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Portraits
Andrea und Ernst, sportlich-elegant gekleidet, stehen beeinander und lachen in die Kamera, während Ernst Andrea leicht an linkem Oberarm und rechter Schulter hält.
Bildinfo: Auch nach vielen gemeinsamen Jahren entdecken Andrea und Ernst Jandl immer wieder neue Seiten an der anderen Person, die sich verändert und weiterentwickelt. © BSVWNB/Thomas Exel

Paargeschichten: Andrea und Ernst

Andrea und Ernst Jandl sind seit 47 Jahren ein Ehepaar und leben in Wien.

Beide sind im Versehrtensportclub ASVÖ-Wien tätig. Ernst Jandl, 68 Jahre alt, als Obmann des Vereins, Andrea Jandl, 64 Jahre alt, als Sektionsleiterin des Blindensports und als aktive Sportlerin. Das Paar hat eine Tochter und zwei Enkelkinder im Alter von sechs und acht Jahren.

Andrea Jandl, die seit ihrer Geburt stark sehbehindert ist, kann nur noch hell und dunkel wahrnehmen. Ernst Jandl verfügt über einen Sehrest. Während sie die Fragen beantwortet, kümmert er sich um die Buchhaltung des Sportvereins. Als er befragt wird, hört seine Frau ein Hörbuch.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Sie: Wir kennen uns von der Schule, vom BBI. Dort sind wir uns zum ersten Mal begegnet, aber da war ich noch ganz jung. Und mein Mann war nur ein Jahr am BBI, er hat dann gleich zu arbeiten begonnen. Später haben wir uns gemeinsam mit anderen jungen Leuten den Film Love Story angeschaut. Diese tragische Liebesgeschichte, wo sie an Blutkrebs stirbt, hat uns emotional schon ein bissl mitgenommen. Danach haben wir uns immer wieder getroffen. So hat es angefangen.

Er: Ich habe meine Frau zum ersten Mal 1969 in der Schule, im BBI getroffen. Aber wir haben uns erst zwei Jahre später bei einem Sommerfest näher kennengelernt. So hat es begonnen. Ich war damals 19 Jahre alt, allerdings schon berufstätig.

Was haben Sie damals an Ihrem späteren Mann, an Ihrer späteren Frau als besonders attraktiv und anziehend erlebt?

Sie: Er ist ein sehr liebenswerter Mensch, voller Humor, ein witziger Typ.

Er: Ihr wunderbares Aussehen. Aber sie ist nicht nur sehr hübsch. Sie hat auch so eine wärmende Ausstrahlung. Das hat mir von Anfang an gefallen.

Wie haben Sie sich einander ohne Blickkontakt angenähert?

Sie: Dieser Blickkontakt fehlt bei mir leider völlig. Aber man bekommt vieles über die Stimme mit und man konzentriert sich auf die Gefühle.

Er: Also, das Visuelle ist nicht immer ausschlaggebend. Es kommt viel auf‘s Spüren, Hinhören, in sich Hineinhören an. Natürlich auch auf die Stimme und wie jemand einem die Hand gibt. Es kommt also vor allem auf das Fühlen an. Da ich einen Sehrest habe, habe ich meine Frau visuell wahrgenommen, aber natürlich auch über alle anderen Sinne. 


Sie waren zwei Jahre zusammen und haben dann geheiratet. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Sie: Ich war ja blutjung beim Heiraten, ich war 17. Heute ist das fast unvorstellbar. Wir wollten zusammen sein, aber es war nicht daran zu denken, in wilder Ehe zu leben. Also von den Eltern her war das nicht möglich, von mir her schon. Mein Vater war doch sehr streng, meine Mutter weniger. So haben wir uns entschieden, früh zu heiraten. Natürlich stellt man sich vieles anders vor, wenn man so jung ist und man entwickelt sich ja auch erst als Mensch, als Person. Aber wir waren immer füreinander da, auch schon in jungen Jahren. Für uns war ganz klar, dass man Verantwortung übernimmt, wenn man verheiratet ist. Drei Jahre später ist unser Kind auf die Welt gekommen, das hat unser Leben ganz besonders bereichert.

Er: Ich war bei der Hochzeit 21 Jahre alt und ich glaube, ich war die treibende Kraft. Ich wollte heiraten. Mein Leben hat sich dadurch schon verändert. Denn für mich hat es bedeutet, dass ich mein Ich etwas zurückstelle, dass das Wir in den Vordergrund rückt. Wir teilen jetzt unseren Tag, wir teilen jetzt unser Leben. Aber ich war sehr froh, in einer Partnerschaft zu leben, wo man sich akzeptiert fühlt und sich austauschen kann. Das hat in der Kindheit gefehlt. Dieses Bedürfnis von mir, mich auszutauschen, wird für meine Frau manchmal auch erdrückend gewesen sein, aber unsere Beziehung hat bis heute gehalten.

Was war für Sie die größte Herausforderung in Ihrer Ehe, in Ihrem Zusammenleben?

Sie: (Überlegt, zögert kurz und erzählt sehr bewegt.) Meine Tochter hatte knapp vor ihrer Matura einen Verkehrsunfall. Das war in der Karwoche. Sie ist mitgefahren und wurde aus dem Auto geschleudert. Sie war schwer verletzt, lag im Koma und es stand auf des Messers Schneide. Das war für uns als Paar eine große, große Belastung. Sie wurde in St. Pölten ins Krankenhaus eingeliefert und wir sind jeden Tag zu ihr gefahren, haben gebangt und gehofft und auch bei ihrer Versorgung mitgeholfen. Unsere Tochter war immer so ein lebensfrohes Ding, so voller Energie. Und durch den Unfall ist sie aus ihrem Leben geworfen worden. Und auch wir. Aber wir haben das gemeinsam getragen.

Er: Wie unsere Tochter auf die Welt gekommen ist, wusste ich überhaupt nicht, wie ein Neugeborenes zu versorgen ist. Aber das allein war es nicht. Ich stand auch vor der Frage, wie gehe ich damit um, dass meine Partnerin nichts sieht. Wie kann ich sie unterstützen, ohne sie zu bevormunden? Obwohl meine Frau sehr geschickt ist und Topleistungen erbracht hat, hatte ich trotzdem das Gefühl, eingreifen zu müssen, wenn es darum ging, das Flascherl zuzubereiten, das Wasser und das Pulver abzumessen. Zwei Menschen, die vollblind sind, beurteilen das sicher anders. Aber bei mir war es halt so.


Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen beiden?

Sie: Das ist eine schwierige Frage. (überlegt). Also der größte Unterschied zwischen uns ist, dass ich viel sportlicher bin als mein Mann, und auch viel ungeduldiger. Ich hab‘ vor ungefähr 25 Jahren mit dem Sport angefangen. Ich bin mehrere Halbmarathons gelaufen, auch einen Marathon, mach Leichtathletik, geh gern in die Halle klettern und fahr Tandem. Mein Mann begleitet mich lieber zu einem Wettbewerb und wartet auf mich, als dass er selbst Sport treibt. (Lacht)

Er: Meine Frau ist viel temperamentvoller und sehr sportlich. Mir reicht es, wenn ich die Prater Hauptallee hinauf und hinunter gehe. Ich brauch diesen Leistungsdruck nicht. Ich muss nicht wie ein Narr von A nach B rennen und völlig verschwitzt heimkommen. (Lacht)

Wer übernimmt welche Aufgaben im Haushalt?

Sie: Ich koche, mein Mann hilft mir beim Wegräumen. Einkaufen gehen wir oft gemeinsam. Die Wäsche mach ich, er hilft mir manchmal beim Sortieren der Wäsche. Manchmal füllt er eine Maschine und hängt die Wäsche auf. Dann sag ich ihm, dass er sie sorgfältig aufhängen muss, denn ich bügle nicht. Ich bin heute schon so weit, dass ich nicht viel nörgle, sondern ihm die Sache erkläre. Also, wir ergänzen uns gut.

Er: Also kochen tu ich nicht. Aber ich räume weg. Oder wenn meine Frau wenig Zeit hat, frage ich schon, ob ich die Wäsche waschen und aufhängen soll. Jeder greift zu, wenn es etwas zu erledigen gibt.

Worüber streiten Sie?

Sie: Mhm, das ist eine gute Frage. Also, mich ärgert es, wenn mein Mann Zusagen macht und Dinge übernimmt, wenn eh schon alles sehr dicht und eng ist. So wie letztens. Da hab ich über’s Wochenende einen Kurs gemacht, mein Kopf war noch ganz voll, im Haushalt ist viel liegengeblieben und dann kommen noch die beiden Enkelkinder. Dann denk ich mir, das gibt es doch nicht! Ihm macht es noch immer nix, aber mir ist schon längst alles zu viel und ich will da auch verstanden werden.

Er: Wir streiten wenig. Und wenn, dann streiten wir über den Sport. Wenn meine Frau mir sagt, du bist zwar unser Obmann, aber vom operativen Sport verstehst du nix. Dann muss ich schon einmal dazwischenfahren und sagen, hör zu, so geht’s nicht! Manchmal streiten wir über Lappalien. Sehr, sehr selten kommt es vor, dass wir streiten, dass die Fetzen fliegen.

Was stört Sie an Ihrer Partnerin, an Ihrem Partner?

Sie: Stören tut mich gar nix. Er ist wie er ist, ich seh das heute ein bissl großzügiger als früher. Ich will damit aber nicht sagen, dass er keine Fehler hat. Gar nicht. Er könnte ein bissl mehr Sport machen. Er ist schon ein bissl bequem. Ich bin sehr aktiv und bin auch im Zusammenleben kein bequemer Mensch. Ich bin eher der Typ, der Gas gibt, sagt, was Fakt ist und was mir nicht so passt.

Er: Das Aufbrausende. Wenn sie so impulsiv reagiert, wenn alles raus muss. Oft ohne genau hinzuhören oder bei Dingen, die ich gar nicht so gesagt habe. Aber das ist eben ihre emotionale Ader. Damit lebt man, es beruhigt sich ja schnell wieder. In ein, zwei Stunden ist die Geschichte erledigt. Da blitzt es auf, wie so ein Wärmegewitter, das ist dann schnell wieder vorbei.


Was schätzen Sie ganz besonders?

Sie: Dass ich mich auf ihn verlassen kann. Dass er mich aushält, so wie ich bin. Dass er flexibler geworden ist, dass ich ihn heute als noch liebenswerter erlebe als in jungen Jahren.

Er: Ich schätze die Vielfalt an meiner Frau. Dass sie so ein Wirbelwind ist. Da geht was weiter. So ein Staudenhocker, so ein eintöniges Leben würde mich nicht reizen.

Was ist wichtig für eine gute Beziehung?

Sie: Dass man nichts als selbstverständlich nimmt, dass man sich nicht gehen lässt. Ich möchte keinen Mann, der sich gehen lässt. Was ist noch wichtig? Dass man darüber reden kann, wenn einmal etwas nicht so passt, dass man sich Zeit nimmt füreinander und dass man gemeinsam Dinge unternimmt.

Er: Dass man Rücksicht auf die andere Person nimmt. Dass man sich Freiräume lässt, dass man nicht alles auf die Waagschale legt. Und wenn man Streit hat, dass man die Sache noch einmal bespricht, wenn der Frust vorbei ist, damit möglichst wenig hängen bleibt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Sie: Dass wir noch besser miteinander reden können. Dass wir wieder mehr zu zweit unternehmen. Wieder einmal einen Tanzkurs oder eine Kulturreise machen. Und wenn ich auf die vielen gemeinsamen Jahre zurückschaue und mich frage, warum ich schon so lange mit meinem Mann zusammen bin, dann hängt das damit zusammen, dass ich ihn immer wieder anders, immer wieder neu sehen konnte. Ich empfinde es als großes Glück, dass ich mit ihm heute noch besser zusammenleben kann als früher, weil wir uns weiterentwickelt haben.

Er: Wenn es so weiterläuft wie jetzt, bin ich zufrieden. Wenn es so bleibt und wenn meine Frau noch lange ihren Sport machen kann, dann passt es. (Lacht) Wenn sie nicht mehr sporteln kann, müssen wir einen neuen Weg finden, denn sie braucht das. (Lacht) Ich wünsche mir, dass es so bleibt, dass die Familie weiter so zueinander steht und wir Freude mit unseren beiden Enkelsöhnen haben. Sie kommen gern zu uns, schätzen Omas Kochkünste und unternehmen gern etwas mit uns. Ich freue mich, wenn ich in der Früh aufwache, mich spüre und daran denke, dass ein neuer Tag vor mir liegt.

Danke für das Gespräch!

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