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Portraits

Ein Mann mit kurzen braunen Haaren, großen Kopfhörern und einem lila Pullover sitzt an einem Tisch vor einem Notebook mit Braillezeile.
Bildinfo: Helmuth Schlögl setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt leben können. © BSVWNB/Ursula Müller

Aktivist und Romanist aus Leidenschaft

Helmuth Schlögl engagiert sich im Verein Selbstbestimmt Leben Steiermark, der sich für Menschenrechte, Inklusion und Barrierefreiheit einsetzt. Und der Student ist ein Spanienfreak.

Helmuth Schlögl im Portrait

Vier Jahre verbringt Helmuth Schlögl in Spanien. Ja, er sei sehr verliebt in Land und Leute und die spanische Kultur. Bei diesen Worten klopft sich der Steirer mehrmals auf seine Brust, auf sein Herz. Bei uns müsse man den Leuten, die man sympathisch finde, oft nachlaufen. In Spanien sei das anders.

„Sie kommen auf dich zu, sie freuen sich, dass du ihre Sprache sprichst und interessieren sich für Fremde. Und sie haben viel weniger Berührungsängste. Als Mensch mit Behinderung bist du mittendrin. Du bist dort kein armes Hascherl, sondern part oft the game, du gehörst dazu.“

Diese Erfahrung macht er im Alltagsleben genauso wie auf der Universität.

Helmuth Schlögl, der jetzt wieder an der Uni Graz Übersetzen und Dolmetschen studiert, gefällt die extrovertierte, kontaktfreudige Art der Spanier:innen von Anfang an. Erste Eindrücke gewinnt er bereits bei mehrwöchigen Sprachkursen in der ersten Zeit seines Studiums. Nach seinem Bachelorabschluss, nach seinem ersten Studienabschluss verbringt er mit einem Erasmus Stipendium ein Jahr in Salamanca. Dieser Studienaufenthalt ist Helmuth Schlögl nicht nur aus akademischen Gründen wichtig. Er lebt damals zwar schon seit Jahren in seiner eigenen Wohnung in Graz, aber er will es noch genauer wissen. Wie geht es ihm in einem anderen Land, weit weg von seiner Familie, wo er sich um alles selbst kümmern muss, wo es – anders als auf der Uni in Graz – auch kein eigenes Referat für barrierefreies Studieren gibt?

In Salamanca, einer alten und internationalen Universitätsstadt, wohnt der Grazer Student bei einer Witwe, die sehr um ihren Mann trauert und einen Menschen braucht, den sie „liebhaben und verwöhnen kann“. Das Zusammenleben spielt sich gut ein und die Wohnung liegt in der Nähe der Universität. Das ist für Helmuth Schlögl wichtig, er ist von Geburt an blind, halbseitig gelähmt und ohne Geruchsinn, er ist vom De-Morsier-Syndrom betroffen, das sich sehr unterschiedlich auswirken kann. Am Ende des Erasmus Jahres fällt es ihm sehr schwer, sich von den neugewonnenen  Freund:innen und seinem Leben in Salamanca zu verabschieden. Als er am Flughafen auf seinen Abflug wartet, kommen ihm immer wieder die Tränen. „Plötzlich setzt sich ein wildfremder Mann neben mich, streicht mir über die Wange und fragt, Junge, wieso weinst du? Ich erzähle ihm, dass mich der Abschied so schmerzt. Wir unterhalten uns ein bisschen und er begleitet mich noch bis zu meinem Gate. Mich hat das sehr berührt, ich bin ein Herzensmensch.“


Weg vom Bild des armen Hascherls

Einerseits sei er sehr feinfühlig, andererseits könne er auch sehr zynisch sein, vor allem, wenn es um das Thema Behinderung gehe. Er wolle bloß ein ganz normales Leben führen, Kontakte pflegen, sich bilden, eine Beschäftigung haben und nicht als armes, behindertes Hascherl wahrgenommen werden.

„Wäre ich den Weg gegangen, den die Behörden für mich vorgesehen haben, dann wäre ich von der Sonderschule in die Behindertenwerkstätte gekommen und von dort dann irgendwann ins Altersheim. Einen Verstand zu haben und trotz einer doppelten Behinderung einen normalen Bildungsweg zu gehen, ist bei den „BeHürden“ scheinbar nicht erwünscht. Also bei denen, die die Hürden machen.“

Die, die Hürden errichten, müssen allerdings mit seinem Widerspruch rechnen. Helmuth Schlögl engagiert sich im Verein Selbstbestimmt Leben Steiermark (SL) und ist seit 2020 Vorstandsmitglied. „Ich möchte mich für unsere Rechte einsetzen. Denn die meisten Schwierigkeiten haben wir nicht aufgrund unserer Blindheit, unserer Behinderung, sondern weil uns die Rechte fehlen.“ So fordert der Aktivist zum Beispiel, dass Menschen, die blind sind, ein Recht auf eine barrierefreie Kommunikation haben, dass sie unter anderem ein Recht darauf haben, dass die Behörden mit ihnen digital kommunizieren. Deshalb habe er auch die Ausbildung zum Screenreader Tester gemacht, die der Blinden- und Sehbehindertenverband (BSVWNB) anbietet. Denn: „Wir haben noch so dermaßen viele Baustellen, sei es im digitalen Bereich, und überhaupt, was die Barrierefreiheit betrifft.“ Screenreader Programme ermöglichen blinden Menschen, kurz gesagt, am PC zu arbeiten. Als Screenreader Tester:innen analysieren sie, ob und in welchem Maße Webseiten und mobile Apps für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich sind.

Immer wieder kommt Helmuth Schlögl im Lauf des Interviews auf das Bild oder besser gesagt auf das Vorurteil zu sprechen, das viele von einem Menschen mit Behinderung haben. Dieses Vorurteil erlebe er in vielen gesellschaftlichen Bereichen, zum Beispiel auch im Gesundheitswesen. „Wenn ich einmal ins Krankenhaus muss und mit meinem MacBook und iPhone daherkomme, dann glaubt das Pflegepersonal, einen Alien vor sich zu haben, einen Außerirdischen. Sie erwarten einen Hascher, sie erwarten keinen Studierten. Ich vermute, dass man vonseiten der Hilfsorganisationen lange das Mantra vom Hascherl zur Spendenoptimierung weiterbedient hat. Aber es gibt viele Leute mit Behinderung, die selbstständig leben, die eine Beschäftigung haben, mit PC und Internet arbeiten, Doktorate machen und Familien gründen. Sie sagen, ich will kein Mitleid, ich will mein ganz normales Leben, fertig.“


Ein halbwegs normales Leben

Helmuth Schlögl wächst in St. Georgen an der Stiefing auf, in einem kleinen Ort 30 Kilometer südlich von Graz. Er wird 1985 geboren und ist das älteste von drei Geschwistern, die Mutter ist Hauptschullehrerin, der Vater hat ein Bus- und Reiseunternehmen. „Der Weg zu meinem bisherigen halbwegs normalen Leben war und ist eine tolle Familie. Eine Mutter namens Schatz, eine Mutter von Beruf Schatz.“ Als ihr Sohn sechs Monate alt ist, bemerken die Eltern, dass er nicht fokussiert, Ärzt:innen werden konsultiert und verkünden eine niederschmetternde Diagnose. Ihr Sohn werde nicht reden, nicht gehen und nicht sehen können. Da der Sehnerv so stark betroffen ist, kann der Bub tatsächlich nicht sehen. Und zunächst spricht er auch nicht, erst im Alter von drei Jahren beginnt er zu reden, „aber dann in ganzen Sätzen“. Und er lernt gehen. Die Entwicklungsschritte sind verzögert, doch Helmuth ist ein aufgewecktes Kind. Der Bub erhält Frühförderung und die Eltern setzen sich dafür ein, dass er den Kindergarten und die Volksschule in St. Georgen besuchen kann. Helmuths Mutter erlernt die Brailleschrift und übt mit ihrem Sohn Lesen, etwas, das dem Volksschüler große Freude bereitet.

„Meine Mutter hat auch meine Hausübungen, die ich in Blindenschrift geschrieben habe, für meine Lehrerin in Schwarzschrift übertragen, damit sie merkt, dass ich mitarbeite.“

Nein, einfach sei es nicht gewesen, weder in der Volks- und Hauptschule, die er in seinem Heimatort besucht, noch am Oberstufenrealgymnasium in Graz. Es sei für viele Lehrkräfte, Mitschüler:innen und deren Eltern oft nicht nachvollziehbar gewesen, dass ein Schüler, der blind und halbseitig gelähmt ist, anders unterstützt werden müsse sowie andere Bedingungen fürs Lernen und für Prüfungen brauche. Auch Mobbing habe er immer wieder erlebt. Doch es gibt engagierte Lehrer:innen, die den wissbegierigen Schüler unterstützen. Helmuth erhält gegen Ende der Volksschule seinen ersten Computer mit Braillezeile und Screenreader, so kann er am PC lesen und schreiben. „Ich hatte das große Glück, dass an meiner Hauptschule ein Ehepaar Informatik unterrichtet hat, das von seinem Fach begeistert war und die beiden haben sich gefragt, wie können wir die Informatik nützen, damit der Helmuth Schlögl einen ganz normalen Unterricht hat.“

Da ihr Schüler linksseitig gelähmt ist, müssen sich die beiden engagierten Informatiklehrer:innen überlegen, wie er die Tastatur am besten mit einer Hand, mit fünf Fingern bedienen kann. Das muss gelernt und geübt werden. Die beiden Lehrkräfte vereinbaren mit dem Direktor, dass Helmuth ein spezielles EDV-Training erhält, während die anderen aus seiner Klasse beim Turn- und Zeichenunterricht sind. „Diese Unterstützung ist von aufgeschlossenen und flexiblen Leuten gekommen, von Lehrer:innen, die gesagt haben, wir lassen den Helmuth nicht versauern.“ Mit dem PC erschließt sich der Schüler Schlögl neue Welten. Vieles bleibt im Schulalltag dennoch schwierig, insbesondere der Kontakt zu den anderen. „Ich habe nicht diese normale Jugend erlebt, also Freunde haben, in die Disco gehen, was unternehmen, was man halt so als Jugendlicher macht. Mir fehlen heute noch gewisse social skills, so bestimmte Fähigkeiten im Umgang mit anderen, aber das habe ich nie gelernt.“


Helmuth macht ein Stock- und Mobilitätstraining, in der Hauptschule und im Gymnasium unterstützt ihn eine Integrationslehrerin. „Der Schmarren war nur, dass ich nicht nur blind bin, sondern auch halbseitig gelähmt. Die Kunst bei mir war ja immer, wie bringst du dem Blinden und halbseitig Gelähmten dieses und jenes bei? Die Blindenpädagoginnen, bis auf eine, konnten mit der halbseitigen Lähmung nix anfangen und die Physio- und Ergotherapeutinnen konnten mit der Blindheit nix anfangen. Was gewisse motorische Dinge betrifft, habe ich daher vieles nicht gelernt.“ Dazu zählen Dinge wie schneiden oder kochen. Inzwischen sieht er die Sache pragmatisch, nimmt Lieferdienste in Anspruch oder geht ins Gasthaus, wenn er ein warmes Essen möchte. „Dort kann ich dem Kellner auch gleich sagen, bitte schneiden Sie mir das Schnitzel auf.“

Nach der Matura zieht Helmuth Schlögl von zuhause aus und geht nach Graz, er will selbstständig wohnen und Sprachen studieren, Spanisch und Italienisch. Ja, er studiere schon lange, er könnte mit dem Masterstudium längst fertig sein. Aber was dann? Aufgrund seiner Mehrfachbehinderung wurde ihm bescheinigt, arbeitsunfähig zu sein.

„Wenn ich nicht studieren könnte, wäre ich schon längst in der Depression. Ich kann nicht nur daheim sitzen, ich brauche eine Beschäftigung. Ich muss meinen Verstand einsetzen, ich brauche Bestätigung und Befriedigung, ich will was tun können. Es geht dabei nicht nur ums Finanzielle, eine Beschäftigung hat ja auch immer etwas mit dem sozialen Status zu tun. Noch weiß ich nicht, wie ich die Arbeitsunfähigkeit loswerden kann.“

Helmuth Schlögl ist nach wie vor ein begeisterter Leser, er liebt Krimis, Fantasy und Science Fiction, sei es in Brailleschrift oder als Hörbuch. Er spielt gerne barrierefreie Konsolenspiele und hört sich gerne Fußballspiele an. Und er mag Tiere, insbesondere Hunde. Ein besonderes Freizeitvergnügen ist für ihn ein Kabarettbesuch. Mitunter wird er dabei von seiner Assistentin begleitet. Lorena, eine seiner Assistentinnen, geht mit Helmuth Schlögl auch schwimmen oder unterstützt ihn bei Veranstaltungen. Das wichtigste bei der Assistenz, da sind sich beide einig, seien Vertrauen und Ehrlichkeit, und natürlich müsse die Chemie stimmen. Das tut sie, das spürt man gleich, wenn man die beiden erlebt und Spanisch reden hört. Lorena kommt ursprünglich aus Peru und bringt so ein wenig spanisch-lateinamerikanisches Flair in den Grazer Alltag von Helmuth Schlögl.

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