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Portraits

Dona Rosa mit schwarzer Sonnenbrille, brauner Strickweste und Triangel auf der Bühne hinter einem Mikrofon.
Bildinfo: Im Konzert wie auf der Straße ist immer ein Triangel dabei. © BSVWNB/Ursula Müller

„Ich muss schon im Mutterleib gesungen haben.“

Dona Rosa, die blinde Straßensängerin aus Lissabon, ist auf den großen Konzertbühnen in Wien, Berlin oder Amsterdam aufgetreten, hat zahlreiche Tourneen absolviert und mehrere CDs herausgebracht.

Interview mit Dona Rosa

Wir haben die Portugiesin mit der eindringlichen, rauen Stimme anlässlich ihres Konzerts in der Wiener Sargfabrik getroffen.

Dona Rosa, Sie stammen aus Porto, das im Norden des Landes liegt, und wurden als Rosa Martins in eine große, in eine mittellose Familie hineingeboren. Im Alter von vier Jahren sind Sie aufgrund einer Meningitis, einer Hirnhautentzündung erblindet. Wann haben Sie begonnen zu singen?

Ich muss schon im Mutterleib gesungen haben, so kommt es mir auf jeden Fall vor. Singen gehört zu mir. Ich hab schon immer gesungen. Ich habe ein ganz starkes inneres Bedürfnis, zu singen. Es kommt aus meinem tiefsten Inneren. Seit ich ein Kind bin, liebe ich es, zu singen. Ich bin glücklich, wenn ich singe.

Worum geht es in ihren Liedern? Worüber singen Sie?

Ich singe portugiesische Volkslieder. Viele davon habe ich im Radio gehört und mir so angeeignet. Und natürlich habe ich auch andere Leute singen gehört. Ich habe mein ganzes Leben lang immer wieder neue Lieder dazugelernt und in mein Repertoire aufgenommen, ein Lied von da, ein Lied von dort. Ich kenne die Lieder, die im Norden meines Landes gesungen werden, genauso wie jene aus dem Süden. Sie erzählen von den einfachen Leuten, von den arbeitenden Menschen, von der Landbevölkerung. Wie ich aufgewachsen bin, ich bin 1957 geboren, waren die Volkslieder allgegenwärtig. Man darf ja nicht vergessen, dass wir bis zum Jahr 1974 eine Diktatur hatten. Dass wir bis in die späten 1970er Jahre hinein von der restlichen Welt abgeschnitten waren. Es gab keine Platten, keine Popmusik. Wir sind also in unserer eigenen Volksmusiktradition tief verwurzelt.


Wenn Sie in Lissabon auf der Straße singen, spielen Sie auf einem Triangel dazu. Im Konzertsaal werden Sie von zwei Landsleuten auf einer portugiesischen Gitarre und einem Akkordeon begleitet. Die erste Hälfte Ihres Konzerts findet oft im Dunkeln statt und so nehmen Sie die Besucher:innen ein Stück weit in die Welt eines blinden Menschen mit. Welche Möglichkeiten hatten Sie als blindes Kind in den 1960er Jahren in Ihrer Heimat?

Wie ich neun Jahre alt war, musste ich von zuhause weg und wurde in einem Nonnenkloster in Lissabon untergebracht. Die Nonnen haben sich um blinde Kinder gekümmert und dort bin ich auch zur Schule gegangen. Nach einigen Jahren bin ich wieder zu meinen Eltern und Geschwistern zurückgekommen, aber ich habe eine sehr traurige Familiengeschichte. Ich wurde von meiner Familie nie akzeptiert. Auch später nicht wie ich auf großen Bühnen aufgetreten bin. Am Anfang habe ich meiner Familie von meinen Tourneen erzählt, aber sie hat sehr negativ reagiert und meine Erfolge und Leistungen heruntergespielt und abgewertet. Es ist keine gute Familie, sie hat mich als Jugendliche auch wieder zurück ins Nonnenkloster in Lissabon geschickt. Aber ich hatte immer den starken Wunsch, frei zu sein und meinen eigenen Weg zu gehen. Ich wollte nicht ständig auf Leute hören müssen, die mir sagen, was ich zu tun habe. Wie ich 21 Jahre alt war, wie ich volljährig war, habe ich diese Einrichtung verlassen. Ich wollte auf eigenen Füßen stehen.

Sie haben sich entschieden, in Lissabon zu bleiben und haben Lose, haben Lotteriescheine verkauft, um sich Ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ja und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mehr Leute anziehe, dass ich mehr Lose verkaufe und mehr einnehme, wenn ich singe. Allerdings habe ich auch bemerkt, dass mir Geld gestohlen wurde. Meine wichtigste Erkenntnis war jedoch, dass meine Stimme meine beste Einnahmequelle ist, dass es für mich viel einträglicher ist, zu singen als Lotterielose zu verkaufen. So habe ich mich nach einigen Jahren ganz dem Singen verschrieben.


Sie sind vor über zwanzig Jahren in Marrakech in Marokko aufgetreten, waren Teil einer großen Fernsehproduktion namens Stimmen Gottes, die André Heller für den ORF gemacht hat. Dort haben Sie das Lied Canta, amigo canta, also Sing Freund, sing vorgetragen. Dieser Auftritt hat Vieles in Ihrem Leben verändert. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie gefragt wurden, bei dieser Produktion mitzuwirken?

Jemand aus Österreich hat mich zufällig singen gehört. Dieser Herr war vom Haus der Musik in Wien. Früher habe ich immer in der Rua Augusta gesungen, das ist eine sehr belebte, prachtvolle Straße in Lissabon. Inzwischen ist es für mich dort viel zu touristisch, viel zu laut, viel zu turbulent. Dort hat mich dieser Herr aus Österreich singen gehört. Ich habe das natürlich gar nicht mitbekommen. Einige Zeit später, wie er dann wieder zuhause war, hat er mich gesucht, er wollte diese blinde Sängerin finden, die in der Rua Augusta singt. Er hat den portugiesischen Blindenverband kontaktiert und die Leute vom Blindenverband haben es geschafft, die Adresse von dem Haus herauszufinden, wo ich damals gewohnt habe. Ich selbst hatte allerdings kein Telefon. So haben sie einen Nachbarn von mir angerufen, der hat mich dann zu seinem Telefon geholt und so ist der erste Kontakt zustande gekommen.

Wenngleich Ihr Repertoire und Stil ganz stark von den Volksliedern Ihres Landes geprägt sind, werden Sie immer wieder als Fado Sängerin bezeichnet. Vielleicht hat dies auch etwas mit den tiefen und starken Gefühlen zu tun, die Sie in Ihrer Musik zum Ausdruck bringen.  

Ja, das mag sein und natürlich bin ich auch mit dem Fado groß geworden. Später, als es darum ging, Arrangements für den Event in Marrakech zu machen, ist dieser Herr aus Österreich extra nach Portugal gekommen, denn er wollte sichergehen, dass ich tatsächlich die Person bin, die er singen gehört hatte. Ich glaube, sie wollten damals eine gute Fado Sängerin nach Marrakech schicken, die nicht blind ist, aber nicht mich. So kam er eigens nach Lissabon, um mich zu treffen und sicherzugehen, dass ich in der Produktion bin.


Dona Rosa, auf dem Weg hierher zu Ihrem Konzert habe ich ein Ehepaar getroffen. Die beiden haben erzählt, dass sie vor knapp zwanzig Jahren einmal in Lissabon waren und eine Straßensängerin gehört haben, die ganz allein gesungen und sich auf einem Triangel begleitet hat. Die beiden haben eine Weile zugehört und waren tief berührt von diesem intensiven Gesang. Einige Wochen später, wie sie wieder zuhause waren, haben sie ein Konzert im Wiener Konzerthaus besucht und waren sehr überrascht, Sie auf der Bühne zu sehen. Marrakech hat also sehr viel verändert in Ihrem Leben. Wie haben Sie diese große Veranstaltung dort erlebt?

Ich habe diesen Event sehr genossen. Es hat mir dort sehr gut gefallen, denn ich bin gern mit Leuten zusammen, ich reise sehr gerne, probiere gerne neue Gerichte aus, lerne gerne eine neue Kultur kennen. Und es war für mich natürlich eine ganz große Chance, denn in der Folge hatte ich viele Auftritte in anderen europäischen Ländern und auch darüber hinaus. Bis zum Ausbruch der Corona Pandemie war es für mich ganz normal, Konzerte zu geben, zu reisen und auf Tournee zu sein. Aber als dann die Corona Pandemie ausgebrochen ist, konnte ich nicht mehr auf der Straße singen, weil wir gar nicht mehr auf die Straße gehen durften, es gab bei uns sehr strenge Bestimmungen. Das war sehr schwierig für mich. Ich hatte also weder als Straßensängerin ein Einkommen, noch konnte ich außerhalb von Portugal Konzerte geben. Die Pandemie war ein großer Einschnitt für mich.


Besonders freischaffende Künstler:innen waren von den Lockdowns und der Corona Pandemie stark betroffen. Aber jetzt sind Sie wieder unterwegs und geben Konzerte.

Ich bin darüber sehr froh, allerdings ist es auch sehr anstrengend, auf Tournee zu sein. Besonders dann, wenn wir jeden Tag ein Konzert geben und keinen Tag Pause dazwischen haben. So wie jetzt, wir waren in Lübeck, am nächsten Tag in Heidelberg, dann in Wien, morgen sind wir in Innsbruck. Ich bin blind, ich bin sehr lärmempfindlich und überhaupt sehr sensibel. Ich bräuchte eigentlich mehr Zeit, mich auszuruhen und zu erholen. Aber ich habe mich nach Marrakech entschieden, alles dafür zu tun, dass ich mit meinen Konzerten erfolgreich bin und davon leben kann. Dass ich also nicht mehr als Straßensängerin arbeiten muss. Ich habe wirklich sehr viel gegeben, aber leider muss ich trotzdem noch als Straßensängerin auftreten. Denn ich habe im Laufe eines Jahres nicht genug Konzerte, um davon meine Existenz bestreiten zu können. Auch als Straßensängerin ist es nicht so einfach, ich muss meinen Platz sichern und muss mich mit den anderen, mit der Konkurrenz auseinandersetzen. Manchmal kommt es auch vor, dass irgendjemand mit einer Box herumgeht und Geld einsammelt, wenn ich singe, und es dann für sich selbst einsteckt. Ich muss also wachsam sein und mich schützen. Aber so ist es und ich gebe mein Bestes. Ich will ein unabhängiges Leben führen und ich will singen.


Danke für das Gespräch.

Videolink DONA ROSA: Canta Canta Amigo Canta

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