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Portraits

Eine junge Frau mit Sonnenbrille und zusammengebundenen schwarzen Haaren vor einem Blumenbeet auf einem öffentlichen Platz.
Bildinfo: Die junge Ukrainerin Tetiana Suprun hat in St. Pölten ein neues Zuhause gefunden, nachdem sie nach Kriegsbeginn mit einem Teil der Familie geflüchtet ist. © BSVWNB/Ursula Müller

„Hier fühle ich mich nicht beeinträchtigt.“

Tetiana Suprun, die in Saporischja in der Ukraine gelebt hat, ist 2022 nach Österreich geflohen. Wir haben die junge Frau in St. Pölten zum Gespräch getroffen.

Tetiana Suprun im Interview

Sie leben mit Ihrer Mutter, Ihrer Oma und Ihren beiden Geschwistern, die elf und 15 Jahre alt sind, und mit Ihrem Hund in einer Unterkunft der Caritas in St. Pölten. Wie schaut Ihr Alltag in Österreich aus?

Ich helfe meiner Mama beim Aufräumen, Wäsche waschen und Kochen und telefoniere regelmäßig mit Freund:innen. Ich mache auch ein Stocktraining, ich lerne also, mit dem Langstock zu gehen. Außerdem mache ich einen Deutschkurs. Am Abend gehen wir oft spazieren, im Sommer sind wir manchmal im Schwimmbad oder wir sitzen zusammen und trinken Kaffee. Leider sind mein Mann und mein Stiefvater noch in der Ukraine, die Männer dürfen das Land nicht verlassen. Es wäre so schön, wenn sie auch nach Österreich kommen könnten.

Sie sind aufgrund einer Diabetes Erkrankung erblindet. Wie haben Sie in Österreich zum Blinden- und Sehbehindertenverband (BSV WNB) gefunden?

Ein Herr, er heißt Roman, hat mit mir Deutsch gelernt. Er hat das ehrenamtlich gemacht und hat Unterlagen vorbereitet, aber ich konnte sie nicht lesen, da ich ja blind bin. Er hat sich dann schlaugemacht und mir die Nummer vom Blinden- und Sehbehindertenverband gegeben. Dort habe ich angerufen.

Wie ist es weitergegangen? Haben Sie Angebote des BSV WNB genutzt?

Ja, viele! Der Blinden- und Sehbehindertenverband hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen. Vor allem beim Training für Orientierung und Mobilität. Ich habe gelernt, Stiegen zu steigen und Straßen zu überqueren, mich am Bahnhof und in Geschäften zu orientieren. Ich bin dadurch viel selbstständiger geworden. Ich werde auch einen Deutschkurs beim BSV WNB machen und vielleicht auch Braille Schrift lernen. Außerdem hat Frau Vasyliv von der Arbeitsassistenz mit mir den Behindertenpass beantragt. Sie unterstützt mich bei Amtswegen und Arztbesuchen und übersetzt, denn mein Deutsch ist noch nicht so gut und sie spricht ja Ukrainisch.

Auch bei unserem Gespräch in St. Pölten ist Maria Vasyliv dankenswerterweise dabei und übersetzt die Fragen und Antworten. Ansonsten wäre dieses Interview nicht möglich gewesen.   

Ja, vielen Dank an Maria! Sie ist für mich eine ganz große Hilfe, wie überhaupt der Blinden- und Sehbehindertenverband. Ich fühle mich hier nicht so, als ob ich eine Behinderung hätte. Ich fühle mich hier nicht beeinträchtigt.


Sie haben vor dem Krieg und vor Ihrer Flucht in Saporischja gelebt, zusammen mit Ihrem Mann. Wie hat Ihr Alltag zuhause ausgesehen?

Ich habe die Hausarbeiten erledigt, die Waschmaschine bedient, gekocht und geputzt. Und ich habe versucht, mir selbst beizubringen, mit dem Langstock zu gehen. In der Ukraine gibt es schon einen Blinden- und Sehbehindertenverband, aber es gibt viel weniger Hilfsangebote als hier. Man ist auf einer Warteliste und es kann lange dauern, bis man ein Training oder eine Unterstützung bekommt. Und es ist ganz, ganz schwierig, eine Arbeit zu finden, wenn man blind ist. Es ist nicht so wie hier, wo es die Berufliche Assistenz gibt, die bei der Arbeitssuche unterstützt.

Seit Sie drei Jahre alt sind, bekommen Sie Insulin verabreicht. Sie sind im Jahr 2018 aufgrund Ihrer Diabetes Erkrankung erblindet. Sie waren damals 22 Jahre alt.

Zwei Jahre davor habe ich bemerkt, dass ich schlechter und schlechter sehe. Die Ärzt:innen haben noch versucht, mein restliches Sehvermögen zu erhalten. Aber vergeblich. 2018 bin ich erblindet. Aber davor hatte ich kaum Probleme. Ich habe eine Regelschule besucht. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung für Mode und Design abgeschlossen und in verschiedenen Geschäften gearbeitet, im Verkauf und als Dekorateurin für Schaufenster. Meine Mama und ich wollten uns mit einem Kiosk selbstständig machen, doch diesen Plan mussten wir leider aufgeben, weil ich erblindet bin.

Sie waren noch sehr jung, als Sie erblindet sind. Es muss für Sie ein großer Schock gewesen sein.

Mein Papa hatte auch Diabetes, er ist leider schon im Jahr 2001 verstorben. Auch er ist aufgrund von Diabetes erblindet. Also, das war für mich nichts Neues. Ich wusste, dass es auch mich treffen würde, allerdings hätte ich nicht gedacht, dass es so früh sein würde.

Was hat Ihnen geholfen, mit der neuen Situation zurecht zu kommen?

Ich habe damals gesehen, dass meine Mama meinen Papa nicht verlassen hat, wie er erblindet ist und wie es sehr schwierig geworden ist. Ich war mir sicher, dass ich von meiner Mutter nicht im Stich gelassen werde und dass sie mich unterstützen wird.


Sie sind ein großer Fan der Band Rammstein.

Ja, das ist meine Lieblingsgruppe. (Tetiana lacht freudig auf.) Ich bin eigentlich indirekt über meinen Papa zu dieser Musik gekommen. Er hat oft die Rolling Stones und AC/DC gehört, das hat mich geprägt. Schon früh, so um 2003 habe ich zum ersten Mal Songs von Rammstein im Radio gehört. Später dann, wie ich so zwölf oder dreizehn Jahre alt war, habe ich angefangen, mich für diese Musik zu interessieren. Ich habe mehr und mehr Lieder von ihnen angehört und bin ein ganz großer Fan von ihnen geworden. Ich habe viele Lieblingslieder, aber Ohne Dich ist mein absolutes Lieblingslied. Früher habe ich die Songs angehört, aber nichts verstanden. Jetzt wo ich Deutsch lerne, verstehe ich auch die Texte.

Was spricht Sie bei diesen Songs besonders an, was macht Sie zu einem großen Fan dieser Band?

Ganz gleich in welcher Stimmung ich gerade bin, diese Lieder fangen mich immer auf. Ich höre diese Musik, wenn ich traurig bin und ich fühle mich verstanden. Ich höre sie auch, wenn ich glücklich bin und bin dann noch glücklicher. Also diese Musik passt für mich immer. Und die Stimme von Lindemann ist richtig gut. Der Rhythmus ist richtig gut. Diese Musik spiegelt auch meinen Charakter wider. Manchmal heftig und aufbrausend, manchmal ruhig und zurückhaltend.


Einmal ein Konzert von Rammstein zu besuchen, zählte zu Ihren ganz großen Wünschen und Träumen. Im Alter von 15 Jahren haben Sie es schon einmal versucht. Sie hatten Karten für das Konzert in Kiev, waren aber zu jung und wurden nicht hineingelassen. Man kann sich vorstellen, wie enttäuscht Sie waren. Heuer im Sommer hat sich in Wien eine zweite Chance geboten. Die Karten sind allerdings sehr teuer und wären für Sie nicht leistbar gewesen. Eine Spende machte es möglich. Im Juli waren Sie beim Konzert von Rammstein.

Was soll ich sagen? Ich war der glücklichste Mensch auf Erden! Endlich hat sich mein Traum erfüllt. Und alle meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Es war wunderbar, die Lieder einmal live zu hören und bei den Songs mitzusingen, die ich kenne. Die ganze Atmosphäre war großartig, all das zu spüren und dabei sein zu können war einfach wunderbar. Und ganz besonders schön für mich war, dass ich dieses Konzert mit anderen zusammen erleben konnte. Jene Dame, die die Karten gespendet hat, war mit ihrem Sohn auch dabei. Das hat mich so gefreut, ich habe mich mit ihnen so wohl gefühlt.

Gegen Till Lindemann, den Sänger von Rammstein, hat es von Seiten weiblicher Fans schwere Vorwürfe gegeben. Es ging um mutmaßliche sexuelle Übergriffe. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen inzwischen eingestellt, da die Vorwürfe nicht bewiesen werden konnten. Was bedeutet dies für Sie als Fan?

Ich weiß nicht, was ich von diesen Vorwürfen halten sollte. Ich kenne seine Biografie und er hat auch viele Fans in der Ukraine. Ich kann nicht so recht glauben, dass an den Vorwürfen etwas dran ist.


Sie sind ein großer Musikfan. Was machen Sie noch gerne in Ihrer Freizeit?

Ich gehe mit meinen Geschwistern und meiner Mama manchmal ins Schwimmbad. Und wenn wir dort sind, springe ich auch vom Turm, das gefällt mir. Ich würde auch gerne einmal Fallschirmspringen. (Lacht) Ich mag den Nervenkitzel. Und sonst? Ich koche gerne und möchte auch noch besser kochen lernen. Eigentlich würde ich gern Köchin werden, aber das geht halt nicht, weil ich blind bin.

Welche Wünsche und Pläne haben Sie für die Zukunft?

Am allermeisten wünsche ich mir, dass auch mein Mann und mein Stiefvater hierher kommen können. Wir ukrainische Frauen verstehen zwar vom Kopf her, dass die Männer jetzt in der Ukraine sein müssen, aber es ist für uns sehr schmerzlich. Es tut im Herzen weh, dass die geliebte Person nicht da ist. Ich möchte gut Deutsch lernen, damit ich auch arbeiten kann. Ich habe keine Angst davor, zu arbeiten, ich würde den Job machen, den es für mich gibt.

Danke für das Gespräch!
Danke auch an Maria Vasyliv für das Übersetzen.

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