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Portraits
Eine junge Frau mit langen blonden Haaren vor einem Computerbildschirm, im Ohr einen In-Ear-Kopfhörer
Bildinfo: Marion arbeitet mit elektronischen Hilfsmitteln © Müller

„Arbeiten ist für jede Person echt wichtig“

Das findet Marion König. Und auch, dass jede Person die gleichen Möglichkeiten am Arbeitsmarkt haben sollte, gleichgültig ob sie eine Behinderung hat oder nicht, ob sie blind ist oder sehen kann.

Die willensstarke und ambitionierte junge Frau wird in allen Belangen, die den Job betreffen, von der Beruflichen Assistenz des Blindenverbands unterstützt, die im September 2019 ihr 20-jähriges Bestehen feierte.

Große Träume, klare Ziele

Marion will selbstständig und unabhängig sein. Sie will ihr eigenes Geld verdienen, im Alter von 18 Jahren von zuhause ausziehen und später studieren. Deshalb überlegt sie, eine Lehre zu machen. Wie aber könnte das gehen? Die ersten Informationen erhält die Schülerin des Bundesblindeninstituts (BBI) in Wien gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit. Im Herbst 2018 kommt Bea Fritz von der Beruflichen Assistenz des Blindenverbands in Marions Schule. Sie stellt sich vor und erzählt den SchülerInnen wie die Lehrstellensuche abläuft und wie die jungen Leute dabei unterstützt werden. Nach einiger Zeit kontaktiert Marion die Mitarbeiterin der Beruflichen Assistenz. Bea Fritz klärt mit der Schülerin Berufswünsche und Berufsmöglichkeiten und eine klinische Psychologin führt eine Leistungs- und Interessensdiagnostik durch. Dieses Jugendcoaching ist ein Angebot des Sozialministeriums und wird vom Sozialministeriumservice (SMS) gefördert und umgesetzt. Es richtet sich an Jugendliche und soll deren Chancen am Arbeitsmarkt verbessern, es ist kostenlos und freiwillig. Es unterstützt die jungen Leute dabei, ihre Stärken und Fähigkeiten zu erkennen, geeignete Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten zu finden und den Berufseinstieg zu schaffen. Ausmaß und Umfang der professionellen Beratung sind individuell verschieden.

Marion möchte eine Lehre machen, will Verwaltungsassistentin werden und kennt ihre Stärken.„Ich bin geduldig, arbeitswillig und vertrauenswürdig. Ich lerne gerne neue Sachen dazu, bin pünktlich und höflich. Wenn mir eine Arbeit aufgetragen wird, erledige ich sie korrekt. Ich bin selbstständig und ausdauernd. Wenn ich etwas Neues erlernen will, setze ich mich solange dafür ein, bis es funktioniert.“ Gemeinsam mit der Beruflichen Assistenz verfasst die Schülerin Lebenslauf und Bewerbungsschreiben.

„Wir haben uns echt oft getroffen, haben uns überall beworben, aber wir haben nur Absagen bekommen. Viele haben mich wegen meiner Augen sofort abgelehnt.“

Einmal wird die 17-jährige Niederösterreicherin doch zu einem Aufnahmetest eingeladen. Und zwar ins Sozialministeriumservice (SMS). Dort macht sie, wie alle anderen, den Test am PC. Es werden unter anderem die Rechtschreib- und Rechenkenntnisse der angehenden Lehrlinge erhoben. Dieser Aufnahmetest stellt jedoch eine unüberwindliche Hürde dar, denn er ist nicht barrierefrei. Er ist für Marion nicht durchführbar. Auch nicht, wenn die Betreuerin ihr die Aufgaben vorliest, denn dafür reicht die Zeit nicht aus. 

„Ich sehe ja weniger als ein Prozent. Deshalb arbeite ich am Computer mit einer Braillezeile und einer Sprachausgabe. Aber bei diesem Test war das nicht möglich.“

Marion hat Glück sowie die professionelle Unterstützung durch die Berufliche Assistenz. Da der Aufnahmetest nicht barrierefrei ist, wird sie zu einem Gespräch ins Sozialministeriumservice (SMS) eingeladen. „Ich war ur nervös. Da waren viele Leute, ungefähr sieben. Alle haben mir Fragen gestellt. Was meine Stärken und Schwächen sind, wie ich mich orientieren kann, wie ich zurechtkomme. Aber da musste ich nur reden, das war dann leichter als ich’s mir gedacht habe.“ Sie kommt in die nächste Runde, erledigt die gestellten Aufgaben sehr gut und punktet mit ihrem Wissen über das Haus, mit ihren guten schulischen Leistungen und ihren PC Kenntnissen. „Das hat alles gut funktioniert. Und dann haben sie mir gesagt, dass sie mich nehmen.“ Mit Marion König beginnt etwas Neues in Wien. Sie ist die erste junge Frau, die blind ist und eine Lehre als Verwaltungsassistentin macht. Am 5. August 2019 tritt sie ihre Lehrstelle an.  

Vom Jugendcoaching zum Jobcoaching

Marion wird nicht nur bei der Lehrstellensuche, sondern auch beim Berufseinstieg intensiv von der Beruflichen Assistenz unterstützt. Bereits einige Monate vor Arbeitsbeginn wird erhoben, welche Hilfsmittel der angehende Lehrling benötigt, um die Arbeit im Büro verrichten zu können. Und schon am zweiten Arbeitstag werden die Braillezeile und Jaws, also die Sprachausgabe, sowie ein großes Lesegerät, installiert. Dann werden die Hilfsmittel an das bestehende System angepasst und es wird überprüft, ob alles funktionsfähig ist. Marion erhält noch einige wichtige Informationen vom IT Techniker und viel Unterstützung von ihrer Beruflichen Assistenz. „Frau Fritz war in den ersten zwei Wochen jeden Tag da. Das hat mir sehr geholfen. Denn der Anfang von etwas Neuem ist immer kompliziert.“ Eine erfahrene Mitarbeiterin von Marions Abteilung informiert zuerst Bea Fritz über die Aufgaben und Lernschritte, die zu machen sind. Danach geht die Berufliche Assistenz mit Marion jeden einzelnen Arbeitsschritt durch. Der frischgebackene Lehrling schreibt sich Punkt für Punkt alles genau auf, gemeinsam wird geübt und gelernt. Nach zwei Wochen kann Marion ihre Aufgaben bereits selbstständig erledigen.


Aber nicht nur die 17-Jährige ist mit neuen Dingen konfrontiert. Auch ihre KollegInnen stehen vor neuen Aufgaben. Denn kaum jemand von ihnen ist es gewohnt, mit einem Menschen umzugehen, der blind oder stark sehbehindert ist. „Deshalb haben wir an meinem Arbeitsplatz, hier im Büro Sensibilisierungsworkshops gemacht. Ich hab‘ den Leuten von meiner Abteilung erzählt, dass ich eine Netzhauterkrankung habe, welche Hilfsmittel ich benutze und wofür ich sie brauche. Und ein paar Tipps hab‘ ich ihnen auch gegeben. Dass sie mich zuerst grüßen, damit ich sie zurück grüßen kann, denn ich sehe sie ja nicht. Oder dass sie alle Dinge unverändert auf meinem Platz liegen lassen, denn sonst kenne ich mich nicht mehr aus.“ Bea Fritz bastelt für den Sensibilisierungsworkshop außerdem noch Brillen, die den MitarbeiterInnen eine Vorstellung davon vermitteln, wie es ist, wenn man praktisch nichts sieht. Durch die Art, wie sie mit Marion umgeht, zeigt die Arbeitsassistentin den anderen auch, worauf es im Kontakt mit einem sehbehinderten Menschen ankommt: Dass man das was man tut, am besten stets in Worte fasst.

Die Berufliche Assistenz des Blindenverbands arbeitet sowohl mit der Lehrlingsbeauftragten als auch mit Marions Klassenvorstand in der Berufsschule zusammen.

„In meiner alten Schule waren ja alles blinde und sehbehinderte Kinder, da war es schon einfacher für mich. Jetzt bin ich mit lauter sehenden Schülern in einer Klasse und ich bin halt eher schüchtern. Aber ich habe jetzt eine Persönliche Assistenz in der Schule, die hilft mir, die liest mir die Texte vor, die wir in Schwarzschrift bekommen, oder Sachen, die auf der Tafel stehen.“

Montags und freitags besucht Marion die Berufsschule, aber sie wird auch noch donnerstags nach der Arbeit die Schulbank drücken, denn sie möchte eine Lehre mit Matura machen und später einmal studieren. Die wissbegierige und ehrgeizige junge Frau ist außerdem ausgesprochen sportlich. Sie geht vier oder fünf Mal in der Woche laufen und trainiert für den Halbmarathon. Bei den Wettkämpfen braucht sie einen Begleitläufer, das übernimmt ihr Freund. Die beiden sind durch ein Band verbunden und er macht sie rechtzeitig auf Hindernisse aufmerksam. Beim Laufen wie im Leben fühlt sich Marion von ihrem Freund sehr unterstützt. Zuhause in Gänserndorf kümmert sie sich jeden Tag um die beiden Hunde, füttert sie, geht mit ihnen spazieren und beschäftigt sich mit ihnen. Sie möchte die beiden Vierbeiner mitnehmen, wenn sie nächstes Jahr in ihre eigene Wohnung zieht.


Erst der Job ermöglicht es ihr, den Traum vom selbstständigen Leben wahr zu machen. Auch andere sollen diese Möglichkeit haben, findet sie. Deshalb regt sie an, dass Aufnahmetests für Lehrlinge barrierefrei gestaltet werden und stellt sich als Testperson zur Verfügung. „Behinderte Personen sollen genau die gleichen Möglichkeiten bekommen wie alle anderen. Und ich will zeigen, dass das geht, auch wenn man blind oder sehbehindert ist. Vielleicht wollen es manche, trauen es sich aber nicht zu. Und wenn sie sehen, dass es andere machen, haben sie vielleicht mehr Mut und trauen es sich auch zu.“

Marion König möchte etwas von dem weitergeben, was sie selbst erlebt hat. „Frau Fritz hat sich echt für mich eingesetzt. Sie hat gesagt, ja, ich bin blind, aber ich werde trotzdem arbeiten können. Sie ist zu den Firmen hingefahren, hat telefoniert, E-Mails geschrieben. Sie hat es immer wieder versucht, trotz der vielen Absagen. Wenn ich vor einem Vorstellungsgespräch nervös oder unsicher war, hat sie die Sachen mit mir 100 Mal durchgeredet und gesagt, es wird alles funktionieren. Sie hat manchmal mehr zu mir gestanden als ich zu mir selbst.“

Eines von vielen Beispielen, das die Arbeit der Beruflichen Assistenz des Blindenverbands veranschaulicht. Herzlichen Glückwunsch zum 20-jährigen Bestehen

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