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Portraits
Porträtfoto Karin Buchacher
Bildinfo: Karin Buchacher © BSVWNB/Armin Plankensteiner

„Ich kann mir ein Leben ohne Lernen gar nicht vorstellen“

Karin Buchacher hat zwei Berufsausbildungen absolviert und ist gerade dabei, ihr Studium abzuschließen. Sie wird von der Beruflichen Assistenz des Blindenverbands, die heuer im September ihr 20-jähriges Bestehen feiert, dabei unterstützt, einen Job zu finden und neue Berufsperspektiven zu entwickeln.

Vielseitig und talentiert

Eigentlich hätte Karin Buchacher gerne einen kreativen Beruf ergriffen, aber die Eltern wollten, dass ihre Tochter etwas Sicheres, etwas Gescheites erlernt. So absolviert das Mädchen nach der Pflichtschule eine Lehre zur landwirtschaftlichen Gärtnerin, beschäftigt sich mit Obst-, Gemüse- und Pflanzenbau und macht später die Meisterprüfung. Zehn Jahre ist die junge Frau, die von Geburt an sehr stark kurzsichtig ist, in diesem Beruf tätig. Da sie die Kontaktlinsen nicht mehr verträgt und die Brille viel zu schwer ist, werden ihr, sie ist damals 25 Jahre alt, Linsen eingesetzt. Kurz nach der Operation kommt es zu Komplikationen und zu einer Netzhautablösung am rechten Auge.

Die körperlich anstrengende Arbeit ist aufgrund der Netzhautablösung nicht mehr möglich. Die Gärtnerin wird zur Bürokauffrau umgeschult. Nach ihrem Lehrabschluss arbeitet die junge Frau etliche Jahre im Sekretariat eines Wiener Krankenhauses. Nebenbei macht sie die Berufsreifeprüfung.

„Ich wollte die Matura machen, weil mir das persönlich etwas bringt. Es ist für mich ganz wesentlich und sehr wichtig, mein Wissen zu erweitern. Ich bin ein Mensch, der sich unglaublich gern weiterbildet und Neues lernt.“

Die Matura ermöglicht der gelernten Bürokauffrau und Gärtnermeisterin außerdem zu studieren. Sie entscheidet sich für Ernährungswissenschaften, bekommt ein Stipendium und jobbt nebenbei zehn Stunden pro Woche. Als das Stipendium im Jahr 2014 endet, fehlen Karin Buchacher noch einige Prüfungen für den Bachelor, für den ersten Abschluss des Studiums. Sie muss also wieder auf Jobsuche gehen. Beim Arbeitsmarktservice (AMS) wird ihr empfohlen, sich an die Berufliche Assistenz des Blindenverbands zu wenden, da sich ihr Sehvermögen weiter verschlechtert hat.

Dort erfährt Karin Buchacher von der Arbeitsassistenz, dass im Massageinstitut des Blindenverbands in Wien gerade jemand für den Empfangsbereich gesucht wird. Sie bringt alle Voraussetzungen mit, bewirbt sich und nach einem einmonatigen Arbeitstraining wird sie im Februar 2015 im Massageinstitut angestellt. Sie empfängt KundInnen, macht Termine aus, schreibt Rechnungen und kassiert den Betrag für die Massageeinheiten. „Ich mag meinen Job. Ich arbeite gern mit Kundschaft. Ich bin kommunikativ und es stört mich nicht, wenn ich gerade telefoniere und eine Kundin will etwas von mir.“

Schwierig sind jedoch die Lichtverhältnisse im Empfangsbereich. Die energievolle und kontaktfreudige Mitarbeiterin ist extrem licht- und blendempfindlich und wenn es sehr hell ist, wird ihr Sehvermögen noch vermindert. Es dauert eine Weile bis von der Technikassistenz eine gute Lösung gefunden wird, denn am Empfang arbeiten noch zwei Kolleginnen und alle drei brauchen möglichst gute Bedingungen. Karin Buchacher lässt sich außerdem eine spezielle Kantenfilterbrille für die Bürotätigkeit anpassen. „Diese Brille hat mir sehr viel gebracht. Um die Nummern auf den Gutscheinkärtchen lesen zu können, verwende ich eine Handlupe. Am PC habe ich ein Vergrößerungsprogramm, sonst könnte ich das Registrierkassenprogramm nicht lesen. So aber geht es.“ Karin Buchacher arbeitet 25 Stunden pro Woche, mehr wäre nicht möglich, mehr wäre für ihre Augen einfach zu anstrengend.

Träume verwirklichen

Karin Buchacher, die einen jüngeren Bruder hat, wächst in Wien auf. Das Mädchen zeichnet, bastelt und singt gerne. Als es acht Jahre alt ist, nimmt die Mutter es zum ersten Mal zu einer Musicalaufführung mit. Gezeigt wird Cats. „Das hat meine Liebe zum Musical geweckt. Ich habe mit meiner Mutter viele Aufführungen gesehen. Sie war ein großer Fan und hat selbst gern gesungen. Von ihr hab´ ich die ganze Kreativität mitbekommen.“

Karin besucht die Volks- und Hauptschule für sehbehinderte Kinder in der Zinckgasse. Dann wechselt sie auf die HTL in Mödling, sie entscheidet sich für das Fach Umwelttechnik.

„Die HTL war ganz schlimm für mich. Ich war nicht reif genug. Und schlecht gesehen habe ich auch. Die Schüler und Lehrer konnten damit nicht umgehen. Wenn ich die Kontaktlinsen nicht vertragen habe, musste ich meine dicke Brille aufsetzen, das war echt nicht lustig, ich bin damals das erste Mal mit Mobbing in Kontakt gekommen. Nach einem Jahr bin ich weg. Nichts in der Welt hätte mich dort gehalten.“

Danach sei sie in den Lehrberuf für landwirtschaftliche Gärtnerei hineingestolpert, sie sollte ja etwas Solides lernen. Ihre Liebe für das Musische und Kreative lebt sie später aus. Mit Ende zwanzig singt sie in verschiedenen Chören, nimmt Gesangsstunden und wirkt bei Opern- und Musicalproduktionen mit. Sie liebt es, auf der Bühne zu stehen und gemeinsam mit anderen etwas zu erarbeiten. „Mein Herz schlägt für das Theater und das Musical“, sagt die vielseitige Wienerin. „Also, mir hat das Theaterspielen wahnsinnig viel geholfen. Ich bin so erzogen worden, mich zurückzunehmen, zurückzuhalten, bloß nicht aufzufallen, unscheinbar zu sein. Dadurch, dass ich immer wieder auf der Bühne stehe und jetzt auch eine Ausbildung in Theaterpädagogik mache, hat sich das sehr geändert. Früher wollte ich es allen recht machen. Heute habe ich kein Problem damit, mich so zu präsentieren, wie ich bin.“

Karin Buchacher macht jetzt mit Anfang vierzig am Institut für Angewandtes Theater einen zweijährigen Lehrgang für Theaterpädagogik, und zwar berufsbegleitend, also vor allem an den Wochenenden. Und sie verbindet mit dieser Ausbildung ganz konkrete Berufswünsche. „Ich möchte mit blinden und sehbehinderten Menschen arbeiten. In der Theaterpädagogik verwenden wir ganz verschiedene Techniken und Mittel, die dazu beitragen, dass Menschen selbstbewusster, freier und offener werden. Ich kann mir auch vorstellen, eine gemischte Theatergruppe zu machen, mit sehenden und nicht sehenden Leuten. Und zwar, um den Kontakt und das Miteinander zu fördern.“

Diese Tätigkeit würde Karin Buchacher nicht nur viel Spaß machen, sondern auch ihre Augen entlasten. Lachend meint sie: „Ich habe ja schließlich noch 20 Jahre zu arbeiten.“ Aber die angehende Theaterpädagogin möchte auch weiterhin administrative Aufgaben erledigen und Kundenkontakt haben. „Das liegt mir, das kann ich gut, das mach´ ich gerne.“ Diese Berufsperspektiven entwickelt Karin Buchacher gemeinsam mit der Arbeitsassistenz des Blindenverbands. Sie wird außerdem informiert, welche Förderungen für sie infrage kommen. So hat sie um eine Förderung für den Lehrgang für Theaterpädagogik sowie für einen Englischkurs angesucht und erhalten. Und ganz besonders schätzt sie, „dass ich immer hinkommen kann, wenn ich ein Anliegen habe“.

Die Arbeitsassistenz des Blindenverbands unterstützt nicht nur dabei, dass Menschen mit einer Sehbehinderung einen Job finden, zusätzliche Qualifikationen erwerben, sich weiterbilden sowie Förderungen und geeignete Hilfsmittel bekommen. Sie trägt auch dazu bei, dass neue Sichtweisen gefunden werden. Karin Buchacher beobachtet bei sich und anderen Personen, die sehbehindert sind, dass man versucht, die Sehbehinderung soweit wie möglich zu verbergen.

„Ich hab´ das viele Jahre wirklich sehr gut gekonnt. Aber je schlechter man sieht, desto schwieriger wird das Verstecken. Inzwischen will ich es nicht mehr, aber es ist gar nicht so einfach, denn es ist ein eintrainiertes Verhalten. Man ist so daran gewöhnt.“

Stets aufs Neue versucht Karin Buchacher, offen mit ihrer Sehbehinderung umzugehen, auch wenn die Mitmenschen mitunter merkwürdig oder verunsichert reagieren. Dies sei aber nicht ihr Problem. Die eigene Sehbehinderung zu verbergen, habe einen viel zu hohen Preis. „Es ist wahnsinnig anstrengend.“ Durch viele Gespräche, auch mit der Arbeitsassistenz, sei ein Verwandlungsprozess in Gang gekommen, sie habe erkannt: „Es wird sich langfristig nichts verbessern, wenn ich meine Sehbehinderung verstecke. Auch wenn sich für mich daraus Nachteile ergeben, sie gehört zu mir, sie macht mich auch aus.“ Noch etwas liegt der wissbegierigen und engagierten Wienerin am Herzen. Sie wünscht sich, dass die Leistungen von Menschen mit Behinderungen gesehen und anerkannt werden. Auch wenn Menschen, die wenig sehen, etwas mehr Zeit oder bestimmte Hilfsmittel benötigen würden, seien sie sehr leistungsfähig und nicht anders als alle anderen.

 

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