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Beim taktilen Modell des Stephansdoms steht eine Frau mit weißem Stock, neben ihr steht ein Herr, der ihr aufmerksam zuhört.
Bildinfo: Margarete Waba war als blinde Stadtführerin mit einer interessierten Gruppe unterwegs, begleitet von Rehabilitationstrainer Richard Jäkel. © BSVWNB/Eva Dürr

Stadtspaziergang einmal anders?

Eine Führung durch die Stadt, mit der Einladung, sich auf ungewöhnliche Sichtweisen und neue Blickwinkel einzulassen.

Ein Stadtspaziergang, da gibt’s bestimmt viel zu sehen!
Ganz gewiss, aber noch viele andere Wahrnehmungen, wenn man von einer blinden Frau durch die Stadt geführt wird.
„Wir könnten doch zu einer Stadtführung einladen, magst du das machen?“
Diese verlockende Frage stand am Beginn einer für mich spannenden Herausforderung.
„Ja, warum nicht...“

Ich interessiere mich für Wien, gehe gerne durch die Stadt und freue mich immer wieder über neue Entdeckungen, und von meiner Blindheit lasse ich mich daran nicht hindern.

Sommerurlaub, diesmal ausgefallen

Hinlänglich bekannt, Sie wissen schon, Pandemie und so weiter…
… und deshalb in diesem Jahr mein Sommerurlaub in Wien, und einige Male meine Teilnahme an geführten Stadtspaziergängen zu besonderen Plätzen und interessanten Orten.
Und ja, vielleicht war genau das ein Wegbereiter.
So stellte ich mir die Frage: warum nicht die Seite wechseln und tatsächlich selbst eine Stadtführung planen?
So kam es, wie es kommen sollte. Ehe ich mich versah, war ich diejenige, die durch die Stadt führte.


Wetter vom Feinsten

Wie bestellt und geliefert – es ist ein noch angenehm warmer und sonniger Herbsttag, an dem sich zwölf interessierte TeilnehmerInnen am Maria-Theresien-Platz einfinden.
Hier, nahe der Ringstraße und zwischen den berühmten Museen der Stadt, steht das monumentale Denkmal der namensgebenden Regentin. Rund um die Errichtung, Einweihung 1888, gab es auch damals schon Widerstand: Verherrlichung der Monarchie und Geldverschwendung, das waren die Kritikpunkte.
Das Denkmal steht auf einem Sockel mit einer Grundfläche von 632 m² und wiegt 44 t. Nicht alle dazu abgegebenen Schätzungen sind richtig.

Bevor wir starten, gehe ich noch kurz in mich und mir wird klar, dass der Platz und das Denkmal, sowie manch andere markante Punkte auf unserem bevorstehenden Weg, durch die notwendigen Recherchen für mich ein sozusagen neues Gesicht, eine genauere Abbildung in meiner inneren Wahrnehmung bekommen haben.

Es ist natürlich kein Zufall, dass ich den Ausgangspunkt hier gewählt habe.
Der gleiche Vorname verbindet die „Kaiserin“ Maria Theresia mit der Künstlerin Maria Theresia Paradis, die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in Wien geboren wurde. Sie war Komponistin, Sängerin, Pianistin und Musikpädagogin. Und zwei Dinge waren es, die ihr das Leben damals bestimmt nicht leicht gemacht haben – sie war eine Frau und sie erblindete im frühen Kindesalter.
Ihre spannende Lebensgeschichte war Inspiration für ein Buch und einen Film und steht also am Beginn unseres zweistündigen Rundganges.


Die Spannung steigt

Die Fundraising-Abteilung des BSVWNB hatte zur Veranstaltung eingeladen, um sich bei besonders treuen und großzügigen Spenderinnen und Spendern zu bedanken. In der Einladung wurde darauf hingewiesen, dass ich meine Sichtweisen auf die Stadt weitergeben möchte. Und trotzdem oder gerade deswegen ist es für manche schwer vorstellbar, wie das ablaufen wird.
Abwechslung zwischen Stadtgeschichte und für blinde und sehbehinderte Menschen wichtige Themen – das war mein Anspruch bei der Ausarbeitung des Programmes.
Wir queren nun die Ringstraße und ich lade dazu ein, sich auf die Geräusche der akustischen Ampel zu konzentrieren. Unterschiedliche Signale zeigen die rote oder grüne Ampelschaltung an.

Umgebender Straßenlärm, das erfordert besondere Aufmerksamkeit. Für mich, damit ich meine SpaziergängerInnen hinter mir höre, aber auch für diese, wenn sie versuchen, die Ampelsignale wahrzunehmen.

Erste Fragen tauchen auf. Und nach dem Queren mehrerer Fahrbahnen, der Straßenbahngleise und einem Radweg gibt es Erklärungsbedarf. Ich erzähle vom Mobilitätstraining, bei dem Techniken vermittelt werden, die Orientierung im öffentlichen Raum unterstützen, und weise darauf hin, dass eine hohe Konzentration notwendig ist, um sicher unterwegs sein zu können.

Vom Verkehrslärm ins Museum

Wir lassen das Burgtor links liegen, gehen vorbei an einem olfaktorisch eindeutig erkennbaren Fiaker, der in diesen außergewöhnlichen Zeiten wohl länger als sonst auf die nächsten Fahrgäste wartet.
Weiter geht’s hinein ins Weltmuseum. Ich möchte Tastreliefs zeigen, die Bezug zur Hofburg haben. Entlang der Wände reihen sich in einem Ausstellungsraum die Reliefdarstellungen aneinander. Das Material fühlt sich angenehm an und für notwendige Zusatzinformationen gäbe es theoretisch auch die Möglichkeit, diese über einen QR-Code abzurufen. Doch leider Fehlanzeige, er funktioniert nicht.
Wir versuchen trotzdem, Abbildungen zu erspüren, desinfizieren beim Hinausgehen wieder unsere Hände und verlassen das Gebäude in Richtung Prinz Eugen und Erzherzog Karl. Nächster Stopp also bei diesen zwei Reiterdenkmälern am Heldenplatz.


Hofburg einmal anders

Ich lade ein, ab hier mit geschlossenen Augen oder unter einer Dunkelbrille über freie Flächen und durch Durchgänge bis zum Michaelerplatz zu gehen. Mit einer Person als Begleitung an der Seite lassen sich fast alle TeilnehmerInnen auf das Experiment ein.
Wir spüren die Sonne im Freien, die Kühle des Schattens in den Durchgängen, hören die besondere Akustik in der 35 m hohen Michaelerkuppel. Und spüren danach, wieder im Freien, Kopfsteinpflaster unter den Füßen und hören das Plätschern des Springbrunnens zur Linken.

Elektrobusse, Begegnungszone und Innenstadtfeeling

Der Springbrunnen zeigt mir an, dass wir genau hier die Straße queren können, hinüber zum Palais Herberstein. Ich erzähle noch vom hier bis vor kurzem befindlichen Café Griensteidl. Die Schließung hat viel Aufsehen erregt, obwohl es eigentlich schon seit mehr als 100 Jahren kein typisch wienerisches Literatencafé mehr war. Noch ein kurzer Blick hinüber zur Michaelerkirche und weil’s in Wien auch ein bisserl morbide sein darf, der Hinweis auf die unterhalb der Kirche befindliche Gruft. Dort gibt es noch sehr gut erhaltene Mumien und Gebeine zu besichtigen.


An einer Bushaltestelle in der Begegnungszone Herrengasse ist nun die Herausforderung, mit geschlossenen Augen zu erkennen, wann der E-Bus in die Haltestelle einfährt. Schließlich könnte es ja sein, dass die Beine schon müde sind und man per Bus durch die Stadt chauffiert werden möchte.
Den geräuscharmen Bus zu hören ist nicht einfach, denn Rundumgeräusche entscheiden, ob er früher oder erst im letzten Moment wahrgenommen werden kann.
Doch wir verspüren noch keine Ermüdungserscheinungen und gehen ohnehin zu Fuß weiter.

Konzentration ist gefragt, denn in Begegnungszonen gibt es keinen Niveauunterschied zwischen Fahrbahn und Gehsteig, und Schanigärten reihen sich hier aneinander.
Vorbei geht’s am ersten Hochhaus Wiens, das bereits 1932 errichtet wurde. Es ist auch einzigartig für Wien, dass hier eine Concierge den BewohnerInnen zu Diensten steht. „Wer Bedarf hat, laut Homepage gäbe es eine freie Wohnung zu mieten.“
Durch enge Gassen ohne Verkehrslärm flanieren wir nun Richtung Fußgängerzone. Schon vor 120 Jahren war in diesem Bereich eine exquisite Einkaufsmeile. Viele K.u.K. Lieferanten haben sich wegen der Nähe zur Hofburg hier angesiedelt.

„Versuchen Sie bitte, besonders auf Gerüche und Geräusche zu achten und Visuelles ein bisschen in den Hintergrund zu drängen.“

Es duftet nach Kaffee, nach Brot, einem intensiven Parfüm einer auf Stöckelschuhen vorbeieilenden Dame und wir spüren einen kühlen Luftzug aus einem Haustor, der etwas modrig riecht. Wir hören das helle Lachen eines Kindes, emotionales Diskutieren zweier Männer, leise Musikklänge und das Hufklappern eines Fiakers aus der Ferne.
So entspannt erreichen wir die Fußgängerzone am Graben, und halten kurz beim Josefsbrunnen an.
Unter diesem befindet sich nämlich die älteste öffentliche Bedürfnisanstalt der Stadt. Gegen deren Errichtung um 1905 gab es damals massive Proteste. Denn, zu nahe wäre sie zum Stephansdom. Und sogar die benachbarte Polizeistation soll sich gegen die Errichtung ausgesprochen haben.
Sie wurde trotzdem errichtet und es gibt sie heute noch. Erbaut im Jugendstil, sind elegante Holzverkleidungen, geschliffene Glasflächen und Messingbeschläge die außergewöhnliche Ausstattung. Ein Besuch lohnt sich allemal, ob mit oder ohne dringendem Bedürfnis.


Taktile Leitsysteme in Fußgängerzonen

Genau diese finden wir am Graben. „Mit einem Langstock können Sie entlang der am Boden tastbaren Rillen durch die Fußgängerzone schlendern.“ Dieses verlockende Angebot nehmen die meisten TeilnehmerInnen an. Kurz den Gebrauch des Langstockes erklärt und schon geht es los. Augen schließen oder Dunkelbrille natürlich inklusive.
Diese praktische Erfahrung wirft wieder viele Fragen auf. Wir kommen zurück zum vorhin schon angesprochenen Mobilitätstraining. Wann, wie, wo? Beim BSV WNB können betroffene Personen Informationen darüber und natürlich auch das nötige praktische Training bekommen.

Groß ist nicht immer besser

Das maßstabgetreue Bronzemodell des Stephansdoms, Maßstab 1:100, habe ich als Schlusspunkt ausgewählt. Es steht nahe dem Riesentor und vermittelt durch die detailgetreue Darstellung einen ganz besonderen Eindruck vom Dom. Bitte unbedingt berühren!
Dieser Platz, getaucht in angenehmen warmen Sonnenschein, ist ein guter Standort, um zu resümieren und noch mal Gedanken auszutauschen.

„Beim nächsten Mal gerne wieder dabei.“

Dieses positive Feedback gibt es von vielen TeilnehmerInnen, sollte ein ähnlicher Stadtspaziergang wieder angeboten werden.
Und gerne mache auch ich für interessierte Personen zukünftig diesen oder andere Stadtspaziergänge.
Zu guter Letzt, aber nicht weniger wichtig: Herzlichen Dank an Eva Dürr und Richard Jäkel, die gemeinsam mit mir unterwegs waren, für die gute Zusammenarbeit und Unterstützung.

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