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Portraits
Eine junge Frau mit Sonnenbrille und ein junger Mann mit Brille lächelnd und einander umarmend auf einem Sofa sitzend, beide haben lange dunkle Haare.
Bildinfo: Ciara ist sehr gesellig, Rafael eher introvertiert, beide aber verbindet die Leidenschaft für die Musik. © BSVWNB/Ursula Müller

Paargeschichten: Ciara und Rafael

Paare erzählen, wie sie einander kennengelernt haben, wie sie miteinander leben und wie sich die Corona-Pandemie auf ihre Beziehung auswirkt.

Ciara Moser und Rafael Trujillo sind seit vier Jahren ein Paar. Sie, 23 Jahre alt, Bassistin, ist von Geburt an blind. Er, 25 Jahre alt und Gitarrist, ist sehend. Das junge Paar lebt seit knapp zwei Jahren zusammen. Im Wintersemester 2019/20 studierten beide am renommierten Berklee College of Music in Boston. Seit Anfang des Jahres leben sie wieder in der gemeinsamen Wohnung in Wien. Aufgrund der gegenwärtigen Ausnahmesituation ist das Paar jetzt bei Ciaras Familie in Oberösterreich.

Während er die Fragen beantwortet, arbeitet sie am Computer. Als sie erzählt, ist er mit seiner Musik beschäftigt.

Wie haben Sie als Paar auf die Corona-Krise reagiert?

Er: Wir haben uns viele Gedanken gemacht, uns intensiv ausgetauscht und alles gemeinsam entschieden.

Es war für uns keine Option, dass wir uns trennen und jeder nachhause fährt.

Dass ich zu meinen Eltern fahre, die auf der deutschen Seite von Oberndorf, von der Salzach wohnen und Ciara zu ihrer Familie. Wir wollten beieinander bleiben.

Sie: Rafis Eltern wohnen in Deutschland und als absehbar war, dass die Grenze geschlossen wird, hätten sie es gern gesehen, dass er heimkommt. Das verstehe ich natürlich total. Aber er wollte bei mir bleiben, das hat mich schon sehr gerührt.

Wie hat sich Ihr Alltag durch die Pandemie verändert?

Er: Da wir in unserer Wohnung in Wien wenig Platz haben, sind wir vorübergehend zu Ciaras Familie gezogen. Für mich ist das wie ein zweites Zuhause. Beim Essen sitzt man zusammen, es ist immer was los und es gibt viel Platz. Ich kann ungestört auf meinem Instrument üben, ohne gleich fürchten zu müssen, dass der Nachbar klopft. Das ist sehr cool.

Sie: Bei uns hat sich nicht so viel verändert.

Wir sind beide Musiker, wir arbeiten viel zuhause, Corona hin oder her.

Üben, komponieren, produzieren, alles organisieren, das machen wir daheim. Gigs spielen, auftreten ist bei alldem fast das Wenigste.

Wie beeinflusst der Lockdown Ihre künstlerische Existenz?

Er: Es wurden Konzerte und Festivals abgesagt, auch eine Tour. Das ist meine Haupteinnahmequelle. Aber ich habe auch Schüler und gebe schon länger Online-Unterricht, auch schon vor dem 16. März. Das habe ich jetzt intensiviert. Außerdem bin ich dabei, ein Buch mit Etüden zu schreiben und ich bewerbe meine Sachen verstärkt im Internet. Mich motiviert es auch, andere Wege zu finden, wenn eine Sache wegfällt. Das regt mich an, kreativ zu werden.

Sie: Ich studiere noch, ich habe noch eine Vorlesung, die online abgehalten wird. Und meine Masterarbeit muss ich noch machen. Ich übe jeden Tag, arbeite an verschiedenen Projekten und außerdem mache ich regelmäßig Sport, Workouts und Dehnen. Das brauch‘ ich als Ausgleich.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Er: Wir haben uns auf einem Jazz Workshop getroffen, der einmal im Jahr stattfindet. Da haben wir gemeinsam gespielt, das war Anfang August 2015. Und seit September 2015 sind wir ein Paar.

Sie: In Zeillern in Niederösterreich, beim Jazz Workshop. Der dauert eine Woche, am Vormittag hat man Unterricht, am Nachmittag wird im Ensemble, also in einer kleinen Gruppe, gespielt und am Abend treffen sich alle zur Jam Session. Rafi und ich waren in einem Ensemble und eine Freundin hat ihn mir vorgestellt. Uns hat die Musik zusammengebracht.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie ein Paar sind?

Er: Für mich hat sich damals, im Spätsommer 2015, überhaupt sehr viel verändert. Ich hatte bereits die Zusage, ab September am Konservatorium in Amsterdam studieren zu können. Ich war aber auch bei verschiedenen Projekten engagiert, war bei der Großen Chance der Chöre dabei, bei diesem Sommer Hit Wettbewerb. Dann hatte ich eine Band, mit der ich zum ersten Mal so richtig auf Tour war. Und dann kommt noch die Ciara dazu. Das war richtig viel auf einmal. Ich bin damals so zwischen Amsterdam und Wien hin- und hergependelt.

Sie: Also ich bin sicher weiblicher geworden. Ich hatte durch den Rafi viel mehr das Bedürfnis, schön auszuschauen, mich herzurichten. Ich wollte attraktiv sein und er hat mich dazu ermutigt, das finde ich voll cool.

Dass ich das vorher nicht so gemacht habe, hat auch damit zu tun, dass ich nie gesehen habe, wie andere Frauen ihre Weiblichkeit betonen.

Ich bin, und das hat sicher auch mit dem Rafi zu tun, nachdenklicher geworden. Ich sage nicht mehr so voll raus, was ich mir denke. Früher war ich schon so die hau drauf Frau, jetzt denke ich mehr nach, bevor ich etwas sage. Das finde ich gut, das gehört ja auch ein bissl zum Erwachsenwerden dazu.

Wie flirten Sie, wie haben Sie sich einander angenähert, wenn Sie keinen Blickkontakt aufnehmen können?

Er: Das ist schwer zu erklären, denn vieles passiert intuitiv. Das meiste hat sich einfach ergeben, also es war nicht komisch oder merkwürdig für mich, dass die Ciara blind ist. Bei uns hat das irgendwie gleich funktioniert. Wir haben viele gemeinsame Interessen, wir haben viel geredet. Und wir haben miteinander gespielt. Da entsteht eine Connection, eine Verbindung auf ganz verschiedenen Ebenen. Auch wie wir aufgewachsen sind, verbindet uns. Die Ciara kommt aus einem Elternhaus, wo sie vieles ausprobieren durfte und mit vielen Herausforderungen konfrontiert war. Ich will das nicht vergleichen, aber ich habe auch immer Herausforderungen angenommen. Ich weiß schon lange, dass ich was mit Musik machen will und meine Eltern haben mich dabei unterstützt.

Sie: Seit ich mich für Burschen interessiere, war das Flirten für mich immer ein Problem.

Denn wenn du blind bist, kannst du nicht in eine Bar gehen und jemanden aufreißn. Ich mein, ich will eh niemanden aufreißn. Aber man kann eigentlich niemanden kennenlernen, weil der Blickkontakt fehlt.

Und wenn es im Lokal dann auch noch laut ist, funktioniert es gar nicht. Mir war klar, dass es bei mir anders sein muss. Dass ich mich mit dem Menschen, den ich kennenlerne, zuerst anfreunden muss. Und bei uns war es so.

Wir haben nicht nur gespielt und geredet, wir haben auch mit einem gemeinsamen Freund viel unternommen. Wenn man zu dritt ist, da hat man ein bissl mehr Freiraum. Später waren wir schon zu zweit im Kino oder Brunchen. Also diese Nähe hat sich entwickelt und dafür braucht man nicht unbedingt den Blickkontakt. Außerdem haben wir uns viel geschrieben. Nach dem Jazz Workshop habe ich gespürt, dass ich verliebt bin und ich hab‘ dem Rafi dann oft WhatsApp Nachrichten geschickt. Er hat mir dann sehr liebe Sachen geschrieben, ich ihm auch. Es fällt ja oft leichter zu schreiben: „Ach, das wäre aber schön, wenn du jetzt hier wärest!“, als es zu sagen. Oder man schickt ein Herzerl. So was macht man ja bei einem Kumpel nicht. Und so nähert man sich an.

 

Was finden Sie an der anderen Person besonders attraktiv, was stört Sie?

Er: Ihre Lebenseinstellung, sie nimmt Herausforderungen an, sie will sie bewältigen. Das hat vielleicht auch ein bissl was mit Sturheit zu tun. Und dass sie so stur sein kann, das nervt mich hin und wieder. (Lacht). Mir gefällt auch ihre Musikalität, ihr Stil. Und vom Aussehen her gefällt sie mir sowieso, sonst wär das zwischen uns wahrscheinlich nie zustande gekommen.

Sie: Er hat meine Blindheit von Anfang an als etwas Selbstverständliches nehmen können. Das bedeutet nicht, dass es kein Thema zwischen uns ist. Natürlich gab es für den Rafi Situationen, die verunsichernd waren und Momente, wo er sich gefragt hat, ob er das wirklich langfristig will.

Aber ich seh‘ das auch als meine Aufgabe an, ihm zu sagen, wie sich diese Unsicherheiten kompensieren lassen und dass ich davon überzeugt bin, dass es kein Problem ist, eine blinde Freundin zu haben. Es gibt ja genug Beispiele.

Und ich mag natürlich seine Musikalität. Wie wir uns kennengelernt haben, war er bereits extrem virtuos auf der Gitarre und hatte technisch viel mehr los als ich. Das hat mich immer fasziniert und zum Üben inspiriert.

Ich glaube, wir verstehen uns auch deshalb so gut, weil wir beide je einen Elternteil aus einem anderen Land haben. Sein Papa ist aus Mexiko, meine Mama aus Irland. Wir sind in Österreich daheim, wir sind hier aufgewachsen, aber man hat trotzdem noch einen anderen Standpunkt und sieht viele Dinge anders. Und was mich stört? Er ist extrem stur, aber das bin ich auch.

Mussten Sie etwas Neues lernen, seit Sie zusammenleben?

Er: Sicher lernt man gewisse Dinge dazu, auch dadurch, dass die Ciara blind ist. Es ist zum Beispiel wichtig, dass die Dinge in der Wohnung ihren Platz haben. Ich achte darauf, dass die Gläser entweder am Tisch stehen oder weggeräumt sind. Im Schrank und im Vorzimmer hat sie ihr eigenes System und darauf nehme ich Rücksicht. Natürlich muss ich ihr hin und wieder sagen, wo etwas ist, wenn sie was sucht. Aber das kommt nicht so oft vor. Sie ist sehr selbstständig und das ist wichtig, sonst hätte ich das nicht geschafft. Denn ich bin sehr mit mir und meiner musikalischen Karriere beschäftigt.

Ich bin nicht in der Rolle des Pflegers. (Lacht). Ich bin ihr Partner.

Sie: Ich hab‘ lernen müssen, andere Meinungen zu akzeptieren und zu sagen, du bist in diesem Punkt anderer Meinung und das passt auch voll. Ich glaub‘, früher hab‘ ich eher versucht, meine Meinung anderen aufzuzwingen. Nicht nur in der Beziehung, auch bei anderen Leuten.

Wer bekommt mehr Anerkennung?

Er: Schwer zu sagen. Also, wir haben eine unterschiedliche Fangemeinschaft. Bei mir interessieren sich vor allem Gitarristen für meine Arbeit. Viele Leute sind sehr beeindruckt, dass die Ciara so spielen kann ohne zu sehen. Bei mir ist das Interesse auf die Musik bezogen, bei ihr aufs Leben. Da geht es dann auch um Themen wie Inklusion und wie sie die Dinge in ihrem Alltag schafft.

Sie: Also, das ist ganz klar, man braucht sich nur die Views anschauen, die der Rafi auf Social Media hat. Das sind zehnmal so viele wie bei mir. Wenn wir gemeinsam auf der Bühne stehen, das machen wir manchmal, dann bekomme ich meistens mehr Aufmerksamkeit. Wegen der Blindheit und weil ich eine Frau bin, denn es gibt nicht allzu viele Frauen an der Bassgitarre.

Wer übernimmt welche Aufgaben im Haushalt?

Er: Ich übernehme den Geschirrspüler, weil ich meine, dass ich ihn besser einräumen kann. (Lacht). Staubsaugen mach ich. Sie macht die Wäsche und wischt. Wir überlegen gerade, dass wir uns eine Hilfe zum Putzen holen, Einkaufen gehen wir oft gemeinsam oder ich mach’s allein. Kochen, das ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Das macht oft die Ciara oder wenn Freunde zu Besuch kommen, kochen wir gemeinsam. Also es ist ziemlich ausgeglichen, würde ich sagen.

Sie: Ich mach‘ die Wäsche und putze das Bad und das Klo. Er räumt den Geschirrspüler ein und erledigt das Staubsaugen. Also so ungefähr fifty-fifty, obwohl man immer glaubt, dass der andere weniger tut.

Wie stellen Sie sich die nähere Zukunft vor?

Er: Also ich wünsche mir, dass wir finanziell so unabhängig sind, dass wir uns unsere Traumwohnung leisten können, wo die Ciara und ich neben einem Wohn- und Schlafzimmer noch je ein eigenes Arbeitszimmer haben. Denn wir arbeiten und üben viel zu Hause.

Und wir starten jetzt auch ein Projekt, wo wir im Duo spielen. Unsere Session wird gefilmt und auf YouTube hochgeladen.

Wir möchten musikalisch gerne mehr miteinander machen und wir wollen schauen, was sich daraus entwickelt.

Sie: Also, ich wünsche mir, dass wir uns einfach gernhaben und eine coole Beziehung führen. Dass wir beide mit unserer Lebenssituation zufrieden sind und unser Leben finanzieren können, denn ich kann mir schon vorstellen, dass wir länger zusammenbleiben. Sicher kann ich mir irgendwann Kinder vorstellen, aber in den nächsten Jahren kann noch so viel passieren. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht, so cool wie es jetzt ist, und dass sich jeder akzeptiert fühlt.

 

Auch die Wissenschaft interessiert sich dafür, wie eine Sinnesbehinderung die Paarbeziehung beeinflusst. Eine großangelegte Studie an der Universität Zürich geht dieser Frage nach. Für SELODY, so heißt diese Studie, werden noch TeilnehmerInnen gesucht. Machen Sie mit! Die Ergebnisse dieser Studie fließen in die Beratung von Menschen mit Sehbehinderung ein.

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