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Zwei und zwei Männer stehen (oder knien zum Teil) einander gegenüber, versuchen sich gegenseitig abzuwehren.
Bildinfo: In Zweiergruppen wird ein erster Nahkampf inszeniert. © BSVWNB/Astrid Glatz

Brazilian Jiu Jitsu für Menschen mit Sehbehinderung

„Kampfsport ist ein schöner Sport. Bei Brazilian Jiu Jitsu geht es aber nicht nur um Kraft, sondern man muss sehr effizient sein“, setzt Mario Bumbarevic an.

Der Sportler, der selbst eine Sehbehinderung hat, ist gerade erst eingetroffen. Jetzt sitzt er auf einer blauen Trainingsmatte. Einer von zahlreichen Matten, die dicht aneinander gelegt den Parkettboden im Anton Mayer Saal im Blinden- und Sehbehindertenverband WNB (BSVWNB) bedecken.

Die sehbehinderten Jugendlichen der Verrückten Jugend Aktion (VJA) sitzen um Mario Bumbarevic herum und hören ihm aufmerksam zu. Er wird ihnen heute Griffe und Techniken der Sportart beibringen. Einige der Jugendlichen haben bereits erste Erfahrungen mit Kampfsport gemacht. Daniel erzählt beispielsweise, dass er vor kurzem einen Selbstverteidigungskurs besucht hat und früher den Sport Aikido ausübte. Selim praktiziert seit mehreren Jahren Kickboxen. Es gibt viele Kampfsportarten – doch was ist Brazilian Jiu Jitsu überhaupt?

Keine Praxis ohne Theorie

Jiu Jitsu wurde bereits vor Jahrhunderten von japanischen Samurai entwickelt. Dabei handelt es sich um eine waffenlose Selbstverteidigung: Mit gezielten Griff-, Schlag- und Tritttechniken wird der Gegner kampfunfähig gemacht. Zwei Brüder, Carlos und Hélio Gracie, brachten den Nahkampfsport schließlich von Japan nach Brasilien. Weil einer der beiden einen schmächtigeren Körperbau hatte, entwickelten sie den Sport gezielt weiter. Sie verfeinerten die Techniken, um sie noch effizienter zu machen: Brazilian Jiu Jitsu entstand.

„Man beginnt im Stehen, aber 90 Prozent befindet man sich im Bodenkampf“, erläutert Mario Bumbarevic den Jugendlichen, was sie gleich praktizieren werden. Diese Sportart kommt Menschen mit Sehbeeinträchtigung zugute, da sie durch den nahen Körperkontakt immer wissen wo sich ihr Gegner gerade befindet.


An den Sport herantasten

Nach der kleinen Theorie-Einheit wird aufgewärmt: Mario Bumbarevic zeigt den Jugendlichen Dehnungen, die ihre Muskeln auf die kommenden Übungen vorbereiten. Ein Reaktionsspiel führt sie an den Kampfsport heran. Die Jugendlichen versuchen sich gegenseitig an Armen, Schultern oder den Beinen zu berühren – und gleichzeitig dem Gegner auszuweichen, um dem „Angriff“ zu entgehen. Wer drei Mal berührt wurde, muss fünf Liegestützen absolvieren.

Im nächsten Schritt zeigt der Trainer Vorwärts-, Hecht- und Rückwärtsrolle vor. Er achtet darauf, dass die Jugendlichen die Übungen bestmöglich verstehen. Detailliert erklärt er die fortgeschrittenen Varianten.

„Leg die Handfläche und den Unterarm auf den Boden, dann kannst du über die Schulter abrollen. Immer den Kopf schön einziehen“, erklärt er seinem Namensvetter Mario die Schulterrolle.

Er weiß, dass manche Bewegungen etwas Zeit brauchen, um korrekt durchgeführt zu werden. Und er macht Mut, eigene Grenzen auszuloten: „Lass dich einfach fallen, du brauchst keine Angst zu haben. Die Matte ist weich.“

Der Klammergriff des Gegners

Nun wird es ernst! Die Jugendlichen trainieren Close-Cut und Triangle, zwei wichtige Übungen im Brazilian Jiu Jitsu. Dabei befinden sich die beiden Gegner bereits in Bodenposition übereinander. Der unten liegende Jugendliche hält seinen Gegner am Boden fest, indem er mit seinen Beinen dessen Nacken fixiert. Ziel der Übungen ist es, sich aus dem Klammergriff des Gegners zu befreien und selbst in eine vorteilhafte Position, die Side Control, zu bringen.

Denis und Mario begeben sich in die Ausgangstellung. Sie versuchen nachzumachen, was ihr Trainer gerade vorzeigte. Denis wehrt sich mit allen Mitteln, und befreit sich auf andere Art und Weise aus der Umklammerung. Jede Bewegung muss erst einstudiert werden, bis sie sitzt.

„Im Prinzip ist es leicht, es ist aber Übungssache“, motiviert Mario Bumbarevic die Gruppe. Schließlich meistern alle die Technik.

Daniel bringt bereits Erfahrungen in der Sportart Aikido mit: „Ich kenne das meiste schon, aber es macht großen Spaß. Ich finde es cool, dass wir weniger Leute sind, da hat der Mario viel Zeit für jeden. Wenn man in einen Verein geht, dann wird man einfach so reingeschmissen und muss zusehen, dass man da mitkommt. Wenn man hier ist: Mario ist selber sehbehindert und kann ziemlich gut darauf eingehen. Und weiß ziemlich gut, was erkennt man, was erkennt man nicht. Weil er das sicher von sich selber auch weiß.“


Selim trainiert seit sechs oder sieben Jahren Kickboxen in einem Verein. Profis, Amateure und Anfänger, insgesamt 80 Leute, praktizieren dort die Technik. „Ich habe zwar den schwarzen Gürtel, aber ich führe keine Wettkämpfe. Am Anfang habe ich das gemacht, das ist aber ziemlich anspruchsvoll. Die Gegner schauen nicht, ob du sehbehindert bist oder nicht.“ Nicht alle Jugendlichen haben bereits so viel Erfahrung mit Kampfsport gesammelt wie Selim und Daniel – für sie ist der Workshop ein Einstieg, ein erstes Kennenlernen des Kampfsports.

Im Nahkampf mit dem Sehzentrum

Auch Mario Bumbarevic hat einmal klein begonnen. Im zarten Alter von acht, neun Jahren entdeckte er im traditionellen Jiu Jitsu seine Leidenschaft. Er trainierte viel und nahm an Wettkämpfen teil. Doch dann bildete sich auf dem Sehzentrum ein schwarzer Fleck. In seinem elften Lebensjahr entdeckten die ÄrztInnen die Augenkrankheit Makuladegeneration. Sie rieten ihm ab, weiterhin Kampfsport zu betreiben. Der junge Sportler beendete damit das Training.

Doch es war kein Ende für immer: Einige Jahre später kam Mario Bumbarevic mit Thaiboxen und danach mit Brazilian Jiu Jitsu in Berührung – und blieb dabei. Nichts konnte ihn mehr vom Sport abbringen. Er fand einen Verein, der beide Sportarten anbot. Doch beim Thaiboxen hatte er unter anderem wegen seiner Sehbehinderung mit Höhen und Tiefen zu kämpfen:

„Ich wollte immer in den Ring gehen. Dann musste ich mir aber eingestehen, dass es eh nichts bringt.“

Ein Kollege motivierte ihn, sich mehr dem Brazilian Jiu Jitsu zu widmen. Auch sein neuer Trainer unterstützte Mario Bumbarevic, und schließlich nahm er wieder an Wettkämpfen teil. Nicht immer wussten seine Gegner über seine Sehbehinderung Bescheid. Und dennoch gewann der Sportler beim letzten Kampf in Brazilian Jiu Jitsu den dritten Platz!

Erfahrung mit dem Limit

Es sind solche Erfolgserlebnisse, die Mario Bumbarevic Kraft geben. Und die ihm zeigen, dass es sich zu kämpfen lohnt: „Ich möchte zeigen, dass man trotz Handicap vieles machen kann im Leben. Man muss bei sich selbst anfangen, mit sich selbst arbeiten und aus sich ein besseres Format machen.“ Seine Erkenntnisse möchte der trainierte Sportler an Jugendliche weitergeben: „Durch Kampfsport, oder überhaupt durch Sport, kann man selbstbewusster werden. Und nicht immer in der Komfortzone bleiben, sondern einfach auch mal ans Limit gehen.“

Sein Wissen weiterzutragen ist Mario Bumbarevic wichtig. In seinem Verein leitet er auch gelegentlich mal ein Training:

„Die vertrauen mir alle, die wissen auf welchem Level ich bin. Ich werde da nicht bemitleidet, ganz im Gegenteil.“

Mit dem blauen Gurt im Brazilian Jiu Jitsu darf er offiziell unterrichten. Besonders gerne möchte er blinde und sehbehinderte Menschen trainieren, deswegen leitet er auch den Workshop in der Verrückten Jugend Aktion. Er hat die VJA über Andrea Neuberger kennen gelernt, die Berufsassistenz im BSVWNB anbietet. Im Alter von 15 Jahren kam er als Klient zu ihr und hat durch diese Verbindung einen besonderen Bezug zum Blinden- und Sehbehindertenverband.

„Man kann es nicht von heute auf morgen lernen. Es sind Momente“, mit diesen Worten schließt Mario Bumbarevic den Workshop ab. Am Ende sitzen alle auf den blauen Trainingsmatten im Kreis. Die Jugendlichen hören ihm zu. Sie stellen Fragen. Das Training ist vorbei, aber noch ist nicht alles gesagt. Es geht um mehr als den Sport. Es geht darum, das Beste aus sich selbst herauszuholen. Für sich selber zu sorgen. Seinen Weg zu gehen. Es sind Impulse, die die Jugendlichen erhalten. Und die sie über den Workshop hinaus mitnehmen werden.

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Der letzte Punkt auf Patricks aktueller To Do-Liste: Selbstbestimmtes Reisen.

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