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In Wien wollte ich nur ein paar Tage bleiben

Bildtext: Mahendra Galani, in der linken Hand hält er einen weißen Stock © Petra Rainer
Bildtext: Mahendra Galani, in der linken Hand hält er einen weißen Stock © Petra Rainer.

Geplant ist ein Zwischenstopp in Wien. Dann soll es weiter nach Deutschland und in die Schweiz gehen. Doch der kurze Besuch in der österreichischen Hauptstadt im Jahr 1992 verändert das Leben des jungen Inders, der in seiner Jugend erblindet ist, völlig.

Furchtlos und vertrauensvoll

Mahendra Galani ist kommunikativ, neugierig, interessiert sich für Geschichte, Politik und fremde Länder. Mit Anfang 30 hat er die Möglichkeit, an einem Austauschprogramm des Service Civil International teilzunehmen, einer bereits 1920 gegründeten Organisation, die Friedensarbeit, Freiwilligendienste und Austauschprogramme durchführt. So verbringt er, der in Mumbai bei einer Lebensversicherung arbeitet und davor Psychologie und Politikwissenschaft studiert hat, drei Monate in England, Irland und Belgien. Als das Programm endet, nützt der blinde junge Mann die Möglichkeit, auf eigene Faust andere europäische Länder zu bereisen. Reisen mache ihm Spaß. Er fürchte sich zwar vor Hunden und Katzen, aber vor Menschen habe er keine Angst. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass fast 95% der Leute nett und hilfsbereit sind“, so das Resümee des Weitgereisten.

Auf seiner ersten großen Europareise besucht er Freunde in den Niederlanden und Luxemburg, fährt weiter nach Frankreich und Italien und auch nach Wien. Eine Bekannte aus Indien, die ihm in seiner Studienzeit aus Büchern und Skripten vorgelesen hat, lebt inzwischen mit ihrer Mutter in Wien. Die beiden Inderinnen nehmen den Landsmann gerne bei sich auf und stellen den Kontakt zum Blindenverband in der Hägelingasse her, denn Mahendra interessiert sich sehr für das Angebot an Hilfsmitteln. Da er kein Deutsch versteht, wird eine junge Frau, die im Sekretariat des Blindenverbands arbeitet und ausgezeichnet Englisch spricht, gebeten, dem Gast aus Indien das Haus zu zeigen und die verschiedenen Hilfsmittel zu erklären. Monika übernimmt diese Aufgabe gerne.

Mahendra, der seine Reise nicht wie geplant nach wenigen Tagen fortsetzen kann, da er kein Visum für Deutschland erhält, muss noch eine Weile in Wien bleiben. Die beiden jungen Leute treffen sich erneut, besuchen einige Museen und sind gemeinsam in der Stadt unterwegs. „Und wie das so ist“, erzählt Mahendra Galani, „man lernt sich kennen, ist sich sympathisch, kommt sich näher und verliebt sich.“ Nur, wie lässt sich eine Liebesbeziehung leben, wenn er in Mumbai und sie in Wien wohnt und zwischen den beiden Städten eine Entfernung von ungefähr 6 000 km Luftlinie liegt? 

Schwierige Entscheidung

Im Jänner 1993 fliegt Mahendra nach Indien zurück. Er ist froh, wieder zuhause zu sein. Er war über ein halbes Jahr in Europa unterwegs gewesen und hatte schon Heimweh verspürt. Er freut sich, seine Familie wiederzusehen und kehrt gerne an seinen Arbeitsplatz zurück. Außerdem weiß er, dass Monika in sechs Wochen auf Besuch kommen wird.  

„Ich wollte nicht nach Europa gehen, ich hatte nicht den Wunsch, nach Österreich zu ziehen. Ich war auch nicht sehr motiviert, eine neue Sprache zu erlernen.“ Bei Monika ist die Sache anders. Sie hätte viel lieber in einem Land gewohnt, wo es warm ist, sie spricht sehr gut Englisch und ist an Indien interessiert. Mumbai erweist sich für die junge Frau, die in einem kleinen Ort in der Obersteiermark aufgewachsen ist, jedoch als Kulturschock. Die indische Hafenstadt, wo heute ungefähr 18 Millionen Menschen leben, zählt zu einer der bevölkerungsreichsten Metropolen der Welt.

Als Monika während ihres Aufenthalts schwanger wird, spürt sie, dass sie ihr Kind gern in vertrauter Umgebung zur Welt bringen möchte. Mahendra versteht diesen Wunsch, die Entscheidung fällt dennoch nicht leicht. Nach einem langen Hin und Her beschließt das Paar, dass es zunächst gemeinsam nach Wien geht, dort die Geburt des Kindes erwarten und eine Arbeit für Mahendra suchen möchte.

Der junge blinde Mann aus Indien schreibt hunderte Bewerbungen, doch er findet in Wien keinen Job. Er besucht Deutschkurse, macht eine Telemarketingausbildung und eignet sich Computerkenntnisse an. Die Arbeitssuche ist schwierig, doch er gibt nicht auf. Er verfasst für verschiedene Zeitschriften Artikel über internationale Politik, arbeitet bei einer englischsprachigen Telefonseelsorge und ist schließlich mehrere Jahre als Guide bei „Dialog im Dunkeln“ tätig. Dort sind seine Sprachkenntnisse sehr gefragt und er führt in verschiedenen österreichischen wie deutschen Städten Führungen durch. „Diese Arbeit machte mir viel Spaß. Ich bin sehr gerne unter Menschen. Das bereitet mir Freude.“ Seit 2009 ist er in einem ähnlichen Projekt namens „Vier Sinne“ beschäftigt. Es werden Dinner in the Dark, also Abendessen im Dunkel, sowie andere Aktivitäten im Dunkeln angeboten. So findet Mahendra Galani wieder eine befriedigende berufliche Tätigkeit. Seine Ehe allerdings hält nicht. Nach zehn Jahren lässt sich das Paar scheiden und seine Exfrau zieht mit dem gemeinsamen Sohn in die Steiermark.

Eine rätselhafte Welt

Österreich ist für den jungen Mann aus Indien zunächst fremd und schwer zugänglich. „Am Anfang ist mir hier vieles sehr eigenartig vorgekommen“, erinnert sich Mahendra Galani. Die Menschen erscheinen ihm verschlossen und abweisend. In Indien ist es selbstverständlich, dass man in den öffentlichen Verkehrsmitteln mit den Mitfahrenden gleich zu plaudern beginnt. So macht er es auch in Wien, wenn er mit der U-Bahn fährt. Er stellt sich seinem Sitznachbarn vor, nennt seinen Namen und fragt: „What’s your name?“ Die Angesprochenen reagieren schockiert oder irritiert und fragen in einem strengen Ton, was er denn wolle. So habe er oft gehört: „What do you want?“ Worauf er nur sagen konnte: „Nichts, ich wollte Sie nur kennenlernen.“ Das Verhalten der Einheimischen lässt ihn am Anfang etwas ratlos und fassungslos zurück. Der Kontakt zu ihnen wird allerdings spürbar leichter, je besser er die deutsche Sprache beherrscht. „Wenn die Leute merken, dass ich ihre Sprache spreche, schafft das schon mehr Vertrauen und heute ist auch die Einstellung einer fremden, blinden Person gegenüber anders als vor 23 Jahren, wo ich nach Wien gekommen bin“, meint Mahendra Galani.

Deshalb sei es wichtig und notwendig, dass Menschen, die als Fremde, als Flüchtlinge nach Österreich kommen, möglichst schnell Sprachkurse besuchen können. Denn wer die Sprache rasch und von Anfang an korrekt erlernt, habe viel bessere Chancen, Arbeit und Einkommen sowie einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Niemanden falle es leicht, das eigene Land zu verlassen, ist der Österreicher mit indischen Wurzeln und indischer Identität überzeugt. „Es ist für niemanden gut, seine Heimat zu verlieren.“

Mobilitätstraining auf indisch

Mahendra Galani ist ein Reisender aus Leidenschaft. Mit seiner jetzigen Frau, die - wie er - blind ist, ist er immer wieder unterwegs. So waren die beiden im vergangen Dezember auf einen Kurzbesuch in Istanbul und zu Beginn des heurigen Jahres sind sie in Indien. Gerne kehrt Mahendra Galani in seine alte Heimatstadt Mumbai zurück, wo er mit seinen beiden älteren Brüdern aufgewachsen ist. Wo er mit seiner Mutter, einer Hausfrau und seinem Vater, einem Angestellten, ein ganz normales Kinderleben mit Spielen, Schule und Freunden geführt hat.

Doch eines Tages, Mahendra ist sieben Jahre alt, geraten er und sein gleichaltriger Freund in einen Streit. „Wie Buben halt so sind“, erinnert er sich. „Ich habe ihn geschlagen und bin davon gelaufen. Er wollte mir nachrennen, aber ich war zu schnell. Da hat er einen Stein genommen und nach mir geworfen.“ Der Stein trifft Mahendra links am Kopf. Es sind keine sichtbaren Verletzungen zu sehen, es blutet nicht. Die Stelle wird mit Eiswürfel gekühlt und der Vorfall ist schon bald wieder vergessen. Doch nach etwa zwei Monaten zeigt sich, dass das linke Auge sehr rot und nach innen gesunken ist. Die Eltern sind beunruhigt, bringen ihren Sohn zum Augenarzt und dieser stellt fest, dass der Bub am linken Auge nichts mehr sieht. Als die Eltern vom Vorfall mit dem Stein erzählen, folgert der Arzt, dass es damals zu inneren Verletzungen gekommen ist, die das Auge geschädigt haben.

Mahendra, der zwar am linken Auge erblindet ist, kann trotzdem weiterhin die Schule besuchen. Nach einigen Jahren verschlechtert sich allerdings auch die Sehkraft am rechten Auge rapide. Es folgen Augenoperationen und medikamentöse Behandlungen, doch im Alter von 12 Jahren ist Mahendra vollständig erblindet. Das ist eine ganz neue und sehr schwierige Situation für die gesamte Familie. Die Mutter ist sehr besorgt und übervorsichtig. Der Halbwüchsige sollte sich am besten gar nicht bewegen, denn er könnte sich verletzen. Der Bub ist verzweifelt und deprimiert. Was soll er tun? Er kann nicht in die Schule gehen und nicht mit seinen Freunden spielen, sondern nur zuhause herumsitzen. Er hilft der Mutter bei den Hausarbeiten wie Brot backen und Wäsche waschen. Doch das genügt ihm nicht, er will wieder lernen und mit Gleichaltrigen zusammen sein.

Der Vater findet schließlich eine Schule für blinde Kinder. „Ich habe mich dort mit einem Burschen angefreundet, er wurde mein bester Freund und wir haben bis heute Kontakt“, erzählt Mahendra Galani. Die Kinder erlernen in dieser Schule die Braille-Schrift und viele andere Fertigkeiten, doch Anfang der 1970er Jahre wird noch kein Mobilitätstraining durchgeführt. Das erledigen die Buben auf ihre Weise. „Meine Freunde haben mich mitgenommen, wenn sie nach der Schule oder am Wochenende etwas unternommen haben. Sie haben mir den Stock in die Hand gedrückt und mir gesagt, wie ich es machen soll. Nach einigen Malen haben sie dann gemeint: ‚So, du kannst das jetzt und du findest deinen Weg schon alleine zurück.´ Dann haben sie mich alleine gelassen. Meine Freunde haben ihr „Mobilitätstraining“ ebenfalls von anderen Kindern bekommen und ich halte das für eine ausgezeichnete Methode“, stellt Mahendra Galani lachend fest.

In Indien müsse ein Mensch, der blind ist, sehr kämpferisch sein, denn es gibt weder Pflegegeld noch Sozialhilfe. Wer nicht völlig  von seiner Familie abhängig sein will, braucht eine Arbeit. Blinde und stark sehbehinderte Menschen sind in Indien schon seit Jahrzehnten als Juristen, Lehrer oder Richter tätig. „Das war für mich schockierend, dass dies in einem entwickelten Land wie Österreich kaum oder gar nicht möglich ist“, erinnert sich der weltoffene Zugereiste.

Es ist für ihn sehr wichtig, selbstständig leben zu können. Er möchte seine Dinge selber machen und will finanziell unabhängig sein. Denn dies trage zum Selbstbewusstsein bei und wer selbstbewusst ist, finde leichter seinen Platz in der Gesellschaft.

Mag. Ursula Müller für den Braille Report 1 / 2016