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„Ich wollte mein Schicksal im Alkohol ertränken“

Bildtext: Der Milestone, der an einem langen Band um den Hals von Dieter Müllner hängt, ist ein kleines Abspielgerät für Hörbücher und eröffnet dem begeisterten Leser den Zugang zur Welt der Romane von Stephen King und anderen Autoren. © BSV WNB
Bildtext: Der Milestone, der an einem langen Band um den Hals von Dieter Müllner hängt, ist ein kleines Abspielgerät für Hörbücher und eröffnet dem begeisterten Leser den Zugang zur Welt der Romane von Stephen King und anderen Autoren. © BSV WNB
Bildtext: Als junger Vater verbrachte Dieter Müllner viele Stunden mit seinem kleinen Sohn Benjamin am Spielplatz im Hof © BSV WNB
Als junger Vater verbrachte Dieter Müllner viele Stunden mit seinem kleinen Sohn Benjamin am Spielplatz im Hof © BSV WNB. Dieter Müllner in Großaufnahme, sitzend vor einer Hausmauer

Dieter Müllner wächst im südlichen Burgenland auf, erlebt eine unbeschwerte Kindheit, ist ein lebenslustiger, begehrter junger Mann, hat einen großen Freundeskreis, den Führerschein in der Tasche, den Präsenzdienst gerade begonnen und – wie es so heißt, das Leben vor sich. 

Der Wendepunkt

Der junge Mann leistet seit einigen Wochen seinen Grundwehrdienst. Vor dem ersten Nachtmarsch äußert er erneut die Vermutung, wie schon zuvor bei der Stellung, nachtblind zu sein. Daraufhin wird er zu einer augenärztlichen Untersuchung ins Heeresspital geschickt. Kühl und sachlich diagnostiziert die Ärztin die Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa, erklärt den jungen Burgenländer für untauglich und fügt noch hinzu, dass ihm sofort der Führerschein abgenommen werden müsse. Dieter Müllner ist entsetzt, zornig und schockiert über die Diagnose und vor allem über die gefühllose und kalte Art, wie diese ihm mitgeteilt wurde.

Eine schlimme Zeit beginnt. Das Sehvermögen verschlechtert sich rapid. Dieter, der immer mit seiner Clique unterwegs und der Schwarm vieler Mädchen war, zieht sich mehr und mehr zurück. Abends will er nicht mehr weggehen, denn er findet sich nur noch schwer zurecht. Er wagt es aber auch nicht, aus Stolz, Scham oder Unsicherheit, seine Freunde zu bitten, ihn mitzunehmen und sich bei ihnen einhängen zu dürfen. Seine alten Kumpels wissen nicht, wie sie mit der fortschreitenden Sehbehinderung umgehen sollen und bleiben nach und nach weg. Der verzweifelte 18jährige greift immer öfter zu Alkohol und Drogen. „Wie soll ich es sagen? Ich habe versucht, mein Schicksal im Alkohol zu ertränken.“ Ein Versuch, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte.

Nichts ist mehr wie früher. Er, der praktisch in der Baufirma des Onkels aufgewachsen ist und von sich sagt: „Ich brauch‘ nur eine Baumaschine, dann bin ich glücklich“, muss seine Zukunftspläne an den Nagel hängen. Die Mädchen wenden sich jetzt anderen zu, heiraten die alten Freunde. Alles ist weg, das Selbstvertrauen, die berufliche Perspektive, die Mobilität und Unabhängigkeit.

Dieter Müllner ist zu der Zeit tagsüber oft im Wirtshaus anzutreffen. Wieder einmal „feiert“ er mit sich alleine und tritt alleine den Heimweg auf der Landstraße an. Er ist so betrunken, dass er, als er stürzt, auf der Fahrbahn liegen bleibt. Ein Auto kommt, der Fahrer sieht den Mann, der am Boden liegt, gerade noch rechtzeitig und kann anhalten. Ein Freund sitzt hinter dem Lenkrad, er bringt den schwer alkoholisierten jungen Mann heim. „Das hat mir Angst gemacht. Da habe ich gespürt, dass ich leben will, dass ich nicht sterben möchte. Dass ich etwas tun muss, ob ich will oder nicht.“

30 Jahre Mitglied beim BSV

Die Entscheidung fällt dem jungen Burgenländer nicht leicht, doch er weiß, dass er sich umschulen lassen muss, wenn er einen Beruf ausüben will. Deshalb geht er im Alter von 20 Jahren nach Wien, wird Mitglied beim Blinden- und Sehbehindertenverband, lernt am Bundesblindeninstitut die Brailleschrift und macht eine Ausbildung zum Telefonisten. Schon bald nach seinem Abschluss findet er eine Arbeit bei einer Wohnbaugenossenschaft. Beim ersten Betriebsausflug wagt er es noch nicht, mitzufahren. „Ich hab‘ mir gedacht, ich kenn‘ ja niemanden. Wenn die anderen mich irgendwo alleine stehen lassen, finde ich nie wieder ins Hotel zurück.“ Doch im Jahr darauf, die Kolleginnen und Kollegen lassen nicht locker, ist er mit dabei. Als die Firma nach Jahren in ein neues Gebäude übersiedelt, gibt es keine Telefonanlage mehr, sondern einen Empfang mit Videoüberwachung. Die Firmenleitung ist nicht gewillt, eine andere Aufgabe für ihren sehbehinderten Mitarbeiter zu finden. Es folgt eine schwierige Zeit, nach vielem Hin und Her kommt es zu einer einvernehmlichen Lösung und Dieter Müllner verlässt nach 20 Jahren seinen Arbeitsplatz.

Wie soll es beruflich weitergehen? Der sehbehinderte Familienvater, der seit 1987 Mitglied des Blindenverbandes ist, schätzt das vielfältige Angebot des Verbandes, das er in unterschiedlichen Lebenssituationen in Anspruch nimmt. Die Arbeitsassistenz, als es im Job schwierig wurde und er seine Arbeit verloren hatte. Das Orientierungs- und Mobilitätstraining, als er sich nach jahrelangem Zögern entschlossen hatte, einen Langstock zu verwenden. Die psychologische Beratung, die Kulturveranstaltungen und Freizeitmöglichkeiten. Ganz besonders gern erinnert er sich an die wichtige Unterstützung, die er durch die Trainerin für Lebenspraktische Fähigkeiten erhielt, als sein Sohn auf die Welt gekommen war und er bald darauf in Karenz ging. „Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nichts mehr sehen, ich hab mich natürlich gefragt, wie ich den kleinen Benjamin wickeln und füttern soll.“ Andrea Wahl vom Blindenverband kommt zu Dieter Müllner nach Hause, gemeinsam finden sie heraus, wie er seine Aufgaben gut bewältigen kann. Eine sprechende Waage, ein passender Behälter und ein Trichter werden angeschafft und so kann der junge Vater seinem Kind ein richtig portioniertes Fläschchen geben.  

Familie ist wichtig

Zwar hatte Dieter Müllner bei der Geburt seines Sohnes Benjamin bereits einige Jahre Erfahrung als Stiefvater, denn seine Frau hatte zwei Buben in die Ehe mitgebracht, aber die beiden Stiefsöhne Kevin und Manuel waren damals bereits sieben und zehn Jahre alt. Dieter lernte seine spätere Frau Daniela, deren erster Mann verstorben war, über gemeinsame Freunde kennen. Er will den beiden Söhnen seiner Frau nie ein Vater, sondern ein guter Freund sein. Trotz dieser angemessenen Haltung ist das Zusammenleben nicht immer einfach. Denn der frühe Tod des Vaters ist für die beiden Kinder ein schwieriges, ein traumatisches Ereignis. Und wie praktisch alle Stiefkinder, finden auch Kevin und Manuel eine Zeit lang, dass Dieter ihnen nichts zu sagen hätte, da er ja nicht ihr Vater sei. Die beiden Stiefsöhne sind mittlerweile erwachsen und vor allem zum älteren der beiden Brüder hat sich ein sehr herzliches Verhältnis entwickelt. Benjamin, der Jüngste, ist 13 Jahre alt, geht zur Schule und sein großes Interesse gilt neben verschiedenen Medien, den unterschiedlichsten Sportarten. Er spielt Tennis und schaut sich mit großer Begeisterung und Ausdauer Sportübertragungen an, von Fußball über Basketball bis zu Synchronschwimmen. Der sehbehinderte Familienvater, der nach der Kündigung keine Arbeit mehr fand, macht im Haushalt, was er kann, um seine berufstätige Frau zu entlasten.

Aufgewachsen ist Dieter Müllner mit seinem älteren Bruder und seiner jüngeren Schwester in der kleinen südburgenländischen Marktgemeinde Litzelsdorf. Diese Kindheit am Land, diese Zeit zwischen fünf und 15, „das war echt toll“. Ein Dutzend Buben und Mädchen sind jeden Tag draußen unterwegs, spielen Indianer und Cowboy, erkunden den Wald, erforschen Höhlen und Stollen, fahren Ski und spielen Fußball, später verlieben sie sich und feiern miteinander. Diese Jahre prägen ihn, erfüllen ihn mit Lebenslust, sind eine Quelle der Kraft nach dem schmerzhaften Verlust des Augenlichts.

Bereits in der Kindheit beginnt sich das Sehvermögen zu verschlechtern, aber zunächst unbemerkt. Beim Fußballspielen sieht der Bub die anderen Mitspieler nicht, die seitlich von ihm laufen, aber er weiß nicht, dass das sich verengende Gesichtsfeld eine Folge seiner Netzhauterkrankung ist. Im Alter von 15, 16 Jahren fällt ihm auf, dass er in der Dämmerung und Dunkelheit schlecht sieht, schließlich kommt noch die Störung des Farbsehens hinzu. Aber erst die Untersuchung im Heeresspital bringt die Diagnose, den Absturz und eine harte Zeit für ihn und seine Familie. Die Eltern sind nicht nur mit der fortschreitenden Sehbeeinträchtigung ihres Sohnes konfrontiert, sondern auch mit seinen verzweifelten Versuchen, im Alkohol- und Drogenkonsum einen Ausweg zu finden. Die Mutter habe oft geweint, erinnert sich Dieter Müllner. „Aber die Eltern sind zu mir gestanden, waren immer für mich da, haben nicht aufgegeben.“ Sie seien Kämpfernaturen, wie er.

Das Kämpfen hat sich gelohnt

Natürlich wäre es schön, sehen zu können, natürlich wäre das Leben weniger anstrengend, aber er könne gut damit leben, so wie es für ihn gelaufen sei. Vieles ist möglich, Beruf, Familie, Freundschaften. Denn nicht alle Freunde sind verschwunden, einige sind geblieben, mit denen ist er jahrelang auf Urlaub gefahren, sie haben gelernt, sich auf seine Behinderung einzustellen, so wie er lernen musste, damit umzugehen. Es gibt viele Dinge, die ihm Freude machen und ihn interessieren. Er ist ein leidenschaftlicher Leser. Romane über den Zweiten Weltkrieg, Science-Fiction-Literatur und die Bücher von Stephen King interessieren ihn ganz besonders. Über Facebook und WhatsApp tauscht er sich mit anderen aus, er ist in einer Hörbuchgruppe und einer Apple Watch Gruppe.

Mit Freunden vom Blindenverband geht Dieter Müllner zum Kegeln und seit einiger Zeit macht er beim Blindenfußball mit. Das kleine Team sucht noch Mitspielerinnen und Mitspieler, wer Interesse hat, kann sich bei Dieter Müllner melden (seine Telefonnummer lautet: 0680/20 17 667). Es gibt einen Treffpunkt, von dort geht man zusammen zum Training.

Dieter Müllner ist froh über den gemeinsamen Weg. Er findet sich in der Stadt zwar gut zurecht, aber er ist selten ohne Angst unterwegs. Er weiß, wie schnell etwas passieren kann und findet sich mitunter in einer gefährlichen Situation wieder. So wie damals als es gerade frisch geschneit hat und er die Wilhelmstraße entlang gegangen ist. Der abgeflachte Gehsteig lässt sich mit dem Langstock nicht ertasten, da Schnee auf der Straße liegt. Bei der nächsten Kreuzung verliert er die Orientierung und landet mitten auf der Fahrbahn. Hupend fahren die Autos an ihm vorbei, einige Fahrer schimpfen beim Fenster heraus. Niemand bleibt stehen, keiner kommt und bringt ihn in Sicherheit. Dieses Verhalten macht ihn wütend und ist ihm unbegreiflich. Nicht sehen zu können, macht das Leben immer wieder sehr anstrengend, aber dies ändert nichts an seiner festen Überzeugung, dass das Leben lebenswert ist und dass er dankbar für die guten Dinge des Lebens ist.  

Mag. Ursula Müller Mai 2017