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"Ich wollte Karriere machen"

Nehir Sirlibas arbeitet beim ÖAMTC, beim Christophorus Flugrettungsverein in Wien, wo sie in der Verwaltung tätig ist.

Frau Sirlibas, Sie haben kurz nach Abschluss der Handelsschule in der Ungargasse beim ÖAMTC zu arbeiten begonnen und sind dort seit dem Jahr 2005 beschäftigt.

Eigentlich wäre ich gerne Flugbegleiterin geworden, doch das war aufgrund meiner Sehbehinderung nicht möglich. Es macht mir aber auch Spaß, mit Zahlen zu arbeiten und Rechnungswesen war mein Lieblingsfach in der Schule. So habe ich bei der Flugrettung angefangen. Die Arbeit gefällt mir, das Arbeitsklima ist sehr gut. In unserer Backoffice- und Clearing-Abteilung sind wir vor allem mit Ein- und Ausgangsrechnungen befasst.

Sie haben immer wieder die Weiterbildungsmöglichkeiten genutzt, die der ÖAMTC seinen MitarbeiterInnen kostenfrei anbietet.

Ich will nicht nur meine Aufgaben rasch und effizient erledigen, ich brauche auch immer eine Herausforderung. Ich habe Englisch- und Buchhaltungskurse gemacht und die entsprechenden Prüfungen abgelegt. Es ist mir wichtig, Neues zu lernen. Außerdem wollte ich meine Position verbessern, ich wollte aufsteigen und neue Aufgaben übernehmen.

Wurde Ihr beruflicher Einsatz von den Vorgesetzten wahrgenommen und hat man Ihnen eine höhere Position angeboten?

Nein. Ich habe mir das eigentlich schon erwartet. Aber es ist nichts passiert. Und ich habe mich immer gefragt, warum ich kein Angebot bekomme? Nach mehr als zehn Jahren beim ÖAMTC wollte ich schließlich wissen, wie meine Chancen am Arbeitsmarkt überhaupt stehen. Deshalb habe ich mich an die Berufliche Assistenz gewandt.

Wie wurden Sie von der Beruflichen Assistenz bei Ihrer Karriereplanung unterstützt?

Ich wollte vor allem herausfinden, ob ich auch woanders einen Job bekommen könnte und was ich woanders verdienen würde. Mein Arbeitsassistent war mir also bei der Jobsuche behilflich und hat mir interessante Stellenangebote geschickt. Er hat mir Tipps gegeben, wie man heute ein Bewerbungsschreiben verfasst, welche Bewerbungsunterlagen erforderlich sind und wie man ein Vorstellungsgespräch führt. Ich habe ja gleich nach der Schule zu arbeiten begonnen und hatte damit kaum Erfahrung. Mein Arbeitsassistent hat von sich aus angerufen und gefragt, ob ich etwas brauche. Das war wirklich sehr hilfreich. Mir wurde auch klar vermittelt, dass ich mich jederzeit melden kann, das war sehr wichtig für mich.

Was haben Sie über Ihre Chancen am Arbeitsmarkt herausgefunden?

Ich hatte einige Vorstellungsgespräche. Ich bin in solchen Situationen üblicherweise sehr aufgeregt und nervös. Da ich aber einen Job hatte, war ich sehr locker. Ich habe sogar eine Jobzusage bekommen. Ich bin im Laufe dieses Prozesses immer selbstbewusster und selbstsicherer geworden. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich auf jeden Fall beim ÖAMTC bleiben möchte.

Wie ist es weitergegangen?

Mein Arbeitsassistent hat mich unterstützt, im eigenen Unternehmen einen Karriereschritt zu machen. Ich habe Tipps bekommen, wie ich dieses Gespräch führen kann. Denn man geht ja nicht zum Chef und platzt damit heraus, dass man aufsteigen will. Ich habe damals meinem Chef gesagt, dass ich mich bei anderen Firmen vorgestellt und ein Jobangebot habe, dass ich eine neue Herausforderung suche und ich habe ihn gefragt, welche Aufstiegsmöglichkeiten es für mich bei der Flugrettung gibt.

Ihr Gespräch ist erfolgreich verlaufen. Denn Sie leiten jetzt die Abteilung, wo Sie bis dahin gearbeitet haben.

Mein Chef hat mir bei diesem Gespräch vermittelt, dass er meine Arbeitsleistung durchaus wahrgenommen habe. Dass ich ihm aber nie signalisiert hätte, aufsteigen zu wollen. Mir war dann schon klar, dass ich auch selbst etwas sagen muss. Diese neue Position ist eine große Verantwortung, aber es macht mir Spaß, unsere Abteilung zu leiten. Und wie ich die Leitung übernommen habe, hat mir die Firma ein Coaching bezahlt. Ich konnte also mit dem Coach besprechen, wie ich führen kann und was dabei wichtig ist. Das hat mir sehr geholfen.  

Welche Rolle spielt Ihre Sehbehinderung bei der täglichen Arbeit?

In der Flugrettung wissen alle Bescheid und ich schätze mich glücklich, dass die KollegInnen verständnisvoll sind und mir ihre Hilfe anbieten, wenn ich sie brauche. Wenn aber Leute aus anderen Abteilungen in unser Großraumbüro kommen und mich ganz nah am Bildschirm sitzen sehen, habe ich manchmal Kommentare gehört, die mich schon gekränkt haben. So wie: „Nimm doch eine Brille“. In solchen Momenten habe ich mir schwergetan und bloß gesagt, dass eine Brille nichts hilft. Ich wollte nicht immer meine ganze Geschichte erzählen. Dass ich zu früh auf die Welt gekommen bin und dass meine Netzhaut durch den Aufenthalt im Brutkasten stark geschädigt wurde. Ich bin jedoch nicht die einzige Person mit Behinderung, die beim ÖAMTC arbeitet. In meinem Team ist jemand, der nur sehr eingeschränkt hört. Eine Kollegin in Innsbruck hat Probleme beim Sprechen.

Was brauchen Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz von ihrer Führungskraft?

Verständnis, Geduld und Zutrauen, sodass sie stärker werden können. Ich sehe das bei einem Kollegen, der sehr unsicher war. Ich war der Ansicht, dass ich ihn fordern muss und habe ihm mehr Aufgaben und Verantwortung übertragen. Er hat sich verändert, lernt jetzt schneller, macht mehr. Natürlich muss man schauen, beobachten und nachfragen. Aber man muss dem anderen auch etwas zutrauen. Ich kann es nur von mir sagen, ich wollte immer wie alle anderen behandelt werden.

Die Unterstützung, die Nehir Sirlibas von der BAABSV GmbH erhielt, um ihre Karriereziele zu erreichen, wurde vom Sozialministeriumservice Landesstelle Wien finanziert.

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