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Mit einer Stocklänge Abstand stehen sich Klientin und Trainerin auf einem Gehsteig gegenüber, die Trainerin richtet mit dem Fuß die Stockspitze aus und erklärt gleichzeitig die richtige Handhaltung.
Bildinfo: Das Stocktraining in den ersten Monaten der Pandemie, mit O&M-Trainerin Andrea Wahl. © BSVWNB/Martin Tree

Leichter durch den Pandemiealltag

Die Corona Pandemie beherrscht seit über einem Jahr unser Leben. Menschen, die blind oder sehbehindert sind, sind von dieser Ausnahmesituation in vielfältiger und besonderer Weise betroffen.

Dies erleben die TrainerInnen für Orientierung und Mobilität sowie für Lebenspraktische Fähigkeiten des Blinden- und Sehbehindertenverbands immer wieder. Sie unterstützen ihre KlientInnen dabei, den Alltag in dieser Krisenzeit zu bewältigen.

Trotzdem mobil bleiben

Für Menschen, die wenig oder gar nichts sehen, ist es immer herausfordernd, sich außerhalb der eigenen vier Wände zu bewegen. Wenn aber ein hochansteckendes Virus umgeht und die Bevölkerung angehalten ist, zwei Meter Abstand zum Mitmenschen einzuhalten, stehen Personen, die blind oder sehbehindert sind, vor einem nahezu unlösbaren Problem. Jene, die einen Langstock verwenden, können zwar ertasten was sich vor ihnen befindet, aber zwei Meter Abstand zu halten, ist äußerst schwierig.

„Viele haben Angst, diese neue Regel nicht einhalten zu können“, so Richard Jäkel, Trainer für Orientierung und Mobilität (O&M). „Und sie befürchten, dass sie von der Polizei angehalten oder von Passanten angeschnauzt werden.“

Aber auch Menschen mit Sehbehinderung müssen und wollen ihre Wohnung verlassen. Sie brauchen frische Luft und Bewegung, müssen einkaufen und zum Arzt / zur Ärztin gehen oder ihren Arbeitsplatz aufsuchen, wenn sie nicht durchgehend im Homeoffice sein können. „Deshalb“, so der O&M Trainer, „empfehlen wir, dass man sich kennzeichnet, wenn man blind oder stark sehbehindert ist.“ Doch nicht alle wollen eine Schleife oder einen Langstock verwenden. Sie fühlen sich stigmatisiert, Behinderung ist oft mit Scham verbunden.

„Andererseits“, so Jäkel, „kennen sich meine Mitmenschen aus, wenn ich eine Schleife trage oder den Stock verwende. Ich kann mit Verständnis rechnen. Im besten Fall tragen die anderen dazu bei, dass ich die Regeln einhalten kann, mich weniger sorgen muss und mobiler sein kann.“ So mag diese anhaltende Ausnahmesituation vielleicht dazu beitragen, sich mit der schmerzhaften Seite dieses Themas auseinanderzusetzen und sich mit jenen auszutauschen, die diesen Schritt bereits gemacht und mit Schleife oder Stock neue Freiheiten gewonnen haben.


Menschen, die blind oder sehbehindert sind, nutzen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln häufig jene Türen, die sich beim Bus oder bei der Straßenbahn ganz vorne befinden. Das tastbare Leit- und Orientierungssystem am Boden zeigt diese Einstiegsstellen mit sogenannten Aufmerksamkeitsfeldern an. So wissen Personen, die blind oder sehbehindert sind, genau wo sie einsteigen können und die LenkerInnen der Busse und Straßenbahnen können auf Fahrgäste, die blind oder sehbehindert sind, besonders Rücksicht nehmen.

Seit dem ersten Lockdown, seit einem Jahr, bleiben die vorderen Türen bei den alten Straßenbahnen und Bussen jedoch geschlossen. Viele hätten inzwischen zwar gelernt, die anderen Türen zu benützen. Doch jene, die nicht so mobil und eher unsicher sind, würden zuhause bleiben, so Jäkel. „Die Leute ziehen sich also noch mehr zurück als sonst. Wir haben ja viele ältere KlientInnen.“

Trotzdem Kontakt halten

Die TrainerInnen des Blinden- und Sehbehindertenverbands reagieren auf diese Situation. Sie kontaktieren ihre KlientInnen jetzt viel häufiger und von sich aus, rufen an und fragen nach. Vor allem ältere Menschen freuen sich über einen Anruf. Sie telefonieren gern, tun sich aber oft schwer, selbst eine Nummer zu wählen und jemanden anzurufen.

„Dies ist jetzt“ so Andrea Wahl, Trainerin für Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF), „die ideale Zeit, das Handy verstärkt und aktiv zu nutzen, also zu lernen, andere anzurufen.“

So könne man sich mit verschiedenen Menschen austauschen, sich besser informieren und Ängste abbauen. „Denn man hört vielleicht etwas, sei es im Fernsehen oder vom Nachbarn, kann es nicht ganz einordnen, interpretiert es falsch, ängstigt sich sehr und traut sich gar nicht mehr vor die Türe. Deshalb ist es wichtig, verschiedene Informationsquellen zu nutzen, sich mit anderen auszutauschen.“ Viele wüssten gar nicht, dass man sich auch online „treffen“, dass man sich in einer Videokonferenz sehen und hören könne. Der Blinden- und Sehbehindertenverband veranstaltet inzwischen auch seine Themenabende online und bietet seinen Mitgliedern an, virtuell, per „Zoom“, daran teilzunehmen.

Natürlich ist es nicht einfach, seine Gewohnheiten zu ändern und Neues auszuprobieren. „Aber wenn es nicht möglich ist, sich mit anderen auf einen Kaffee zu treffen, kann man sich zumindest am Telefon oder online austauschen“, so Andrea Wahl. „Wir beraten gerne, wenn es darum geht, Neues auszuprobieren und Altes neu zu organisieren, sei es im Haushalt, sei es in der Freizeit.“ Vielleicht will man sich wieder handwerklich betätigen, zum ersten Mal Hörbücher hören oder sich mit einer digitalen Sprachassistentin wie Alexa oder Siri auseinandersetzen. Einiges kann telefonisch besprochen werden, aber in der Regel wird vor Ort und gemeinsam ausprobiert und trainiert. In Zeiten der Pandemie eben unter strenger Einhaltung aller Regeln und Maßnahmen.


Ein besonderes Augenmerk gilt den jungen Menschen, die sehbehindert oder blind sind. „Wir müssen sehr aufpassen, dass wir den Kontakt zu den Jugendlichen halten“, so die Trainerin Denise Prager. „Wir bemühen uns sehr darum und kontaktieren sie von uns aus.“

Viele junge Menschen haben während der Corona Pandemie keinen geregelten Tagesablauf, sind viel zuhause, haben wenig Präsenzunterricht und vermissen ihre FreundInnen. Mehr als jede andere Altersgruppe brauchen sie ihre Peergroup. Denn wenn man sich von den Eltern ablöst, ist man ganz besonders auf den Rückhalt seiner FreundInnen angewiesen. Die Gefahr sei groß, dass sehbehinderte Jugendliche, die im Homeschooling sind, sich abschotten, so Prager.

„Ihre Situation ist schwierig, noch viel schwieriger als jene ihrer sehenden AltersgenossInnen. Denn in den Schulen stehen ihnen Hilfsmittel und Förderungen zur Verfügung. Die LehrerInnen wissen, wie sie sie unterrichten können. Die Eltern sind oft überfordert, wissen gar nicht, wie sie ihre Kinder beim Lernen unterstützen sollten.“

Viele Jugendliche ziehen sich zurück, vereinsamen, melden sich nicht mehr. Hinzu kommt, dass sie weniger Möglichkeiten haben sich abzulenken als sehende Jugendliche. Sie sehnen das Ende der Pandemie herbei, wollen zurück in die Schule und hoffen, dass der Präsenzunterricht dann auch bleibt.

Trotzdem in Übung bleiben

Menschen, die blind oder stark sehbehindert sind, verwenden viel häufiger als sehende Menschen ihre Hände, um sich zu orientieren oder zu informieren. Sie benutzen häufiger den Handlauf von Treppen. Sie ertasten Türen von Zügen und U-Bahnen. Sie entziffern mit den Fingern Aufschriften in Braille. Aber eigentlich sollen und wollen wir in Zeiten der Pandemie Oberflächen möglichst wenig berühren. „Wir schlagen unseren KlientInnen vor, die Hände zu desinfizieren und Handschuhe zu tragen und sie probieren es auch aus“, so Patricia Gottsbachner, Trainerin für O&M. „Aber wenn ich Handschuhe trage, spüre ich natürlich weniger. Die taktile Wahrnehmung ist eingeschränkt und Braille Schrift lässt sich so nicht ertasten.“


Wenn es schwieriger und mühsamer als üblich ist, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, bleiben viele vermehrt zuhause. Wer berufstätig ist und seit dem ersten Lockdown im Homeoffice arbeitet, muss viel seltener die eigenen vier Wände verlassen. So kommt man aus der Übung und wird unsicher. Ähnlich geht es jenen Personen, die vor längerer Zeit ein O&M Training begonnen haben und das Training wegen der Lockdowns immer wieder unterbrechen mussten.

O&M Trainerin Gottsbachner: „Teilweise beobachte ich Rückschritte, teilweise sind größere Ängste da als ursprünglich. Diese Ängste müssen neu überwunden werden. Das Vergessene muss neu erarbeitet und trainiert werden. Das erfordert sehr viel Durchhaltevermögen von den Leuten.“ Auch wenn es in der gegenwärtigen Situation viel schwieriger ist, ein O&M Training durchzuführen, bieten die TrainerInnen es an, wenn die Betroffenen es brauchen. So wird zum Beispiel im Freien trainiert, wo die Pandemieregeln eingehalten werden können und KlientInnen haben die Chance, oft mühsam Erlerntes zu erhalten und für sich zu nutzen.

Trotzdem bei Laune bleiben

Die Ausnahmesituation dauert schon sehr lange, es ist belastend, physisch Abstand zu halten, die Kontakte mit geliebten Menschen einzuschränken oder in die virtuelle Welt zu verlegen, häufig eine Maske zu tragen und darauf zu achten, sich möglichst gut vor dem Corona Virus zu schützen. Belastend ist auch, dass sich die Situation immer wieder verändert und das Virus mutiert, neue Pandemieregeln erlassen werden. Es ist allerdings inzwischen einfacher geworden, sich testen zu lassen. Und es wurde bereits begonnen zu impfen. Andrea Wahl: „Wir werden gefragt, wann und wo man sich zur Impfung anmelden kann. Auch wie wir TrainerInnen es mit dem Impfen halten wird gefragt. Also, die Leute interessieren sich und möchten geimpft werden.“

Noch aber heißt es durchzuhalten. Was hilft Menschen, die blind oder stark sehbehindert sind, zuversichtlich zu bleiben? Marion Wally, sie leitet die Selbsthilfegruppe in Zwettl:

„Unsere Selbsthilfegruppe kann sich zwar nicht treffen, aber wir telefonieren miteinander und halten auf diese Weise Kontakt. Ich bin wie die meisten anderen fast nur zuhause, aber ich höre meine Hörbücher. Ich backe etwas für meine Nachbarn, die für mich den Einkauf erledigen und sage auf diese Weise Dankeschön. Und ich habe wieder angefangen zu stricken, ich stricke viele Socken, die von anderen benötigt werden, so tu ich was Gutes und bin beschäftigt.“

Wer blind oder sehbehindert ist und etwas Neues ausprobieren und sich aneignen möchte oder Erlerntes festigen will, kann sich an die TrainerInnen des Blinden- und Sehbehindertenverbands wenden. Angehörige erhalten ebenso Unterstützung. Nähere Informationen finden sich auf der Webseite des BSVWNB.

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