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Portraits
Eine Frau herzt Wange an Wange ihren Hund, der vor ihr sitzt und seinen Kopf zu ihr nach oben reckt
Bildinfo: Sandra mit ihrer Hündin Kyra © BSVWNB/Ursula Müller

„Singing is my life“

Singen sei ihr Leben. Ohne Singen, davon ist Sandra Milena Aguirre Buitrago fest überzeugt, könne sie nicht leben. Die junge, fast blinde Kolumbianerin setzt alles daran, eine exzellente Gesangsausbildung zu erhalten und kommt deshalb im Oktober 2017 mit ihrer Blindenführhündin Kyra zum Studium nach Wien. Beim Interview erweist sich Englisch als die gemeinsame Sprache.

Große Träume, mutige Schritte

Sandra studiert in ihrer Heimatstadt Medellin Musik, sie verfasst ihre Bachelorarbeit und erwirbt ihren ersten akademischen Abschluss.  Doch bei der Gesangsausbildung, dem wichtigsten Teil des Studiums, stößt die leidenschaftliche Sängerin an unüberwindliche Grenzen. „I was so frustrated“, sie sei unglaublich frustriert gewesen. Es gebe zwar viele wunderbare Stimmen in ihrem Land, aber es fehle an gut ausgebildeten und erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern, erzählt sie. Wenn man mit unfähigen Lehrkräften arbeite, leide die Stimme und könne großen Schaden nehmen. Da sich die junge Sängerin nicht die Stimme ruinieren lassen will, beendet sie schweren Herzens ihre Gesangsausbildung und beginnt, Psychologie zu studieren. Was aber soll aus ihrem Traum vom Singen nun werden?

Natürlich kann Sandra es nicht ganz lassen und singt in einem Chor. Von einer Kollegin erfährt sie, dass es am Konservatorium in Medellin einen Sommerkurs gebe, der von einer lateinamerikanischen Sängerin geleitet werde, die lange in Österreich unterrichtet habe. Am Ende des Kurses findet ein Vorsingen statt, wer überzeugt und die Prüfung schafft, dem steht der Weg offen, der hat die Chance in Wien zu studieren. Die junge Frau überlegt hin und her und entschließt sich dann, daran teilzunehmen. Als sie am Ende die Prüfung besteht, ist für sie klar:

„I have to try it! Ich muss es einfach tun. Das ist ein Wink des Schicksals. Das ist eine ganz unmissverständliche Botschaft.“

Die Botschaft ist klar, sie umzusetzen ist allerdings mit Hürden und Schwierigkeiten verbunden. Es sei schon lange ihr Traum gewesen, mehr von der Welt kennenzulernen, in andere Länder zu reisen, Neues zu lernen und bei den besten Lehrern ihre Gesangsausbildung zu machen. Sie gibt ihr Psychologiestudium auf, nimmt einen Job an, um Geld für die Reise und die Ausbildung in Wien zu verdienen. Sie sucht von zuhause aus nach einer Wohnmöglichkeit in Wien, doch das ist schwierig, denn in den meisten Studentenwohnheimen sind Hunde nicht erlaubt. Wie aber sollte sie ohne ihre Hündin nach Österreich gehen? Die beiden sind seit Jahren ein Herz und eine Seele, sind Tag und Nacht zusammen, Kyra leistet Sandra wertvolle Dienste, begleitet sie auf all ihren Wegen, sorgt für ihre Sicherheit. „She is part of my heart“, sagt Sandra über ihre vierbeinige Gefährtin. Dennoch beschließt sie, Kyra daheimzulassen, wenn es nicht anders geht. Das macht sie traurig, aber sie spürt, dass sie gar keine andere Wahl hat, dass sie sich ihren Traum vom Singen und der Entdeckung der Welt erfüllen muss.

Sandra, die in einem kleinen Ort in Kolumbien als erstes von drei Kindern geboren wird, übersiedelt mit ihrer Familie schon bald nach Medellin, in eine der größten Städte des Landes. Schon bei der Geburt ist klar, dass das kleine Mädchen ein Problem mit dem Sehen hat. Es vermag seine Augen kaum zu öffnen. Die Ärzte vermuten, es sei blind. Die Mutter, die bei der Geburt ihrer Tochter sehr jung ist, will es genau wissen. Sie zündet in einem dunklen Raum eine Kerze an und bemerkt, dass die Augen des Kindes dem Lichtschein folgen. Sandra beschreibt ihr stark eingeschränktes Sehvermögen heute so:

„I can see colors and light. Ich kann Farben und Licht wahrnehmen.“

Die Mutter erlernt die Braille Schrift und vermittelt ihrer Tochter Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen und ermöglicht ihr auf diese Weise überhaupt erst einen Zugang zur Bildung. Denn in Kolumbien, so Sandra, gebe es für sehbehinderte und blinde Kinder viel weniger Möglichkeiten und Hilfsmittel als in Österreich. Sie bewundere ihre Mutter und sei ihr sehr dankbar. Und bis heute unterstützen die Eltern ihre begabte, wissbegierige und abenteuerlustige Tochter nach Kräften.

Kurz nachdem Sandra sich entschieden hatte, ihre Blindenführhündin – sollte es nicht anders gehen – in Medellin zurückzulassen, erhält sie Post aus Wien. Die Direktorin des Wohn- und Pflegeheims für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen antwortet auf ihre Anfrage. Ja, es gebe im Haus einen Platz für sie und gerne könne sie ihre Hündin mitbringen. „I was so happy, so excited! Ich war so glücklich, so aufgeregt, dass ich meine Kyra mitnehmen darf!“

Von Anfang an fühlt sich die Gesangsstudentin in ihrem neuen Wiener Domizil willkommen und sehr wohl. Sie bewohnt dort ein kleines Apartment, das wöchentlich gereinigt wird. Wenn sie einen Brief erhält oder ein Taxi benötigt, hilft ihr die Dame vom Empfang gerne. Ganz besonders glücklich macht es sie, dass es in diesem Haus mehrere Klaviere gibt und dass sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen dort arbeiten und üben darf. „It is like paradise for me. Für mich ist das wie das Paradies“, sagt Sandra, begeistert und dankbar zugleich und fügt hinzu. „I could not be happier. Ich könnte nicht glücklicher sein.“ Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass ihre Hündin genauso willkommen ist wie sie selbst. Denn Kyra arbeitet nicht nur für sie und leistet ihr Gesellschaft. Weit weg von ihrem kolumbianischen Zuhause ist sie auch ein wenig Familie für sie. „Here she is my family“.

Weltoffen, wissbegierig, engagiert

Seit Oktober 2017 studiert die lebhafte Sängerin in Wien. Sie besucht das Richard-Wagner- Konservatorium, erhält dort Gesangsunterricht, singt im Chor, befasst sich mit Musiktheorie und lernt Italienisch. Die Noten überträgt sie mithilfe ihrer Kolleginnen und Kollegen in die Braille Notenschrift. Bei anstehenden Problemen werden rasch Lösungen gefunden. Bei einer schriftlichen Prüfung wird eine Person organisiert, die nicht nur Sandras Antworten niederschreibt, sondern auch noch Spanisch spricht. Sie fühle sich sehr wohl und sei sehr dankbar, dass sie so gut unterstützt werde und sie sei überglücklich, dass sie jetzt eine wunderbare Gesangslehrerin habe. Eigentlich wollte sie Barockmusik studieren, doch sie habe herausgefunden, dass ihre Stimme für die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts besonders gut geeignet sei. „I love Richard Strauss.“ Und ganz besonders mag und schätzt sie den Liedgesang. „My voice likes to sing Lieder. Meine Stimme will Lieder singen.“

Sandra möchte noch lange in Österreich und in Europa bleiben, denn es gibt noch viel zu lernen. Nicht nur was ihre Gesangsausbildung betrifft. Sie möchte die deutsche Sprache sehr gut erlernen, denn sie benötigt die Sprachkenntnisse für den Liedgesang, aber auch, um mit den Menschen hier zu kommunizieren. Später einmal will sie in ihr Heimatland zurückkehren, um dort zu unterrichten. Denn in Kolumbien mangle es, wie gesagt, an gut ausgebildeten Lehrkräften. Sie kann sich allerdings auch vorstellen, noch eine Ausbildung zu machen, die gut zum Singen passt. Wie zum Beispiel eine Ausbildung zur Masseurin, denn diese Ausbildung vermittle Kenntnisse über die Anatomie und wie der menschliche Körper funktioniere. So ein Wissen sei für eine Sängerin ein großer Vorteil, insbesondere für eine Sängerin wie sie, die blind ist. Noch handelt es sich dabei um eine Idee, denn das Gesangsstudium erfordert viel Zeit und Energie. Doch für sie sei es schon immer wichtig gewesen, Neues zu lernen, sich Wissen anzueignen und die eigenen Möglichkeiten zu erweitern.

„I have always been the kind of girl who thinks you have to know the world and you have to learn as much as you can.”

So nimmt Sandra alles rund um sich herum begierig auf. Die sprachliche und kulturelle Vielfalt in der Stadt, die Jahreszeiten und die unterschiedlichen Lichtverhältnisse, die anders sind als zuhause. Sie mag den Winter und die Kälte, vermutlich sei sie in einem früheren Leben einmal eine Wikinger-Prinzessin gewesen, denn zuhause sei es immer warm. Sie probiert gern unbekanntes Essen aus und ist kontaktfreudig. „I am so open. I like social life.“ Sie sei gerne mit anderen zusammen, schätze es, wenn ihre Freunde für sie kochen und genießt es einen Kaffee zu trinken oder ein Glas Wein.  

Am Anfang, als sie im Herbst 2017 nach Wien kommt, ist vieles sehr verwirrend und schwierig in der unbekannten Stadt für sie. Aber die junge Frau weiß sich zu helfen. Ein Landsmann, der schon länger in Österreich lebt, kontaktiert mit ihr zusammen den Blinden- und Sehbehindertenverband WNB. Von einer der Sozialberaterinnen erhält sie wichtige Informationen und den Tipp, sich an die „Verrückte Jugend Aktion“ des Verbandes zu wenden. Die jungen Leute treffen sich regelmäßig, gehen zusammen ins Kino, Theater oder in Konzerte, feiern Feste, besuchen eine Therme oder nehmen an Workshops teil. Gerne greift Sandra diese Anregung auf und ist einigermaßen überrascht und überwältigt, als sie hört, dass sie sich hinters Steuer setzen werden und in Begleitung eines Fahrlehrers Auto fahren dürfen.

„I said WOW! I was so excited!“

Nie im Leben hätte sie gedacht, dass sie einmal ein Auto lenken würde.

Neben diesen lustigen Aktivitäten widmet sich die Gruppe auch ernsten Themen. Gemeinsam mit den anderen besucht Sandra das Konzentrationslager Mauthausen. „It was a very heavy experience.“ Es sei eine sehr harte, eine sehr bedrückende Erfahrung gewesen. Doch wäre sie ohne diese Gruppe vermutlich nie dorthin gekommen. Die offene, kontaktfreudige junge Frau macht gerne bei der „Verrückten Jugend Aktion“ mit und ist begeistert und dankbar, dass sie vom Blindenverband unterstützt wird. „There is a person she has been like an angel to me, especially in the beginning.” Besonders in der ersten Zeit ist Sandra sehr froh, dass die Sozialberaterin des Blindenverbands sie unterstützt. Wie ein Engel sei sie für sie gewesen. Inzwischen ist die lebhafte und herzliche junge Kolumbianerin in Wien heimisch geworden und ist glücklich, dass sie sich ihren großen Traum vom Singen erfüllen kann.

 

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