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Portraits
Zwei fröhlich lächelnde Frauen an einem Tisch in einer Gaststube, eine legt ihren Arm locker um die Schulter der anderen
Bildinfo: Die beiden Gruppenleiterinnen Monika Jank und Elisabeth Bernoth im Gasthaus Graf in St. Pölten, wo die Treffen der Selbsthilfegruppe stattfinden © BSVWNB/Astrid Glatz

„Es baut mich selbst auf“

Elisabeth Bernoth und Monika Jank leiten die BSVWNB Selbsthilfegruppe im Raum St. Pölten. Sie bringen Menschen zusammen und wachsen selber daran.

Über einer Tasse Espresso und einer Melange stecken zwei adrette Damen die Köpfe zusammen. Mit ihrem verschmitzten Lächeln und ihrer offenen Ausstrahlung sind die beiden nicht zu übersehen. Elisabeth Bernoth und Monika Jank sind engagiert und empathisch. Man spürt es, wenn man mit ihnen redet. Sie lachen und erzählen gerne. Und versprühen dabei Charme und eine lebensbejahende Einstellung.
 
Es ist nicht das erste Mal, dass sie im Gasthaus Graf in St. Pölten sitzen, gerade einmal drei Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Doch normalerweise befinden sie sich in einer größeren Runde, denn die monatlichen Treffen der Selbsthilfegruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbandes finden hier statt.

Vielleicht ist ihre kommunikative Art ihr Erfolgsrezept, denn bereits seit mehr als vier Jahren leiten die beiden erfolgreich die Selbsthilfegruppe im Raum St. Pölten. In dieser Zeit ist die Gruppe stark gewachsen. Anfangs mit nur 10 bis 15 Teilnehmenden, stieg die Zahl zum letztjährigen Weihnachtstreffen auf 42 feiernde Personen an!

Die beiden Leiterinnen halten die Gruppe im Kern zusammen und bemühen sich aktiv um ihre Mitglieder. Viele Interessierte seien am Anfang scheu. Doch Monika Jank und Elisabeth Bernoth gehen einfühlsam auf die Bedenken ein:

„Hier haben alle eine Sehbehinderung. Wir sagen ihnen dann, hier kannst du mit anderen Menschen Kontakt haben. Du wirst dann diese Angst abbauen. Und es wird besser werden.“

Dass mit dem Verlust des Sehvermögens Ängste einhergehen können, hat Monika Jank selbst erlebt. Im jungen Alter von 14 Jahren erkrankte sie an Tuberkulose. Die Ärzte erkannten nicht, dass sie gleichzeitig an Meningitis litt. Am rechten Auge war sie damals bereits blind, und am linken Auge sah sie kaum noch etwas, lediglich hell und dunkel konnte sie noch voneinander unterscheiden. Als sich ihre Netzhaut schließlich im Alter von 42 Jahren ablöste, nahm ihr der Arzt die Hoffnung, dass ihr Sehnerv jemals besser funktionieren würde. Monika Jank war geschockt über diese Endgültigkeit, eineinhalb Jahre kämpfte sie sich zurück ins Leben.

Sie begann eine Ausbildung zur Heilmasseurin und stieg dann in den Beruf der Telefonistin bei der Landesregierung Niederösterreich ein. „Arbeiten vertreibt den Schmerz“, sagte sie sich damals. Doch das stimmte nicht ganz. Denn oft musste sie ihre Trauer überspielen. Wenn sie zum Beispiel in der Arbeit an einem Schreibtisch anstieß, spielte sie das vermeintliche Missgeschick humorvoll herunter: „Der steht doch ganz komisch herum.“ Doch der Schmerz brach eines Tages unvermittelt aus ihr heraus, sie brach zusammen und weinte stundenlang. Schließlich musste sie in Krankenstand gehen und kämpfte um die Frühpension.

Auch Elisabeth Bernoth erfuhr, was es bedeutet, das Sehvermögen zu verlieren. Sie hat Malattia Levantinese, eine besonders aggressive Form der Makuladegeneration. Mit dem 30. Lebensjahr brach die genetisch vererbbare Erkrankung bei ihr aus. Langsam verschlechterte sich die Sicht, bis ihr im Alter von 50 Jahren nur noch 12 % Sehvermögen blieben. Eine Bekannte nahm sie schließlich zum Blinden- und Sehbehindertenverband mit, wo sie Unterstützung fand und mit der Sozialberaterin Gerda Wallner in Kontakt kam. Elisabeth Bernoth arbeitete weiter: In der Gastronomie, dann in der Behindertenbetreuung. Mittlerweile ist auch die 54-Jährige im verdienten Ruhestand.

Die Pension war sowohl für Monika Jank als auch für Elisabeth Bernoth ein Wendepunkt und der Startschuss für eine neue sinnstiftende Aufgabe. Sie beide waren schon jahrelang Mitglieder beim Blinden- und Sehbehindertenverband und wurden von Gerda Wallner bei verschiedensten Anliegen tatkräftig unterstützt. Eines Tages fragte die Sozialberaterin Elisabeth Bernoth, ob sie sich vorstellen könne, die Selbsthilfegruppe zu leiten. Eine intuitive Entscheidung, die genau richtig war, denn zu dem Zeitpunkt war die Gruppe nicht sehr aktiv. „Das kann ich schon machen, aber nur zu zweit. Denn was, wenn ich mal krank wäre“, sagte Elisabeth Bernoth. So kam Monika Jank dazu.

„Am 30. September 2014 war unser gemeinsamer Gründungstag“, erinnert sich diese stolz. „Das weiß ich ganz genau. Denn ich wollte es nur bis zum Dezember machen und dann wieder aufhören. Doch nun bin ich immer noch dabei.“ Anfangs konnte sie sich nicht vorstellen, dass so viele Menschen Interesse an den gemeinsamen Aktivitäten hätten. Doch nach dem ersten Regionaltreffen war ihr Kampfgeist geweckt:

„Wir waren in St. Pölten, doch hier trifft man kaum blinde Menschen auf der Straße. Vielleicht einen oder zwei. Jeder versteckt sich zuhause!“

Da beschlossen die beiden Frauen, dass sie etwas ändern wollten. Und das ging nur, wenn sie die Gruppe aktiv bewerben würden. Gesagt, getan – und ihre Bestrebungen zeigten Wirkung, denn immer mehr Menschen begeisterten sich für die Selbsthilfegruppe.

Seitdem sie die Leitung übernommen haben, hat sich einiges für sie verändert. Monika Jank konnte endlich ihren Schmerz über ihre Sehbehinderung ablegen. Sie wirkt sichtlich befreit, fühlt sich selbstsicher und stark. Auch Elisabeth Bernoth ist wieder stark geworden, die Freude der Gruppe baut sie selbst auf. Dieses Gefühl strahlen die beiden auch aus, es wirkt um sie herum und auf die Gruppe ein: „Viele sind befreiter im Umgang, weil alle dasselbe haben. Oft fragen die Teilnehmenden, ob wir auch bei den Ausflügen dabei sind. Das gibt ihnen Sicherheit“.

Wenn man mit Elisabeth Bernoth und Monika Jank spricht, hört man Zuversicht, Stolz und auch Erleichterung heraus. Sie haben eine Lebensreise hinter sich, die nicht immer einfach war, und die zu innerer Stärke geführt hat. „Selbsthilfegruppen stehen und fallen mit den Leitern“, sagt die Sozialarbeiterin Gerda Wallner. Es braucht Personen, die es verstehen Menschen zusammen zu führen, und dennoch jedem seinen Platz zu lassen. Elisabeth Bernoth und Monika Jank scheinen genau das zu wissen.

Monat für Monat freuen sich die beiden energiegeladenen Frauen auf die gemeinsamen Treffen der Selbsthilfegruppe. Sie planen und ihre Überlegungen reifen zu Ausflügen heran. Ihre Gespräche werden zu Begegnungen, die altbekannte und neue Menschen ins Gasthaus Graf nach St. Pölten führen. Ihr Geheimrezept? „Gemeinsam sind wir stark“, sagen sie und lächeln. Es ist ein Lächeln, das Herzen berührt und Menschen bewegt.

Lesen Sie mehr über die regionalen Selbsthilfegruppen des BSVWNB!

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