Springe zur NavigationSpringe zur SucheSpringe zum den BreadcrumbsSpringe zum InhaltSpringe zum Footer
Inhalt
Portraits
Ein Mann in blauem Hemd und mit Sonnenbrille sitzt auf einem Bürosessel vor einem großen Bildschirm, der darunter platzierten Text stark vergrößert darstellt.
Bildinfo: Während des Lockdowns entdeckt Josef Baumgartner die Vorteile des Homeoffice. © BSVWNB/Ursula Müller

Ministerialrat aus Leidenschaft

Vor 35 Jahren begann im Gesundheitsministerium die Berufslaufbahn von Josef Baumgartner, nunmehr Ministerialrat aus Leidenschaft.

Wie ist unser staatliches System aufgebaut und organisiert? Wie funktioniert die öffentliche Verwaltung? Fragen, die Josef Baumgartner schon lange interessieren.

Wie viele andere auch, waren Sie, Herr Baumgartner, während des Lockdowns im Homeoffice. Inzwischen arbeiten Sie zwei Tage daheim, drei Tage im Büro, je nachdem wie es Ihre Termine erfordern. Hatten Sie vor der Corona Pandemie bereits Homeoffice gemacht?

Nein, gar nicht. Ich war, was meine Person betrifft, ein strikter Gegner. Ich wollte nie zuhause arbeiten. Ich konnte mir nie vorstellen – bildlich gesprochen – in der Unterhose dazusitzen und zu arbeiten. Für mich war immer klar, dass Arbeiten etwas damit zu tun hat, das Haus zu verlassen und ins Büro zu gehen. Aber ich habe das Homeoffice wirklich zu schätzen gelernt. Allein schon, dass ich mir die Wege erspare und nicht mit hunderten Leuten in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein muss. Meine Sicht darauf hat sich also völlig geändert und ich möchte in Zukunft gerne eine flexible Regelung haben. Dass ich also, wenn Sitzungen und Besprechungen sind, im Ministerium arbeite und an anderen Tagen von zuhause aus.

Sie sind von Ihrem Sehvermögen her stark eingeschränkt und verwenden bei der Arbeit einen Computer mit einer Sprachsoftware sowie ein Lesegerät. Und Sie benutzen, wie viele Menschen, die blind oder sehbehindert sind, schon lange einen PC.

Meinen ersten PC habe ich mir vor 30 Jahren gekauft. Im Ministerium wurde das elektronische Aktensystem im Jahr 2004 eingeführt. Ich habe mich schon sehr darauf gefreut und mich von Anfang an dafür interessiert.

Ich war so froh, dass ich nicht mehr mit der Lupe das Gekritzel entziffern musste, das jemand mit der Hand schnell hingeschrieben hat.

Jetzt sind alle Notizen elektronisch und ich kann sie mir mit meiner speziellen Software vorlesen lassen. Wie wir damals eingeschult wurden, haben die IT Techniker zu mir gesagt: Das ist ein Wahnsinn! Sie sind einer der wenigen, der sich mit dem System wirklich auskennt und Sie sind doppelt so schnell wie die Leute, die gut sehen können. (Lacht herzlich und zufrieden).


Sie sind in der Abteilung für das Berufs- und Ausbildungsrecht der Gesundheitsberufe tätig und dort für die Berufsgruppe der KardiotechnikerInnen zuständig, die bei bestimmten Operationen die Herz-Lungenmaschinen bedienen. Andererseits haben Sie auch Koordinationsaufgaben im Bereich der Menschenrechte. Mindestens genauso vielfältig sind die Stationen und Tätigkeiten im Laufe Ihrer Karriere.

Mit 17 Jahren habe ich im Gesundheitsministerium als Schreibkraft zu arbeiten begonnen, nachdem ich im Bundesblindeninstitut (BBI) die Ausbildung zum Steno- und Phonotypisten abgeschlossen hatte.

Ein paar Jahre später, ich war Anfang 20, hat ein Freund, der blind ist, zu mir gesagt: Mach‘ ma die Matura.

Ich war ziemlich erstaunt, hab‘ ihn gefragt, wie er auf diese Idee komme. Aber schon bald darauf haben wir uns im Gymnasium für Berufstätige, damals am Henriettenplatz, angemeldet und die Schulbank gedrückt.

Das heißt, Sie hatten, wie alle anderen SchülerInnen auch, von Montag bis Freitag Unterricht, nur dass dieser am Abend stattfand, von 17:50 bis 21:00 Uhr.

Das war schon heftig. Ich habe mir aber gesagt, bisher hattest du einen Job von acht bis vier und jetzt hast du eben einen, wo du um 22 Uhr heimkommst. Es war nicht einfach, aber ich habe nie den Punkt erreicht, wo ich das Gefühl hatte, ich halte es nicht mehr aus, ich höre auf. Von Inklusion war damals keine Rede, aber die Schulleitung war entgegenkommend und mit meinen Klassenkameraden habe ich ein Geben und Nehmen erlebt. Einige haben mir aus Büchern vorgelesen. Dafür haben die Leute in der Klasse sinnvolle Mitschriften von mir bekommen. Ich habe ja bei meiner Ausbildung am BBI schnell und korrekt schreiben gelernt. Außerdem habe ich damals bereits einen PC verwendet und meine Mitschriften waren sehr beliebt.

Die Matura bedeutete einen Karriereschritt. Sie sind in eine andere Abteilung gekommen, die nach dem Beitritt Österreichs zur EU einen neuen, einen zusätzlichen Aufgabenbereich erhalten hatte.

Mein unmittelbarer Vorgesetzter und ich haben diesen neuen Bereich gemeinsam aufgebaut und ich hatte dort einen sehr interessanten Job. Musste sowohl die Ein- und Ausfuhr von sogenannten Drogenausgangsstoffen kontrollieren wie auch die Firmen, die mit diesen Stoffen arbeiten. Wir haben eng mit dem Innen- und Finanzministerium zusammengearbeitet und ich war viel auf Reisen. Meine erste Auslandsreise war eine internationale Konferenz in Konstanza am Schwarzen Meer. Zum Glück war ich damals mit einem Kollegen unterwegs, der sehr reiseerfahren war.

Oft musste ich nach Brüssel, meistens war ich allein unterwegs. Das war für mich, mit meiner Sehbehinderung, schon sehr anstrengend. Aber das hätte ich damals niemals zugegeben.


Zunächst wollten Sie nach der Matura Rechtswissenschaften studieren. Da Sie aber tagsüber keine Vorlesungen besuchen konnten, haben Sie sich anders entschieden und sich für einen berufsbegleitenden Lehrgang an der Verwaltungsakademie beworben, einem großen Weiterbildungsinstitut für die MitarbeiterInnen des Bundesdienstes.

Damals gab es den sogenannten Aufstiegskurs, der vier Semester gedauert hat. Der Kurs war für mich ideal. Wir waren 20 Leute, wir kannten uns alle und ich konnte dort sitzen, zuhören und mitschreiben. Und es war wie in der Abendschule, alle haben sich um meine Mitschriften gerissen. Wir hatten Professoren von der Universität als Vortragende, die sich sehr für unsere Arbeit interessiert haben, wir haben uns intensiv ausgetauscht. Der Lehrgang ist auf Beamte zugeschnitten. Wir haben uns mit jenen Bereichen aus den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften beschäftigt, die für die öffentliche Verwaltung von Bedeutung sind. Wenn man den Lehrgang abschließt und die entsprechenden Dienstprüfungen macht, hat man zwar keinen akademischen Grad, rückt aber in die nächste, also in die oberste Gehaltsstufe A auf, in die sogenannte Akademikerverwendung. Bin ganz zufrieden, denn immerhin habe ich in einer der untersten Stufen, in der Stufe D begonnen und bin jetzt in der Stufe A. Und darf mich mittlerweile Ministerialrat nennen, worauf ich sehr stolz bin.

Sie kommen aus Oberösterreich, aus dem Bezirk Eferding. Nachdem sich Ihr Sehvermögen aufgrund einer degenerativen Netzhauterkrankung im Lauf der ersten drei Volksschuljahre verschlechtert hat, sind Sie nach Wien gekommen. Sie waren im Internat und haben die Schule für sehbehinderte Kinder in der Zinckgasse besucht. Zunächst die vierte Klasse Volksschule und dann die Hauptschule.

Zum Glück bin ich, wie es scheint, unerschrocken und habe mit Veränderungen keine großen Probleme. Ich mein‘, ich hatte schon Bauchweh, wie ich gehört habe, dass ich nach Wien komme. Aber, und darüber haben meine Eltern noch jahrelang gestaunt, ich habe mich total gefreut, dass im Internat viele Gleichaltrige sind und bin gern dortgeblieben. Zum Glück, das muss ich auch sagen, hatte ich kein Heimweh. Denn ich hatte Internatskollegen, die haben wie die Hunde gelitten. Es hat mich zwar immer wahnsinnig gefreut, wenn ich heimfahren konnte, aber ich hatte im Internat keine Probleme.

Ich glaube, dass ich an diesen neuen Situationen auch gewachsen bin.

Denn wie ich mit neun Jahren nach Wien gekommen bin, musste ich lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und mir meine Sachen selber zu organisieren. Also dieses mich auf die Hinterbeine stellen, „anzahn“ und wissen, dass ich etwas tun muss, wenn ich was erreichen will, das habe ich schon ein bissl in meiner Internatszeit gelernt.


Sitzungen, Konferenzen und Besprechungen sind ein wichtiger und wiederkehrender Teil Ihrer Tätigkeit im Ministerium. Anders als bei der Arbeit am PC spielt bei diesen Treffen die Kontaktaufnahme eine große Rolle.

Das ist ein wunder Punkt von mir. Das ist etwas, das wirklich, wirklich schwierig ist für mich. Und die Pandemie macht es noch schwieriger, denn wir sollen Abstand halten und auf’s Hände schütteln verzichten.

Wenn ich eine Sitzung habe, halte ich es üblicherweise so, dass ich rechtzeitig dort bin und dass ich um den Tisch herumgehe und jede Person mit Handschlag begrüße. So weiß ich schon, wer da ist und wo jeder sitzt.

Ich rege bei Besprechungen auch immer wieder an, dass zu Beginn eine kurze Vorstellungsrunde gemacht wird und dass jeder seinen Namen nennt, wenn er sich zu Wort meldet. Meistens wird allerdings schon nach der ersten Runde darauf vergessen, dann frage ich halt nach. Aber das ist schon etwas worunter ich ein bissl leide. Es ist schwer für mich, mit anderen Kontakt aufzunehmen, das schränkt mich ein.

Sind Sie im Laufe Ihres Arbeitslebens öfters damit konfrontiert worden, dass man Menschen mit Behinderungen mit Vorurteilen begegnet, so nach dem Motto: oft krank, unkündbar und nicht leistungsfähig?

Man muss die Leut‘ ein bissl überzeugen, weil sie sich oft nicht vorstellen können, wie ein Mensch arbeitet, der fast nichts sieht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich meiner Vorgesetzten die ersten Akten zur Unterschrift geschickt habe. Sie ruft mich an, bittet mich zu kommen und fragt mich: Wie machst du das? Ich hatte keine Ahnung was sie meint. Sie fragt genauer nach: Wie schaffst du es, den gesamten Akt mit internen Erklärungen und Briefentwürfen, die hinausgeschickt werden, ohne den geringsten Fehler fertig zu machen? Worauf ich nur erwiderte: Glernt ist glernt. Schnell und richtig zu schreiben, darauf wurden wir im BBI gedrillt.

Später hat sie mich wieder einmal geholt. Wir waren beide bei einer Sitzung, wo ich für das Protokoll zuständig war. Ich hab‘ mir ein paar Notizen gemacht. Und sie ist ganz nervös geworden und hat selber mitgeschrieben, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie ich das Protokoll verfassen werde. Nach einiger Zeit habe ich es ihr geschickt, es war sechs, sieben Seiten lang. Und sie fragt mich wieder: Wie machst du das? Ich habe zugehört. Ich bin es gewohnt, konzentriert zuzuhören.

Ich habe mir den Ruf erworben, wobei man auch älter wird, ein gutes Gedächtnis zu haben.

Wenn jemand in der Abteilung etwas sucht, dann heißt es: Josef fragen! Josef, da gab es doch irgendwann ein Rundschreiben ungefähr zu dem und dem Thema. Kannst du dich erinnern? Und ich sag dann: Na ja, lasst mich ein bissl suchen, ich werd’s schon finden und üblicherweise finde ich es auch.

Sie sagen, Sie seien wahnsinnig gern Beamter.

Ja, ich fühle mich in meiner Rolle sehr wohl, ich mag meine abwechslungsreiche Tätigkeit im Ministerium, ich interessiere mich für Organisationsstrukturen und Abläufe. Aber ich bin auch ganz gern unterwegs, meine Frau und ich setzen uns gern in ein Lokal, zu zweit oder mit Freunden, ich höre gerne Hörbücher und Musik. Und ich hab‘ so ein Motto: leben und leben lassen. Ich wundere mich oft, wie unentspannt viele Leute sind. Ich versuche, gelassen an die Dinge heranzugehen. Manche Dinge so zu nehmen wie sie sind. Und in meiner Situation ist es einfach so, dass gewisse Dinge nicht gehen. Das muss ich zur Kenntnis nehmen und halt das Beste draus machen.

Danke für das Gespräch.

Aktuelles

Wohl kaum, wenn man blind ist…

Eine spezielle Führung für blinde und sehbehinderte Menschen im KHM Wien.

Portraits

Vor 35 Jahren begann im Gesundheitsministerium die Berufslaufbahn von Josef Baumgartner, nunmehr Ministerialrat aus Leidenschaft.

Aktuelles

Wie nutzen blinde Menschen eigentlich den Computer? Eva Papst gibt Antwort.