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Eine Frau vor einem Aufzug hinunter zum Bahnsteig hält mit der einen Hand den Weißen Stock, während sie mit der anderen Hand eine MNS-Maske über ihr Ohr fädelt. Am Aufzugschacht ein Aufkleber mit einem schemenhaft dargestellten dunklen Kopf mit heller Maske und der Aufschrift: Bitte Mund und Nase bedecken!
Bildinfo: Schon das Aufsetzen der MNS-Maske, mit der richtigen Seite nach vorne, ist eine kleine Herausforderung für blinde Menschen. © BSVWNB/Martin Tree

Von Baby-Elefanten und ersten Schritten

Marion Putzer-Schimack über die Rückkehr in die Zivilisation und den Willen zur selbstständigen Mobilität im Corona-Alltag.

An anderer Stelle hatte ich bereits berichtet, dass ich während der Zeit der Corona-Ausgangsbeschränkungen nicht alleine einkaufen war.
Essen wurde geliefert oder von meinem sehenden Mann besorgt.

Das erschien mir eine sehr gute Lösung zu sein, es war praktisch und sehr bequem. Im Laufe der Wochen habe ich mich daran gewöhnt. Es wurde quasi normal, dass ich die Zivilisation – damit meine ich Einrichtungen des öffentlichen Lebens wie Supermärkte, Arztpraxen, öffentliche Verkehrsmittel und Plätze – mied.

Die ersten Schritte sind meist schwer

Irgendwann jedoch, so dachte ich mir, musst du wieder hinaus: und zwar alleine. Zum Einkaufen, mit dem Zug nach Wien oder mit der U- bzw. Straßenbahn von A nach B.

Denn selbstständig unterwegs zu sein, ist für mich als blinde Frau sehr wichtig.

Und letzten Mittwoch war es dann soweit. Zuerst brachte ich meinen inneren Schweinehund zum Schweigen und dann stattete ich unserem Supermarkt hier im Ort einen Besuch ab. Mein Einkauf verlief sehr unspektakulär. Niemand wollte mir einen Einkaufswagen aufzwingen; aufgrund der Tageszeit und damit wenigen Mit-EinkäuferInnen im Geschäft hatte ich keine Probleme mit Abstand-Halten; und da man mich im Supermarkt gut kennt, wurde mir bereitwillig geholfen, und ich musste nicht zu viel anfassen. Fast langweilig, dachte ich. Worüber soll ich denn da schreiben, wenn ich nichts Aufregendes erlebt habe?

So entschied ich mich für ein Gespräch mit einer unserer MobilitätstrainerInnen, Frau Andrea Wahl. Ich wollte von ihr wissen, ob sie Tipps und Tricks für die Bewältigung des Corona-Alltags hat. Ich ließ mich also in „coronapraktischen Fähigkeiten“ unterweisen.

Nebenbei erzählt, musste ich dazu nach Wien in die Hägelingasse, also den Sitz des BSVWNB, fahren. Da ich eine Mitfahrgelegenheit mit dem Auto hatte, auch das völlig unaufregend.

Welche Corona-Herausforderungen sind nun besonders tricky für uns blinde und sehbehinderte Menschen?


Die Masken:

Natürlich trug ich auch bei meinem Einkauf eine Maske. Mein Exemplar hat zwei Gummibänder, die nicht hinter den Ohren, sondern am Hinterkopf befestigt werden.

Von Andrea Wahl ließ ich mir die verschiedensten Modelle des so genannten MNS (Mund-Nasen-Schutz) zeigen, und ich durfte sie auch ausprobieren. Natürlich waren die Vorführmodelle gewaschen und wurden nach dem Probieren sofort wieder „dekontaminiert“. Da gab es Masken aus verschiedensten Stoffen (Baumwolle, Jersey, ganz dünne fast wie Papier, Schaumgummi), mit und ohne Draht, mit Gummibändern für die Ohren oder den Hinterkopf. Auch die Formen unterschieden sich.

Am angenehmsten empfand ich jene, die in Falten gelegt sind. Beim Aufsetzen kann man sie auseinanderziehen, um so optimal Mund und Nase zu bedecken. Wenn es am Nasenteil noch einen eingenähten Draht gibt, kann man den Stoff gut an die Nasenform anpassen.

Wichtig ist mir auch, dass die Gummibänder eher dünn sind und nicht zu straff sitzen. Sonst sitzt die Maske zu nah am Gesicht, was mir das Atmen erschwert. Außerdem werden die Ohren mehr umgebogen, was einerseits nach einiger Zeit schmerzhaft ist und andererseits die akustische Wahrnehmung beeinträchtigt.

Die Akustik verändert sich

Ich habe den Eindruck, dass alles etwas anders klingt, wenn ich eine Maske trage. Das wurde mir auch bereits von anderen blinden Bekannten bestätigt.

Das liegt, sagt Andrea Wahl, daran, dass der Stoff der Maske den Schall etwas schluckt. Die Schallwellen treffen nicht wie üblich auf die Haut im Gesicht, sondern werden durch den Stoff anders verwirbelt. Geräusche klingen dadurch ungewohnt.

Als sehr nützlich empfand ich eine spürbare Markierung auf der Innenseite mancher Masken. Ich hatte schon das Problem, dass ich bei mehrmaligem Anlegen nicht mehr wusste, welche Seite innen und welche außen ist. Wenn ich die Maske also beim nächsten Tragen verkehrt – mit der vermeintlich kontaminierten Seite nach innen – aufsetze, könnte das kontraproduktiv sein.

Eine Variante des MNS ist das Gesichtsvisier. Es ist eine dünne Plexiglasscheibe, die das ganze Gesicht bedeckt und mit einem Gummiband am Kopf fixiert wird. Das Atmen empfand ich damit leichter.  Störend kann sein, dass das Visier beim Bewegen des Kopfes an Jacken- oder Pulloverrand streift. Auch die Wahrnehmung dürfte damit massiv verändert sein.

„Den einen perfekten MNS gibt es wahrscheinlich nicht.“, meint auch Andrea Wahl. Jede und jeder muss für sich das Passende finden. Wichtig ist nur, dass man nicht nach dem ersten Mal Maske-Tragen „den Hut draufhaut“, wieder nach Hause geht und beschließt, nie wieder rauszugehen. Denn wenn man den MNS einige Zeit und immer wieder trägt, kommt es zu einem Gewöhnungseffekt. Also: nicht aufgeben und mehrmals probieren!


Einkaufswagen und Abstand halten:

In manchen Geschäften bekommt man einen Einkaufswagen verpasst; ob man will oder nicht; ob man blind ist oder sehend; ob man alleine einkauft oder zu zweit. Die Wagen können einerseits beim Abstand-Halten behilflich sein, andererseits können die MitarbeiterInnen so besser den Überblick über die Anzahl der KundInnen im Geschäft behalten.

Wie dem auch sei: Für blinde Menschen ist ein Einkaufswagen auf herkömmliche Art nicht benutzbar. Was also tun, wenn die MitarbeiterInnen am Eingang darauf bestehen?

Eine Möglichkeit ist, den Wagen ein Stück mit ins Geschäft zu nehmen und ihn dann einfach irgendwo zu vergessen.

Eine praktikable Variante ist auch, so Frau Wahl, das Gefährt nicht zu schieben sondern hinterher zu ziehen. So kann man teurere Unfälle in der Spirituosenabteilung vermeiden.

Abstand zu anderen Menschen zu halten ist als blinde Person nicht leicht. Akustisch kann man oft nicht einschätzen, wie nah andere einem kommen. Der Langstock ist dafür ein gutes Hilfsmittel. Ich kann ertasten, ob jemand in der Nähe ist. Andererseits werden andere Personen durch das Antippen mit der Stockspitze auf mich aufmerksam und weichen vielleicht aus.

Bitte den Stock auch in Corona-Zeiten nicht als Waffe benützen!

Auffallen ist gut!

Jetzt komme ich zu einem Thema, das für viele blinde und sehbehinderte Menschen – ich vermute vor allem für sehbehinderte Menschen – ein schwieriges ist: die Kennzeichnung.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie unangenehm es sein kann, sich eine Armbinde anzulegen, einen „Blinden-Button“ oder gar einen Langstock zu verwenden. Warum es so schwierig ist, will ich hier nicht näher behandeln. Es hat wohl viel mit Scham und dem Wunsch zu tun, nicht aufzufallen.

Seit ich so schlecht sehe, dass ich ohne Langstock nicht alleine unterwegs sein kann, habe ich die Vorteile des Auffallens kennen- und schätzen gelernt.

Die Menschen weichen mir eher aus, bieten ihre Hilfe an oder sehen mir „ungeschicktes“ Verhalten nach. Und gerade in diesen Zeiten erscheint es mir wichtig und notwendig, dass die Mitmenschen erkennen können, dass ich mich aufgrund meiner Behinderung nicht immer Corona-angepasst verhalten kann. Sie werden mich dann sicher nicht beschimpfen, wenn ich ihnen zu nahe komme oder wenn ich im Supermarkt die Produkte anfasse. Bestenfalls werden sie auf den Abstand zu mir achten und mir beim Einkaufen vielleicht sogar ihre Hilfe anbieten.


Ein Wort sagt mehr als tausend Blicke

Noch wichtiger, so glaube ich, als in Nicht-Corona-Zeiten ist es, Wünsche und Bedürfnisse laut und deutlich zu äußern.

Wir sind mit Situationen konfrontiert, für die wir Unterstützung benötigen.

Ich denke z.B. an Plexiglasscheiben im Kassabereich von Supermärkten, Banken oder anderen Einrichtungen. Das Bankomat-Kästchen befindet sich nicht mehr am gewohnten Platz, es gibt nur eine kleine Öffnung, um dem Kassapersonal das Geld zu überreichen oder etwas entgegenzunehmen. Vielleicht gibt es auch Bodenmarkierungen zur Abstand-Einhaltung. Hier zu verbalisieren, dass man Unterstützung benötigt, empfehlen auch die MobilitätstrainerInnen immer wieder. Und das auch in Nicht-Corona-Zeiten.

Unterstützung in Zeiten der Baby-Elefanten-Regel?

Von Zeit zu Zeit benötige ich Unterstützung, für die es Körperkontakt braucht. Manchmal kann man einen Weg nur schwer verbal beschreiben.  Wie kann das funktionieren, ohne sich zu nahe zu kommen, fragte ich Andrea Wahl. Man kann sich z.B. an der Schulter der helfenden Person festhalten. Wenn man den Arm ausstreckt, ist man weit genug entfernt. Eine zweite Möglichkeit wäre das Handgelenk der führenden Person zu ergreifen.  

Händewaschen und Co.

Da blinde und sehbehinderte Menschen ihre Hände viel öfter zum Tasten brauchen als sehende, ist für uns die Handhygiene ein ungleich wichtigeres Thema. Mittlerweile wissen wir alle, wie Hände-Waschen wirklich funktioniert. Jedoch ist das nur schwer möglich, wenn man unterwegs in der Stadt ist. Wo in der Schnelle ein Waschbecken mit Seife finden?

Handschuhe kommen für mich nicht in Frage. Nach kurzer Zeit wird es unangenehm heiß an den Händen; außerdem spürt man weniger.

Und ich fasse mir leider oft ins Gesicht, mit oder ohne Handschuhe. Daher setze ich eher auf geeignete Desinfektionsmittel für die Hände. Es gibt mittlerweile ein großes Angebot an Produkten. Andrea Wahl zeigte mir ein Fläschchen, das man mithilfe eines praktischen Bändchens am Rucksack außen befestigen kann. Das erspart langes Herumkramen in den Untiefen meiner Handtaschen.

Kleiner Nachtrag:

Mittlerweile habe ich es gewagt. Ich bin mit dem Zug nach Wien gefahren. Ich bin für gewöhnlich kein sehr ängstlicher Mensch. Trotzdem brauchte es einiges an Überwindung.
So aus der sicheren Entfernung zu Wien stellte ich mir vor, dass hinter jeder Ecke das „böse Corona“ lauert. Jede Haltestange in der U-Bahn, jeder Handlauf und jede vorbeigehende Person könnte vielleicht kontaminiert sein.

Zum Glück konnte ich mich davon überzeugen, dass in der Stadt alles ziemlich normal abläuft. Ich fand nichts Bedrohliches. Im Gegenteil:

Durch den Wegfall der TouristInnen ist es angenehm ruhig in der Innenstadt; kein Gewusel, keine allzu hohe Geräuschkulisse und viel Platz für mich und meinen Langstock.

Eine Erfahrung, die man sonst kaum machen kann.

Sehr ungewohnt und auch etwas lästig war mir das ständige Auf- und Absetzen der Maske. Beim Eintritt in ein Lokal oder in die U-Bahngebäude; die Maske muss hinauf. Einige Male hätte ich es fast vergessen.

Und noch zwei Dinge sind mir besonders aufgefallen: Es gibt viele, viele Schanigärten, und man stößt unterwegs auf viele Fahrräder, die an Verkehrsstangen auf dem Gehsteig angebunden sind. Ich vermute, zurzeit fahren mehr Menschen mit dem Fahrrad.

Alles in allem habe ich mich sehr wohl und sicher gefühlt in der Stadt. Und auch – das ist aber vielleicht nur mein Eindruck – die Menschen erscheinen mir entspannter, weniger hektisch. Hilfe wird weiterhin bereitwillig angeboten. Diese läuft – jedenfalls in meinem Fall – zwar vorwiegend berührungsfrei, aber freundlich und unaufgeregt ab. 

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