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Drei Fotos nebeneinander; links und rechts eine Frau an einer Outdoor-Kletterwand mit einem Guide am Boden, mittig vor einer Kletterwand in der Halle das Kletter-Duo mit Medaillen, dazwischen ein Mann, der die beiden umarmt.
Bildinfo: Andrea Jandl bei der Österreichischen Meisterschaft im Paraclimbing in Imst. Die Trainerin sagt der Athletin die Route an. Der Wiener Trainer freut sich über die Erfolge im Paraclimbing von Andrea Jandl und ihrem Kletterpartner. © privat / Foto zur Verfügung gestellt.

„Man muss sich was trauen, man muss schon mutig sein.“

Vor gut fünf Jahren entdeckt Andrea Jandl das Klettern für sich. Inzwischen ist sie wettkampferprobt und erringt heuer im Sommer ihren bislang größten Erfolg. Sie gewinnt die Goldmedaille bei den Österreichischen Meisterschaften im Paraclimbing.

Interview mit Andrea Jandl

Wir gratulieren herzlich, Frau Jandl! Seilklettern erfordert Kraft, Geschicklichkeit, Wissen, Konzentration und Verlässlichkeit. Nach einem eher zufälligen Schnupperklettern sind Sie dabei geblieben und trainieren ein- bis zweimal in der Woche. Wie ist es dazu gekommen?

Andrea Jandl: Mir hat es von Anfang an gut gefallen. Ich habe mir dann bald eine Jahreskarte für die Kletterhalle gekauft und wir haben uns einen Trainer gesucht. Ich mach das mit einem Kletterpartner zusammen, der ebenfalls eine Sehbehinderung hat. Es gibt beim Klettern leichtere und schwierigere Touren. Wenn man sportlich ist, schafft man die leichteren bald. Also Schwierigkeitsgrad vier und fünf konnte ich bald klettern. Dann muss man trainieren, es ist anstrengend und fordernd, aber man kann durch regelmäßiges Training viel erreichen, sich stark verbessern, das ist sehr schön. Natürlich brauch ich einen Trainer, der mir die Route ansagt, das ist bei mir so, ich sehe ja nix, nur hell dunkel. Aber Seilklettern ist ein Sport, der sich für blinde Menschen wirklich gut eignet.

Das würde sich ein sehender Mensch beim Anblick einer Kletterhalle vermutlich nicht denken. Die Kletterrouten sind zwischen 15 und 20 Meter hoch. Die Wände, teils überhängend, sind mit verschiedenfarbigen Griffen und Tritten bestückt. Jede Route hat einen bestimmten Schwierigkeitsgrad und ist mit einer entsprechenden Farbe markiert. Ein Wirrwarr von Farben, Griffen und Tritten. Sie klettern ohne etwas zu sehen nach oben und werden dabei von Ihrem Kletterpartner gesichert.

Andrea Jandl: Bereits ganz am Anfang lernt man, wie man seinen Kletterpartner über ein Seil sichert. Das ist sehr, sehr wichtig. Wenn ich oben bin, wenn ich das Ende der Route erreicht habe, muss ich mich ins Seil setzen oder fallen lassen und mein Kletterpartner lässt mich wieder zurück auf den Boden. Am Anfang hab ich mich sehr überwinden müssen, den letzten Griff loszulassen und mich rausfallen zu lassen. Also das Hinunterlassen war das Ärgste für mich. Da hab ich am Anfang echt gekämpft, aber mit der Zeit geht es dann eh. Das Problem ist, dass unsereins den Boden nicht sieht. Ich kann nicht abschätzen, ob ich noch drei, zwei oder einen Meter habe, bis ich mit den Füßen aufsetze. Der Trainer sagt mir, wenn ich knapp vor dem Boden bin und dann mach ich mich bereit.

Das heißt, Sie befinden sich in einer Höhe von ungefähr 16 Metern und wissen nicht, was sich unten am Boden tut. Sie müssen sich ins „Nichts“ fallen lassen und darauf vertrauen, dass Sie von Ihrem Kletterpartner gut gesichert werden.

Andrea Jandl: Mein Kletterpartner muss mich auch während des ganzen Aufstiegs sichern. Beim Seilklettern ist das Sicherungsseil oberhalb der Kletterroute fix montiert. Man klettert am Seil hinauf, trägt einen Klettergurt und ist über Gurt und Karabiner mit dem Sicherungsseil verbunden. Der Kletterpartner steht unten, hat Seil und Sicherungsgerät in den Händen und sichert mich damit.

Sich gegenseitig sichern zu können, ist also praktisch die Voraussetzung fürs Klettern?

Andrea Jandl: Sichern ist das Erste was man lernt, das übt man, das muss wirklich funktionieren. Dazu gehört auch, dass wir unmittelbar vor dem Klettern einen Partnercheck machen, wir kontrollieren also gegenseitig, ob alles passt.  Mein Kletterpartner und ich konzentrieren uns dann beim Sichern aufs Spüren. Das heißt, wir müssen genau spüren, wann das Seil wieder nachgezogen werden muss. Ich würde sicher nicht mit jedem klettern. Ich muss mich total auf den Partner verlassen können. Denn es kann sein, dass du mitten unter der Tour rausfällst, weil du zum Beispiel nicht mehr die Kraft hast, dich zu halten oder man glaubt, man erwischt den Griff oder Tritt und erwischt ihn aber nicht. Dann kannst du abrutschen und fällst ins Seil. Die Sicherungsgeräte sind ja inzwischen so gut, da kann eigentlich nix passieren. Aber der Kletterpartner, der unten steht und mich sichert, muss damit rechnen, dass er das sofort ausgleichen muss. Man kriegt natürlich ein Gefühl dafür, wenn man regelmäßig klettert, aber am Anfang hab ich schon einen Bammel davor gehabt. Ich hab meine Angst aber recht bald überwunden gehabt.

Klettern Sie immer zu zweit?

Andrea Jandl: Ja, fast immer. Es hat viele Vorteile. Wir teilen uns die Trainerkosten. Es macht mehr Spaß, man kann sich ein bissl matchen und messen und wenn wir zu zweit sind, kann ich den Kollegen sichern und der Trainer sagt uns die Tour an, denn ich seh ja nix und mein Kletterpartner hat auch nur einen geringen Sehrest.

Wie funktioniert das, wie sagt Ihnen der Trainer eine bestimmte Tour an, wenn Sie die Farbe der Tritte und Griffe nicht sehen können und rund um Ihre, sagen wir blaue Tour, noch viele andere Griffe und Tritte an der Kletterwand befestigt sind? Und wie können Sie die Anweisungen hören? Kletterhallen sind groß und wenn viel los ist, ist es auch laut.

Andrea Jandl: Wir sind über ein Funkgerät miteinander verbunden. Das sind so Headsets, ich hab einen kleinen Kopfhörer im Ohr, den fixiere ich mit einem Stirnband, damit er mir nicht rausfällt, denn man neigt sich ja oft zu der einen oder anderen Seite. Man muss sich ein Ziffernblatt vorstellen und die Anweisungen erfolgen im Uhrzeigersinn. Der Trainer sagt mir zum Beispiel, in Kopfhöhe ist der erste Griff, also bei zwölf. Und sechs ist unten bei den Beinen. Der Trainer sagt mir mit Hilfe der gedachten Ziffern vom Ziffernblatt, wo ich mit meiner Hand einen Griff und mit meinem Fuß einen Tritt meiner Tour erreichen kann. Bis oben sind das 24, 35 oder mehr Griffe, je nachdem wie lang die Tour ist. Unser Trainer macht das sehr gut. Er hat vorher noch nie Leute trainiert, die blind sind, aber wir haben ihm gesagt, was wir brauchen und das hat von Anfang an gut funktioniert.

Sie klettern in der Kletterhalle Wien. Es gibt dort einen Indoor und einen Outdoor Bereich und viele unterschiedliche Routen und immer wieder neue Routen. Man kann sagen, je kleiner die Griffe und Tritte, je weiter die Abstände zwischen den Griffen sind und je überhängender die Kletterwand, desto schwieriger ist die jeweilige Kletterroute. Der Schwierigkeitsgrad wird mit Zahlen angegeben, wobei es verschiedene Skalen gibt. Aber dennoch, welche Touren schaffen Sie inzwischen?

Andrea Jandl: Jetzt ist es so, dass ich eine sechser Tour schon durchsteigen kann. Aber nicht jede. Wenn ich eine neue sechser probiere, kann es sein, dass ich es nur bis zur Hälfte schaffe. Oft gibt es bei einer Tour einen Punkt, wo man zuerst einmal rausfliegt. Wenn man den einmal überwunden hat, dann geht es wieder ganz gut. Beim nächsten Mal steigt man dann schon zwei Drittel der Tour oder schafft es bis ganz nach oben.

Wie lange brauchen Sie für eine sechser Route, die Sie schon mehrmals gemacht haben?

Andrea Jandl: Durchs Ansagen braucht unsereins schon länger und du musst auch eine gute Fitness haben. Ich brauch so zwischen acht und zehn Minuten dafür. Gestern bin ich eine Tour geklettert, da haben mir nur zwei Griffe gefehlt, aber das schaffst du dann einfach nicht, weil du nach der zweiten oder dritten Route schon müde bist und dir die Kraft fehlt.

Was brauchen Sie zum Klettern, wie schaut Ihre Ausrüstung aus?

Andreea Jandl: Ich brauch einen Klettergurt, die Karabiner und das Sicherungsgerät. Kletterschuhe, Kletterhose und ein T-Shirt. Dann noch Magnesium für die Hände, damit man nicht abrutscht, wenn die Hände feucht werden. Wir brauchen auch noch dieses Headset, damit wir die Ansagen des Trainers hören können.

Die Kletterhalle, wo Sie trainieren, ist sehr groß. Wie finden Sie sich dort zurecht?

Andrea Jandl: Ich kenne mich dort sehr gut aus. Ich habe mir am Anfang alles sehr genau angeschaut und dann kennen uns die Leute auch schon. Wenn ich was brauchen würde, tät mir schon wer helfen. Ich geh immer allein in die Garderobe und nehme mir ein Kasterl, das ich leicht finden kann. Da ich in Pension bin, kann ich immer am Vormittag oder am frühen Nachmittag klettern gehen, wo sehr wenig los ist.

Was bringt Ihnen das Klettern?

Andrea Jandl: Ich habe gemerkt, dass Klettern für den Körper wirklich super ist, dass man damit den ganzen Rücken kräftigt. Das ist sehr angenehm. Man sieht auch, dass man weiterkommt, dass man über seine Grenzen kommt. Klettern tut einem extrem gut. Nur den Händen nicht. Ich hab früher sehr schöne Fingernägel gehabt, das ist heute nicht mehr so. Man kriegt auch Blasen, die Hände brennen oft, also die Hände muss man pflegen.

Was fordert dieser Sport von Ihnen?

Andrea Jandl: Man braucht Kraft. Da muss man trainieren, ich bin leider nicht so konsequent beim Krafttraining. Aber ich habe mir zuhause eine Klimmstange montieren lassen und schau, dass ich was für meine Arme tu. Die Beine sind nicht das Problem bei mir, weil ich eh viel Sport mach, aber in den Armen fehlt es mir schon ein bissl. Da muss man schon immer wieder was tun, damit man sich net ganz blamiert. (Lacht) Vor allem wenn die Kletterwand überhängend ist, braucht man viel Kraft.

Bei den Wettkämpfen wird eine Route geklettert, die die Teilnehmer:innen nicht kennen und es zählen dabei die erreichten Griffe sowie die Zeit. Athlet:innen, die blind oder sehbehindert sind, haben einen Guide, der ihnen vom Boden aus die Route ansagt.

Andrea Jandl: Gerade bei Wettkämpfen ist es besonders wichtig, dass die Route ganz präzise angesagt wird und am besten von der Person, die mit den Leuten trainiert. Denn sie kennt dich, man ist ein eingespieltes Team. Es ist selten, dass man in der letzten Runde eines Wettkampfs die ganze Route durchsteigt, denn man muss zuvor schon zwei Routen absolvieren und es wird mit jeder Route schwieriger. Die letzte ist oft überhängend, Schwierigkeitsgrad sechs und mehr, das wird schon ziemlich schwer.

Sie trainieren regelmäßig, Sie haben voriges Jahr bei den Österreichischen Meisterschaften die Silbermedaille geholt, heuer die Goldmedaille. Was fasziniert Sie am Klettern?

Andrea Jandl: Klettern ist eine ganz interessante und besondere Sportart. Man kann mitten in der Stadt das ganze Jahr klettern, drinnen oder draußen. Man braucht keine Mannschaft, man kann es mit einer Freundin oder einem Kollegen tun, man sollte es unbedingt einmal ausprobieren, es ist eine ganz neue Herausforderung.


Danke für das Gespräch.


Schnupper- und Kletterkurse werden von den Kletterhallen angeboten.
Informationen zum Paraklettern: https://www.vsc-wien.at/de/sportangebot/paraclimbing

„Ich bin die Schreiberin“

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