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Bildtext: Helena Dimitriadis herzt ihre Hündin Gina © BSVWNB/Ferdinand Doblhammer
Helena Dimitriadis herzt ihre Hündin Gina © BSVWNB/Ferdinand Doblhammer
Bildtext: Beim Spaziergang mit Begleiter und der lebhaften Gina © BSVWNB/Ferdinand Doblhammer
Beim Spaziergang mit Begleiter und der lebhaften Gina © BSVWNB/Ferdinand Doblhammer
Bildtext: Helena Dimitriadis fühlt sich wohl in der BSVWNB-„Familie“ © BSVWNB/Ferdinand Doblhammer
Helena Dimitriadis (Portrait im Park) © BSVWNB/Ferdinand Doblhammer
 

„Es war für mich damals unvorstellbar, dass es einen Verband gibt, der mir hilft“

Bildtext: Helena Dimitriadis sitzend, mit einem kleinen schwarzen Hund auf ihrem Schoß © Petra Rainer
Bildtext: Helena Dimitriadis sitzend, mit einem kleinen schwarzen Hund auf ihrem Schoß © Petra Rainer. Helena Dimitriadis sitzend, mit einem kleinen schwarzen Hund auf ihrem Schoß © Petra Rainer

Vor sieben Jahren entschloss sich Helena Dimitriadis, mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Wien, Niederösterreich und Burgenland Kontakt aufzunehmen. Dieser Schritt fiel ihr nicht leicht, aber ihre Situation war schwierig. Ihr Sehvermögen hatte sich verschlechtert, sie war ohne Einkommen und seit Jahren arbeitslos.

Erster Anlauf

Die extrovertierte Wienerin lässt sich bei der Auskunft die Telefonnummer geben, zögert aber, beim Blindenverband anzurufen. Mutter und Bruder raten ab, sie sei ja nicht behindert. Die vitale Frau, damals Ende dreißig, fühlt sich zwischen den eigenen Bedürfnissen und den familiären Ansprüchen hin- und hergerissen und bleibt vorerst untätig, obgleich sie ihre Lage als äußerst belastend empfindet.

Dann aber spielt der Zufall Schicksal. „Es war so, als hätte der Himmel mich schreien gehört“, erinnert sich die begeisterte Hundebesitzerin. Sie ist in der Stadt unterwegs und als sie bemerkt, dass ihr jemand mit einem Hund entgegenkommt, spricht sie das Tier freundlich an. Dies ist aber nicht der Auftakt zu einer netten Plauderei über die geliebten Vierbeiner. Im Gegenteil. „Der Mann hat dann äußerst schroff zu mir gesagt: ‚Sie dürfen den Hund nicht ansprechen, das ist ein Blindenführhund.‘“ Die kommunikative Tierfreundin lässt sich davon nicht einschüchtern, sondern ergreift ihre Chance. „Ich habe ihn angesprochen und von meiner eigenen Sehbehinderung erzählt. Er hat dann zu mir gesagt: ‚Gehen Sie doch zum Blindenverband in der Hägelingasse, die helfen Ihnen.‘“

Diese Begegnung gibt Energie und Entschlossenheit. Helena Dimitriadis ruft beim Blinden- und Sehbehindertenverband an und bekommt einen Termin. Bei der Beruflichen Assistenz wird sie über Berufs- und Umschulungsmöglichkeiten informiert und erlebt an Ort und Stelle, wie ein hochgradig sehbehinderter Angestellter, mit entsprechenden Hilfsmitteln ausgestattet, seine Arbeit im Büro erledigt. „Wie ich das gesehen habe, wurde ich ein bisschen neidisch und verzagt, denn ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass dies auch für mich möglich sein könnte, dass ich es schaffen könnte, wieder einen Beruf auszuüben.“

Helena Dimitriadis ist von den Eindrücken und Möglichkeiten ein wenig überfordert und braucht eine Bedenkzeit. Auf die erste Begeisterung über diese Selbsthilfeorganisation folgt zunächst einmal Untätigkeit. Erst als sie einen Anruf vom Blindenverband erhält, kommt wieder Schwung in ihre Zukunftsplanung.  

Umschulung

Helena Dimitriadis, die eine Handelsschule besucht hat, möchte gerne wieder im kaufmännischen Bereich arbeiten. Sie erfährt von der Möglichkeit, bei SEBUS, einer Schulungseinrichtung für blinde und sehbehinderte Menschen, eine Ausbildung und Hilfsmittelschulung zu absolvieren. Es folgen Augenarzttermine und Behördenwege. Ab Juli 2010 wird wieder die Schulbank gedrückt. „Da hat für mich eine wunderschöne Zeit begonnen“, erinnert sich die ambitionierte SEBUS Schülerin, die von sich sagt: „Ich bin ein willensstarker Mensch.“ Sie erlernt zunächst die Brailleschrift, das Schreiben schafft sie mühelos und schneidet bei der Prüfung sehr gut ab. Das Lesen hingegen fällt ihr schwer. Als nächstes macht sie den Wirtschaftsführerschein, den EBCL *B. Sie bereitet sich sehr gut auf die Prüfung vor und der Erfolg stellt sich ein. Schwierig wird es beim Computerführerschein ECDL. „Bei der Theorie ist es mir noch recht gut gegangen, aber vor der Praxis hatte ich wirklich Angst“, erzählt Helena Dimitriadis. Doch sie bewältigt auch diese Herausforderung. Im April 2011 ist ihre Ausbildung bei SEBUS abgeschlossen.

Noch ist offen, wie es beruflich weitergehen wird. Zunächst ergibt sich die Möglichkeit, ein einmonatiges Praktikum im Blinden- und Sehbehindertenverband zu absolvieren. Kurze Zeit darauf beginnt Helena Dimitriadis als Telefonistin in einem Pflegeheim zu arbeiten, sie folgt einer ebenfalls sehbehinderten Kollegin, die in Pension gegangen ist, nach. Gemeinsam mit zwei anderen Mitarbeitern erledigt sie ihre Arbeit in der Rezeption. Die Dinge entwickeln sich zunächst gut. Was ihr vor zwei Jahren noch utopisch vorkam, ist Realität geworden. Sie hat eine Arbeit und ist in der Lage, mit den erforderlichen Hilfsmitteln umzugehen. Sie ist glücklich, einen Arbeitsplatz zu haben, doch schon bald kommt es zu großen Problemen mit einigen Kollegen. Als diese sich als unlösbar erweisen, gibt sie ihren Job auf, jetzt ist sie erneut auf Arbeitssuche. 

Wenig Verständnis

Helena Dimitriadis ist, wie sich später herausstellt, von Geburt an sehbeeinträchtigt. Einer Betreuerin im Kindergarten fällt auf, dass das Kind immer wieder sein Wasserglas umstößt. Beim Augenarzt wird bei Helena eine Kurzsichtigkeit diagnostiziert und dazu kommt, dass ihre Augen vermutlich bereits im Mutterleib durch eine Rötelinfektion geschädigt wurden. Sie erfährt erst viel später davon. Als Kind und Jugendliche habe sie sich aber immer gefragt, warum ihre Mutter so komisch zu ihr sei, so ein bisschen fremd, und sie anders behandle als ihren älteren Bruder. Lange Zeit habe sie geglaubt, es hätte mit dem frühen Tod des Vaters zu tun, der starb, als sie in der Volksschule war, und dass der Bruder, das einzige männliche Familienmitglied, von der Mutter bevorzugt worden sei. Das kränkt und bedrückt sie viele Jahre hindurch. Längst erwachsen, fragt Helena ihre Mutter einmal:  „Warum bist du zu mir so anders als zu meinem Bruder? Ist irgendetwas? Fühlst du dich schuldig?“ Der Mutter geht es wie vielen Eltern, sie fühlt sich für die Gesundheit ihrer Tochter verantwortlich. „Ja“, sie habe Schuldgefühle, da ja diese Geschichte mit der Rötelinfektion die Ursache für Helenas Augenprobleme sein könnte.

Helenas Vater stammt aus Griechenland, die Mutter ist Wienerin. Der Vater, Chemiker von Beruf, erleidet in Folge einer übergangenen Grippe einen Herzinfarkt und stirbt, als die Kinder sieben und 16 Jahre alt sind. Die Mutter, eine Volksschullehrerin, trägt von da an die ganze Verantwortung. Sie sei, so ihre Tochter, eine starke Frau und habe diese schwierige Aufgabe gut gemeistert.

Nach der Volksschule besucht Helena die Hauptschule und anschließend die Handelsschule. „Hätte ich damals jene Hilfsmittel gehabt, die mir heute zur Verfügung stehen, hätte ich mir im Unterricht wesentlich leichter getan“, stellt sie rückblickend fest. Bücher lesen geht problemlos, denn in der Nähe sieht sie gut. Doch was an der Tafel steht, kann sie nicht entziffern, obwohl sie immer in der ersten Reihe sitzt. Sie schreibt von der Banknachbarin ab oder versucht zu erfassen, was die Lehrerin sagt, während sie an der Tafel steht. Die Lehrkräfte sind informiert und wissen, dass Helena schlecht sieht. Sie trägt bereits als Kind eine Brille. „Doch“, sagt sie, „es konnte niemand verstehen, warum die Brille nicht gegriffen hat.“  Im Turnunterricht fühlt sie sich unsicher, hat bei den Übungen am Reck oder den Ringen Angst, „aber die Lehrer haben das nicht verstanden.“ Die Schülerin wird mehr und mehr zur Außenseiterin.

Zuhause ist die Situation auch nicht einfach. In der Familie weiß man, wie es um Helenas Sehfähigkeit bestellt ist, doch der Mutter, die sehr leistungsorientiert ist, fällt es schwer zu akzeptieren, dass ihre Tochter ein Handikap hat. Nach dem Schulabschluss beginnt die junge Frau bei einem Steuerberater in der Buchhaltung zu arbeiten. Später wechselt sie zur Statistik Austria. Die Sehkraft verschlechtert sich zunehmend, sie verliert ihren Job und wird in den darauffolgenden Jahren der Arbeitslosigkeit von ihrer Mutter finanziell unterstützt.

Fast wie eine Familie

Über den Blinden- und Sehbehindertenverband erhält Helena Dimitriadis nicht nur eine Weiterbildung und Jobperspektiven. Sie lernt neue Leute kennen und schließt Freundschaften. Sie erhält nützliche Tipps wie jenen über die Assistenzgenossenschaft, kurz WAG genannt. Inzwischen hat sie zwei Freizeitassistentinnen, die sie in den Supermarkt begleiten, ihr helfen, Schallplatten und Dokumente zu ordnen oder ihren Schreibtisch aufzuräumen. Andere Wege wie zur Apotheke oder zum Bäcker erledigt sie alleine, denn da wird sie bedient und in ihrem Viertel kennt sie sich gut aus. Begleitet wird sie immer von ihrer jungen Hündin Gina.
Im Kühlschrank herrscht eine klare Ordnung, die angebrochene Milchpackung steht seitlich in der Tür, die verschlossenen Packungen befinden sich im obersten Fach. Das Essen wird geholt, Tisch decken, abwaschen und staubsaugen werden selbst erledigt.

Helena Dimitriadis wohnt bei ihrer 84-jährigen Mutter, die gehbehindert ist, und unterstützt sie. „Ich kann meiner Mutter aufgrund meines Handikaps nur eingeschränkt helfen, aber sie war für mich da und jetzt bin ich für sie da.“ Es ist ein Geben und Nehmen. Helena Dimitriadis trifft seit drei Jahren einmal in der Woche einen ehrenamtlichen Mitarbeiter des Blindenverbandes. Immer samstags gehen die beiden spazieren, trinken einen Kaffee, unterhalten sich, besuchen ein Konzert oder Theater. „Mein ehrenamtlicher Begleiter ist für mich eine ganz große Unterstützung. Das ist für mich wie ein Seelenbalsam.“

Eine große Leidenschaft von Helena Dimitriadis ist die Musik. „Für mich ist die Musik alles“, schwärmt sie. „Ich habe früher Klavier- und Gesangsunterricht genommen.“ Sie singt mit Begeisterung, besucht gerne Oldies Partys, wo sie die „Fetzen“ aus den 1950er und 1960er Jahren hört. Neben Rock´n´Roll und Rhythm and Blues mag sie aber auch klassische Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Strauß.

Den Blinden- und Sehbehindertenverband vergleicht Helena Dimitriadis mit einer Familie, wo man sich mit den Mitgliedern unbefangen unterhalten und sich ohne Scham hinwenden kann, wenn man Hilfe benötigt. Seit sich ihre Sehkraft vor sieben Jahren stark verschlechtert hat, sie verfügt noch über zehn Prozent Sehvermögen, sei ihr Leben in mancher Hinsicht zwar schwieriger geworden, andererseits habe sie neue Freundschaften geschlossen, eine sehr große Unterstützung erfahren und vieles dazugelernt. Sodass sie sagen kann: „Ich fühle mich heute mit Hilfsmittel und als fast blinder Mensch besser als damals, wo ich noch viel mehr gesehen habe, aber ohne Unterstützung war.“

Mag. Ursula Müller Jänner 2017