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Portraits

Eine Frau mit kurzen weißgrauen Haaren, einer gesprenkelten Brille und Winterjacke, sowie in der Hand einen weißen Stock, steht vor einer schneebedeckten Parkbank, es schneit ein wenig.
Bildinfo: Regelmäßig erkundet Claudia Rendla für ihren Wien Podcast die eigene Stadt. © BSVWNB/Ursula Müller

„Ich bin zufrieden.“

Sagt Claudia Rendla, wenn sie über ihr berufliches Umfeld und ihre Tätigkeit als Sozialarbeiterin spricht. Und wenn sie über ihre Leidenschaften wie Podcasten, Laufen, Reisen oder Lesen erzählt, scheint dieser Satz für ihr Privatleben genauso zu gelten.

Claudia Rendla im Portrait

Bereits seit einigen Jahren betreibt Claudia Rendla ihren Wien Podcast, wo sie Einheimischen wie Tourist:innen regelmäßig Tipps und Wissenswertes zur Stadt bietet. Diese Audio-Sendungen können über die Website direkt angehört oder am Mobiltelefon über Apple Podcast, Spotify und weitere Podcast-Plattformen kostenlos abonniert werden. Zum Podcasten kommt Claudia Rendla über einen kleinen Umweg. Sie legt ihrem Mann Andreas ans Herz, einen Podcast zu machen, er aber hat keine Lust dazu, spielt den Ball an seine Frau zurück und sie nimmt ihn auf. „Es macht mir Spaß, über Lokale, Sehenswürdigkeiten, Museen, Veranstaltungen und über die Geschichte meiner Stadt zu recherchieren und interessante Tipps an meine Hörer:innen weiterzugeben.“ Die gebürtige Wienerin mag den siebenten und ersten Bezirk besonders gern, genauso wie den 15., wo sie und ihr Mann wohnen. „Hier gibt es viele schöne Orte, die man oft gar nicht so beachtet, wie die Reindorfgasse, ja das ganze Reindorfviertel. Ebenso der Schwendermarkt mit den netten Lokalen und Geschäften. Oder dass wir hier fast vor der Haustür mit der Wasserwelt eine Fußgängerzone haben, ist sehr schön.“

Im Sommer 2022 startet Claudia Rendla mit ihrem zweiten Podcast, er heißt Blind podcasten, wo sie Leute vorstellt, die blind sind und Podcasts zu ganz unterschiedlichen Themen machen. Sie fragt nach wie sie arbeiten, welche Programme sie verwenden und was sie empfehlen können. Und zeigt, was sie selbst verwendet, wenn sie zum Beispiel sich oder ihre Interviewpartner:innen aufnimmt und die Beiträge schneidet.

„Ich arbeite mit der App Anchor und demonstriere auch, wie Anchor für blinde Menschen verwendbar ist. Zwei Leute haben mir geschrieben, dass sie damit einen Podcast begonnen haben. Das hat mich sehr gefreut.“


Claudia Rendla kommt 1967 auf die Welt und wächst in Wien auf. Als sie drei Jahre alt ist, beginnen die Probleme mit den Augen, sie hat immer wieder Augenentzündungen, bekommt den Grauen Star, dann den Grünen Star. Im Laufe des Lebens nimmt das Sehvermögen ab und heute ist sie praktisch blind. Claudia ist das einzige Kind ihrer Eltern. Der Vater arbeitet lange bei einer Spedition und später als AMS Berater. Die Mutter ist gelernte Posamentiererin, lernt also Quasten, Bänder, Kordeln, Borten oder Fransen herzustellen. Claudia besucht die Volksschule für sehbehinderte Kinder in der Zinckgasse und wechselt dann ins Gymnasium auf der Schmelz. Sie ist bereits stark sehbehindert, kann aber teilweise noch mit einer Lupe oder einem Lesegerät lesen. Damals stehen noch keine Blindenstützlehrer:innen und PCs zur Verfügung. Die Eltern springen ein, nehmen den Stoff, der in Geschichte, Deutsch oder Biologie durchgemacht wird, auf Kassetten auf und die Gymnasiastin lernt übers Hören. Viel schwieriger ist es in Fächern wie Mathematik und Physik, da sei ihre Mutter manchmal wirklich verzweifelt gewesen, erzählt Claudia Rendla.

„Aber die Professor:innen haben mich sehr unterstützt, sie haben mitgesprochen, wenn sie an der Tafel geschrieben haben. Ich habe Unterlagen bekommen, die möglichst gut zu lesen waren. Und ich musste diese geometrischen Sachen nicht so machen, also man ist mir schon entgegengekommen.“

Gleich zu Schulbeginn im Gymnasium freundet sich Claudia mit einem Mädchen an und die beiden sind in den folgenden acht Jahren enge Freundinnen. Sie haben heute noch Kontakt, schreiben sich regelmäßig und sehen sich ein paar Mal im Jahr. „Den Schulweg bin ich immer mit dieser Freundin gegangen. Ich habe damals noch keinen Langstock verwendet, hätte ihn aber, rückblickend gesehen, dringend gebraucht. Aber ich hätte mich damals dafür geniert. Wenn meine Freundin einmal krank war, musste ich eine andere Schulkollegin fragen, ob ich mit ihr zur Straßenbahn gehen kann. Das war kein Problem, alle waren nett und freundlich, aber mir war es unangenehm. Man will nicht zur Last fallen und in diesem Alter ist man ja auch nicht so selbstsicher.“ Die enge Freundschaft zwischen den zwei Mädchen erleichtert einerseits den Schulalltag, andererseits führt sie auch dazu, dass die beiden ein wenig am Rande der Klassengemeinschaft stehen.


Gleich nach der Matura bewirbt sich Claudia Rendla um einen Job, allerdings halbherzig, und sie hofft insgeheim, dass nichts draus wird. Ein Sprachenstudium, Dolmetsch und Übersetzen, würde sie reizen, vielleicht auch Jus. Eine Aktion der Stadt Wien, Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, durchkreuzt ihre Pläne. Sie bekommt einen Job, soll jetzt Auskunft geben, wenn Leute anrufen und Fragen zu sozialen Themen wie Pflege und Betreuung haben. Die Eltern drängen ihre Tochter, die Stelle anzunehmen, sie tut es, ist in ihrem ersten Arbeitsjahr aber ziemlich unglücklich. Es ist hart, von der Schule in die Arbeitswelt zu wechseln und sie kennt sich in den Bereichen Pflege und Betreuung nicht aus. Dies ändert sich jedoch bald, denn die junge Frau macht eine berufsbegleitende Ausbildung zur Sozialarbeiterin, damals noch an der Akademie für Sozialarbeit. Drei Jahre lang besucht sie nach der Arbeit den Unterricht.

„Der Stoff hat mich sehr, sehr interessiert. Ich habe dort alles aufgesogen, weil ich es wirklich für die Arbeit gebraucht habe.“

Sie zählt dort zu den jüngsten Student:innen und ist, anders als im Gymnasium, gut integriert. Während der berufsbegleitenden Ausbildung wohnt sie noch bei den Eltern und muss sich nicht um Alltagssachen wie Einkaufen, Kochen oder Putzen kümmern. Im Alter von 23 zieht die junge Frau in ihre erste eigene Wohnung.

Als Claudia Rendla ins Berufsleben einsteigt, steht sie vor der Frage, wie sie den Weg zum Arbeitsplatz und zurück nachhause schaffen soll. In der ersten Zeit begleitet ihr Vater sie hin und die Mutter holt sie ab. Aber im Alter von 19 Jahren macht sie ein Mobilitätstraining und greift zum Langstock. „Ich habe dann viele Wege alleine ausprobiert, Gegenden erkundet und viel unternommen.“ Später, sie ist damals ungefähr 30 Jahre alt, bekommt sie einen Blindenführhund, der sie nicht nur auf ihren Wegen begleitet, sondern auch für neue Beziehungen sorgt. Auf einem Seminar für Leute mit Blindenführhunden freundet sie sich mit einer Frau aus Deutschland an und lernt ihren späteren Mann kennen.


Claudia Rendla gibt beruflich nach wie vor Auskunft zu Pflege und Betreuung, auch wenn die telefonische Erstberatung inzwischen beim Fonds Soziales Wien (FSW) angesiedelt ist. Leute rufen an und fragen zum Beispiel nach Heimhilfen, Hauskrankenpflege, Besuchsdiensten, Essen auf Rädern oder wie man einen Pflegeplatz bekommt. Neben der telefonischen Erstberatung kümmert sich die Sozialarbeiterin gemeinsam mit einer Kollegin auch darum, dass die Datenbank https://sozialinfo.wien.at/ stets aktuell ist. „Sie enthält ungefähr 2000 Datensätze mit Einrichtungen in Wien, also mit Ämtern, Behörden, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen. Wir schreiben die Institutionen an, fragen, ob noch alles aktuell ist, ob es etwas Neues gibt, und das nehmen wir dann auf. Also, wenn das Telefon nicht läutet, bin ich vor allem damit beschäftigt.“ Claudia Rendla fühlt sich an ihrem Arbeitsplatz sehr wohl, schätzt das gute Klima und die netten Kolleg:innen, die sie gerne unterstützen, wenn sie die eine oder andere Sache aufgrund der Sehbehinderung nicht selbst tun kann.

„Ich mache meine Arbeit sehr gerne. Ich gebe den Leuten gerne Auskunft und höre viele Lebensgeschichten. Wir sind auch ein nettes Team, es passt alles. Ich bin zufrieden.“

Claudia Rendla beherrscht die Brailleschrift, ist aber beim Lesen langsam und bevorzugt deshalb Hörbücher. Sie hat eine Vorliebe für Biografien, für Romane von Ildiko von Kürthy und für humorvolle Geschichten wie Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling. Und sie hört leidenschaftlich gerne Podcasts. Sie hört sie, wenn sie Sport macht, Wäsche aufhängt oder während der Mahlzeiten, wenn sie zuhause ist. Alleine hört sie Podcasts über vegane Ernährung, Fitness und Laufen, gemeinsam mit ihrem Mann über aktuelle gesellschaftliche Themen sowie über Essen und Kochen. Und wenn es ums Kochen daheim geht? „Meistens kocht Andreas. Ich recherchiere gerne und suche Rezepte. Aber manchmal koche auch ich.“


Bewegung, Sport ist für Claudia Rendla ein angenehmer Ausgleich zu ihrer sitzenden beruflichen Tätigkeit. Im Jahr 2008 beginnt sie zu joggen. Einmal pro Woche nützt sie das Angebot des Bundesblindeninstituts (BBI), mit einer Begleitperson zu laufen. Das ist ihr aber zu wenig. Über den Blinden- und Sehbehindertenverband (BSVWNB) findet sie eine weitere Begleitläuferin und mit ihr hat sie bereits fünf oder sechs Mal an einem Halbmarathon teilgenommen. „Wir sind beim Laufen mit einem Band verbunden, es ist schön, draußen zu sein und ohne Stock unterwegs zu sein. Wenn wir trainieren, laufen wir meistens auf der Donauinsel oder auch im Lainzer Tiergarten.“ Zuhause nutzt die sportliche Wienerin den Cross Trainer, das Zimmerfahrrad oder das Trampolin.

„Ich mach fast jeden Tag etwas. Und beim Trainieren zuhause kann ich gleichzeitig Podcasts hören.“

Claudia Rendla und Andreas Goerdes sind seit 1997 ein Paar, 2020 heiraten sie. Aufgrund der Corona Pandemie müssen sie die Hochzeitsfeier und -reise absagen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Das Paar wollte mit dem Reiseunternehmen Schottland für alle, das Reisen mit Assistenz anbietet, nach Stockholm fahren. „Wir haben diese Reise nur für uns beide gebucht, und zwar mit Assistenz. Diese Reise werden wir noch nachholen.“ So haben sie es schon einmal gemacht, als sie mit diesem Reiseunternehmer für ein verlängertes Wochenende in London waren. Damals trifft das Paar seinen Guide am Flughafen, gemeinsam geht es zum Hotel und gemeinsam wird die Stadt erkundet. „Wir haben mit unserem Guide eine hop on, hop off Tour und eine Schifffahrt auf der Themse gemacht, waren in verschiedenen Lokalen, haben einen Gewürzmarkt und Supermärkte besucht, sind durch die Straßen flaniert und haben auf einem Street Food Market frisch zubereitete Gerichte verkostet. Wir haben also viel rund ums Essen gemacht.“ Das Paar genießt es, gut zu essen, neue Speisen und Lebensmittel auszuprobieren und Wissenswertes an andere weiterzugeben, sei es in den Podcasts von Claudia Rendla https://wien-tipps.info/ und https://anchor.fm/blindpodcasten sowie auf der Website von Andreas Goerdes https://blindetomate.at/.

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