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Portraits

Eine Frau mit zusammengebundenen blonden Haaren und warmer violetter Jacke steht inmitten von blühenden Blumen eines Blumenmarkts.
Bildinfo: Burgi Bänder, die gebürtige Tirolerin, lebt schon lange in Wien. © BSVWNB/Ursula Müller

„Ich bin die Schreiberin“

Das stellt Burgi Bänder, Obmann-Stellvertreterin des Blinden- und Sehbehindertenverbands WNB, immer wieder unter Beweis. Bei vielen Sitzungen verfasst sie die Protokolle.

„Ich liebe es, Protokolle zu schreiben“, sagt die gebürtige Tirolerin, die schon lange in Wien lebt. „Ich bin keine Rednerin, das war ich nie. Es gibt Leut, die reden und es gibt Leut, die schreiben. Es gibt aber viel mehr Leut, die reden als jene, die schreiben.“ (Lacht)

Ein Portrait über Burgi Bänder

Schon lange arbeitet Burgi Bänder ehrenamtlich im Blinden- und Sehbehindertenverband mit. Gemeinsam mit dem Obmann, seinem ersten Stellvertreter sowie dem Geschäftsführer werden die Sitzungen vorbereitet. „Wir besprechen wichtige und aktuelle Themen, die Menschen betreffen, die blind oder sehbehindert sind. Wir erstellen die Tagesordnung für die Leitungssitzung, die zehn Mal im Jahr stattfindet. Im Juli und August ist Sommerpause. Die Sitzungen können vor Ort stattfinden, aber auch virtuell. Und daran nehmen auch Leitungsmitglieder aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland teil. Insgesamt sind wir um die 17 Leute.“

Es sei ihr ein großes Anliegen, etwas für Menschen zu tun, die blind oder sehbehindert sind. Menschen, die ihr bereits ein Leben lang vertraut sind. Der Vater ist blind, die Mutter und Oma haben den Grauen Star und auch Burgi kommt mit dem Grauen Star auf die Welt. Sie wird mit sechs Monaten auf einem und mit neun Monaten auf dem anderen Auge operiert. Als Folge entwickelt sich schon früh der Grüne Star, oder Glaukom. In der Familie ist nur Maria, die um zwei Jahre jüngere Schwester, normalsichtig. Burgi Bänder, 1965 in Hall in Tirol geboren, wächst in Innsbruck auf. „Wir haben von unserer Wohnung aufs Goldene Dachl geschaut.“ Burgi besucht die Regelschule, sitzt immer ganz vorne, um auch lesen zu können, was auf der Tafel steht. Schon in der Schule habe sie gern geschrieben. „Beim Aufsatz schreiben war ich immer schon spitzenmäßig. Rechnen kann ich nicht so gut. (Lacht) Das übernimmt mein Mann, der kann das perfekt.“

Burgi Bänder schreibt aber nicht nur Protokolle bei diversen Sitzungen im Blinden- und Sehbehindertenverband, sie ist auch im Redaktionsteam des Braille Report und hat zwei Broschüren zum Thema Glaukom herausgegeben. Auch auf ihrer Homepage informiert sie über den Grünen Star und beantwortet per E-Mail Anfragen zu diesem Thema. Ihre persönlichen Erfahrungen hat sie in ihrem Buch Glaukom bestimmt mein Leben verarbeitet.

„Ich hatte eine Phase, wo ich ganz viel geschrieben habe. Nicht nur über mein Leben mit dem Grünen Star. Ich hab‘ mir auch Geschichten ausgedacht und dann die Bücher binden lassen. Nur für mich privat.“

Auf diese Weise entstehen knapp zehn Bücher. Damals sei das für sie sehr wichtig gewesen. Heute schreibe sie Protokolle, sagt sie lachend. „Die Zeiten ändern sich und die Interessen verlagern sich.“

Eines ist jedoch geblieben. Tagebuch führt Burgi Bänder seit ihrem 15. Lebensjahr. Viele Jahre schreibt sie mit der Hand, heute macht sie ihre Journaleinträge am PC. Sie schreibt immer dann, wenn etwas Wichtiges, etwas Einschneidendes in ihrem Leben passiert. So wie unlängst der Tod ihrer Tauf- und Firmpatin, zu der sie ein inniges Verhältnis hatte. Die Patin war ebenfalls sehbehindert und eine vertraute Freundin der Mutter. Da sie nicht weiß, wie sich ihr Sehvermögen entwickeln wird und ob sie auch später noch in ihren Tagebüchern lesen können wird, entschließt sie sich, alle Einträge seit dem Jahr 1980 auf den PC zu übertragen und als Textdokumente zu speichern.


Burgis Eltern lernen sich in der Blindenschule in Innsbruck kennen. Ihr Vater erblindet im Alter von 18 Jahren, als er bei einer Hochzeit Böller schießt, strauchelt, hinfällt und der Böller vor ihm explodiert. Es ist ein Wunder, dass er den Unfall überlebt. „Er war lange im Koma. Später hat er oft erzählt, dass er einen Vorhang berührt hat und dass er eigentlich durch den Vorhang hindurch wollte. Dass er aber wieder zurück ins Leben gerissen worden ist.“ Der Vater stammt von einer Bergbauernfamilie in der Nähe von Bozen und da es zu der Zeit in Südtirol keine Blindenschule gibt, kommt der junge Mann nach Innsbruck. Dort lernt er seine spätere Frau kennen, die für die Schülerinnen und Schüler kocht. Burgis Vater wird Telefonist in der Universität Innsbruck und das Paar bekommt zwei Kinder. Beide Eltern sind musikalisch. Der Vater spielt Ziehharmonika, die Mutter Zither, die beiden Töchter Flöte. Zuhause wird die Volksmusik gepflegt.

„Wir waren ein richtiges Musikquartett. Wenn’s uns gfreut hat, haben wir miteinander musiziert. Ohne Anlass, nur für uns, einfach weil‘s uns getaugt hat. Wir haben alles ohne Noten gespielt, nur nach dem Gehör.“

Von der Mutter erlernt die Tochter Zither zu spielen. Und als die Eltern von einem Bekannten ein Klavier geschenkt bekommen, will das zehnjährige Mädchen unbedingt auch dieses Instrument erlernen. Fünf Jahre lang besucht Burgi in Innsbruck das Konservatorium und lernt Klavier. Später greift sie auch noch zur Gitarre.

Die Sommerferien verbringen die beiden Schwestern Burgi und Maria immer bei den Großeltern hoch oben am Berg in Südtirol. „Wir haben uns immer schon drauf gfreut. In den ersten vier Wochen waren wir alleine dort, dann sind die Eltern nachgekommen und bis zum Ende der Schulferien mit uns geblieben.“ Die ganze Familie hilft im Stall und auf dem Feld mit. „Das war schon anstrengend, denn das Gelände war sehr steil, es wurde ja fast alles mit der Hand gemacht. Als Kind mit einem großen Rechen oder einer großen Heugabel zu arbeiten ist schon schwer.“ Die Großeltern sind Selbstversorger, bis zum nächsten Geschäft ist es ein zweistündiger Fußmarsch. Einmal im Monat gehen die Kinder in Begleitung der Erwachsenen mit einem großen Rucksack dorthin einkaufen. Gerne denkt die Wahlwienerin an diese Kindheitssommer zurück. „Die Großeltern, die Eltern vom Papa, haben wir sehr gern mögen. Wir waren sehr vertraut mit ihnen. Damals war meine Sehbehinderung noch gar kein Thema, aber da hab ich auch noch 70 Prozent gesehen.“


Erst viele Jahre später, Burgi Bänder arbeitet zu der Zeit als Telefonistin beim Bundesheer, verschlechtert sich ihr Sehvermögen stark. Im Jahr 1993 steigt der Augendruck extrem an, das rechte Auge kann nicht erhalten werden, sie erhält eine Augenprothese.

„Als dann auch das linke Auge gefährdet war, hat mir der Oberarzt empfohlen, in Pension zu gehen, um mein verbliebenes Auge zu retten. Das ist zum Glück gelungen.“

Burgi Bänder beginnt einige Zeit nach ihrer Berufsausbildung zur Telefonistin und Stenotypistin am Bundesblindeninstitut (BBI) in der General Körner Kaserne im 14. Wiener Gemeindebezirk zu arbeiten. Sie macht auch Nacht- und Wochenenddienste. Und diese Dienste sind besonders anstrengend, als 1991 die Jugoslawienkriege ausbrechen. „Es ist vorgekommen, dass wir 70 oder 80 Anrufe in der Nacht hatten, außerdem noch Faxnachrichten, die ich ebenfalls weiterleiten musste. Und wenn du 24 oder 36 Stunden durchgehend arbeitest, ist das schon sehr stressig und für die Augen bestimmt nicht gut. Also, das hat vermutlich auch dazu beigetragen, dass der Augendruck so angestiegen ist.“

Als Schülerin hat Burgi eigentlich andere Berufspläne, sie möchte gerne als Erzieherin für geistig behinderte Kinder arbeiten. Nach dem neunten Schuljahr stellt sie sich in einem Heim in Innsbruck vor. Doch dort erfährt sie, dass ihr Sehvermögen zu gering sei, um die Aufsichtspflicht zu erfüllen. Sie muss sich umorientieren und geht ans BBI nach Wien. Die damals Fünfzehnjährige wohnt im Internat und wird in den ersten Monaten von Heimweh geplagt. Doch mit der Zeit gewinnt sie Freundinnen und Freunde und fühlt sich auch in Wien zunehmend wohler. Nach ihrer dreijährigen Berufsausbildung entscheidet sie sich, in Wien zu bleiben. Sie sucht Arbeit, schreibt viele Bewerbungen, erhält immer wieder Absagen, bekommt aber schließlich den Job als Telefonistin in der Kaserne. Dort verliebt sie sich in einen jungen Mann, der als Mechaniker arbeitet. Nun muss sie ihn noch auf sich aufmerksam machen. „Ich hab dann bewusst ein paar Knöpfe bei der Telefonanlage verdreht, nur damit dieser Mechaniker wieder kommt. (Lacht) Als er dann zum dritten Mal kommen musste, ist er stutzig geworden. So hat’s begonnen.“


Viele Jahre später beschließt das Paar, spontan zu heiraten, denn 05/12/05 ist ein schönes Datum. Doch auch ein ernster Vorfall im Bekanntenkreis spielt eine Rolle. „Er durfte nicht zu ihr auf die Intensivstation, wo sie nach einem Unfall lag, und zwar, weil sie nicht verheiratet waren. Das haben wir als Anlass für unsere Hochzeit genommen.“

Auch wenn sie nicht erleben müssen, dass das Leben des geliebten Menschen in Gefahr ist, machen auch sie schwierige Erfahrungen. Burgi verliert ihr rechtes Auge. Und sie erleidet eine Fehlgeburt. Das Paar wünscht sich Kinder, zieht in eine größere Wohnung, wo auch Platz für ein Kinderzimmer ist. Aber dieser Wunsch erfüllt sich nicht.

„Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt, diese sogenannten Schicksalsschläge. Wir haben gemeinsam getrauert, das hat uns noch näher zusammengebracht. Mein Mann ist fest hinter mir gestanden. Auch am Anfang unserer Beziehung als es vonseiten seiner Mutter Widerstände gegeben hat. Sie hat zu ihm gesagt: ‚Was machst denn mit einer Sehbehinderten?!‘ Meiner ist felsenfest hinter mir gestanden.“

Später entspannt sich das Verhältnis völlig. Dazu trägt auch bei, dass die Schwiegertochter zehn Jahre lang hilft, die bettlägerige Schwiegermutter zu pflegen.

Seit knapp 20 Jahren fliegt das Paar im Februar auf die Malediven. Dort machen sie auf einer „kleinen feinen“ Insel Urlaub. „Die Insel ist so klein, dass du sie in zehn Minuten umrunden kannst. Dort wohnen wir in einem Bungalow. Ich hab viel Zeit zum Lesen und Häkeln. Ich mach Aufnahmen vom Möwengeschrei und der Brandung. Mein Mann schnorchelt gerne. Ich sehe dafür zu wenig. Aber ich steh ganz still hüfttief im Wasser und beobachte die kleinen Haie und Rochen und andere Fische. Ich muss reglos stehen, dann kommen sie her. Sobald ich mich bewege, sind sie weg. Das ist für mich spektakulär.“ Während der Pandemie verbringen die beiden ihren Urlaub daheim in Strebersdorf, aber im kommenden Jahr soll es wieder auf die Malediven gehen.


Es ist Burgi Bänder wichtig, mit oder trotz Sehbehinderung, selbstständig zu sein und die Dinge des täglichen Lebens eigenständig zu machen. Auch wenn ihr Mann sie gerne mit dem Auto führen würde, benützt sie lieber die öffentlichen Verkehrsmittel und geht allein Laufen oder ins Fitness Center. Aber mindestens genauso wichtig ist es ihr, mit ihrem Mann etwas zu unternehmen, sich gemeinsam zu freuen oder zu trauern, gemeinsam das Alltägliche, das Schwere und Schöne zu teilen.

Wer sich über Glaukom und Augenprothesen informieren möchte oder Fragen an Burgi Bänder hat, kann dies über die Homepage http://www.burgis-welt.at/ machen.

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