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Einen aufmerksamen Blick für sich und andere entwickeln

Bildtext: Christoph Zottl mit Blindenschleifen an beiden Armen © Petra Rainer
Bildtext: Christoph Zottl mit Blindenschleifen an beiden Armen © Petra Rainer.

Wissen Menschen, die gut sehen, dieses hohe Gut überhaupt zu schätzen? Können sie sich vorstellen, wie es jemandem geht, der nichts oder fast nichts sieht? Christoph Zottl, von Geburt an stark sehbehindert, möchte seine Mitmenschen für ihren eigenen Reichtum sowie für ein Leben im Dunkeln sensibilisieren. Er lädt Interessierte ein, sich in seine Welt zu begeben.

„Sen Si“

Dieses Angebot des gelernten Korb- und Möbelflechters wendet sich an Lehrer, Pensionisten, an Betriebe und Vereine, aber ganz besonders an Kinder. Denn Christoph Zottl hat die Erfahrung gemacht, dass gerade jüngere Volksschüler offen, neugierig und ohne Scheu auf einen Menschen mit einem Handikap zugehen. „Die haben mich gelöchert, wie ich bei ihnen in der Schule war. Die wollten wissen, wie ich es schaffe, mich im Straßenverkehr zu bewegen oder auf meinem Computer zu arbeiten“, erzählt der junge Mann. Ältere Volksschulkinder reagieren bereits oft verlegen und stellen Fragen, die gar nicht zum Thema passen. Je früher Kinder mit unterschiedlichen Menschen in Berührung kommen, desto leichter tun sie sich in der Regel im Umgang mit ihnen.

Wenn Christoph Zottl eine Volksschulklasse besucht, beginnt er mit einer kleinen Einführung in seine diversen Hilfsmittel. Er zeigt den Kindern sein Notebook und seine Handlupe. Er erklärt ihnen, dass es unterschiedliche Langstöcke gibt. Zu Demonstrationszwecken packt er einen Teleskopstock aus. Im Alltag benützt er einen Faltstock mit Rollspitze. Die Schüler können das Braille Alphabet ertasten und versuchen, ob sie auf seiner Punktschriftmaschine, seinem Perkins Brailler, etwas schreiben können. Das ist nicht ganz leicht, denn es erfordert Kraft, auf dieser Schreibmaschine Brailleschrift zu produzieren. Dieses technische Hilfsmittel ist auch im Zeitalter des Computers immer noch nützlich, denn damit kann Christoph Zottl beispielsweise seine Visitenkarten mit Brailleschrift versehen.

Nach der Theorie kommt die Praxis. Im Turnsaal ist bereits ein Parcours vorbereitet. Den Schülern werden die Augen verbunden und sie bekommen einen Langstock in die Hand gedrückt. Die freie Hand geben sie ihrem sehbeeinträchtigten Lotsen und so versuchen sie, ihren Weg zwischen Sprungkästen und Matten hindurch zu finden. „Die Kinder reagieren sehr unterschiedlich“, sagt Christoph Zottl. „Manche sind ängstlich, gehen ganz vorsichtig, andere wiederum sind mutiger, trauen sich mehr.“

Diese Erfahrung machte der junge Mann auch kürzlich mit einer Jungschargruppe. Die Kinder wollten unbedingt den Blindenstock ausprobieren und erleben, wie es sich anfühlt, ohne etwas zu sehen, die Stufen vom Pfarrsaal in den Garten hinunter zu gehen. „Manche waren extrem vorsichtig“, erinnert sich Christoph Zottl. „Sie haben sich mit ihren Füßen Millimeter für Millimeter am Boden voran getastet. Sie hatten Angst, die Kante zu übersehen und die Stufen hinunter zu stolpern. Andere sind recht sicher unterwegs gewesen.“

Ein schwerer Start

Christoph Zottl ist in Niederösterreich aufgewachsen. Sein Leben beginnt mit einem Drama. Der Geburtstermin ist bereits überschritten, doch seine Mutter hat keine Wehen. Es wird noch zugewartet. Das Kind muss aber, da es mit seinem kleinen Kopf im Geburtskanal steckt, mit einem Kaiserschnitt geholt werden. Es kommt zu weiteren Komplikationen und das Neugeborene wird zur besseren medizinischen Versorgung in ein anderes Spital gebracht. Seine starke Sehbehinderung sei eine Folge dieser schwierigen Geburt, sagt der junge Mann. „Ich kenne es nicht anders, ich habe schon immer sehr wenig gesehen. Das ist zwar nicht leicht, aber man lernt damit zu leben, man lernt damit umzugehen.“

Auch für seine Eltern sei es natürlich nicht einfach gewesen, als sie hören mussten, dass ihr erstgeborenes Kind schwer sehbehindert ist. Dass auf sie noch weitere, sehr schmerzliche Erfahrungen zukommen würden, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Christoph Zottl, der zwei jüngere Schwestern namens Marlies und Viktoria hat, erzählt: „Ich hätte ja noch eine dritte Schwester, aber die, die gleich nach mir gekommen ist, die hat es grad geschafft, dass sie ein knappes Jahr überlebt hat.“ Das kleine Mädchen hatte einen Kopftumor und ist kurz vor seinem ersten Geburtstag gestorben.

Christoph, der mit seiner Familie in Ternitz lebt, wird an der dortigen Volksschule eingeschult. Er hat eine Stützlehrerin, trotzdem klappt es im Unterricht nicht so gut. Nach dem ersten Jahr wird entschieden, dass der Bub nach Wien wechseln soll, und zwar in die Volksschule in der Zinckgasse. Einmal wird er von seiner Mutter, dann wieder von seiner Oma oder seinem Opa in die neue Schule gebracht und abgeholt.

Nach der Volksschule kommt er in das Bundesblindeninstitut in Wien, wo er die vierte Klasse noch einmal absolviert, um die Brailleschrift zu erlernen. Er ist zwar schon im Internat angemeldet, pendelt aber fast jeden Tag hin und her. Einmal in der Woche übernachtet er im BBI, um sich langsam an das Internatsleben zu gewöhnen. Da sie zu zweit sind, ein Freund von zuhause besucht ebenfalls das BBI, kann er sich gut einleben. Außerdem ist Christoph kontaktfreudig. „Ich habe schnell gute Freunde gehabt, mit denen ich viel Spaß hatte“, erinnert sich der BBI Absolvent und fügt hinzu: „Wir haben nette Erzieherinnen gehabt, die mit uns im Garten Tandem gefahren sind und gespielt haben. Oder wir waren in der Stadt unterwegs, haben Besorgungen gemacht und wenn wir nicht so viel Lust auf das Schulessen hatten, sind wir mit ihnen Essen gegangen. Das waren schöne Zeiten.“

Schicksalsschläge

Christoph ist zwölf Jahre alt, als seine jüngste Schwester Viktoria auf die Welt kommt. „Meine Schwester“, erzählt der große Bruder, „ist schon eine irrsinnige Kämpferin gewesen. Ihr Leben hing an einem seidenen Faden.“ Das kleine Mädchen muss in seinen ersten Lebensjahren immer wieder Wochen und Monate im St. Anna Kinderspital verbringen. Es hat Krebs und benötigt eine Knochenmarkstransplantation. Es ist schwierig und dauert lange, bis eine geeignete Spenderin gefunden wird. Christoph besucht seine kleine Schwester immer wieder im Krankenhaus. „Ich bin mit meiner Erzieherin einmal in der Woche zur Viktoria gefahren. Das habe ich mir nicht nehmen lassen.“

Die lebensbedrohende Krankheit des kleinen Mädchens verändert das Familienleben völlig. Die Mutter verbringt viele Tage und Wochen im St. Anna Kinderspital. Der Vater, der eine Baufirma für den Innenausbau hat, löst sie teilweise ab. Die beiden Großmütter, aber auch Onkel und Tanten springen ein und unterstützen die Familie. Doch die Belastung ist für alle sehr groß. „Die Eltern haben schon einiges zu tragen gehabt. Und wir als Geschwister auch. Die Marlies und ich waren einmal da und einmal dort, einmal war der bei uns, dann wieder ein anderer“, erinnert sich Christoph Zottl.

Eine Atempause erhält die Familie im Rehabilitationszentrum im Schwarzwald in Deutschland. „Wir hatten ein großes Apartment, rundherum war viel Grün und es gab ein schönes Hallenbad. Da ist die ganze Familie hingefahren. Drei Mal waren wir insgesamt dort.“

Der geregelte Ablauf in der Internatsschule bietet Christoph einen gewissen Halt in diesen Jahren, wo die schwere Krankheit der kleinen Schwester das Familienleben aus den Fugen geraten lässt. Nach der Pflichtschule macht der Jugendliche am BBI noch eine Ausbildung zum Korb- und Möbelflechter. Danach wechselt er in die Werkstätte des Österreichischen Hilfswerkes für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte, kurz ÖHTB genannt. Dort werden zum Beispiel Körbe geflochten und Thonet Sessel restauriert. Christophs Aufgabe besteht unter anderem darin, das kaputte Geflecht der Thonet Sessel heraus zu nehmen. „Ich habe flott gearbeitet“, erzählt er. „Und ich habe aufgepasst, dass der Stuhl möglichst nicht kaputt wird dabei.“ Christoph Zottl betätigt sich gern handwerklich, doch nach vier Jahren beendet er seine Tätigkeit im ÖHTB, da er mit der Bezahlung unzufrieden ist.

Er, der als Kind und Jugendlicher in den Sommerferien immer gerne in der Landwirtschaft seines Großonkels mitgeholfen hat, findet in einer Gärtnerei in Ternitz eine Arbeit. Jetzt braucht er nicht mehr täglich nach Wien zu pendeln und kann mehr Zeit zu Hause verbringen. Die fünfköpfige Familie bewohnt ein schönes Haus mit einem großen Garten und einem Swimmingpool. Doch das Klima ist äußerst angespannt. Die Eltern streiten oft. Der Vater geht lieber mit Freunden auf ein Bier als mit seiner Familie etwas zu unternehmen. Als das Paar sich schließlich scheiden lässt, ziehen Christoph und seine Schwestern mit der Mutter aus. Viktoria, die jüngste, wohnt noch zuhause. Sie macht eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Marlies, sie ist Sonderschullehrerin, hat bereits eine eigene Familie und lebt in der Buckligen Welt. Wenn sie mit ihrem dreijährigen Sohn und der knapp eineinhalbjährigen Tochter zu Besuch kommt, freuen sich alle.

In seiner Freizeit besucht Christoph Zottl gerne Konzerte. Zuletzt hat er in der Stadthalle in Ternitz den österreichischen Schlagersänger Nik P. gehört. Eine andere Leidenschaft von ihm ist das Reisen. „Ans Meer zu fahren, das liebe ich“, erzählt er. Besonders gern ist er in Slowenien und Kroatien. An Italien, wo er als Kind mit der Familie immer Urlaub gemacht hat, erinnert er sich ungern: „Ich habe diese Strände mit den unzähligen Liegestuhlreihen gehasst. Alles hat gleich ausgeschaut, ich konnte mich gar nicht orientieren.“ Portoroz, Istrien oder Zadar hingegen besucht er immer wieder gerne.

Als Christoph Zottl Ende 20 ist, entschließt er sich noch einmal, die Schulbank zu drücken. Er möchte im Odilieninstitut in Graz eine vierjährige Ausbildung für Metallbearbeitung machen. Doch am Ende des ersten Schuljahres stellt er fest, dass er es nicht schafft, dass es ihm zu viel und zu anstrengend ist. Er gibt den Plan, Metallbearbeiter zu werden, auf. Nun ist er dabei „Sen Si“ aufzubauen, ein Angebot von Workshops und Kursen, das zu einem sensiblen und verständnisvollen Miteinander von Menschen mit und ohne Sehbehinderung beitragen will.
 
Mag. Ursula Müller für den Braille Report 2 / 2016