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Ausprobieren ist besser als verhätschelt zu werden

Bildtext: Ciara Moser auf einer Bank sitzend, sie hört Nachrichten am Smartphone ab, den weißen Stock locker unter ihrem Arm eingeklemmt © BSV WNB
Bildtext: Ciara Moser auf einer Bank sitzend, sie hört Nachrichten am Smartphone ab, den weißen Stock locker unter ihrem Arm eingeklemmt © BSV WNB.

Davon ist Ciara Moser fest überzeugt. Sie steht mit ihrer Bassgitarre auf der Bühne, spielt mit großer Begeisterung Fußball, studiert Musik, fährt Skirennen und nimmt an Leichtathletikwettkämpfen teil. Sie interessiert sich für andere Menschen und  Kulturen, geht offen und neugierig auf die Welt zu. Das ist wunderbar, doch nicht selbstverständlich, denn die junge Frau ist von Geburt an blind.

Eine leidenschaftliche Musikerin

„Es ist mein größter Berufswunsch, einmal in einer coolen Band zu spielen und als Musikerin meinen Lebensunterhalt zu bestreiten“, erzählt Ciara. Seit Jahren sammelt sie Bühnenerfahrung, spielt in einer Hip-Hop Band, in einer Salsa und einer Pop Rock Band, aber auch in anderen, wechselnden Formationen. Sie pendelt musikalisch zwischen Pop und Jazz hin und her. Mit ihrem Freund, dem Gitarristen einer bekannten Death Metal Band, schreibt sie Nummern und plant gemeinsame Projekte. Mit Ihren beiden jüngeren Brüdern spielt sie auf der Geige irische Musik.

Zurzeit studiert die junge Frau E-Bass an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und macht zugleich eine Ausbildung als Musikschullehrerin. Damit eröffnet sie sich eine weitere Berufsmöglichkeit. „Wenn alle Stricke reißen, kann ich auch in einer Musikschule unterrichten.“

Ciara wohnt mit zwei Freundinnen in einer Wohngemeinschaft. Die drei Studentinnen verstehen sich gut, haben einen großen Freundeskreis und pflegen gerne ihre Kontakte. Auf der Uni schätzt die junge Musikerin besonders den Bass- und Klavierunterricht  sowie die Ensemblestunden. Sie übt jeden Tag drei bis vier Stunden auf ihren Instrumenten. Fünf bis sechs Stunden wären ihr lieber, das schafft sie allerdings nur in den Ferien. Denn Üben erfordere nicht nur Zeit, sondern auch Konzentration und Fitness. „Sonst kann man beim Üben nicht produktiv sein. Denn da geht es vor allem um Selbstwahrnehmung und dafür benötigt man höchste Aufmerksamkeit“, meint die talentierte junge Frau.

Die theoretischen Fächer seien manchmal etwas „zach“, doch, so die engagierte Studentin: „Da muss man einfach durch.“ Das Klima beschreibt sie als offen. „Auf der Uni ist es kein Problem, dass ich blind bin. Aber ich muss schon kämpfen, dass die Unterlagen so aufbereitet werden, dass ich damit arbeiten kann. Aber wenn ich Musik studieren will, muss ich mich halt um meine Sachen kümmern.“ Die Lehrenden seien sehr kooperativ, findet Ciara: „Man muss mit den Leuten nur kommunizieren, dann funktioniert alles super gut.“ Sich erklären und verständlich machen, anderen zuhören und sich austauschen, das haben Mutter und Vater vorgelebt und die junge Frau nützt diesen Erfahrungsschatz inzwischen für sich selbst.

Ausprobieren und die Welt erforschen

Die Eltern sind weitgereist und welterfahren. Bevor sie ein Paar werden, arbeiten beide auf einem Kreuzfahrtschiff, sie als Stewardess in leitender Position, er als Chefkoch. Am Schiff lernen sie sich kennen und lieben. Als sie eine Familie gründen wollen, lassen sie sich in Irland nieder, wo Ciaras Mutter herkommt, und eröffnen ein Restaurant. Schon wenige Monate nach der Geburt bemerken die Eltern, dass ihre Tochter Probleme mit dem Sehen haben muss. Sie gehen von Arzt zu Arzt. Schließlich erhalten sie die Diagnose Lebersche Amaurose. Sie erfahren, dass es sich dabei um eine angeborene Erblindung handelt, die genetisch bedingt ist. Nie zuvor hatten sie von diesem Augenleiden gehört. Der Vater geht in die Bibliothek und vertieft sich in medizinische Fachbücher. Er erkennt die beschriebenen Symptome bei seiner Tochter wieder. Trotzdem hoffen die Eltern, dass ihr Kind doch ein wenig sehen kann. Sie setzen sich aber auch mit der Frage auseinander, wie ein blindes Kind gefördert werden muss, um möglichst gut aufwachsen und sich entwickeln zu können.

Die erworbene Theorie wird immer wieder in der Praxis erprobt. Die Eltern reden viel mit ihrem Kind, begleiten ihr Tun mit erklärenden Worten. Sie erzählen genau, wie die Umgebung ausschaut und was sich rundherum ereignet. „Wenn sie Tee gemacht haben, haben sie jeden Handgriff beschrieben. Oder sie haben einen Schlüssel fallen gelassen, damit ich Geräusche erkennen, zuordnen und orten kann“, erzählt Ciara. „Beim Gehen lernen haben sie mich auf ihre Füße gestellt, damit ich spüren konnte, wie sich Gehen anfühlt.“

Ein Trampolin wird angeschafft. Kaum kann das Kind laufen, verbringt es schon täglich mehrere Stunden auf dem neuen Sportgerät. Das kleine Mädchen hat seinen Spaß und nebenbei werden Muskelaufbau, Ausdauer und Gleichgewichtssinn gefördert. „Ich habe etwas gebraucht, um mich auszupowern. Ich konnte ja nicht fangenspielen wie die anderen Kinder.“

Schon früh bekommt die Kleine einen Stock in die Hand gedrückt und kann damit ihre Umgebung erforschen. „Das ist natürlich ein bisschen gefährlich“, sagt die junge Frau. „Ich bin oft irgendwo hineingerannt und habe mir wehgetan. Das muss man in Kauf nehmen. Aber dafür habe ich auch keine Angst vor der Welt um mich herum. Ich schau einfach, was es so gibt.“ Wie andere Kinder lernt sie Eislaufen, Reiten und Radfahren, geht in den Turnverein, spielt Flöte und Violine.

Als der Vater sie zur ersten Geigenstunde bringt, ist sie noch nicht einmal drei Jahre alt. Die Lehrerin unterrichtet nach der Suzuki Methode, benannt nach dem japanischen Pädagogen und Geiger Shinichi Suzuki, der die Auffassung vertrat, dass Kinder ein Instrument wie ihre Muttersprache, durch hören, beobachten und nachahmen, erlernen. Die Notenschrift eignen sie sich erst viel später an. „Meine Eltern haben mich die Liebe zur Musik entdecken lassen“, erzählt die junge Musikerin dankbar und mit Freude. Wie sie ihren Eltern überhaupt großen Respekt zollt. „Sie haben das wirklich toll gemacht. Sie haben mich einerseits ganz normal aufwachsen lassen, andererseits haben sie versucht, auf meine Blindheit einzugehen.“

Unter Sehenden, unter Blinden

Von der Krabbelstube bis zur Universität ist Ciara immer mit sehenden Gleichaltrigen beisammen. Der Austausch mit anderen blinden Menschen ist ihr aber sehr wichtig. „Damit man nicht ganz alleine ist mit der Behinderung und mit den Problemen, die man zum Beispiel in der Schule so hat als blinde Schülerin“, meint die junge Frau. Sie schätzt die Angebote des Behindertensportverbandes und des Blindenverbandes, wie Sportwochen und Computercamps, die auf die speziellen Bedürfnisse von sehbehinderten Menschen abgestimmt sind. Von klein auf bewegt Ciara sich also in der Welt der sehenden wie in der Welt der blinden Menschen.

„Das ist ein großer Vorteil, denn es sind unterschiedliche Welten“, ist die Musikstudentin überzeugt. „Menschen, die blind sind, verhalten sich anders als jene, die sehen. Blinde haben einen anderen Humor. Sie haben eine ganz andere Kommunikation, da ihnen die Mimik und Gestik fehlen. Das ist einfach so. Ich kann mit Blinden und ich kann mit Sehenden umgehen. Man muss beides lernen.“

Als Ciara vier Jahre alt ist, übersiedelt die Familie von Irland nach Österreich und lässt sich in Aschach bei Steyr nieder. Ihr Bruder ist damals zwei Jahre alt. Er heißt Thomas Josef, wird aber von allen nur TJ genannt. Connor, der zweite Bruder, kommt in Oberösterreich zur Welt. Er ist, wie Ciara, blind. „Mein Bruder und ich sind von klein auf voll integriert. Wir sind immer unter sehenden Kindern gewesen, das hilft extrem viel. Eltern sollen ihr blindes Kind nicht verhätscheln. Sie sollen es der Welt der Sehenden aussetzen.“

Im Kindergarten und in der Volksschule ist Ciara das erste blinde Kind. Die Eltern erklären und informieren die Pädagoginnen, sie engagieren sich, dass ihr Kind im Regelschulwesen einen Platz findet. Ein Stützlehrer vermittelt in der Volksschule die Brailleschrift. Das Kind darf den Schulweg alleine zurücklegen, sobald die Eltern sehen, dass es in der Lage dazu ist. Nach anfänglichem Üben fährt es auch alleine mit dem Bus nach Steyr ins Gymnasium. Nach der Unterstufe wechselt die musikbegeisterte Schülerin ans Bundesoberstufenrealgymnasium in Linz, wo sie den Zweig für Popular- und Computermusik belegt. Der Weg von daheim zur Schule ist weit und muss mit Bus, Zug und Straßenbahn zurückgelegt werden. Vor Schulbeginn absolviert Ciara eine Woche Mobilitätstraining, während der ersten Schultage wird sie noch von ihrer Mutter oder ihrem Vater begleitet, doch dann ist sie bereits selbstständig unterwegs.

Im Pop BORG ist sie die erste blinde Schülerin und wird offen aufgenommen. Diese Schule ist genau richtig für sie. Sie spielt E-Bass in der Band, lernt, wie CDs aufgenommen werden und sammelt bei den zwei Mal im Jahr stattfindenden Konzerten im Linzer Posthof Bühnenerfahrung. Ihre beiden Brüder sind ihr ins Pop BORG nachgefolgt. TJ spielt Gitarre. Connors Schwerpunkt ist der Gesang, er spielt mehrere Instrumente und ist ein Computerfreak. „Wir verstehen uns voll gut“, erzählt die ältere Schwester. „Wir reden viel und Connor fragt mich auch wegen der Schule. Er profitiert da schon von mir.“

Kontaktfreudig und vielseitig

Ciara schaut Serien und Filme, geht mit Freunden weg, klettert und schwimmt gerne. Mit einem Begleitläufer joggt sie regelmäßig im Prater. Sie trainiert zwei Mal in der Woche Weitsprung und Kurzstreckenlauf sowie „ein bisschen“ Kugelstoßen. Eine andere große Leidenschaft ist das Fußball spielen. „Wir bauen in Österreich gerade ein Blindenfußballteam auf. Es ist ein toller Sport“, schwärmt die sportliche Musikstudentin. „Er vereinigt Ausdauer, Orientierung, Kraft und Geschicklichkeit und ist strategisch aufgebaut.“

Mehrmals im Jahr nimmt die ambitionierte Musikerin an Workshops teil. So war sie kürzlich bei einem viertägigen Bigband Workshop in Bad Goisern. „Das fängt in der Früh mit dem Instrumentalunterricht an, bei mir also mit dem E-Bass, mit der Bassgitarre. Dann spielt man in einer Bigband, später am Tag in einem kleineren Ensemble und am Abend finden immer die Jam Sessions statt, wo jeder mitspielen kann. Da wird dann bis spät in die Nacht hinein musiziert.“

Ciara Moser spielt in einem Jazztrio, das bei Firmenfeiern und Geburtstagen auftritt, wo Hintergrundjazz gebraucht wird. Wenn Rock, Salsa, Reggae oder Metal gefragt sind, arbeitet sie mit anderen Musikern zusammen und spielt auf. Konzerte geben und gehört werden – das sind wichtige Schritte, um den Traum zu verwirklichen, als Bandmusikerin Anerkennung und großen Erfolg zu erlangen.

Mag. Ursula Müller für den Braille Report 2 / 2016