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Portraits

Eine Frau mit hellblauem Hemd und langer Halskette sitzt an einem Arbeitstisch mit Lesegerät, rechts von ihr eine Vase mit einer Rose.
Bildinfo: Theresa Baumgartner nützt zuhause technische Hilfsmittel zum Lesen. © BSVWNB/Ursula Müller

„Mein Hund hat mich gezwungen, wieder ein normales Leben zu führen.“

.. erinnert sich Theresa Baumgartner, die mit Anfang 30 beinahe ihr gesamtes Sehvermögen verliert und in ein schwarzes Loch fällt.

Es folgen drei schwere Jahre. Bei einem Urlaub auf der griechischen Insel Karpathos entdeckt die Wienerin ihre Liebe zu einem kleinen Mischlingshund.

An Cosmos Seite

Cosmo, so seine Besitzerin, schaut ein wenig Fuchur, dem Glücksdrachen aus der Unendlichen Geschichte ähnlich. Und ein Glücksfall ist der kleine griechische Mischlingshund für sein Frauchen allemal. Denn nun ist Theresa Baumgartner gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen. In der Früh, zu Mittag und am Abend muss sie mit ihrem kleinen Vierbeiner einen Spaziergang machen und kann sich nicht mehr nur zuhause verkriechen.

Alles geht sehr schnell. Sie ist 30, als sie bei der Arbeit am Computer bemerkt, dass sie plötzlich sehr schlecht sieht. Die beiden nächsten Jahre spielen sich vor allem beim Augenarzt, im Krankenhaus und zuhause ab.

„Ich bin zehnmal auf beiden Augen operiert und unzählige Male gelasert worden. Aber auch silikonisiert, plombiert, dann wurde das Silikon wieder entfernt.“

Ein kleiner Sehrest bleibt erhalten. Sich darauf einzustellen, fällt Theresa Baumgartner sehr, sehr schwer. „Da ist man scheu. Man will nicht unter die Leute gehen, es ist einem peinlich. Man fühlt sich unsicher, tut sich beim Gehen schwer und hat Probleme mit der Orientierung.“

Ihr damaliger Mann geht nur ungern spazieren. Und es scheint ihn zu überfordern, dass seine attraktive, bis dahin selbstständige Frau nun auf seine Unterstützung angewiesen ist. Der kleine Mischlingshund aber zwingt und bringt die unglückliche junge Frau dazu, das Haus zu verlassen. „Cosmo war mein bester Therapeut. Er war ein braves Tier. Und er hat mich ein paar Mal vor gefährlichen Situationen bewahrt, indem er einfach stur stehengeblieben ist. Ich bin ihm sehr, sehr dankbar.“

Theresa Baumgartner spürt, dass sie noch etwas anderes braucht, um wieder ein zufriedenes und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Ihre damalige Stiefmutter formuliert es klar und deutlich. „Sie hat zu mir gesagt, Theres, du wirst es nicht allein schaffen, da heraus zu kommen. Sie hat mir dann eine Psychotherapeutin genannt und dort habe ich mir Unterstützung geholt. Das hat mir sehr geholfen.“


Ein lebenslanger Begleiter

Dass Theresa Baumgartner mit Anfang 30 fast ihr gesamtes Sehvermögen verliert, hängt auch damit zusammen, dass sie an Typ 1 Diabetes leidet. Also an einer Stoffwechselerkrankung, die zu erhöhten Blutzuckerwerten führt. Sie entsteht durch einen Mangel am Hormon Insulin. Es ist eine sogenannte Autoimmunerkrankung, denn die Zellen, die das Insulin in der Bauchspeicheldrüse produzieren, werden durch körpereigene Abwehrstoffe zerstört. Die Ursachen dieser Krankheit sind bis heute nicht restlos geklärt. Es wird angenommen, dass dabei Erbfaktoren, Virusinfektionen und eine Autoimmunerkrankung zusammenwirken.

Theres ist zwei Jahre alt, ein fröhliches, aufgewecktes Kind, wie die Mutter erzählt. Nach einer Pockenimpfung hat das Mädchen hohes Fieber. Erholt sich aber bald wieder. Doch auf einmal ist es übermäßig durstig, trinkt sehr viel, macht wieder in die Hose und nimmt sehr stark ab. All das ereignet sich innerhalb weniger Tage. Seine junge Mutter ist sehr besorgt. Als der Vater nach einer kurzen Geschäftsreise aus Paris zurückkehrt und seine kleine Tochter auf den Arm nimmt, ist er sofort alarmiert.

„Er hat den typischen Azetongeruch sofort wahrgenommen, das ist so eine Mischung aus Nagellack und fauligen Äpfeln, der kündigt oft ein diabetisches Koma an. Er kannte diesen Mundgeruch, denn sein Bruder hat mit 18 Jahren Diabetes bekommen. Er hat gesagt, das Kind hat Diabetes, es muss sofort ins Krankenhaus. Mein Vater war meine Rettung. Ich wäre wahrscheinlich gestorben.“

Bis zum 16. Lebensjahr wird die Kinderklinik Glanzing in Wien zu einem wiederkehrenden Aufenthaltsort von Theres. Denn anders als heute, gibt es damals nicht die Möglichkeit, den Blutzuckerwert selbst zu kontrollieren. So kommt es immer wieder zu kritischen Situationen wie zu einer Unterzuckerung und dann muss das Mädchen ins Spital. Es verbringt immer wieder viele Wochen in Glanzing, wird unterrichtet und hat dort mit den anderen Kindern auch seinen Spaß.

Die erste Behandlung in der Kinderklinik, das war 1967, ist für das zweijährige Mädchen allerdings ein Schock, ein traumatisches Erlebnis. Obwohl die Mutter ausdrücklich verlangt, dass sie bei der ersten Spritze dabei sein will, nutzen die beiden Krankenschwestern einen kurzen Moment der Abwesenheit aus. „Ich erinnere mich noch genau. Eine Schwester hat mich niedergedrückt, die andere hat meinen Arm hochgerissen und mir das Insulin reingehaut.“ Das Kind schreit gellend, die Mutter ist sofort zur Stelle, doch sie kommt zu spät. Aber hinnehmen will sie diese unprofessionelle wie gewaltsame Behandlung nicht. „Meine Mutter ist eine sehr resolute Frau. Sie ist zum Professor gegangen und hat sich über diese unmenschliche Art beschwert. Und die beiden Krankenschwestern mussten die Konsequenzen tragen. “


Das Interview mit Theresa Baumgartner findet in ihrer stilvoll eingerichteten Altbauwohnung im ersten Wiener Gemeindebezirk statt. Im Wohnzimmer hängt ein Foto, es zeigt sie als Sechsjährige. Das hübsche Kind, das sein halblanges blondes Haar offen trägt, schaut fröhlich in die Kamera. Dass sein Alltag nicht einfach ist, sieht man ihm nicht an. „Meine Mutter hat mich einmal am Tag gespritzt. Und sechsmal am Tag musste ich immer zur genau gleichen Zeit essen. So Sachen wie Pumpernickel mit Topfen, Huhn ohne Haut, ich habe es gehasst, diese grässlichen Dinge zu essen.“

Als Theres fünf Jahre alt ist, lassen sich die Eltern scheiden. Mutter wie Vater heiraten bald wieder. Das Mädchen lebt bei der Mutter, zusammen mit dem Stiefvater und den beiden Halbbrüdern. Es verbringt aber einmal im Monat ein Wochenende beim Vater, bei der Stiefmutter und der Halbschwester. „Ich hatte mit meiner damaligen Stiefmutter und meinem damaligen Stiefvater ein sehr gutes Verhältnis. Und wir Geschwister haben uns zwar gut vertragen, aber Eifersüchteleien gab es natürlich schon.“

Nur mit Mühe findet die Mutter eine Volksschule für Theres. Beim Kindergarten gelingt ihr das nicht. Damals will niemand ein Kind aufnehmen, das an Diabetes leidet.

„Ich wollte aber unbedingt in den Kindergarten gehen, so wie alle meine SpielkameradInnen aus dem Haus. Aber nach wie vor haben Kinder, die an Diabetes leiden, Probleme in den Schulen und Kindergärten.“

Der Diabetes bestimmt noch immer den Tagesablauf von Theresa Baumgartner, auch wenn sie, wie sie sagt, „nicht mehr sechs Mal am Tag wie ein Haftlmacher essen muss“. Inzwischen kann sie sich ihre Kohlehydrate, ihre Broteinheiten selbst einteilen. Doch den Blutzucker zu messen und das Insulin zu spritzen gehören zur täglichen Routine. „Ich bin eine altmodische Diabetikerin, ich habe keine Pumpe, ich spritze morgens und abends mein Basisinsulin und messe mehrmals am Tag den Blutzuckerspiegel. Und wenn es notwendig ist, muss ich mir weitere Insulingaben verabreichen.“

Diese bestimmende Rolle des Diabetes zeigt sich auch beim Interview. Wir unterbrechen unser Gespräch kurz, denn der Blutzuckerspiegel muss kontrolliert werden. „Auf den Diabetes vergesse ich nie. Ich sag‘ immer, selbst wenn mich alle verlassen, der Diabetes begleitet mich bis ins Grab. Die ägyptischen Prinzessinnen haben ein Geschmeide als Grabbeilage erhalten. Mir kann man einen Pen dazulegen, also diese Spritzen in Form eines Stiftes. Wenn man mich dann in 200 Jahren findet, werden sie sagen, das war eine Diabetikerin.“


Doch nicht nur der Alltag, jeder Urlaub, jede Unternehmung will gut geplant und vorbereitet sein. Bei einer Reise, bei einem Flug könnte ein Gepäckstück verlorengehen. Die Insulingaben müssen also in doppelter oder dreifacher Menge mitgenommen und in verschiedenen Gepäckstücken aufbewahrt werden. Hinzu kommt, dass Theresa Baumgartner seit einigen Jahren an einer bestimmten Form von Rheuma leidet und alle zwei Monate eine Infusion erhält, und zwar nach einem ganz genauen Plan. „Mein Mann erstellt diesen exakten Plan. Er ist sehr, sehr genau. Er ist Beamter. Das ist super für mich.“

Unerwartetes Glück

Die beiden lernen sich im Jahr 2004 bei einer Sportwoche in Obertraun kennen, die jedes Jahr im Sommer stattfindet und vom Österreichischen Behindertensportverband veranstaltet wird. Diese Woche bietet Menschen, die blind oder sehbehindert sind, die Möglichkeit, verschiedene Sportarten auszuprobieren. Theresa und Josef gehen gemeinsam Laufen, es gibt nur ein kleines Problem. „Bei mir sind nach jeder Runde die Schuhbänder aufgegangen, weil ich die nicht richtig binden kann. Mein Mann hat sie mir dann zugebunden. Ich fand das rührend und sehr sympathisch. So hat das begonnen. Das war für ihn gänzlich unerwartet und für mich auch.“ Drei Jahre später heiraten die beiden. Das Fest wird im Haus des Stiefvaters, auf Schloss Pernegg an der Mur gefeiert. Die Braut wünscht sich eine steirische Hochzeit, alle kommen in Tracht, beim Empfang wird auf der Zither gespielt und nach der Messe wird ein steirisches Mahl aufgetischt. „Es war eine lustige Hochzeit, es war eine sehr schöne Hochzeit.“

Ein unvergessliches Fest zu veranstalten und für alle Gäste aufs Beste zu sorgen, liegt Theresa Baumgartner einerseits im Blut. Denn ihre Großmutter führte bis zum Zweiten Weltkrieg das Hotel Ehbruster im Zentrum von Baden bei Wien. Andererseits ist sie gelernte Hotelfachfrau. Nach der Matura geht sie nach Salzburg und besucht das Fremdenverkehrskolleg Klessheim. Die Eltern sind über den Berufswunsch ihrer Tochter nicht glücklich, denn sie wissen, wie fordernd und anstrengend die Arbeit ist. Also alles andere als ideal für einen Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes. Doch die junge Frau, die nach der Ausbildung unter anderem im Hotel Sheraton arbeitet, ist in ihrem Element. Sie übt ihren Traumberuf aus.

„Mir hat der Umgang mit den Menschen ganz besonders gut gefallen. Ich habe gerne Menschen um mich, ich bin ein richtiges Gruppentier.“

Ihren Traumberuf muss die junge Frau schließlich aufgeben, und nach Wien zurückkehren, als die gesundheitlichen Probleme beginnen. Für einige Jahre zieht sie sich ganz zurück. Nur langsam bekommt sie wieder Boden unter den Füßen, nachdem sie den Großteil ihres Sehvermögens verloren hat. Und auch das „Gruppentier“ in ihr fordert sein Recht. Sie trifft sich wieder mit Bekannten im Kaffeehaus, besucht Kino- und Theateraufführungen und genießt die Möglichkeit der Audiodeskription. Aber ganz besonders schätzt sie den Austausch mit anderen. „Mein Mann sagt, ich sei furchtbar, wenn ich ein „diabetisches Opfer“ finde, ich neige dann dazu, zu missionieren.“

Man könnte es aber auch informieren und aufklären nennen. Dies ist Theresa Baumgartner ein sehr großes Anliegen. Aus diesem Grund engagiert sie sich auch im Blinden- und Sehbehindertenverband, wo sie die Diabetesgruppe leitet. Denn sie ist fest davon überzeugt: „Schulung, Schulung, Schulung ist das A und O eines Diabetikers“.   

 

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