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Portraits
Eine Frau mit weißem Stock in der Hand ertastet mit der anderen Hand lächelnd die Rinde an einem Baumstamm in einem begrünten Hof, ihr Kopf ist nach oben gerichtet.
Bildinfo: Auch in der Stadt lässt sich die Natur genießen, so Eva Papst. © BSVWNB/Ursula Müller

„Geschrieben habe ich schon immer“

Ein Gedicht zum Geburtstag, kurze Krimis, frühe Liebesgedichte, vielfältige Texte für die eigene Homepage und natürlich Artikel für den Braille Report. Schreiben ist vielleicht die wichtigste Nebensache im Leben von Eva Papst, die seit über 30 Jahren dem Redaktionsteam der Zeitschrift des Blindenverbands WNB angehört.

Wieder Zeit für geliebte Hobbys

Ein halbfertiger Schal mit einem komplizierten Strickmuster liegt auf der Wohnzimmercouch, als wir uns in der Wohnung von Eva Papst zum Interview treffen. Früher strickte sie viel, Westen und Pullis. Doch als die Schulter zu schmerzen begann, legte sie die Handarbeit weg, um fit für den Job und die Arbeit am Computer zu bleiben. Jetzt, nach einem langen Arbeitsleben und als glückliche Pensionistin, kann sie dieser Leidenschaft wieder nachgehen. „Ich stricke sehr, sehr gerne. Du konzentrierst dich ganz auf das Jetzt. Nicht darauf, was du alles tun musst, was gestern war oder morgen sein wird. Es hat etwas Meditatives.“

Erlernt hat Eva Papst diese Fertigkeit am Bundesblindenerziehungsinstitut (BBI) in Wien. Die Handarbeitslehrerin bringt den blinden und sehbehinderten Kindern nicht nur das Stricken bei, sondern auch Nähen und die Knüpftechnik Makramee. Auch zuhause wird immer wieder zu den Nadeln gegriffen. Die Mutter näht die Kleider für Evas Puppen und fertigt Kunststrickereien an. „Ich wollte dann auch so zarte Sterne stricken wie meine Mama und sie hat gemeint, ich soll es halt probieren. Sie hat mir die Musterschrift diktiert und so habe ich auch meinen Stern gestrickt.“

Eva kommt mit einer erblich bedingten und unheilbaren Netzhauterkrankung zur Welt, die bei ihr später, im Alter von 20 Jahren, zur Erblindung führt.  Das Mädchen wächst in Hofstetten in Niederösterreich auf, die Marktgemeinde liegt direkt an der Mariazeller Bahn. Die Mutter verdient als Fabriksarbeiterin ihr Geld. Der Vater ist bei der Eisenbahn beschäftigt und engagiert sich im Gemeinderat.

„Ich denke, dass meine Eltern mit dem behinderten Kind am Anfang überfordert waren. Heute gehst du zu einer Beratungsstelle, aber damals hat es überhaupt nichts gegeben und am Land war es sowieso schwierig, ein behindertes Kind zu haben.“

Im Alter von sieben Jahren kommt Eva ins Internat und verbringt ihre Schulzeit am BBI in Wien. „Ich habe eigentlich nicht darunter gelitten, dass ich von den Eltern getrennt war. Vielleicht lag es daran, dass ich plötzlich viele Spielkameraden und viele Spielsachen hatte. Wir hatten einen großen Garten, es gab Baukästen und ich konnte Rollschuh fahren. Außerdem habe ich jedes zweite Wochenende daheim verbracht. Gelitten habe ich erst später, erst in der Pubertät, weil es im Internat überhaupt keine Privatsphäre gab, keinen Ort wo man sich zurückziehen und allein sein konnte.“

Ein abwechslungsreiches Berufsleben

Viel später, nach jahrelanger beruflicher Tätigkeit am Landesgericht für Strafsachen sowie in der Bank Austria kehrt Eva Papst 1993 ans BBI zurück. Als sie gefragt wird, ob sie sich als Verlags- und Druckereileiterin bewerben möchte, überlegt sie hin und her. Immerhin wird sie um ein Drittel weniger verdienen als bisher und die Arbeit in der Bank ist spannend und abwechslungsreich. Aber sie ist offen für eine neue Herausforderung, bewirbt sich und erhält den Job. „Weil ich immer schon bibliophil war, weil ich eine Leseratte bin, hat es mich gereizt, in der Buchproduktion mitzuarbeiten. Aber wir haben dann immer weniger Bücher produziert, die meisten Bücher in Braille Schrift haben wir aus Deutschland bekommen.“


Immer wichtiger hingegen wird die Beratungstätigkeit. Private Personen wie auch jene von öffentlichen Institutionen treten an die Leiterin heran und wollen wissen, wie eine Website gestaltet sein muss, damit sie auch von Menschen, die blind sind, benützt werden kann. Oder wie Werke des Kunsthistorischen Museums beschrieben sein müssen, damit die Bildbeschreibungen für ein Publikum, das die Bilder nicht sieht, möglichst aussagekräftig sind. In der Druckerei des BBI werden neben einigen Büchern tastbare Pläne erzeugt und gängige Schülerzeitschriften für blinde Kinder hergestellt. Die Leiterin ist mit Korrekturlesen beschäftigt, führt viele Gespräche, organisiert Workshops zum Thema barrierefreies Internet und ist für den reibungslosen Ablauf im Verlag und in der Druckerei zuständig. Diese Tätigkeiten machen ihr sehr viel Freude. Allerdings: „Wenn ich am BBI nicht in der Schule gewesen wäre, hätte ich diesen Job wahrscheinlich nicht gemacht. Denn bei meiner Arbeit in der Bank hat es immer wieder neue Aufgaben für mich gegeben.“ Hinzu kommt, dass ihr unmittelbarer Vorgesetzter in der Bank ganz unbefangen mit ihr umgeht. „Ich bin dem Hans sehr dankbar, er hat mich gefordert und gefördert. Und wenn ich einen Fehler gemacht habe, hat er mich hart drangenommen. So wie es sein soll. Da war ich eine Kollegin unter all den anderen und nicht ein Sonderfall, der mitleidig und nachsichtig behandelt wird.“

Die Poldi Tant‘

Diesen direkten, selbstverständlichen Umgang erlebt Eva Papst schon sehr früh. Da die Mutter in der Fabrik arbeitet und es der Oma zu viel wird, auf die Enkeltochter aufzupassen, kommt die Vierjährige zu einer Tagesmutter im Ort. „Die Poldi Tant‘ hat mich überallhin mitgenommen und sie hat mich immer mittun und mithelfen lassen. Ich hatte nie das Gefühl, nicht willkommen zu sein oder nicht dazu zu gehören“, erinnert sich Eva Papst.

„Meine Tagesmutter hatte Kinderlähmung gehabt und hatte eine verkrüppelte Hand. Sie wusste genau, wie schwer es eine Frau mit einer Behinderung am Land hat. Und sie hat mir etwas ganz Wichtiges vermittelt: ‚Hilf dir selbst und lerne mit deiner Behinderung umzugehen.‘ Diesen Grundstein hat sie bei mir gelegt.“

Die kleine Eva fühlt sich bei der Poldi Tant‘ sehr wohl, sie fühlt sich respektiert und ernstgenommen. Die Jahre bei der Tagesmutter legen auch den Grundstein für eine enge, freundschaftliche Verbindung. „Ich hatte immer Kontakt mit ihr, bis zu ihrem Tod im Jahr 2016. Ich habe sie regelmäßig besucht, zuerst zuhause, später im Altersheim.“

Auch in der Familie darf Eva vieles ausprobieren und sie wird gefordert. Die Mutter bringt ihr bei, wie man einen Haushalt führt und als Jugendliche hilft Eva mit, ihre alte und demenzkranke Oma zu versorgen. „Meine Mama hat mich nicht so richtig zum Arbeiten eingespannt, aber es war ihr wichtig, dass ich kochen und putzen lerne.“ Die Mutter fördert ihr Kind und animiert ihre talentierte Tochter Gedichte zu schreiben, die bei Geburtstagsfeiern vorgetragen oder den Jubilaren geschenkt werden. Schreiben bleibt für Eva Papst wichtig. Wenn ihr etwas nahe geht, wenn sie etwas berührt oder belastet, drückt sie es in Worten aus. Sie belegt bei der Goethe Akademie in Frankfurt einen Fernkurs für Kreatives Schreiben und ist fest davon überzeugt, dass sie auch in Zukunft schreiben werde.

Evas Mutter beweist Humor und Courage, wenn hinter scheinbar mitfühlenden Worten die Gehässigkeit und Dummheit mancher Dorfbewohner spürbar wird oder wenn Nachbarinnen das sehbehinderte Mädchen unverhohlen angaffen. „Wir waren wieder einmal im Dorf unterwegs und meine Mutter hat mich schon vor den Nachbarsfrauen gewarnt. Wie wir dann an ihnen vorbeikommen, fordert sie mich auf, stehenzubleiben und mich umzudrehen. Einige Augenblicke später sagt sie zu den beiden: ‚Na, haben Sie die Eva genug angestarrt? Können wir jetzt weitergehen?‘ Ich war damals eine Jugendliche und habe mich diebisch gefreut. Ich habe erst viel später begriffen, wie mutig meine Mutter war, dass sie sich getraut hat in einem kleinen Dorf so zu reagieren. Sie hat denen Paroli geboten, dann war eine Ruh‘.“


Auf eigenen Füßen stehen

Nachdem Eva ihren Schulabschluss am BBI gemacht hat, geht sie auf Arbeitssuche, stellt sich beim Landesgericht für Strafsachen vor und wird genommen. Sie schreibt Gerichts- und Vernehmungsprotokolle, Urteile und Beschlüsse. Damals alles mit der Schreibmaschine und vom Tonband. Die Arbeit ist mühsam, aber es ist für sie spannend, mit den dunklen Seiten der menschlichen Existenz in Berührung zu kommen. Zu erleben, wie unterschiedlich Straftaten geahndet werden und mit den Leuten, die am Gericht arbeiten, zu tun zu haben. „Ich war sieben Jahre dort, es war eine sehr interessante Tätigkeit. Ich hatte viel mit Akademikern zu tun, mit Richtern und Staatsanwälten. Sie haben sich über viele verschiedene Themen unterhalten, und da habe ich gemerkt, dass ich eigentlich wenig Allgemeinbildung besitze.“

Die junge Gerichtsstenografin will es nicht dabei belassen und fasst den Plan, die Matura zu machen. Um die private Maturaschule besuchen zu können, braucht sie einen Halbtagsjob. Den gibt es am Straflandesgericht nicht. So wechselt sie zur Bank Austria, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Die Eltern unterstützen die Tochter nach Kräften. Sie können zwar finanziell wenig beitragen, besuchen sie aber regelmäßig in Wien, bringen Lebensmittel mit und verbringen Zeit mit ihr. Für diesen elterlichen Rückhalt, für ihr liebevolles Elternhaus ist Eva Papst sehr dankbar. „Ich habe mich von meinen Eltern immer akzeptiert gefühlt. Ich hatte nie den Eindruck, dass sie sich meiner geschämt hätten. Das ist ja bei vielen Leuten der Fall und gerade am Land ist es nicht leicht, sich nicht zu schämen. Mein Elternhaus war immer mein Rückhalt, ich hab‘ immer gewusst, egal was kommt, egal wie schlimm es wird, ich kann immer dort hingehen. Das hat sich später in der Partnerschaft fortgesetzt. Da habe ich auch immer gewusst, wenn es mir nicht gut geht, daheim geht es mir gut. Das macht viel aus. Denn so kann man Rückschläge und Niederlagen leichter ertragen und Probleme besser lösen. Denn Schwierigkeiten hat jeder Mensch.“

Eva Papst lernt ihren späteren Mann Hannes beim Chorsingen kennen, doch die beiden sind sich erst viele Jahre später in einer Ballnacht nähergekommen. Das Paar reist sehr gerne und pflegt Freundschaften. Es teilt sich die Aufgaben im Haushalt partnerschaftlich und unterstützt sich gegenseitig. Wenn man sie gemeinsam erlebt, spürt man, wie viel Wertschätzung sie einander entgegenbringen. Respekt und Rücksichtnahme, davon sind sie überzeugt, würden wesentlich zum guten Gelingen einer Paarbeziehung beitragen. Auch wenn vieles für einen blinden Menschen mit Schwierigkeiten verbunden ist, sei es im Alltag, im Berufsleben, bei der Ausbildung, beim Reisen oder bei der Freizeitgestaltung, führt Eva Papst ein intensives und abwechslungsreiches Leben. Ihre Homepage Aus meiner Feder spiegelt dies auf lebendige und eindrückliche Weise wider.

Portrait übernommen aus dem aktuellen Braille Report

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