit einem Blinden auf den Berg zu gehen“, erzählt Holzer. „In gewissen Situationen verlassen sich meine sehenden Partner auf mich, zum Beispiel wenn Nebel aufzieht. Die meisten vergessen komplett darauf, dass sie mit einem Blinden unterwegs sind. Sobald wir in eine Hütte kommen, stolpere ich garantiert über den erstbesten Sessel, weil keiner daran denkt, mich auf ein solches Hindernis aufmerksam zu machen.“

Die Wand, in der sein Onkel tödlich verunglückt ist, hat er inzwischen drei Mal erklettert. Dabei wollte Holzer verstehen, was sein Onkel in den letzten Sekunden empfunden hat. Er ist überzeugt, dass es ein glückliches Gefühl gewesen sein muss. „Der Berg kann dir alles nehmen“, meint er. „Aber unter dem Strich gibt er mir viel mehr zurück, als er mir je nehmen könnte. Natürlich ist es für die Angehörigen schrecklich, aber in so einem Moment vom Herrgott abgeholt zu werden, kann für den Betroffenen eigentlich nur schön sein.“

 


Brigitt Albrecht für den Braille Report 5/6 2010, gekürzt von Mag. Martin Tree Mai 2017