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„Trotzdem muss es weitergehen“

Bildtext: Angela Dangl mit Ledermantel, Zylinder, schwarzer Brille und weißem Stock © zVg/Angela Dangl
Bildtext: Angela Dangl mit Ledermantel, Zylinder, schwarzer Brille und weißem Stock © zVg/Angela Dangl. Angela Dangl steht in einem Gastgarten neben einem leeren Tisch mit Ledermantel, Zylinder, schwarzer Brille und weißem Stock

Vor zwei Jahren erfährt Angela Dangl nach zahlreichen Untersuchungen, nach vielem Hoffen und Bangen, dass die Ärzte nichts mehr für sie tun, nichts am Verlust ihres Augenlichtes ändern können. Sie ist Mitte dreißig, als sie erblindet, als sich ihr Leben völlig verändert.

Wiedergewonnene Mobilität

Sie habe es nicht gewagt, die Simmeringer Hauptstraße zu überqueren, erzählt Angela Dangl gleich zu Beginn des Interviews. Sie sei am Straßenrand gestanden und habe die Geräusche der vorbeifahrenden Autos und Busse gehört. „Da kommt auf einmal ein Taxifahrer auf mich zu und fragt mich freundlich, ob er mir über die Straße helfen dürfe. Das war so lieb. Da spürt man, dass man nicht so allein ist auf der Welt.“

Die junge Frau lebt in Lassee bei Hainburg in Niederösterreich. Wenn sie nach Wien fährt, nimmt sie den Zug bis Simmering. „Ich habe mich gefürchtet, wie ich das erste Mal nach meiner Erblindung alleine mit der Bahn und der U-Bahn gefahren bin. Es war mir ziemlich mulmig zumute, aber ich wollte unbedingt einen Kurs in Wien besuchen, um die Brailleschrift zu erlernen.“

Jetzt, wo sie nichts mehr sieht, muss sie sich alles neu aneignen. Lesen, schreiben, am Computer arbeiten, telefonieren, mit Messer und Gabel essen, die Körperpflege, die Berufstätigkeit, die Hausarbeit, die Kommunikation mit den anderen, einkaufen, fortgehen oder Urlaub machen. Was immer sie tut, sie macht es unter anderen Bedingungen als in den letzten 35 Jahren.

Als Angela Dangl das Allgemeine Krankenhaus in Wien mit einer dicken Mappe mit Befunden und dem Wissen, dass sie nie wieder sehen wird, verlässt, ist sie sehr niedergeschlagen, traurig und ratlos. „Aber ich habe mir gesagt, ich kann mir dieses Loch nicht leisten. Das Leben muss weitergehen und zwar jetzt sofort.“ Immer wieder gibt es Momente, wo sie weint, wütend und traurig ist. Aber sie sucht auch Hilfe und Unterstützung. Gemeinsam mit ihrem Mann recherchiert sie im Internet, wendet sich an den Blinden- und Sehbehindertenverband und schon am nächsten Tag kommt die Sozialberaterin zu ihr nachhause.

Eine Woche später beginnt die junge Frau mit dem Mobilitätstraining in Wien, das der Blindenverband seinen Mitgliedern anbietet. Nach etlichen Trainingseinheiten kommt sie mit dem Weißen Langstock gut zurecht, doch zuhause klappt gar nichts. Sie tut sich ständig weh, hat viele blaue Flecken, weil der Stock immer wieder gegen ihren Bauch stößt, und sie ruft verzweifelt beim Blindenverband an. Die Mobilitätstrainerin fährt nach Lassee und erkennt das Problem sofort, die Straßen und Wege sind hier holpriger als in Wien und deshalb braucht der Blindenstock unten eine andere, eine größere Kugel. „Mit der großen Kugel hat alles funktioniert, ich war happy.“

Es ist dennoch nicht einfach, in der kleinen Marktgemeinde mobil zu sein, denn viele Ziele erreicht man nur mit einem Auto. „Einkaufen kann ich nicht mehr gehen“, so die schlanke Frau mit dem langen rotbraunen Haar. Sie bestellt jetzt online, doch wer im Internet shoppen will, muss sich am Computer auskennen. „Das muss man alles erst lernen. Der Neustart war wirklich nicht leicht.“

Eine Gruppe Gleichgesinnter

Angela Dangl spricht offen über das, was ihr widerfahren ist. Sie will sich nicht verstecken, sie hält nichts davon, den Verlust ihrer Sehkraft zu verbergen. Eine Freundin bringt sie mit einer Masseurin zusammen, die blind ist. Schnell lernt sie weitere Menschen kennen, die sehbehindert sind. Sie teilt sich mit, in persönlichen Gesprächen, aber auch auf Facebook. Das Echo ist groß. Viele, die ebenfalls betroffen sind, erzählen, dass sie ihre Arbeit verloren haben, dass ihre Beziehung zerbrochen ist, dass sie sich isoliert fühlen. Angela Dangl nimmt sich Zeit, schreibt zurück und fühlt sich auch selbst unterstützt und begleitet. Schließlich wird sie Administratorin der Facebook Gruppe Leben mit Seheinschränkung in Österreich. Gemeinsam mit zwei anderen betreut sie diese Gruppe, die Betroffene wie Angehörige ansprechen will. Man tauscht sich über Hilfsmittel, Veranstaltungen und Angebote der Blindenverbände aus.

Diese geschlossene Gruppe hat inzwischen rund 250 Mitglieder. Jede Woche kommen neue hinzu. „Da wir nur Personen aufnehmen wollen, die etwas mit dem Thema Sehbehinderung zu tun haben, schauen wir immer, ob die Leute wirklich zu uns passen. Die Administration ist aufwendig, wir sitzen oft stundenlang, aber wir teilen uns die Arbeit auf.“ Angehörige werden mit Tipps versorgt, Studierende haben sich zusammengetan, bilden ein eigenes Grüppchen und versorgen sich mit wichtigen Informationen. Einige Mitglieder verlassen die virtuelle Welt und treffen sich im realen Leben. „Wir lernen voneinander, wir helfen uns gegenseitig. Wir betrachten uns als eine online Selbsthilfegruppe.“

Der große Einschnitt

Als Angela Dangl vor zwei Jahren bemerkt, dass ihre Sehkraft sehr stark abnimmt, sucht sie eine Augenärztin auf, wird untersucht und erneut untersucht, doch die Ursache bleibt unklar. Die Ärztin meint schließlich, sie habe jetzt eben das Sehvermögen einer 80jährigen Frau, das sei nun einmal so, und sie solle sich fürs Lesen eine Lupe besorgen. „Ich habe mich sehr geärgert, ich war sehr gekränkt.“ Sie probiert es mit verschiedenen Lupen, doch sie kann kaum noch etwas lesen und ist deprimiert.

Eine Kundin, Angela Dangl betreibt Kartenlegen und Wahrsagerei, empfiehlt ihr einen Arzt. Nach vielen schmerzhaften und anstrengenden Untersuchungen zeigt sich, dass bei ihr eine Amblyopie vorliegt. Diese Sehschwäche entsteht, wenn ein Kind nur mit einem Auge scharf sieht und wenn beide Augen unterschiedliche Bilder an das Gehirn senden. Das Gehirn verarbeitet vor allem die Informationen des schärfer sehenden Auges und vernachlässigt das andere. Behandelt wird die Amblyopie bei Kindern in der Regel mit einer Brille und einem Augenpflaster für das schärfer sehende Auge.

Angela hat bereits als Kind nur mit einem Auge gut gesehen. Der Volksschullehrerin fällt auf, dass das Mädchen beim Lesen und Schreiben große Probleme hat und schickt es zum Augenarzt. Dieser verschreibt zwar eine Brille, doch die Amblyopie bleibt unerkannt und unbehandelt. „Ein Arzt ist auch nur ein Mensch und Fehler passieren, aber bitter ist es schon.“ Da gelte es einiges zu verarbeiten und zu verdauen. Da drängen sich Kindheitserinnerungen auf und die Mutter entschuldigt sich bei der Tochter.

„Meine Mutter hat es nicht leicht gehabt. Sie war Alleinerzieherin und musste sehr viel arbeiten, um uns durchzubringen.“ Später lernt die Mutter einen Mann kennen, mit dem sie zwei weitere Kinder hat, das Paar trennt sich nach einigen Jahren und die Mutter zieht ihre drei Kinder alleine auf. Sie reagiert sehr betroffen auf die Erblindung ihrer Tochter, weint, fühlt sich schuldig. Aber vor allem unterstützt sie Angela so gut es geht. Sie begleitet sie, hilft ihr dabei, neue Wegstrecken einzuüben und geht mit ihr in einem Einkaufszentrum von Geschäft zu Geschäft. „Vielleicht“, so Angela Dangl, „ist es so, dass wir durch diesen Schicksalsschlag noch mehr zusammengewachsen sind.“

Ein neues Leben

Wer plötzlich nichts mehr sieht, müsse sein Leben völlig neu ordnen und es habe oft sehr schwierige Tage gegeben, aber auch viel Unterstützung und Hilfe. Von vielen Menschen, ganz besonders aber von ihrem Mann. Sie seien gemeinsam durch diese Krise gegangen. Ihr Mann, er betreibt eine Software-Firma, sei es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und besitze eine starke Persönlichkeit. Sie tauschen sich aus, haben immer schon viel miteinander geredet und einander erzählt, was sie empfinden, denken und erleben. Angelas Mann begleitet sie zu den Untersuchungen, zum Blindenverband und zu den verschiedenen Ämtern. „Wir sind gemeinsam in diese Situation hineingewachsen.“ Das Paar erlebt auch Krisen und Probleme. „Mein Mann will mich umarmen und ich sag zu ihm, greif‘ mich nicht an, ich halte das nicht aus. Meine Haut kribbelt, alles ist viel empfindlicher geworden.“ Auch fällt es der Ehefrau jetzt schwer, die Späße ihres Mannes zu verstehen, sie sieht seine Mimik nicht und fühlt sich durch seine Worte angegriffen und gekränkt. Die Kommunikation verändere sich, das Paar müsse sich neu orientieren, wenn einer der beiden keine visuelle Wahrnehmung mehr hat. „Es ist für die Beziehung ein ganz großer Lernprozess. Am wichtigsten ist, dass man bereit ist, diesen Prozess gemeinsam zu durchlaufen. Das ist die einzige Chance.“ Dieser Lernprozess braucht Zeit und die beiden, die seit einigen Jahren verheiratet sind, nehmen sich diese Zeit. Das ist auch deshalb möglich, weil die Kinder, ihr Sohn und seine beiden Töchter, bereits junge Erwachsene sind.

Angela Dangl, sie ist gelernte Bürokauffrau und hat früher in der Präsidialabteilung des Wiener Bürgermeisters gearbeitet, ist jetzt in der Firma ihres Mannes angestellt. Es ist ihr sehr wichtig, möglichst schnell den PC wieder benützen zu können. Sie lernt, mit der Sprachausgabe zu arbeiten. Ein mühsamer Prozess, der mitunter von Wutausbrüchen und Zornestränen begleitet wird. „Wenn ich die Nerven verloren habe, hat mein Mann gesagt, mach eine Pause, iss und trink etwas und dann probieren wir es wieder, irgendwann wird es schon funktionieren.“ So war es auch, aber gleich stellt sich die nächste Aufgabe. Der Arbeitsplatz der beiden, der sich im Nachbarort befindet, ist für Angela Dangl nicht mehr erreichbar. So wird ihre Praxis für Humanenergetik und Wahrsagerei sowie das Büro ihres Mannes ins Wohnhaus übersiedelt. Dafür ist es aber notwendig, dass beim Haus ein Raum angebaut wird.

Viele Veränderungen sind also notwendig und finden statt. Inzwischen besitzt Angela Dangl einen Behindertenpass und die Pflegestufe vier. Eine Heimhilfe kommt zwei Mal in der Woche. Sie und die Mobilitätstrainerin vom Blindenverband haben gemeinsam mit der mutigen und tatkräftigen jungen Frau ein neues Ordnungssystem eingeführt und überlegt, wie sich die Dinge am besten schlichten, verstauen und beschriften lassen.

„Die Brailleschrift zu erlernen, das war für mich etwas ganz Großes, etwas ganz Wichtiges. Diesen Wunsch wollte ich mir unbedingt erfüllen, denn es hat mich sehr, sehr traurig gemacht, dass ich nicht mehr lesen und schreiben konnte.“ Angela Dangl, die ein Jahr vor ihrer Erblindung ein Buch mit dem Titel Beruf(ung) Hexe veröffentlicht hatte, wollte noch weitere Bücher schreiben und vor allem auch lesen. Bei der Hilfsgemeinschaft erlernt sie die Vollschrift und die Kurzschrift und ist sehr glücklich. „Das hat mir ein ganz neues Lebensgefühl gegeben, dass ich mit meinem Körper, mit meinen Händen und Fingern lesen und schreiben kann. Das war ein Gefühl von Freiheit.“ Inzwischen hat sie ihre Karten, die sie zum Kartenlegen und Wahrsagen verwendet, mit Brailleschrift versehen und kann so ihre Tätigkeit wieder ausüben.

Was befähigt Angela Dangl, diese vielen Herausforderungen zu bewältigen? Da komme Verschiedenes zusammen, meint sie. Als älteste von drei Geschwistern habe sie früh gelernt, sich selbst immer wieder zurückzustellen. Das sei genauso wichtig, wie sich selbst ernst und wichtig zu nehmen. Sie sei keine, die den Kopf in den Sand steckt. Sie habe es nie so leicht gehabt und sei eine Kämpfernatur. Sie habe von ihrer Mutter, die Krankenschwester ist, schon als Kind erfahren, dass Krankheit zum Leben dazu gehört. Sie spreche die Dinge aus, auch ihren Kummer und ihre Verzweiflung. Sie lasse sich helfen und sie gehe auf die anderen zu und auf sie ein, wenn sie bemerkt, dass sie durch ihre Erblindung irritiert sind. „Als betroffene Person musst du die Hand ausstrecken und sagen, ich weiß, dass du verunsichert bist. Trotzdem brauche ich deine Hilfe und am besten lernen wir es gemeinsam.“

Angela Dangl musste ihren Alltag völlig umstellen und auch ihre Einstellung zum Leben hat sich verändert. Sie habe es zwar nicht gänzlich bezweifelt, aber sie sei sich nie sicher gewesen. Jetzt aber sei sie davon überzeugt, dass das Gute bei vielen Menschen überwiegt. Viele Fremde helfen ihr immer wieder, wenn sie alleine unterwegs ist und besitzen den Blick fürs Wesentliche. Das mache ihr Mut und Hoffnung.

Informationen über Angela Dangls Buch und ihre Tätigkeit als Kartenlegerin erhalten Sie auf ihrer Homepage.

Mag. Ursula Müller April 2018