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Portraits

Raphaela und Marcel lachen in die Kamera, hinter ihnen Bäume und eine Strandhütte direkt am Meer.
Bildinfo: Raphaela und Marcel Franke haben eine ganz besondere Beziehung zu Thailand entwickelt. © privat / Foto zur Verfügung gestellt.

„Man muss sich schon was trauen.“

Mit Marcel Franke, der leidenschaftlich gern auf Reisen geht und den Reisepodcast Blind Reisen betreibt, lassen sich ferne Ziele und Sehnsuchtsorte erkunden.

Blind Reisen

Marcel Franke kennt viele Länder und fast alle Kontinente. Gerne reist er nach Südostasien, besonders nach Thailand, er mag die Menschen und ihre Lebensart. Sie seien sehr offen und freundlich, auch viel ruhiger und gelassener. „Ich sag immer zu meiner Frau, wenn ich nur ein bisschen von dieser Lebensweise mit nachhause bringen kann, ist mir schon viel gelungen.“

Am liebsten reist der Wahlwiener zu zweit oder mit einem Reiseanbieter wie Tour de sens und VisionOutdoor. Diese Reisen finden in kleinen Gruppen statt und sind auf die Bedürfnisse von Menschen abgestimmt, die blind oder sehbehindert sind. Besonders gerne ist er zu zweit, ist er mit seiner Frau unterwegs, sie sind flexibel, reisen in ihrem eigenen Tempo und können selbst entscheiden, wohin es geht und wie lange sie bleiben wollen. Bereits von zuhause aus buchen sie für bestimmte Orte einen einheimischen Guide, der ihnen die Kultur des Landes näherbringt und von den Freuden und Nöten der Bevölkerung erzählt. Oder sie nehmen in einer Stadt einen Bus für Tourist:innen, der sie von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit bringt und wo man sich über Kopfhörer die Beschreibungen dazu anhören kann.

Die Freude am Reisen beginnt zuhause

Jede Reise, aber ganz besonders jede Individualreise, ist mit Vorbereitungen verbunden. Marcel und seine Frau Raphaela sind ein eingespieltes Team. „Meine Frau lässt mich die Reisen planen. Ich mache das so gerne, ich interessiere mich unglaublich für Geografie.“ All jene Dinge, bei denen man sich als sehender Mensch leichter tut, wie Flüge und Hotels buchen, übernimmt seine Frau. Das Paar quartiert sich bevorzugt in Hotels ein, die Erwachsenen vorbehalten sind, da beide die Ruhe schätzen. Insbesondere Raphaela, die als Kindergartenpädagogin in ihrem Arbeitsalltag stets mit Kindern zu tun hat.


Wie geht der Weitgereiste vor, wenn er wieder eine Reise plant, gibt es für ihn eine Faustregel? „Wenn man nicht viel Zeit hat, ist Vorbereitung alles. Wenn ich also in zwei Wochen viel vom Land sehen möchte, plane ich ganz genau. Was will ich sehen, wie lange will ich an einem Ort sein, wo will ich übernachten, wie sind die Taxipreise, all das recherchiere und plane ich. Und ich lese vor der Reise immer viel über Land und Leute, damit ich weiß, was mich erwartet, damit ich nicht so einen Kulturschock erlebe.“ Dafür greift er gern zur Reihe KulturSchock, die auch als Hörbuch verfügbar ist und auf das Unbekannte vorbereitet. Aber nicht nur auf das Fremde in Ländern wie Indien, Südafrika oder Usbekistan, sondern auch in den Niederlanden, in Kroatien oder Portugal.

„Vor einer Reise sauge ich diese Informationen immer auf wie ein Schwamm. Nach der Reise frage ich mich, was ist genau so eingetroffen, wie es in diesem Buch beschrieben wurde. Und ich muss sagen, viele Sachen stimmen. Über Indien heißt es zum Beispiel, entweder liebt man das Land oder man hasst es. Das trifft total zu, entweder bist du fasziniert oder du kommst nie wieder.“

Marcel Franke kommt wieder. Zweimal reist er nach Indien, einmal mit Tour de sens und einmal mit VisionOutdoor. Seine erste Indienreise führt ihn nach Goa, in den kleinsten indischen Bundesstaat, der an der Westküste, am Arabischen Meer liegt. In seinen Podcasts nimmt Marcel Franke seine Hörer:innen mit in diese Welt, erzählt von seinen Erfahrungen und lässt mit Geräuschen und Musik die Atmosphäre lebendig werden. Ziel der zweiten Indienreise ist das Goldene Dreieck, dazu zählen die Städte Delhi, Agra und Jaipur. Diesmal ist seine Frau mit dabei. Die kleine Gruppe besucht unter anderem das berühmte Grabmal Taj Mahal und in einem Geschäft in Agra schaut sich Marcel davon kleine Modelle aus Sandstein an. Ein Verkäufer, ein junger Mann, kommt auf ihn zu, spricht ihn auf Deutsch an und erzählt, dass er aus eigener Initiative Deutsch gelernt habe. Der vielgereiste Deutsche aus Wien ist beeindruckt und begeistert, denn Deutsch sei eine Sprache, die nicht leicht zu erlernen und außerdem völlig unbedeutend sei. Die beiden unterhalten sich, sind einander sympathisch, verbinden sich auf Facebook und sind seitdem, also seit dem Jahr 2016, in Kontakt miteinander.

Solche Begegnungen zählen für Marcel Franke zum Schönsten und Faszinierendsten beim Reisen. So erfährt er auf sehr persönliche Art und Weise, wie ein junger Muslim in Indien lebt. Muslime sind eine Minderheit im Land, die zunehmend diskriminiert wird. Er erfährt, dass der junge Mann seine ganze Familie unterstützt und bald heiraten möchte. „Meine Frau und ich haben vor, wieder dorthin zu reisen und wir würden gerne mit unserem indischen Freund ein Stück von diesem faszinierenden Land auf eigene Faust entdecken. Er würde auch gerne nach Europa kommen, für ihn ist das natürlich sehr teuer. Aber Raphaela und ich würden seine Flüge übernehmen und so könnte er diese Reise machen.“


Einmal ganz woanders sein

Auf jeder Reise, in jedem Land gibt es neue, gibt es andere Erfahrungen, die den eigenen Horizont erweitern, die bereichern, schmerzen, begeistern, nachdenklich oder auch demütig machen. Marcel Franke erinnert sich, wie er in Südafrika ein Township besuchte. Diese städtischen Siedlungen entstanden während der Apartheid und werden vor allem von sozial schlecht gestellten und nicht weißen Menschen bewohnt. „Du siehst, wie die Menschen in diesen Armenvierteln leben, dann fährst du ein paar Kilometer weiter in dein Hotel, hast ein sauberes, schönes Zimmer und ein gutes Essen. Aber ganz in deiner Nähe müssen die Menschen ganz anders auskommen. Ich muss schon sagen, an dem Tag hat mir das Essen gar nicht geschmeckt. Ich darf das alles erleben, aber was ist mit den anderen, wieso müssen sie in diesem Elend leben? Diese Gedanken kommen, wenn man sie zulässt.“

Eine schmerzliche Erfahrung ganz anderer Art macht der Wahlwiener in Malaysia, als er im Wasser auf eine Qualle trifft und direkt in die Tentakeln hineingreift. „Das ist ein wahnsinniger Schmerz, ich wäre fast ohnmächtig geworden. Diesen Schmerz werde ich nie vergessen.“ Er behandelt die Verbrennungen, die er dabei erlitten hat, zunächst selbst, doch als der Schmerz am zweiten Tag nicht nachlässt, drängt seine Frau darauf, ins Krankenhaus zu gehen. Dort wird er mit Salben und Antibiotika versorgt. Die Folgen der Verletzung spürt er aber noch viele Wochen später. So etwas sei äußerst unangenehm, könne aber passieren und halte ihn nicht davon ab, wieder auf Reisen zu gehen.

Jedes Land ist anders. In jedem Land trifft ein Mensch, der blind oder sehbehindert ist, auf andere Gegebenheiten. In Indien herrscht in den Städten dichtes Gedränge.

„Ich trau mich ja viel, aber dort würde ich als Blinder nicht alleine gehen. Die Menschenmengen, der dichte Verkehr, dazwischen überall Kühe, aber auch Ziegen und Hunde. Das kann dir mitten in Delhi passieren.“


Dagegen mutet New York City geradezu beschaulich an. Marcel Frankes Schwägerin lebt für einige Zeit in der nordamerikanischen Metropole. Er und seine Frau besuchen sie zweimal. Es gibt dort sehr gute Leitsysteme, viele Aufschriften in Brailleschrift und die Einheimischen begegnen Menschen mit Behinderungen in der Regel aufmerksam und zuvorkommend. „Wenn du dich bei einer Sehenswürdigkeit für eine Eintrittskarte anstellst, wirst du sofort vorgelassen. Oder wenn du Hilfe brauchst, bekommst du sie. Es war mir fast schon ein bisschen peinlich, so bevorzugt behandelt zu werden. Das ist natürlich nicht überall so. Wenngleich ich sagen muss, dass die Menschen, wo immer ich auf der Welt unterwegs bin, mir gegenüber sehr hilfsbereit sind.“

Seine allererste Reise führt Marcel Franke an die Ostsee. Er ist damals fünf oder sechs Jahre alt und fährt mit der Familie, mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder, in den Urlaub. „Das war schon toll, das erste Mal am Meer zu sein.“ Marcel wächst in Eisenhüttenstadt auf, ungefähr 100 Kilometer von Berlin entfernt. Er kommt 1981 auf die Welt, wird noch in die DDR-Zeit hineingeboren, und besucht den örtlichen Kindergarten. Die Wendezeit erlebt er als Schüler in einem Internat für blinde und sehbehinderte Kinder.

„Ich bin zu früh geboren, ich hätte im Oktober auf die Welt kommen sollen, bin aber schon im Juli gekommen. Meine Netzhaut hat sich abgelöst, da ich zu viel Sauerstoff bekommen habe. Ich bin also geburtsblind, kann man sagen. Ich bin vollblind.“


Der Bub kommt im Alter von sechs Jahren ins Internat und sieht seine Familie nur am Wochenende. Das Internatsleben bringt es mit sich, dass er früh selbstständig wird. Nach zehn Schuljahren legt er, wie in Deutschland üblich, die mittlere Reife ab. Er will arbeiten und macht eine Ausbildung zum Telefonisten und zur Fachkraft für Textverarbeitung. Da er gerne mit Menschen zu tun hat, findet er einen Job bei einer Hilfsmittelfirma in Süddeutschland, die einige Zeit später von einer österreichischen Firma übernommen wird. Entweder geht er nach Wien oder er verliert den Job. Er entscheidet sich für das Neue, für das Fremde und übersiedelt im Jahr 2006 nach Wien, wo er niemanden kennt. Seine erste Unterkunft, ein kleines Zimmer, ist direkt über dem Geschäft. Die Kolleg:innen zeigen ihm, wo er alles Notwendige einkaufen kann. Und er ist neugierig, er erkundet und erschließt sich die Stadt.

„Man muss sich schon was trauen, ich bin mit den U-Bahnen und Straßenbahnen kreuz und quer durch die Stadt gefahren. Ich hab mir eine eigene Wohnung gesucht und bin gleich Mitglied beim Blinden- und Sehbehindertenverband (BSVWNB) geworden. Es ist schon wichtig, selbst aktiv zu werden.“ Beim BSVWNB lernt Marcel Franke neue Leute kennen und schließt Freundschaften. Später wechselt er den Job und arbeitet als Telefonist. Jetzt, mit Anfang vierzig, wälzt er neue Berufspläne und kann noch nicht genau sagen, wohin ihn diese Reise führen wird.


Marcel Franke lebt sich nach seiner Übersiedlung in Wien gut ein, aber er spürt auch, dass er nicht alleine leben möchte, dass er sich eine Beziehung wünscht und wird initiativ. Im Dezember 2009 lernt er über die online Partnervermittlung Parship seine zukünftige Frau kennen. „Sie konnte gleich gut damit umgehen, dass ich blind bin und sie konnte mir auch von Anfang an die Dinge gut beschreiben.“ Sie unternehmen viel zusammen, gehen auf Reisen, ziehen in eine gemeinsame Wohnung und heiraten im Jahr 2016 in Wien. Die Hochzeitsgesellschaft fährt mit einer historischen Straßenbahn den Ring entlang und feiert bei einem Abendessen das frisch vermählte Paar.

Die beiden haben schon viele Reisen zusammen gemacht, aber eine ganz besondere Traumreise liegt noch vor ihnen. Sie möchten eine Weltreise unternehmen und sich dafür ungefähr ein Jahr Zeit nehmen. Wann es losgeht, weiß das Paar noch nicht genau, aber Marcel Franke hat längst begonnen, sich darauf vorzubereiten. Er liest Reisebücher, studiert Landkarten und überlegt Routen. Es ist ihm wichtig, diese Reise gut zu planen. Genauso wichtig ist es ihm, Raum für das zu lassen, was nicht plan- und vorhersehbar ist. Zeit zu haben, zu genießen und sich treiben zu lassen.

 

Blind Reisen, der Podcast von Marcel Franke: https://anchor.fm/marcel-franke
Die Buchreihe KulturSchock gibt es auch als Hörbuch: https://www.reise-know-how.de/produktreihe/kulturschock-42877
Reiseanbieter für blinde und sehbehinderte Menschen, Tour de sens: https://tourdesens.de/ und VisionOutdoor: http://www.visionoutdoor.de/index.php

„Ich bin die Schreiberin“

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