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Portraits
Auf einer Bank vor Heckenrosen lachen, Stirn an Stirn, eine junge Frau und ein junger Mann einander an
Bildinfo: Daniela und Florian Moser - verliebtes Paar und beste Freunde. Es liegt den beiden viel daran, ihr gemeinsames Leben gleichberechtigt zu gestalten. © BSVWNB/Ursula Müller

Paargeschichten: Daniela und Florian

Wie verlieben sich Menschen, die keinen Blickkontakt aufnehmen können? Paare erzählen, wie sie einander kennengelernt haben, miteinander leben.

Daniela und Florian Moser sind seit sieben Jahren verheiratet. Kennengelernt haben sie sich im Jahr 2011. Sie leben mit ihren beiden Kindern, dem sechsjährigen Lorenz und der dreijährigen Aurelia, in Wiener Neustadt. Beide arbeiten in Wien, je 24 Stunden pro Woche. Daniela, ausgebildete Krankenschwester, in der Beratungsstelle des Hospizes am Rennweg. Florian im Massage-Fachinstitut des Louis Braille Hauses als Masseur. Sie, Mitte 30, ist sehend. Er, Ende 30, verfügt, aufgrund einer erblich bedingten Netzhauterkrankung, über einen minimalen Sehrest. Während Florian Moser die Fragen beantwortet, ist seine Frau noch auf dem Rückweg von der Arbeit. Als Daniela Moser erzählt, ist er bereits bei der Teambesprechung im Massage-Fachinstitut.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Er: Über’s Internet, über eine Partnerbörse. Ich hab‘ mir damals gedacht, ist wurscht, ich probier‘s einmal aus. Denn man ist ja meistens in seiner Gruppe, mit seinem Bekannten- und Freundeskreis unterwegs. Da lernt man nicht so leicht neue Leute kennen. Es war an einem verregneten Wochenende, ich war zuhause, hab‘ ferngesehen und dann kam eine Werbung für Parship. Da dachte ich mir, jetzt probier‘ ich es aus. Zuerst haben wir uns geschrieben, später haben wir uns in einem Lokal verabredet. Schon das erste Treffen war sehr gemütlich, es hat eigentlich alles gepasst. Und, ich glaub, drei Monate später ist meine Frau bei mir eingezogen.

Sie: Wir haben uns über eine Online Plattform kennengelernt. Es ist mir eigentlich peinlich, wenn ich das erzähle, obwohl es gang und gäbe ist. Irgendwann habe ich mich dort angemeldet und mein späterer Mann hat mich angeschrieben.

Schon beim ersten Treffen haben wir uns sehr wohl gefühlt. Es hat einfach die Chemie gestimmt.

Es war eigentlich schon nach dem zweiten Treffen klar, dass wir zusammengehören (lacht). Wir haben uns dauernd getroffen, ständig etwas miteinander unternommen und nach zwei Monaten sind wir zusammengezogen. Ich habe zwar meine Wohnung noch behalten, aber ich war die ganze Zeit bei meinem Mann.

Wie flirten Sie, wie haben Sie sich einander ohne Blickkontakt angenähert?

Er: Also in Bezug auf die Partnerbörse fehlen mir die Vergleiche, denn ich habe mich damals nur mit meiner jetzigen Frau getroffen. Und natürlich habe ich deklariert, dass ich fast nichts sehe. Das war mir sehr wichtig, denn es ist ein großer Teil von mir.

Wenn man beim ersten Treffen sagt, übrigens, ich seh‘ nix, dann kann es schwierig werden. Es gibt eben Menschen, die Probleme mit Behinderung haben.

Weil sie sich unsicher fühlen, nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen oder Angst haben. Und wenn das für jemanden ein Problem ist, dann braucht man sich gar nicht zu treffen. Wie nähert man sich an? Was bei anderen über Blicke geht, geht bei mir über die Stimme. Und man spürt es ja auch im Gespräch, man merkt ja, ob die andere Person Interesse hat oder nicht.
 
Sie: Ich kann das gar nicht so genau sagen, aber es hat gar keine Rolle gespielt, dass wir uns nicht über die Augen, über das Anschauen austauschen konnten. Das hat einfach gepasst. Blickkontakt war kein Thema. Ich hatte bis dahin auch keine Erfahrung mit Menschen, die nichts sehen, außer vielleicht das eine oder andere Mal im beruflichen Umfeld.

Wie hat Ihre Familie auf Ihre Beziehung und Heirat reagiert?

Er: Das hat für sie gepasst. Aber das war für mich nicht so wichtig. Ich bin mit 15 Jahren von daheim ausgezogen und nach Wien gegangen. Meine Familie lebt 500 Kilometer von uns entfernt. Wir telefonieren schon öfters, aber wir sehen uns nur zwei, drei Mal im Jahr.

Sie: Meine Familie hat sich gefreut, dass ich einen Menschen gefunden habe, mit dem es passt.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie ein Paar sind?

Er: Ich bin ein bissl ruhiger geworden. Ich hatte davor eine längere Beziehung. Wie die dann aus war, war bei mir eine Zeitlang nur Remmidemmi. Da war ich ständig unterwegs, nur Party, geht schon. Andererseits haben wir bis zur Geburt unseres ersten Kindes viele Städtereisen unternommen, waren in Prag, Venedig und Kopenhagen, in Stockholm, Zürich oder Berlin. Wir waren einige Wochen in Irland unterwegs, auch in Österreich.

Sie: Es war jetzt viel mehr los (lacht). Wir waren oft unterwegs, haben uns Städte angeschaut. Waren bei Rockkonzerten, in Musicals und in der Oper. Wir haben all das gemacht, was wir gerne tun, was aber zu zweit viel schöner ist als alleine. Mein Mann hat mich damals auf dieser Online Plattform angeschrieben, weil ihn meine Interessen angesprochen haben. Er mag diese Vielfalt genauso wie ich.

Mussten Sie etwas Neues lernen, seit Sie zusammenleben?

Er: Ja, natürlich. Wenn man in einer Beziehung lebt, gibt es immer Dinge, die man lernen muss. Dass man ein bissl heruntergeht vom Gas und sich selbst ein bissl in den Hintergrund stellt. Dass man akzeptiert, dass die andere Person die Dinge anders sieht. Dass man lernt, wie sie funktioniert. Denn was für den einen wurscht ist, ist für den anderen Menschen ein riesiges Problem. Umgekehrt ist es genauso. Da muss man sich halt in der Mitte treffen. Aber dass ich etwas ganz Neues hätte lernen müssen? Nein, wüsste ich nicht.

Sie: Sicher musste ich mich damit auseinandersetzen, was für meinen Mann möglich ist und was nicht. Denn wenn man nichts mit Menschen zu tun hat, die sehbehindert sind, befasst man sich gar nicht damit. Und es ist ja auch von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich, was er kann, was er braucht.

Es war also notwendig, mit seinen Bedürfnissen umgehen zu lernen. Also nicht zu viel einzugreifen, aber auch nicht zu wenig. Das ist ein Lernprozess, der hört nicht auf.

Manchmal hat er gesagt, es geht schon. Ich habe aber gemerkt, dass es gar nicht so gut geht. Dann gibt es wieder Situationen, wo ich mir denke, dass das schwierig sein wird für ihn, wie zum Beispiel Unkraut jäten. Aber es hat sich herausgestellt, dass das gut geht. Es ist bis heute ein aneinander Herantasten.

Eine neue Erfahrung war für mich auch, dass mein Mann mir Halt gegeben hat. Ich habe immer so ein bissl Probleme mit dem Selbstbewusstsein gehabt. Mit ihm habe ich erlebt, wie wertvoll ich bin. Er hat mir persönlich sehr viel gegeben.


Sie haben zwei Kinder, einen sechsjährigen Buben und eine dreijährige Tochter. Beide gehen in den Kindergarten. Wer übernimmt welche Aufgaben bei den Kindern und im Haushalt?

Er: Es gibt keine fixe Aufteilung. Bei unserem zweiten Kind war zuerst meine Frau in Karenz und dann war ich eineinhalb Jahre bei den Kindern daheim. Es war eigentlich anders geplant, hat sich aber so ergeben, als meine Frau ein interessantes Jobangebot bekommen hat.

Also einkaufen ist das einzige, was ich nicht mache. Das macht immer meine Frau. Sonst tu ich alles.

Ich bring‘ die Kinder in den Kindergarten, ich koche, mach‘ den Haushalt, erledige die Heimwerkerarbeiten.

Sie: Jeder macht alles. Nur den Einkauf erledige ich allein. Aber wer zuhause ist, der macht was anfällt. Bei den Kindern wie im Haushalt. Wobei ich sagen muss, dass mein Mann bei unserer Tochter mehr macht. Wenn sie in der Nacht aufwacht, kümmert er sich um sie. Ich habe schon angeboten, dass auch ich aufstehen könnte. Aber er hat gemeint, er wird sowieso wach, es stört ihn nicht. Und so nehme ich das gerne an (lacht). Dadurch, dass wir uns die Karenzzeit beim zweiten Kind geteilt haben, hat mein Mann ganz andere, neue Erfahrungen gemacht. Er war viel näher an den Kindern dran und ich weiter weg. Das hat uns sehr gutgetan. Dadurch haben wir uns gegenseitig noch einmal besser verstehen gelernt.

Reagieren die Kinder auf die Mama anders als auf den Papa?

Er: Ja, natürlich. Wenn mein Bua mir was zeigen möchte, nimmt er meine Hand und führt sie dorthin. Die Kinder kapieren das schon früh. Aber Kinder reagieren immer unterschiedlich auf den jeweiligen Elternteil. Ich war mit meiner Tochter eineinhalb Jahre zuhause, sie ist ein totales Papa Mädel.

Sie: Ja, sicher.

Die Kinder wissen natürlich, dass der Papa fast nichts sieht. Teilweise sind sie bei ihm braver und tun gewisse Dinge nicht. Teilweise nutzen sie es aus, setzen sich zum Beispiel auf den Tisch, weil sie genau wissen, dass er es nicht sehen kann.

Unsere Dreijährige ist gerade dabei, Grenzen auszutesten. Sie tut etwas, was sie nicht tun soll. Sie weiß, dass der Papa das nicht sieht. Also schaut sie mich an, macht es noch einmal und wartet, wie ich darauf reagiere.

Was ist für Sie die größte Herausforderung im Alltag?

Er: Ich glaube, zu schauen, dass einerseits die Kinder gleichermaßen Aufmerksamkeit erhalten und dass man andererseits als Paar nicht aufeinander vergisst. Aber dadurch, dass unsere Kinder schon um halb sieben im Bett sind, haben wir den Abend als gemeinsame Zeit. Und das ist schon viel wert.

Sie:  Wenn ich mit der ganzen Familie unterwegs bin und die Kinder laufen irgendwo anders hin, weil sie gerade etwas Interessantes sehen.

In so einer Situation die Kinder, den Mann und den Hund zusammen zu halten, ist für mich momentan die größte Herausforderung. Denn ich will meinen Mann nicht irgendwo stehen lassen und die Kinder muss ich natürlich auch bei mir behalten.

Was schätzen Sie an der anderen Person ganz besonders?

Er: Da gibt es sehr viel (lacht). Ich schätze an meiner Frau ganz besonders, dass sie auf mich eingeht, mir aber auch kritisch gegenübersteht. Denn wenn man nicht kritisiert wird, hat man keine Möglichkeit, sich zusammenzuraufen. Und dass wir die gleichen Vorstellungen darüber haben, wie wir zusammenleben wollen, wie wir unser Familienleben gestalten wollen. Das macht es schon sehr, sehr angenehm.

Sie: Hm. Dass ich genau weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann und dass wir offen miteinander reden können. Diesen offenen und ehrlichen Umgang schätze ich sehr. Ich empfinde meinen Mann gleichzeitig auch als meinen besten Freund.

Was stört Sie?

Er: Hm … puh. Gute Frage. Also, dass manche ihrer Kritikpunkte für mich nicht so wichtig sind. Dass sie manches kritisiert, wo ich mir denke, ist doch eh wurscht. Aber das wiegt nicht so schwer.

Sie: Dass er, wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt, zunächst einmal schweigt. Dass er zuerst einmal die Flucht ergreift und dass wir die Sache nicht gleich klären. Das würde ich am liebsten tun. Ich neig‘ dazu, die Geduld zu verlieren, aufbrausend zu werden und er, dass er sich zurückzieht. Aber wir reden nachher darüber. Wir schauen, wie wir da herauskommen können und es für uns einfacher machen können.

Worüber haben Sie zuletzt gestritten?

Er: (Überlegt eine Weile) Das Interview für diesen Artikel war der Anlass für einen Streit. Es wurde ja darüber gesprochen, das Interview getrennt zu machen. Mit meiner Frau per Telefon und mit mir persönlich vor Ort. Für mich war das völlig gleich, ob wir es getrennt oder gemeinsam machen. Für meine Frau aber überhaupt nicht. Für sie wäre es wichtig gewesen, von Anfang an zu wissen, wie das Interview geplant war. Das ist immer wieder ein Konfliktpotential bei uns. Ich denke mir, diese Details sind völlig wurscht, für meine Frau sind sie aber wichtig.

Sie: (Denkt ebenfalls eine Weile nach) Über das bevorstehende Interview haben wir uns gestritten. Weil ich wissen wollte, ob es von Anfang an klar war, dass das Interview getrennt stattfinden sollte. Mein Mann hat sich angegriffen gefühlt, ist in diesem Fall aber nicht davongelaufen, sondern offensiv geworden. Das war für mich dann etwas Neues, worüber ich mich im ersten Moment erschrocken habe.

Was erachten Sie als unabdingbar für eine gute Beziehung?

Er: Dass uns beiden bewusst ist und dass es uns beiden wichtig ist, dass wir füreinander Zeit brauchen. Und dass es genauso wichtig ist, dass jeder Zeit für sich hat und sie sich nehmen kann.

Sie: Dass wir offen miteinander reden können. Auch darüber, was nicht so gut läuft. Und dass wir gemeinsam schauen, was wir machen können, damit wir es wieder gut miteinander haben.


Danke für das Gespräch.


Auch die Wissenschaft interessiert sich dafür, wie eine Sinnesbehinderung die Paarbeziehung beeinflusst. Eine großangelegte Studie an der Universität Zürich geht dieser Frage nach. Für SELODY, so heißt diese Studie, werden noch TeilnehmerInnen gesucht. Machen Sie mit! Die Ergebnisse dieser Studie fließen in die Beratung von Menschen mit Sehbehinderung ein.

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Unerwartete "sinnliche" Begegnungen im Garten.

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