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Portraits
Eine Frau mit langen dunklen Haaren und ein Mann mit Brille und kurzen, lockigen Haaren sitzen auf einer Terrasse gemütlich beisammen, beide sind eher sommerlich gekleidet.
Bildinfo: Gegensätze ziehen sich an: sie impulsiv, er besonnen. © BSVWNB/Ursula Müller

Paargeschichten: Bettina und Michael

Wie verlieben sich Menschen, die keinen Blickkontakt aufnehmen können? Paare erzählen, getrennt befragt, wie sie einander kennengelernt haben und wie sie miteinander leben.

Mag. Bettina und DI Dr. Michael Sulyok haben sich im Jahr 2006 kennengelernt und zwei Jahre später geheiratet. Beide 45 Jahre alt, leben mit ihren drei Kindern, der siebenjährigen Magdalena und den elfjährigen Zwillingen Esther und Nicolas, in Wien. Sie, Psychologin und Psychotherapeutin, arbeitet in einer psychiatrischen Abteilung. Er ist Chemiker und als Wissenschaftler an der Universität für Bodenkultur tätig. Bettina ist als Kind erblindet, Michael ist sehend. Während Bettina Sulyok auf der Dachterrasse ihrer Wohnung die Fragen beantwortet, unterhält sich ihr Mann mit den Zwillingen. Als Michael Sulyok erzählt, spielt seine Frau mit der siebenjährigen Tochter.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Sie: Über’s Laufen. Wir waren beide in einer Laufgruppe und haben für den Halbmarathon trainiert. Er hat mich gefragt, ob wir uns nicht einmal außerhalb der Gruppe treffen könnten. Wir waren in Schönbrunn spazieren, haben uns wieder zu zweit getroffen und dann waren wir eigentlich zusammen (lacht). Das war sehr unkompliziert (lacht).

Er: Wir waren beide in einer Laufgruppe, ich bin über einen Freund dazu gekommen. Und bei der Bettina habe ich mir gedacht, die Frau ist interessant, die möchte ich gerne einmal treffen. Das habe ich ihr vorgeschlagen, sie ist darauf eingestiegen und wir waren dann in Schönbrunn.

Wie flirten Sie, wie haben Sie sich einander ohne Blickkontakt angenähert?

Sie: Ich habe den Eindruck, dass man den Augenkontakt vor allem in diesen klassischen Situationen wie in einer Bar oder einem Club braucht. In einem anderen Kontext ist es nicht so wichtig. Ich selbst kann ja nicht über den Blick kommunizieren, aber natürlich merke ich, ob jemand an mir interessiert ist. Wenn er öfters meine Nähe und den Kontakt zu mir sucht, wenn er sich immer wieder mir zuwendet. Diese Signale nehme ich wahr. Und wenn ich mein Interesse zeigen will, dann geht das sehr stark über’s Verbale. Ich hab‘ ein bissl ein Mundwerk (lacht). Die Leute, die mich mögen, die mögen es, dass ich schlagfertig und eloquent bin, und auch ein bissl zynisch. Bei mir rennt viel über’s Reden.

Er: Wir haben uns einige Male getroffen, einmal sind wir etwas trinken gegangen, dann essen. Es ist uns nicht fad geworden, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Ich habe mir dann ein Herz gefasst und ihre Hand genommen. Nachdem ich registriert habe, dass ihr das sehr angenehm ist, habe ich gewusst, dass sie meine Gefühle erwidert.

Wie hat Ihre Familie auf Ihre Beziehung und Heirat reagiert?

Sie: Meine Familie hat damit gerechnet, dass ich wieder einen Partner bringen werde. Ich war davor ungefähr sieben Jahre mit einem Mann zusammen. Nach der Trennung war ich ein Jahr alleine. Ich habe mir dann wieder eine Beziehung gewünscht und damals habe ich den Michi kennengelernt. Meine Familie hat sich gefreut.

Er: Also ganz am Anfang gab es nur positive Reaktionen. Es ist halt so, je besser man mit der Schwiegerfamilie bekannt wird, desto stärker zeigen sich auch die Unterschiede. Meine Frau ist eher emotional und sagt gleich, wenn ihr etwas nicht passt. Ich bin ganz anders. Ich habe es auch in meiner Familie so erlebt, dass Konflikte nicht direkt angesprochen werden. Wie dann der Kontakt zwischen meiner Frau und meinen Eltern intensiver wurde, ist das halt auch manchmal spürbar geworden. Die Bettina redet die Dinge direkt an, in meiner Familie muss man sich einem Konflikt fast spiralförmig annähern.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie ein Paar sind?

Sie: Ja sehr, natürlich. Zuerst durch’s Heiraten, dann durch’s Kinderkriegen. Da haben sich für mich Wünsche erfüllt. Ich wollte heiraten, ich wollte Kinder haben und mit einem Partner leben. Ich habe das schon immer schön gefunden, mit einem anderen Menschen das Leben zu teilen.

Er: Ich habe vorher mit Freunden in einer WG gewohnt. Es ist schon was anderes, ob ich mir mit meinen Freunden ein Fußballspiel im Fernsehen anschaue und nebenbei Spareribs esse oder ob ich mit meiner Frau ein romantisches Dinner habe. Man macht einfach andere Sachen.


Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen beiden?

Sie: Wir sind total unterschiedlich. Der Michi ist ein ruhiger, ein ausgeglichener Mensch. Abwägend, gar nicht verurteilend, analytisch, sehr bescheiden. Ich muss das jetzt sagen, denn er würde es nicht tun. Er ist auf der Liste jener 40 Wissenschaftler Österreichs, die am öftesten zitiert werden. Er ist urgescheit, sehr, sehr intelligent, aber er würde das nie hervorkehren. Ich dagegen bin ein unruhiger Geist, kann leicht emotional hochkochen. Ich streite gern, er mag das gar nicht. Ich bin laut und kommunikativ. Manchmal auch provokant, ich meine das gar nicht immer so, aber ich bin halt eher polarisierend.

Er: Also, das habe ich schon angedeutet (lacht). Ich kann natürlich meine Wurzeln nicht verleugnen. Einen Konflikt unmittelbar anzusteuern ist einfach nicht meins. Ich hab‘ mich eh schon etwas „gebessert“, aber das ist definitiv der größte Unterschied.

Mussten Sie etwas Neues lernen, seit Sie zusammenleben?

Sie: Hm, ich habe gelernt, zu genießen und ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Nicht immer die Action zu haben. Der Michi geht gerne schön essen. Seit die Kinder da sind, machen wir das viel seltener als früher, aber er mag das. Ich bin vom Typ her eher jemand, der irgendwo geschwind eine Pizza isst und dann geht’s schon weiter.

Er: Ich glaub‘, ich hab‘ ganz passabel kochen gelernt. Also diese Junggesellen-Gerichte habe ich schon zusammengebracht, aber ein bissl was Kompliziertes zu kochen, habe ich erst mit meiner Frau gemacht. Das ist dann leider wieder eingeschlafen, wie die Kinder gekommen sind. Aber das würde ich gern wieder tun, wenn die Kinder ein bissl älter sind.

Wer übernimmt welche Aufgaben bei den Kindern?

Sie: Ich bin diejenige, die darauf schaut, dass alle mit Gewand und den Dingen, die sie brauchen, versorgt sind. Der Michi macht mehr, was die Schule betrifft, wobei unsere Kinder sehr selbstständig sind. Aber er räumt mit ihnen die Schultasche ein, weil er auch in der Früh für die Kinder zuständig ist. Was die Erziehung betrifft, bin ich die strukturiertere, die konsequentere von uns beiden (lacht). Wir haben keine ganz fixe Einteilung. Es hängt davon ab, wer wie lange arbeitet und was wir sonst noch so vorhaben.

Er: Ich schau‘ über die Hausaufgaben drüber. Wobei da auch viel meine Schwiegermutter übernimmt. Denn sie ist immer an den Tagen bei uns, wo wir beide arbeiten. Zu den Elternabenden gehen wir immer zu zweit. Erstens weil es uns interessiert und zweitens gibt es da immer viel zum Ausfüllen, und da tu ich mir natürlich viel leichter als meine Frau. Unsere Kinder machen Judo und wenn die beiden größeren ein Turnier haben, wie das halt vor der Pandemie war, dann fahre ich mit ihnen nach Gleisdorf oder nach Zeltweg. Und die Bettina bleibt mit der Magdalena daheim.


Wer macht was im Haushalt?

Sie: Ich bin der Meinung, dass ich mehr tue (lacht). Der Michi macht den Geschirrspüler. Immer. Das machen so viele Männer. Warum machen eigentlich immer die Männer den Geschirrspüler? Ich arbeite auch weniger als der Michi, der einen Vollzeitjob hat. Ich bin 20 Stunden angestellt und arbeite noch freiberuflich als Psychotherapeutin. Bei mir sind das jetzt 30 Stunden. Das ist mir eh fast zu viel. Also der Michi macht eh viel im Haushalt, ich bin nicht mehr unzufrieden, aber es ist nicht halbe-halbe (lacht). Ich mach‘ die Wäsche, koche zu Mittag, wenn ich da bin und der Michi kümmert sich um’s Abendessen. Die Organisation des Haushalts habe ich über. Das klingt jetzt so komisch, aber ich bin diejenige, die sieht, was gemacht werden muss.

Ich muss auch sagen, dass meine Mama immer an den Tagen zu uns kommt, wenn ich arbeiten gehe. Also ohne Oma ging’s nicht. Sie ist da, wenn die Kinder von der Schule heimkommen, sie kocht, sie macht die Wäsche. Es würde vieles nicht so laufen, wenn sie uns nicht unterstützen würde. Ich könnte nicht so viel arbeiten, die Kinder wären viel mehr in Fremdbetreuung. Also die Oma macht wirklich viel.

Er: Ich glaub‘, dass wir uns das ganz gut aufteilen. Ein bisschen klassisch. Für die Wäsche ist die Bettina zuständig. Mein Ding ist eher der Geschirrspüler. Und beim Zusammenräumen pack‘ ich schon ganz schön an. Also nach dem Abendessen, alles wegräumen und klar Schiff machen, das ist so meines. Den Einkauf erledige ich auch.

Reagieren die Kinder auf die Mama anders als auf den Papa?

Sie: Grundsätzlich nicht. Aber die Kinder wissen natürlich, dass ich mögliche Gefahren nicht sehen kann. Wenn wir unterwegs sind, ziehen sie mich weg, wenn ein Rad im Weg steht, oder sie sagen zu mir: „Vorsicht, Mama!“ Da sind sie so hineingewachsen, aber natürlich vergessen sie auch manchmal darauf und das ist auch völlig okay so.

Er: Also ich glaub‘, die Kinder haben vor meiner Frau mehr Respekt als vor mir (lacht). Sie ist konsequenter darin, eine Maßnahme durchzusetzen, die wir ausgemacht haben. Ich werde da leichter weich als die Bettina.

Was ist für Sie die größte Herausforderung im Alltag?

Sie: (Denkt nach) Eigentlich ist unser Leben so, wie ich es mir gewünscht habe. Sicher gibt es stressige Zeiten. Natürlich gibt es dieses Gefühl, dass einem alles zu viel ist. Aber das ist punktuell. Ich finde, wir haben es schon sehr schön. Allein dass wir drei Kinder haben, ist für mich gar nichts Selbstverständliches. Vieles ist gelungen. Natürlich haben wir uns auch bemüht und engagiert, aber vieles davon ist auch geschenkt. Man kann sich noch so bemühen, es gehört immer auch Glück dazu. Also, dass wir drei gesunde Kinder haben, die sich gut entwickeln und dass es in der Schule gut läuft. Dass wir eine Arbeit haben, Geld verdienen und beruflich etwas tun, das wir gerne machen, das uns glücklich macht. All das ist auch ein Geschenk.  

Er: Hm (überlegt). Also, mit diesen Unterschieden umzugehen. Dass man es nicht persönlich nimmt, wenn ein Teil, wie eben meine Frau, sehr direkt und emotional ist, und der andere Teil, wie ich, Konflikte nicht so offen anspricht. Sondern dass man diese Unterschiede als Teil der Persönlichkeit anerkennt. Klar, man nähert sich im Laufe der Jahre ein bisschen an. Aber man muss sich immer vor Augen halten, dass diese Annäherung nicht gleichzeitig bedeutet, dass man jetzt genauso tickt wie der andere. Sondern dass man sagt, der Unterschied ist da, es ist gut, dass er da ist und den akzeptiere ich. Diese Akzeptanz aufrecht zu erhalten ist notwendig, aber eine große Herausforderung.


Worüber haben Sie zuletzt gestritten?

Sie: Wir haben erst vor kurzem gestritten, aber ich weiß nicht mehr worum es dabei ging. Ich streite solange, bis die Sache für mich erledigt ist und dann vergesse ich sie sofort wieder. Es geht fast immer um alltägliche Dinge.

Er: Bei der letzten Auseinandersetzung ist es darum gegangen, dass eine Konsequenz gegenüber den Kindern nicht so konsequent aufrechterhalten wurde, wie wir das ursprünglich ausgemacht hatten.

Was schätzen Sie an der anderen Person ganz besonders?

Sie: Der Michi ist irrsinnig verlässlich. Er ist ein total lieber, guter Mensch. Ich bewundere, dass er so gescheit ist und so ausgeglichen. Ich find‘, ich kann total gut mit ihm zusammenleben. Er ist so ein bissl mein anderer Teil.

Er: Dass meine Frau mich so nehmen kann, wie ich bin. Und dass sie, wenn wir gestritten haben, nicht nachtragend ist.

Was stört Sie?

Sie: Dass er manchmal so realistisch ist, dass eins und eins immer zwei ist. Also das was ich bewundere, das stört mich halt auch manchmal.

Er: (Denkt eine Weile nach.) Was mich stört? Ich denke, man müsste einen Konflikt nicht so emotional austragen. Wobei ich in der Auseinandersetzung mit meiner Frau schon auch verstanden habe, dass alles, was nicht einen gewissen Emotionslevel erreicht, von mir nicht behandelt wird. Ich verstehe das zwar, aber es stört mich trotzdem.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen als Paar?

Sie: Der Abend. Der Abend war immer unsere Zeit. Die Kinder gehen zwischen acht und neun schlafen und sie wissen, dass es ab da keine Elternzeit mehr gibt, kein Programm und kein betüddeln.

Er: Wir sitzen am Abend eigentlich immer zusammen, tratschen oder schauen fern. Oder wenn die Kinder tagsüber grad beschäftigt sind, packen wir die Gelegenheit am Schopf und setzen uns für eine Viertelstunde zu zweit hinauf auf die Dachterrasse. Natürlich hat jeder von uns seinen eigenen Bereich. Bei meiner Frau ist es der Sport, Fußballspielen und Leichtathletik. Bei mir ist es so, dass ich hin und wieder zu wissenschaftlichen Konferenzen fahre und dann einige Tage weg bin. Aber abends gehen wir selten fort, das war vor den Kindern anders. Das ist jetzt unsere Zeit.

Was erachten Sie als wesentlich für eine gute Beziehung?

Sie: Dass wir uns gegenseitig viel Freiheit geben. Also der Michi ist beruflich ganz viel weg. Während des Semesters ist er einmal im Monat für ein paar Tage bei einer Konferenz im Ausland. Da tauscht er sich mit Fachleuten aus, da genießt er das Frühstücksbuffett im Hotel. Und ich habe meinen Sport, wo ich halt viel weg bin.

Er: Dass wir uns echt so nehmen können, wie wir sind. Dass wir versuchen, auf die Schwächen des anderen einzugehen, also bei uns ist das emotional versus reserviert.  Und dass wir verstehen, dass der andere auch nicht aus seiner Haut herauskann. Wichtig ist auch, dass wir darauf vertrauen können, dass – wenn einmal ein emotionales Wort fällt – keiner nachtragend ist, sondern dass es wieder gut ist.

Danke für das Gespräch.

 

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