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Eine Frau steht in einem begrünten Hof vor blühenden Pflanzen, den Weißen Stock hält sie wertschätzend und lachend mit ihren beiden Händen hoch.
Bildinfo: "Mein Langstock, mein geliebter Begleiter auf allen Wegen." © BSVWNB/Martin Tree

Von Scham und blauen Flecken

Marion Putzer-Schimack teilt ihre Erfahrungen, die sie mit dem Weißen Stock machen durfte.

Ich schließe die Haustüre ab, stecke den Schlüssel ein und greife nach einem meiner Langstöcke. Sie stehen alle in einem alten Betonrohr, das ich zu meiner Langstock-Garage umfunktioniert habe.
Ganz selbstverständlich nehme ich einen heraus und mache mich auf den Weg zum Bahnhof.

Selbstverständlich war das aber nicht immer. Lange Zeit wollte ich diesen weißen Stock, als deutlich sichtbares Symbol meiner Seheinschränkung, nicht benutzen.
Und da bin ich, wie ich aus Gesprächen mit blinden und sehbehinderten Freunden und Freundinnen weiß, keineswegs die einzige.

Dass ich meinen Langstock mittlerweile als unverzichtbaren, lieben Begleiter empfinde, ist Resultat eines langen inneren Prozesses.

Ich habe mir schon viele Gedanken zu diesem Thema gemacht und ein paar möchte ich im Folgenden mit Ihnen teilen; wobei ich nicht daran vorbeikomme, vor allem über mich selbst und meine Erfahrungen zu berichten.

Heute frage ich mich manchmal: Warum habe ich nicht schon viel früher zum Langstock gegriffen? Was machte es mir so schwer, mich als seheingeschränkt zu kennzeichnen?

Es war, so erinnere ich mich, für mich lange Zeit undenkbar, mich mit einem so genannten Blindenstock oder einer Armschleife auf der Straße blicken zu lassen. Wollte ich doch nicht, dass irgendjemand, der mich kennt, mich damit sieht. Was hätte ich antworten sollen auf die Frage: „Haben sich die Augen so verschlechtert? Siehst Du jetzt gar nichts mehr?“
Das wollte ich nicht zugeben, weder vor mir selbst noch vor den anderen.

Ohne äußeres Kennzeichen konnte ich die Tatsache, dass ich schlechter und schlechter sah, leichter verdrängen, es auf eine schlechte Tagesverfassung oder unpassendes Bio-Wetter schieben. So ein Langstock bzw. eine Armschleife würden die Sache „offiziell“, sozusagen amtlich machen. Von da an wäre ich eine „Blinde“.

Und geschämt habe ich mich auch. Was für ein Bild würde ich abgeben? Würden die Leute mich mitleidvoll anschauen? Würden sie mir aus dem Weg gehen? Würden sie mich vielleicht sogar verspotten?

So viele Phantasien, Fragen und Ängste geisterten in meinem Kopf herum. So beschloss ich, meine Einschränkung so gut wie möglich vor der Welt zu verstecken. In der Öffentlichkeit hakte ich mich bei meinem Mann oder bei meinem Vater unter, wodurch natürlich kaum auffiel, wie schlecht ich sah. Das schränkte meine Selbstständigkeit massiv ein, weil ich für alle Erledigungen außer Haus Begleitung brauchte.

War ich doch einmal alleine unterwegs, bedurfte es enormer Anstrengung, mich möglichst unauffällig „durchzuschwindeln“. Und trotz größter Konzentration passieren sie dann, die Hoppalas. Stolperfallen gibt es genug, und wenn die Augen schlechter werden, werden die Hoppalas typischerweise häufiger und schmerzhafter.
So passiert es: Einmal ein Abflug über eine Treppe, man läuft gegen eine Glasscheibe oder ein Verkehrsschild oder stolpert über den Einkaufstrolley der Nachbarin. Es gibt blaue Flecken, blutige Kratzer, Schrammen und aufgeschürfte Hände und Knie. Manchmal vielleicht auch Schlimmeres.

Ich hatte immer Glück, doch weiß ich von Bekannten, die nicht so glimpflich davongekommen sind.

Die Wahrheit tut weh

Und dann, irgendwann, reicht es. So habe ich es von vielen blinden Menschen gehört. Irgendwann kommt der Punkt, da ist der Sturz einfach zu schmerzhaft oder peinlich oder gefährlich.
Und ab dann, langsam, tritt die Erkenntnis deutlicher hervor: Vielleicht wäre es doch besser, einen Langstock zu benützen oder mich wenigstens als seheingeschränkt zu kennzeichnen.

Mein erster Langstock war ein geliehener.
Spät am Abend und weit entfernt von meiner Wohngegend traute ich mich dann zum ersten Mal, ihn auszuprobieren. Ich weiß noch, mein Mann begleitete mich und feuerte mich an. Langsam tastete ich mich an einer Hausmauer entlang, ich probierte Gehsteigkanten zu erspüren und verschiedenen Hindernissen auszuweichen.
Und ja, es funktionierte.
Was soll ich Ihnen sagen? Für mich war das ein Aha-Erlebnis, das mein Leben enorm verändert hat.


Das Erstaunlichste war, dass sich meine Befürchtungen, meine Mitmenschen könnten „komisch“ reagieren, nicht bewahrheitet haben. Ich erlebte plötzlich so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Plötzlich passierten mir keine Hoppalas mit anderen Fußgängern mehr, die Leute wichen mir aus, die Tramwayfahrer warteten auf mich ohne abfällige Bemerkungen, der Kassiererin im Geschäft musste ich nicht lang und breit erklären, warum ich das Display des Bankomaten nicht erkennen konnte und die Menschen waren einfach um vieles rücksichtsvoller.

Ich stelle fest, die letzten Zeilen klingen fast wie eine Werbeanzeige. Ein wenig ist es schon meine Absicht, etwas Werbung zu machen, auch wenn ich keine Provision pro verkauftem Langstock oder verkaufter Armschleife bekomme.

Werben möchte ich für den Mut, das Schamgefühl zu überwinden, denn es gibt keinen Grund, sich zu schämen. Immerhin haben wir uns diese Seheinschränkung nicht ausgesucht.
Wie einfach das jetzt klingt. Das ist es nicht, das weiß ich genau.

Werben möchte ich auch dafür, sich in diesem Prozess psychologische Unterstützung zu holen.
Ohne meine Psychotherapeutin wäre mein Weg um vieles steiniger gewesen. Denn nur mit dem ersten heimlichen Versuch war es noch lange nicht getan. Dieses weiße, lange Etwas in meiner Hand fühlte sich anfangs einfach nur fremd an. Ein Fremdkörper, den ich da vor mir herschieben musste.
Es brauchte seine Zeit, den Stock als wertvolles Hilfsmittel, ja sogar als guten Freund anzunehmen.
Anzunehmen und ihn noch dazu richtig gern zu haben.

Nach wie vor empfinde ich den Schritt, sich als seheingeschränkt zu kennzeichnen, als einen mutigen. Denn sich als anders, als nicht der gängigen Norm entsprechend zu offenbaren, braucht Mut und Kraft.

Plötzlich fällt man den Mitmenschen auf, man erregt Aufmerksamkeit, man wird angesprochen, bekommt Unterstützung angeboten, ja manchmal sogar aufgedrängt.
Ich erinnere mich: Zu Beginn meiner Langstock-Zeit irritierte es mich, dass ich viel öfter mit fremden Menschen in Kontakt kam. Oft wollte ich einfach nur meines Weges gehen und nicht ständig angesprochen werden. Ich traute mich auch nicht, Hilfsangebote abzulehnen, wollte ich doch die freundlichen UnterstützerInnen nicht vor den Kopf stoßen.

Auch das dauerte seine Zeit: Ich musste lernen zu entscheiden, welche Hilfe brauche ich wirklich und welche nicht. Und vor allem musste ich lernen, bestimmt und selbstbewusst „Nein danke“ zu sagen.

Diese Zeit ist schon lange vorbei. Mittlerweile gehe ich ganz selbstverständlich mit meinem Langstock. Er ist zu einem geliebten Begleiter auf all meinen Wegen geworden. Ohne ihn fühle ich mich unvollständig und unsicher.
Selbst, wenn ich bei einer sehenden Person untergehakt gehe, habe ich ihn an meiner Seite.

Zum Abschluss:

Fühlen Sie sich durch diesen Text nicht zu etwas gedrängt, wozu Sie selbst noch nicht bereit sind. Jede Person muss ihr Tempo selbst bestimmen.
Jedoch eines noch: Ich kenne niemanden, der/die die Entscheidung für den Langstock bereut hat. Die Vorteile überwiegen einfach unter dem Strich.

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Rückblick auf einen BSVWNB-Themenabend mit Verkehrsreferent Franz Mayer.

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Natalija Eder ist eine Profisportlerin, war zuletzt bei den Paralympics in Tokyo im Einsatz.