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Portraits
Kopf- und Schulteraufnahme eines Mannes mit Kantenfilterbrille und 3-Punkte-Button, im Hintergrund Bäume an einer Straße
Bildinfo: Herr Lamba unterwegs in Wien, wo er sich schon gut auskennt © BSVWNB/Ursula Müller

„Ich bin so dankbar, dass ich eine Arbeit habe“

Staunend erlebt Jagindar Lamba in Österreich zum ersten Mal, dass Menschen, die blind sind, arbeiten und Geld verdienen. Dass aber auch jemand wie er, der als Flüchtling ins Land gekommen ist, kein Wort Deutsch konnte und hochgradig sehbehindert ist, einen Job hat, erscheint ihm fast wie ein Wunder.

In Afghanistan ist alles ganz anders

Dass dieses Wunder geschehen konnte, dass Jagindar Lamba 30 Stunden pro Woche in einem Wiener MERKUR als Regalbetreuer tätig ist, hat mit vielen engagierten Menschen zu tun. Zuallererst mit ihm selbst, und nicht zuletzt mit der Beruflichen Assistenz des Wiener Blinden- und Sehbehindertenverbands. Seit 1999, seit genau 20 Jahren, unterstützt das Team der Beruflichen Assistenz Menschen mit einer Sehbehinderung dabei, einen Job am allgemeinen Arbeitsmarkt zu bekommen. Die Kundinnen und Kunden haben ganz unterschiedliche Ausbildungen, vom Pflichtschulabschluss bis zum Universitätsstudium. Und sie haben eine unterschiedliche Herkunft, sie sind hier geboren und aufgewachsen, aber auch zugewandert oder nach Österreich geflüchtet. Eines ist ihnen aber gemeinsam, sie sind blind oder sehbehindert, sie suchen eine Arbeit und werden dabei von erfahrenen Arbeitsassistentinnen und Arbeitsassistenten begleitet und durch staatliche Förderungen unterstützt. 

 

„In my country“, erzählt Jagindar Lamba, der im Interview zwischen Englisch und Deutsch hin und her wechselt, „life is very bad for disabled people.“ Für einen Menschen mit Behinderung sei das Leben in Afghanistan sehr hart. Wer eine Behinderung habe sei selbst schuld daran. Sie werde als Strafe Gottes gesehen. Ein Mensch mit Behinderung werde verachtet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. „It is like next to being dead.“ Es sei fast so als sei man tot, als würde man nicht mehr existieren. Jagindar, der in der Hauptstadt Kabul aufwächst, wird mit einer erblich bedingten Netzhautfehlbildung geboren. Schon als Kind ist sein Sehvermögen eingeschränkt, doch er kommt zurecht. Sein Vater besitzt ein Geschäft, er verkauft Geschirr und Trinkgläser. Die Mutter versorgt den Haushalt. Die englische Sprache erlernt der junge Mann von den Sicherheitsleuten der englischen Botschaft. Das Botschaftsgebäude befindet sich ganz in der Nähe von Jagindars Elternhaus. „Die Botschaft war jahrelang geschlossen, weil es viel zu gefährlich war“, erzählt Jagindar Lamba. „Nur die Wachleute waren dort, sie alle sprachen Englisch. Sie kamen oft in unser Haus. Unser Essen schmeckte ihnen. Und so habe ich Englisch gelernt.“
   
Die Familie gehört der Religionsgemeinschaft der Sikhs an. Die meisten Anhänger dieser monotheistischen Religion leben in Indien. In Afghanistan werden die Sikhs zwar diskriminiert, sie können ihre Religion aber ausüben und ihre Kultur pflegen. Jagindar wird, wie die anderen Kinder seiner Glaubensgemeinschaft, im religiösen Zentrum der Sikhs unterrichtet. „Das war eine kleine Schule, da waren nur 20 oder 30 Schüler“, erzählt er und fährt fort: „Früher hatten wir ein recht gutes Leben in Afghanistan. Aber dann kamen die Taliban. Es wurde schon ab 1995 schwierig für uns, aber inzwischen ist die Situation für die Sikhs sehr, sehr schlecht. Letztes Jahr sind bei einem Anschlag in der afghanischen Stadt Dschalalabad hochrangige Mitglieder der Sikh Gemeinschaft getötet worden.“

Zur schwierigen politischen Situation kommt hinzu, dass der junge Mann aufgrund seiner Sehbehinderung massiv diskriminiert wird. Solange sein Vater lebt und das Geschäft gemeinsam mit seinem Sohn betreibt, geht alles einigermaßen gut. Doch als der Vater im Jahr 2007 an einem Herzinfarkt stirbt und wenige Jahre später sich Jagindars Sehkraft dramatisch verschlechtert, bekommt er die Wucht der sozialen Ächtung zu spüren. „Sie haben mich ausgenützt, sie haben mein Geld genommen. Und sie haben mich geschlagen.“

Die Lage wird immer schwieriger, persönlich wie politisch. Er und seine Frau, die aus Indien stammt und eine leidenschaftliche Tänzerin ist, denken an Flucht. Sie wollen mit ihren beiden kleinen Buben und der Mutter nach Großbritannien oder Belgien flüchten. Dorthin sind bereits viele afghanische Sikh Familien geflohen. Dort haben sie auch Verwandte. Die Fluchthelfer nehmen alles was die Familie besitzt. „Ich musste ihnen mein Haus und mein Geschäft überlassen.“ Von Österreich hat die Familie Lamba noch nie gehört, erst als die Polizei sie aufgreift, erfährt sie wo sie ist. „Nobody wants to leave ones country. It is very hard. But when you are not safe what can you do?“ Niemand wolle seine Heimat verlassen. Es sei sehr schwer von daheim wegzugehen. Aber was solle man tun, wenn man seines Lebens nicht mehr sicher sei, fragt der gebürtige Afghane.

Ein neues Leben beginnt

Im Jahr 2015 erreichen Jagindar Lamba, seine Frau, die beiden kleinen Söhne und Jagindars Mutter Österreich. Sie kommen zunächst in eine Flüchtlingsunterkunft. Schon bald lernt das Ehepaar Deutsch. Die beiden machen einen Sprachkurs bei der Diakonie. Doch Jagindar Lamba kann die Kursunterlagen nicht lesen. Er sieht viel zu wenig. Er erfährt vom Blinden- und Sehbehindertenverband und nimmt Kontakt auf. „Der Blindenverband hat beim Fonds Soziales Wien (FSW) um ein Lesegerät angesucht. Ich hätte sonst nichts gesehen, aber mit diesem großen Gerät konnte ich gut lernen und alle Prüfungen bestehen.“
Jasmeet Lamba, ist wie schon erwähnt, eine begeisterte Tänzerin und bereits in mehreren Produktionen in Wien aufgetreten, unter anderem in Traiskirchen. Das Musical im Volkstheater. Es erfüllt Jasmeets Mann immer wieder mit dankbarem Staunen, wie viel Hilfe und Unterstützung er und seine Familie in Österreich erleben. Besonders glücklich ist er darüber, dass er eine Arbeit hat und sein eigenes Geld verdient. „Am 4. Juli 2018 habe ich beim MERKUR als Regalbetreuer begonnen“, erinnert er sich ganz genau.

Bei seiner Jobsuche wird der Familienvater von der Beruflichen Assistenz des Blindenverbands unterstützt. Zunächst kann er ein vierwöchiges Praktikum beim MERKUR absolvieren. Ein Projekt der Rewe Gruppe mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband ermöglicht diese ersten Berufserfahrungen in der neuen Heimat. Dann geht es Schlag auf Schlag. „Einen Monat später, am 4. August wurde ich von MERKUR angestellt. Im ersten Monat war ich über das AMS dort und jetzt bin ich fix beim MERKUR. This is really very good. A person like me working!“ Jemand wie ich – so als könne er es noch immer nicht ganz fassen, dass ein Mensch, der eine hochgradige Sehbehinderung hat, einer bezahlten Arbeit nachgehen kann. Er arbeitet gerne, fühlt sich in seiner Filiale wohl und von seiner Chefin unterstützt. Zunächst einmal musste er sich mit all den verschiedenen Produkten vertraut machen, die es in einem heimischen Supermarkt zu kaufen gibt, die meisten kannte er nicht. Eine Lupe erweist ihm bei der Regalbetreuung gute Dienste. Und wenn er wirklich einmal etwas nicht findet, kann er jederzeit seine Chefin fragen.  „She is very good. She is always helping me. The atmosphere is very good. And my colleagues are very kind. They are also helping me when I am looking for something.“ Auch die Kolleginnen und Kollegen seien sehr hilfsbereit und er schätze die gute Atmosphäre am Arbeitsplatz. Jetzt hoffe er, dass auch seine Frau eine Arbeit finden werde, in einer Bäckerei, einer Parfümerie oder in einem Lebensmittelgeschäft. Denn sie sei zwar eine sehr gute Tänzerin und habe schon in mehreren Produktionen mitgewirkt, aber damit könne man kein Geld verdienen.

Die Familie Lamba ist in Wien schon ein wenig heimisch geworden. Die beiden Söhne, zehnjährige Zwillinge, besuchen die Volksschule, sind wissbegierig und gute Schüler. „Ein Sohn kann sehr gut rechnen. Und der andere ist sehr gut in Deutsch“, erzählt der Vater stolz. Die Buben spielen gerne Fußball und haben in Wien schon Freunde gefunden. Die Familie Lamba und die Familie seiner Frau helfen zusammen und halten zusammen. Sie wohnen Tür an Tür und unterstützen sich gegenseitig. Ein wenig von der alten Heimat finden sie im religiösen Zentrum der Sikhs im 23. Wiener Gemeindebezirk, das eigens für die Sikh Familien aus Afghanistan geschaffen wurde. Sie verbringen die Sonntage dort, es wird gebetet, miteinander geredet, gefeiert und gegessen. Ja, die Religion sei ihm wichtig, das heilige Buch spiele eine zentrale Rolle. „We worship our holy book. In our religion men and women are equal.“ Im Sikhismus seien Männer und Frauen gleichberechtigt. Ein Merkmal sei, dass Männer sich nie das Haar schneiden und üblicherweise einen Turban tragen würden. Doch ein Turban sei bei der Arbeit unpraktisch, deshalb verwende er eine einfache Kopfbedeckung. Und noch einmal drückt er seine tiefe Dankbarkeit aus, dass er und seine Familie in Österreich Schutz und Arbeit, Unterstützung und Verständnis erhalten haben. In seiner Heimat werde er als Sikh verfolgt und als Mensch mit Behinderung diskriminiert. Hier könne er mit seiner Familie in Sicherheit leben und arbeiten. Wenn er Hilfe benötige, wisse er wohin er sich wenden könne. „When I have any kind of problems I know I can call Frau Neuberger from the Blindenverband. Das ist so hilfreich und wichtig. People are very good here.“ Es ist berührend zu sehen, wie Inklusion im doppelten Sinn des Wortes gelingt, wenn der Staat, öffentliche Einrichtungen und engagierte Menschen Unterstützung bieten, wo sie benötigt wird und diese mit Eigeninitiative und Eigenständigkeit beantwortet wird.      

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