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Es ist die Liebe, die uns eint

Bildtext: Dr. Eze sitzend, das Kinn locker auf seinen rechten Arm gestützt © Petra Rainer
Bildtext: Dr. Eze sitzend, das Kinn locker auf seinen rechten Arm gestützt © Petra Rainer.

Die Kraft der Liebe, der Liebe zu sich selbst und zu anderen, ist das Band, das sich durch das Leben von Dr. Smart Eze zieht, das durch extreme Erfahrungen geprägt ist. Nigeria und Österreich bezeichnet er als seine Heimat. Der Krieg in Biafra hat sein Augenlicht zerstört und ihm sein Zuhause genommen, nicht aber seinen Lebensmut und sein Engagement für die Gesellschaft.

Johnny D.

Dr. Smart Eze hat einen treuen Begleiter. Johnny D. kommt aus Palm Springs in Kalifornien und ermöglicht seinem Herrn ein selbstbestimmtes Leben. Der vierjährige Führhund ist auf den ausgedehnten Spaziergängen im Wienerwald genauso dabei wie bei Erledigungen auf der Bank oder der Post.

Johnny D. hat mehrere Vorgänger. Sie alle haben das Leben von Dr. Smart Eze erleichtert, haben ihn auf seinem täglichen Weg zur Arbeit in die UNO City begleitet, ihn vom Büro in die Konferenzräume und die Cafeteria gelotst oder auf seinen Reisen nach Tokyo, Singapur, Rio, Paris oder London unterstützt. Der pensionierte UNO Beamte verwendet auch einen Langstock und stellt fest: „Hund wie Stock haben ihre Vor- und Nachteile.“ Mit dem Stock lässt sich die Umgebung sehr genau erfassen, man kann Einzelheiten wie einen Mistkübel oder einen Postkasten ertasten. Und: „Dem Stock gegenüber habe ich keine Pflichten“, meint Dr. Eze. Johnny D. hingegen braucht Futter und Pflege, Liebe und Zuwendung. Er führt seinen Besitzer an Hindernissen vorbei und ermöglicht ein rasches und sicheres Fortkommen. „Wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin, fühle ich mich beschützt und stark.“
 
Den größten Unterschied zwischen Langstock und Führhund bemerkt Smart Eze jedoch bei den Reaktionen seiner sehenden Mitmenschen. Er habe oft den Eindruck, dass ihm eine Welle des Mitleids entgegenkomme, wenn er mit dem weißen Stock unterwegs ist und sofort das Klischee vom armen Blinden, der gleich gegen ein Hindernis stoßen und sich weh tun werde, auftauche. Ist jedoch Johnny D. als Führhund im Einsatz, erwecke das gute Zusammenspiel von Mensch und Tier die Bewunderung seiner sehenden Mitmenschen. „Wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin, wirke ich auf die Leute interessant, selbstbewusst und autonom.“
 
Ein Führhund hat für einen blinden Menschen viele Vorteile. Doch so ein speziell ausgebildeter Hund kostet sehr viel Geld, ungefähr 30.000 €. Anders als in unserem Nachbarland Deutschland wird in Österreich ein Blindenführhund nicht als medizinisches Hilfsmittel anerkannt. Nur wer berufstätig ist, erhält eine Förderung vom Bundessozialamt. „Aber jetzt bin ich in Pension“, erzählt der ehemalige UNO Mitarbeiter, „da müsste man betteln gehen, wenn man einen Führhund möchte.“ Als der Vorgänger von Johnny D. stirbt, recherchiert Dr. Eze und findet heraus, dass es in den Vereinigten Staaten von Amerika Einrichtungen gibt, die Hunde als Führhunde ausbilden und blinden Menschen kostenlos zur Verfügung stellen. Er schreibt mehrere dieser Schulen an und erhält, obgleich kein amerikanischer Staatsbürger, aufgrund seiner internationalen Tätigkeit ein Angebot. So reist er auf eigene Kosten nach Kalifornien und bekommt seinen Johnny D. „Im Blindenverband kämpfen wir dafür, dass auch hierzulande ein Führhund als ein medizinisches Hilfsmittel anerkannt wird“, so Dr. Eze.

Der Schicksalstag

Im Jahr 1967 bricht in Nigeria der Bürgerkrieg aus, der als Biafra Krieg in die Geschichte eingeht. Einige Jahre zuvor hatte Nigeria seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt. Doch im Land gibt es zahlreiche Konflikte und Probleme, die ethnische und religiöse Wurzeln haben. Der Norden des Landes ist muslimisch geprägt, der Süden christlich. Als sich die Provinz Biafra im Südosten, deren Bewohner zur Volksgruppe der christlich missionierten Ibo oder Igbo gehören, zur unabhängigen Republik erklärt, bricht der Krieg aus. Smart Eze, der in dem Dorf Akpahia Azumiri Umuezechiala lebt, das mitten im Regenwald im Süden des Landes liegt, muss, wie viele andere junge Männer seiner Volksgruppe, Kriegsdienst leisten. Im Kampf gegen die nigerianische Armee wird er am 12. November 1968 schwer verwundet, vor allem am Oberkörper und im Gesicht. Er kann nichts mehr sehen.

Er und neun andere verwundete Kameraden werden einige Monate später mit dem Roten Kreuz nach Österreich geflogen. Sie sollen in Wien medizinisch versorgt werden. Der 23jährige Smart setzt alle Hoffnungen auf die Kunst der Ärzte im Krankenhaus Lainz. Die Ärzte versuchen auch alles, aber sie haben keine gute Nachricht für den jungen Nigerianer. „Es war ein Montag“, erinnert sich Smart Eze genau. „Die Ärzte kamen zur Visite und haben mir gesagt, dass sie mir mein Augenlicht nicht wiedergeben können.“ Er ist tief verzweifelt. Alle seine Hoffnungen sind zunichte gemacht worden. Er liegt in seinem Krankenhausbett und weint. „Zum Glück habe ich vor dieser niederschmetternden Nachricht gefrühstückt, denn ich habe dann fast zwei Tage keinen Bissen mehr essen können.“

Am Abend des nächsten Tages kommt die leitende Ärztin der Station an sein Bett. Sie sieht, wie schlecht es ihm geht und wie traurig er ist. Als sie ihn fragt, was los sei, erzählt er ihr von seinem Unglück und beginnt zu schluchzen. Sie ergreift seine Hand. Sie fordert ihn auf, zu fühlen und zu benennen, was er spürt. Da ist zunächst etwas Weiches, Warmes wie Haut, dann erkennen seine Finger etwas Hartes, Kühles wie Metall. Er erfährt, dass die Augenärztin als Kind Kinderlähmung hatte und seitdem im Rollstuhl sitzt und dass die Räder nun ihre Beine ersetzen. Dass sie trotz ihrer Behinderung die Schule besucht und Medizin studiert hat, dass sie Auto fährt und ein selbstbestimmtes Leben führt. 

Smart ist fassungslos. Keiner seiner Kameraden hat ihm erzählt, dass die Ärztin behindert ist und im Rollstuhl sitzt. „Aber Frau Doktor, wie machen sie das, wie operieren sie, wie konnten sie studieren, wie geht das alles, habe ich sie damals gefragt“, erzählt Dr. Eze. Der verzweifelte junge Mann und die lebenskluge Augenärztin unterhalten sich auf Englisch. Smart hört zum ersten Mal, dass es eine eigene Schrift für blinde Menschen gibt, dass er die Braille Schrift  erlernen kann, dass er in Österreich die Möglichkeit hat, die Matura zu machen, ein Studium zu absolvieren und einen Beruf auszuüben. „Smart, du kannst das alles machen, wenn du es willst. Du hast viele Möglichkeiten!“ An diese rettenden Worte der Ärztin erinnert sich Dr. Eze noch ganz genau. „Sie hat mir noch aufmunternd auf die Schulter geklopft und dann bin ich erschöpft eingeschlafen.“

Im Schlaf wird Smart von Alpträumen gequält. Die grauenvollen Bilder der verwundeten und sterbenden Kameraden, die schmerzlichen Erfahrungen des Krieges und das eigene schwere Schicksal haben tiefe Spuren in ihm hinterlassen. Im Traum tauchen viele unüberwindbare Hindernisse auf. „Aber dann bin ich in diesem Traum plötzlich geflogen und über all die Hindernisse hinweg geflogen“, erzählt Smart Eze. Am nächsten Tag erwacht er erfrischt, gestärkt und hungrig. Die Schwester muss ihm noch ein zweites Frühstück ans Bett bringen und freut sich über die neu erwachten Lebensgeister ihres Patienten aus Nigeria.

Eine neue Heimat

Obgleich im Krankenhaus Lainz in Wien Smart Ezes größte Hoffnung, sein Augenlicht wieder zu erlangen, zunichte gemacht wird, schöpft er an diesem Ort neuen Mut und die Kraft, sein Schicksal anzunehmen und zu meistern. Er ergreift die Möglichkeiten, die ihm in Österreich geboten werden. Er lernt Deutsch und die Blindenschrift, er macht in der Abendschule die Matura, studiert an der Universität Wien Anglistik, Germanistik und Romanistik und erlangt sein Doktorat. Er besitzt die innere Kraft, seine Ziele zu verfolgen. Er erlebt die tatkräftige Unterstützung freundlicher Mitmenschen, die ihn vom Blindenheim zur Maturaschule begleiten, die ihm den Lehrstoff vorlesen oder auf Kassetten sprechen. Und er findet nicht zuletzt Halt in seinem christlichen Glauben. Sein tägliches Gebet beschließt er mit den Worten, Gott möge durch ihn ein Licht in dieser Welt leuchten lassen.

In der Maturaschule lernt Smart Eze seine zukünftige Frau kennen. Als die Beziehung zwischen den beiden jungen Menschen intensiver wird, nimmt  Renate ihn in ihre Familie mit. Die Eltern reagieren zunächst ängstlich und besorgt. Sie haben sich für ihre Tochter einen Mann mit einem guten Beruf und einem sicheren Einkommen vorgestellt und nicht einen Studenten aus Afrika, der blind ist und vielleicht nie eine Arbeit finden wird. Doch Smart avanciert zum Paradeschwiegersohn. Die Eltern seiner Frau gewinnen den warmherzigen Mann lieb. Und sie sind stolz auf ihn, dass er sein Studium abschließt und trotz großer Schwierigkeiten eine Arbeit findet. Smart und seine Frau gründen eine Familie und werden Eltern von zwei Töchtern. Sie kaufen ein Grundstück außerhalb von Wien und bauen ein Haus. Einmal reist die ganze Familie nach Nigeria und besucht das Dorf, wo Smart Eze aufgewachsen ist. Seine Familie und die Beziehung zu seiner Frau bedeute ihm sehr, sehr viel, sagt er. Die beiden sind seit vier Jahrzehnten ein Paar. „Das gegenseitige Verständnis für die Situation des anderen ist in einer Ehe ganz wichtig. Es ist die Voraussetzung für eine gute und glückliche Beziehung“, meint Dr. Eze.

Nach Abschluss des Studiums begibt sich der frischgebackene Doktor der Sprachwissenschaften auf Arbeitssuche. Doch auf jede Bewerbung folgt eine Absage. Die Vorurteile, auf die der Akademiker, der schwarz und blind ist, stößt, scheinen unüberwindbar. Ein Studienfreund gibt ihm den Tipp, Dr. Bruno Kreisky, den damaligen Bundeskanzler, anzurufen. Dr. Eze befolgt den Rat und ist sehr erstaunt, dass der Bundeskanzler persönlich abhebt. Bruno Kreisky ist der Ansicht, dass der kluge und engagierte Mann aus Nigeria sich bei den Vereinten Nationen bewerben sollte.

Dann fügt sich eins zum anderen. Die Generalversammlung der UNO hat das Jahr 1981 zum internationalen Jahr der Behinderten erklärt. „Und auf einmal war ich ihr Botschafter und habe das Anliegen der UNO, dass behinderte Menschen einen Beruf und ein gutes Leben haben sollten und dass sie eine wertvolle Arbeit leisten können, wenn sie die nötigen Hilfsmittel zur Verfügung haben, in die ganze Welt getragen“, erinnert sich Dr. Eze. Die Zusammenarbeit ist fruchtbar, seine Tätigkeit wird geschätzt und der ursprünglich befristete Vertrag geht in ein reguläres Dienstverhältnis über. Im Laufe seiner 25jährigen Karriere bei den Vereinten Nationen arbeitet Dr. Smart Eze in verschiedenen Abteilungen. Er verfasst Presseaussendungen von Konferenzsitzungen, erstellt Budgets und arbeitet mit Regierungen und NGOs Programme zur Verhütung von Drogenmissbrauch und Verbrechen aus. Sein Resümee: „Das Beste, das man einem behinderten Menschen, ja, jedem Menschen geben kann, ist eine Arbeit. Es ist für den Einzelnen wichtig, etwas zu tun, denn wer rastet, der rostet. Und auch die ganze Gesellschaft verliert sehr viel, wenn sie auf die Leistungen ihrer behinderten Mitglieder verzichtet.“

Von Rasten und Rosten ist bei Smart Eze auch in der Pension keine Spur. Er hat vor etlichen Jahren seine Autobiografie auf Englisch verfasst. „My Four Worlds“ ist im Verlag Author House erschienen. 2015 brachte der epubli Verlag Berlin die deutsche Übersetzung "Meine vier Welten" heraus. Er erzählt darin von seiner internationalen Tätigkeit bei der UNO. Von seiner afrikanischen Heimat und dem Leben im Dorf. Von der Liebe, die sein Vater ihm entgegengebracht hat, die er in sich trägt und die es ihm ermöglicht, sich selbst zu lieben und seine Liebe an andere zu verschenken. Er arbeitet ehrenamtlich auch für „Licht für die Welt“, hat bei einer Kampagne mitgemacht, hält Vorträge und besucht Schulen. Es geht Dr. Smart Eze darum, anderen Menschen Mut zu machen. Zu zeigen, dass es möglich ist, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen, sein Schicksal zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Und nicht zuletzt geht es ihm darum, seiner zweiten Heimat und der Gesellschaft, die ihn aufgenommen und unterstützt hat, danke zu sagen und etwas zurückzugeben.  

Mag. Ursula Müller für den Braille Report 3 / 2014