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"Noch einmal etwas ganz Neues lernen"

Constantin Goma, der in Wirklichkeit anders heißt, aber anonym bleiben möchte, muss sich beruflich verändern als sich sein Sehvermögen drastisch verringert.
 

Herr Goma, Sie waren viele Jahre im Außendienst tätig. Ihre Netzhauterkrankung hat Sie aus Ihrem gewohnten Lebensalltag gerissen.

Im Außendienst bin ich mit dem Auto unterwegs, bei der Kundschaft muss ich Unterlagen lesen und kleine Details erkennen. All das war nicht mehr möglich, da sich mein Sehvermögen in wenigen Jahren massiv verschlechtert hat. Und ich wusste nicht, ob es sich weiter verschlechtern wird. Es war für mich sehr schwierig, damit klarzukommen. Eine Zeitlang ist es mir sehr schlecht gegangen. Es tauchen Ängste auf, man wird von Sorgen geplagt. Man fragt sich, was man jetzt tun soll, wenn man den alten Job nicht mehr machen kann. Und wie man überhaupt eine Entscheidung treffen kann, wenn das Sehvermögen immer schlechter wird? Es ist als sei man plötzlich in einer ganz anderen Welt.

Sie haben sich an die Berufliche Assistenz & Akademie BSV GmbH gewandt, um eine Perspektive für sich zu entwickeln.

Ich hatte mehrere Beratungsgespräche und wir haben genau geschaut, wo meine Stärken liegen und welche Möglichkeiten es für mich gibt. Mir ist es wichtig, dass meine Arbeit für andere nützlich ist. Ich muss meine Tätigkeit mit den entsprechenden Hilfsmitteln ausüben können. Schließlich muss ich auch die Ausbildung bewältigen, da ich ja noch einmal eine Berufsausbildung machen muss. Ich habe mich für die Bilanzbuchhaltung entschieden, obwohl ich nie zuvor etwas mit Buchhaltung und Personalverrechnung zu tun hatte.

Nachdem Sie sich dafür entschieden hatten, wurden Sie dabei unterstützt, eine geeignete Ausbildung zu finden. Die Wahl fiel auf das Wiener Kursinstitut B² Das Bildungszentrum. Die Ausbildung besteht aus mehreren Modulen und dauert ungefähr ein Jahr.

Ich bin der einzige Kursteilnehmer, der eine Behinderung hat. Aber meine Bildungsassistentin hat vor Beginn des Kurses mit der Institutsleiterin Kontakt aufgenommen, ihr meine Situation erklärt und mit ihr besprochen, was ich aufgrund meiner Sehbehinderung brauche. Ich muss sagen, dass sie sich im Kursinstitut sehr bemühen. Ich erhalte alle Kursunterlagen in elektronischer Form, denn nur so kann ich sie verwenden. Es wird auch darauf Rücksicht genommen, dass ich extrem lichtempfindlich bin. Aber ich verstehe schon, dass man eine Lösung für alle braucht, so ist es für mich zwar besser, aber nicht optimal. Es gibt ein paar Kolleginnen und Kollegen im Kurs, die sehr gut und sehr schnell sind. Dieses Tempo ist schon eine ziemliche Herausforderung für mich, aber ich spüre, dass ich daran wachse.  

Welche Hilfsmittel verwenden Sie bei Ihrem Kurs?

Ich habe einen PC und zwei Bildschirme. Außerdem noch eine Lupe mit Kamera, die die Inhalte aufnimmt, die auf der Tafel stehen, und auf einen meiner beiden Bildschirme projiziert. Diese Ausstattung bleibt, solange der Kurs dauert, dort und wird vom Sozialministeriumservice (SMS) finanziert. Meine Bildungsassistentin hat sich darum gekümmert, dass ich die Geräte bekomme und dass sie vor Kursbeginn installiert wurden. Für zuhause habe ich ebenfalls eine Ausstattung erhalten. Da ich so extrem lichtempfindlich bin, hat meine Bildungsassistentin auch dafür gesorgt, dass ich bei der Prüfung alleine in einem Raum sein kann und optimale Bedingungen habe. Sie hat sich wirklich sehr bemüht und versucht, alles zu tun, damit ich gut arbeiten kann.

Sie drücken im Alter von Anfang fünfzig noch einmal die Schulbank und beschäftigen sich mit vielen neuen Inhalten.

Am Anfang hat es mir richtig „weh getan“, es war wirklich schwierig. Ich habe ungefähr ein oder zwei Monate gebraucht, bis ich mit dieser neuen Lernsituation klargekommen bin. Ganz besonders schwergefallen ist mir das Modul Buchhaltung eins. Ich hab‘ mir gedacht, dass ich mir diese vielen Kontoklassen nie merken werde. Da hab‘ ich mich manchmal schon gefragt, ob das für mich überhaupt das Richtige ist. Aber bei der Personalverrechnung und bei Buchhaltung zwei ist es mir viel besser gegangen. Und Kostenrechnung hat mir sehr gut gefallen.

Wie haben Sie den Stoff und die Prüfung in Buchhaltung eins bewältigt? Wurden Sie beim Lernen unterstützt?

Ja, das wurde mir angeboten und ich habe dieses Angebot sehr gerne angenommen. Das war eine ganz große Hilfe für mich. Denn ich konnte den Trainer beim Beruflichen Kompetenzzentrum alles fragen, was für mich unklar war und wir sind alles Punkt für Punkt in meinem Tempo durchgegangen. Denn wie gesagt, das Tempo im Kurs ist sehr hoch, wir machen in kurzer Zeit sehr viel Stoff durch und die ganze Materie ist für mich Neuland. Mit dieser Unterstützung habe ich die Prüfung geschafft.

Inzwischen sind Sie ein alter Hase auf der Schulbank und haben fast alle Module Ihrer Ausbildung positiv abgeschlossen. Was motiviert Sie, mit Anfang 50 einen beruflichen Neustart zu wagen?

Weil ich spüre, dass ich noch etwas tun kann, dass ich noch etwas leisten kann. Ich fühle mich noch nicht reif für die Pension. Ich möchte als Bilanzbuchhalter arbeiten und am liebsten würde ich mich selbstständig machen. Ich weiß, dass das noch ein weiter Weg ist, denn dafür braucht man drei Jahre Praxis und dann muss man eine Prüfung bei der Wirtschaftskammer ablegen. Aber das ist mein Ziel.


Die Unterstützung, die Constantin Goma vom Beruflichen Kompetenzzentrum und der BAABSV erhält, wird vom Sozialministeriumservice (SMS) finanziert.