Sie befinden sich hier

Lebenszeit der Umstellung

Bildtext: Dr. Elisabeth Martin mit dunkler Brille, gelben Armschleifen und weißem Stock auf einem Schutzweg © BSV WNB
Bildtext: Dr. Elisabeth Martin mit dunkler Brille, gelben Armschleifen und weißem Stock auf einem Schutzweg © BSV WNB.

Elisabeth Martin hatte als Kind drei Wunschberufe im Sinn: Astronaut, Pfarrer, Naturforscher. Ihre Mutter gab ihr zu bedenken, dass sie sich im Weltall sicher verirren würde. Pfarrer zu werden war naturgemäß zur Gänze ausgeschlossen, also machte sie den Doktor in Biologie. Und in den vielen spannenden Jahren in „freier Wildbahn“ hat sie sich dann auch nie verirrt, nur in der Großstadt verlief sie sich ab und zu. Ganz anders wurde alles am 6. Juni 2013, als ihr Sehvermögen zusammenbrach.

Dr. Elisabeth Martin wurde 1958 in Wien geboren und hat immer gut gesehen: „Meine Augen haben immer funktioniert. Bei der Recherche für meine Dissertation und dergleichen habe ich zwar eine Lesebrille gebraucht, aber in der Ferne habe ich alles gesehen.“ Beruflich war sie viel unterwegs, „überall von hier bis Afrika“. Elisabeth Martin spricht von ihrem schönen Forscherleben, etwa von einer Expedition über das Sozialverhalten bei Buntbarschen. Aber auch Ökopädagogik, Erwachsenenbildung und Seminarleitung sowie die Tätigkeit als Religionslehrerin in Volks-, Haupt- und Sonderschulen bereiteten ihr immer Freude.

Tag der Sehbehinderung

Anfang des Jahres 2013, Frau Dr. Martin war gerade wieder an einem größeren Projekt tätig, bemerkte sie eigenartige Schatten und verschwommenes Sehen. Doch sie schrieb diese Wahrnehmungen ihrer Überlastung und Müdigkeit zu. Immerhin war bei früheren Augenuntersuchungen nie etwas Außergewöhnliches oder Bedrohliches aufgefallen. Zwar gab es beim Messen des Augendruckes kleinere Probleme, weil für sie der kurze Luftdruck ins Auge nur schwerlich auszuhalten war. Aber schließlich konnte doch stets ein Wert im Normalbereich bestimmt werden.

Aufgrund eines schwankenden Blutdrucks in den Wechseljahren platzten im Auge ab und zu Adern, was Elisabeth Martin als recht schmerzhaft beschreibt. Hinzu kam, dass sie in der Nacht über Wochen und Monate hinweg nur schlecht schlafen konnte, aufgrund von Augenschmerzen. Also vereinbarte sie für Anfang Juli 2013, nach Schulschluss, wieder einen Termin beim Augenarzt. Doch am 6. Juni, just dem internationalen Tag der Sehbehinderung, verschwand ihr Sehvermögen.

„Von Tag zu Tag habe ich immer um die Hälfte weniger gesehen. In der Früh war mein erster Blick immer auf den Kasten. Innerhalb kürzester Zeit habe ich ihn nur noch als Fleck erkannt, dann lediglich noch den glänzenden Kastenschlüssel wahrgenommen“, schildert sie die dramatischen Tage. Die erste ärztliche Notfallmaßnahme waren Medikamente zur Senkung des Augendrucks. Im Hanusch-Krankenhaus stellte man mittels einer Tagesaugendruckkurve fest, dass die Werte untertags normal waren, aber in der Nacht enorm anstiegen. Es handelt sich um eine seltene Sonderform des Glaukoms, welches generell ohne Augendruckmessung sehr spät bemerkt wird, da das Gehirn das Sehen so lange ergänzt, bis praktisch kein Sehen mehr da ist.

„So geht´s nicht“

Unmittelbar nach der Diagnose kamen Weinkrämpfe, aber sofort auch das Aufbäumen: „Die Ärzte waren fassungslos. Aber ich bin eine Kämpfernatur und war ja gerade dabei, einen eigenen Betrieb aufzubauen. Also habe ich gefragt: Was kann man machen?“, schildert Dr. Martin die Situation im Krankenhaus. Die Ärzte wiesen auf die Möglichkeit zu lasern hin, aber auch auf die Risiken. In diesem Verfahren werden Löcher in die Augen gelasert, damit durch Flüssigkeitsaustritt der Augendruck abgesenkt werden kann. Elisabeth Martin zu den Ärzten: „Wo soll ich unterschreiben?“

Beim Lasern wurde zwar sehr viel Flüssigkeit freigesetzt, aber es traten in Folge Komplikationen auf. Dr. Martin bekam eine starke Augenentzündung, und auch die Medikamente vertrug sie nicht sehr gut. Mittlerweile ist sie medikamentös gut eingestellt, und durch die Löcher in den Augen rinnt während der Nacht überschüssige Flüssigkeit aus. Doch auf die Frage: „Wie lange dauert es, bis ich wieder sehen kann?“, hatten die Ärzte keine gute Antwort. Im Herbst 2013 konnte Frau Martin gar nichts mehr sehen.

Ausnahmezustand

„Ich bin direkt vom Krankenhaus zur Hilfsmittelfirma Baum gefahren. Aus der Sonderschule wusste ich ja, dass es viele Hilfsmittel gibt. Meine nächste Station war dann der Blinden- und Sehbehindertenverband. Ich kannte den BSVWNB schon lange, weil ich immer wieder gespendet habe. Und ich habe hier sehr viel Hilfe erhalten.“ Nach der ersten Anlaufstelle im Louis Braille Haus, der Sozialberatung, und dem Beginn der Unterstützung durch Frau Fischer von der beruflichen Assistenz, kam Dr. Martin in Kontakt mit der Trainerin für Orientierung und Mobilität, Frau Kern.

Schon als sie noch über ein kleines Restsehvermögen verfügte, begann Elisabeth Martin mit dem Erlernen der Brailleschrift, machte sich im Hilfsmittelshop des BSVWNB mit den hilfreichen Utensilien vertraut und trainierte neue Methoden der Orientierung: „Ich habe mit Frau Kern mein Gedächtnis trainiert, damit ich einen Weg auch wieder zurück gehen kann. Ich war ja anfangs in einem Ausnahmezustand, konnte nicht mehr lesen, nicht mehr Auto fahren, und auch mein Berufsleben änderte sich total. Ich durfte nicht mehr unterrichten, da ich der Aufsichtspflicht nicht mehr nachkommen konnte.“

Das erste Jahr ohne Sehvermögen war sehr intensiv: Orientierung in unbekannten Räumen, Echolokalisation, Stocktechniken und vieles mehr musste trainiert werden. Aber für Frau Dr. Martin war klar: „Natürlich schaffe ich das! Seit ich in Purkersdorf beinahe überfahren worden wäre, verwende ich immer den weißen Stock und zwei Armschleifen zur Kennzeichnung. Aber diese schwierige Kreuzung habe ich mit Frau Kern auch gleich gezielt geübt. Den Wiener Hauptbahnhof habe ich kürzlich gelernt.“

„Bitte Leitsystem freihalten“

Mittlerweile berät Elisabeth Martin auch andere bezüglich des Umganges mit blinden und sehbehinderten Menschen. Für sie sind es Unachtsamkeit und Unwissenheit anderer, die Menschen mit Sehbeeinträchtigung sehr zu schaffen machen: „Anfangs hatte ich schon Angst, in eine volle U-Bahn einzusteigen. Durch Marianne Kern habe ich erkannt, dass das eine reine Kopfsache ist. Dann habe ich begonnen, die Mariahilfer Straße hinauf und hinunter zu gehen. Immer wieder, und mit immer weniger Pausen. Ich befürchte, da haben viele Leute meinen Stock gespürt.“

Es sind Koffer, die an den Leitlinien ausgerichtet sind oder am Praterstern Schilder am Boden mit der Aufschrift „Achtung, Rutschgefahr“, die das Leben erschweren, und Leute, die sich beim Einsteigen in die U-Bahn noch schnell dazwischen drängen oder über den Stock springen. Auch die falsche Form der Hilfe ist zwar nett gemeint, aber nicht sehr lustig: „Ich hasse Schieben mehr als Ziehen. Man wird ins Nichts geschoben und verliert die Orientierung. Ich freue mich, dass die Leute sehr hilfsbereit sind, aber viele wissen nicht, wie es geht.“

Frau Dr. Martin bietet mit „Der gute Hirte“ auch Seminare, Workshops und Training im Bereich der tiergestützten Pädagogik. Ihre Labradorhündin „Eika“ ist eine Therapiebegleithündin, die in öffentlichen Verkehrsmitteln schon mal von sich aus dazu beiträgt, den Leuten auf die Sprünge zu helfen, was die Achtsamkeit gegenüber behinderten Menschen betrifft: „Wenn alle Sitze voll sind, geht sie zum nächstliegenden Sitz und schaut die Person dort einmal mit großen Augen an. Wenn die Person sitzen bleibt, legt sie den Kopf auf, als nächstes schleckt sie die Finger. Spätestens, wenn sie mit einer Pfote auf deren Schoß steigt, wird der Sitz frei.“

„Andere Fähigkeiten entwickelt“

Es war für Elisabeth Martin eine Lebenszeit der Umstellung, in der sie Hilfe angenommen hat und sich durch Stock und Schleife markiert hat, was für manche eine zusätzliche Überwindung darstellt. Man darf nicht den Mut verlieren, meint sie: „Als blinder Mensch muss ich bei Treffpunkten nun oftmals gefunden werden, und ich muss vor allem die Geduld haben, mich finden zu lassen. Aber in dieser schwierigen Zeit der Umstellung haben mir die vielfältige Unterstützung durch Freunde, Familie, Assistenten und Hilfsorganisationen sowie das intensive Training geholfen, nicht abzustürzen. Man kann sehr selbstständig sein, auch wenn man nichts mehr sieht.“

Mag. Martin Tree für den Braille Report 4 / 2015