Springe zur NavigationSpringe zur SucheSpringe zur PfadangabeSpringe zum InhaltSpringe zum Fußbereich
Inhalt
Aktuelles
Eine Frau sitzt in einem in einer Zimmerecke improvisierten Büro und telefoniert am Handy.
Bildinfo: Die meisten Beratungen finden jetzt telefonisch statt. © privat / Foto zur Verfügung gestellt.

Wenn das Zuhause zum Büro wird

Wie wirkt sich die Coronavirus-Pandemie auf das Leben blinder und sehbehinderter Menschen aus? Wir fragen nach bei der Wiener Sozialpädagogin Marija Binova, die selbst sehbehindert ist.

Sie sind als Beraterin bei der WAG Assistenzgenossenschaft in Wien tätig. Die WAG unterstützt Menschen mit Behinderungen dabei, Persönliche Assistenz zu organisieren. Wie hat sich Ihr Arbeitsleben seit dem 16. März verändert?

Einerseits kaum, andererseits schon. Ich sitze genauso von neun bis fünf am Schreibtisch, aber ich fahre nicht ins Büro, sondern arbeite von zuhause aus. In den ersten Tagen musste ich einen Laptop verwenden, das war ein bisschen anstrengend. Aber inzwischen habe ich meinen PC mit zwei Bildschirmen aus dem Büro bekommen.

Ich muss sehr stark vergrößern, um alles lesen zu können und das funktioniert mit den beiden Bildschirmen sehr gut.

Jetzt bin ich also bestens ausgestattet und es gibt genug Platz für mein „Büro“ in den eigenen vier Wänden.

Wie kommunizieren Sie mit den anderen aus dem Team?

Wir haben nach wie vor Teamsitzungen, aber sie laufen anders ab. Wir „treffen“ uns jetzt zu Video Chats, wir sitzen also alle daheim vor unseren PCs, können uns sehen und besprechen alle Punkte durch. Wenn die Verbindung nicht so gut ist, können wir uns auch schreiben. Der größte Unterschied besteht darin, dass ich zurzeit keinen persönlichen Kontakt zu meinen KundInnen habe. Denn üblicherweise kommen sie zu mir ins Büro, vor allem für die ersten Beratungen. Jetzt muss ich alles per Telefon oder E-Mail erledigen.


Zu Ihnen kommen Menschen mit Behinderungen, die sich für eine Persönliche Assistenz interessieren, sei es für die Ausbildung, die Arbeit oder für den privaten Bereich.

Wir zeigen auf, wie man sein Leben mit Persönlicher Assistenz eigenständig und selbstbestimmt gestalten kann. Wir unterstützen dabei, die passende Persönliche Assistenz zu finden, oft ist es ja ein Team von zwei oder mehreren Leuten. Wir informieren über Leistungen und helfen, Förderanträge zu schreiben. Wenn sich die Situation eines Kunden ändert, wenn er studieren will oder einen neuen Job bekommt, dann braucht er wieder etwas von uns. Also, es ist ein begleitender Prozess.

Wir sind eine Peer Beratungsstelle, das heißt, die BeraterInnen wie die KundInnen haben eine Behinderung.

So kann ich mich besser in die Situation einer Kundin, eines Kunden hineinversetzen und wir beraten auf Augenhöhe. Ich berate oft Personen, die sehbehindert sind, aber auch Menschen mit einer körperlichen Einschränkung.

In welcher Weise hat sich Ihre Beratungstätigkeit aufgrund der Corona Pandemie verändert? Mit welchen Fragen wenden sich die KundInnen der WAG an Sie?

Ich bekomme viele Anfragen, an manchen Tagen läutet ständig das Telefon. Unsere KundInnen wollen wissen, wie es mit der Persönlichen Assistenz weitergeht. Ich muss immer auf dem neuesten Stand sein, es gibt ja in dieser Coronakrise immer wieder neue Regelungen und Bestimmungen.

Wir versorgen unsere KundInnen mit aktuellen Informationen, denn die Persönliche Assistenz ist ja weiterhin bei unseren KundInnen. Wenn es möglich ist, wird darauf geachtet, dass der entsprechende Abstand eingehalten wird und dass Gesichtsmasken und Handschuhe verwendet oder die Hände desinfiziert werden. Wenn jemand ein Assistenzteam hat, empfehlen wir, dass geteilte Dienste gemacht werden.

Das heißt, die Hälfte des Teams übernimmt für 14 Tage alle Dienste und dann wird gewechselt, sofern das machbar ist.

Grundsätzlich ist es so, dass Kunde/Kundin und die Persönliche Assistenz sich den Dienstplan direkt und persönlich ausmachen.

Manche KundInnen haben aufgrund der momentanen Situation einen dringenden Assistenzbedarf. Andere wiederum sagen, sie hätten keinen Kopf dafür, die Assistenzsuche fortzusetzen. Sie möchten das lieber nach der Coronakrise tun. Wieder andere wollen soziale Kontakte meiden. Sie verzichten jetzt auf die Persönliche Assistenz und lassen sich von ihren Angehörigen unterstützen.


Wie erleben Sie Ihre derzeitige Arbeitssituation? Überwiegen für Sie beim Homeoffice die Vorteile oder die Nachteile?

Ich finde es toll, dass ich mir jeden Tag zwei Stunden Wegzeit erspare. Das sind in der Woche zehn Stunden, die ich für andere Dinge nutzen kann. Es ist keine Frage, man braucht die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz. Aber manchmal ist man auch froh, wenn man ungestört arbeiten kann, weil man einfach produktiver ist. Ich mache im Büro ja auch hin und wieder meine Tür für ein paar Stunden zu, um mich voll auf eine Sache zu konzentrieren. (Anmerkung: Mehr zu diesem Thema finden Sie in unserem BSVWNB-Exkurs: Homeoffice).

Ich vermisse meine KollegInnen und FreundInnen allerdings schon sehr.

Gleichzeitig sehe ich diese schwierige Situation auch als eine Herausforderung uns weiterzuentwickeln.

Als eine Chance, uns auf uns selbst zu konzentrieren, uns zu fragen, was uns im Leben wichtig ist. Darunter verstehe ich viele Kleinigkeiten, die aber letztlich eine große Summe ergeben. Dazu gehört, dass ich auf mich schaue, auf mich achte. Oder dass ich jetzt ein Buch lese, das ich schon lange lesen wollte, aber nie die Zeit dafür gefunden habe.

Wie schaut Ihr Alltag in dieser Ausnahmesituation aus?

Wir Menschen haben ja immer Hunger nach Struktur und Routine und die verschaffe ich mir auch in den Corona Zeiten. Ich stehe in der Früh auf wie immer, zieh mich hübsch an und schminke mich, auch wenn mich niemand sieht. Nur was die Schuhe betrifft, bin ich nicht so genau. Zuhause gehe ich barfuß oder in Socken. Ich greife schon zu einem bequemen Gewand, aber ich möchte nicht den ganzen Tag im Pyjama herumsitzen und versauern.

Um neun setze ich mich an meinen PC und werkle bis 17 Uhr vor mich hin. Ab fünf Uhr habe ich frei, oft gehe ich eine Runde spazieren oder einkaufen, schaue mir eine Sendung im Fernsehen an, stöbere im Internet herum oder lese ein Buch. Dann verbringe ich Zeit mit meiner Familie, ich lebe mit meiner Mutter und meinem Bruder in einem Haushalt und das geht sehr gut. Jeder von uns hat seine Routine und auch seinen Rückzugsort.

Außerdem pflege ich noch meine Kontakte. Jetzt auch zu Leuten, von denen ich schon lange nichts mehr gehört habe. Unlängst habe ich mit meinem ehemaligen Nachbarn aus Linz telefoniert. Ich war vor Jahren für meine berufliche Rehabilitation und meine Ausbildung zur Sozialpädagogin dort.


Was hat Sie bewogen, im Sozialbereich zu arbeiten?

Nach der Matura habe ich begonnen, Chemie zu studieren. Ich muss aber dazusagen, dass ich mit 14 Jahren in das Caritas Ausbildungszentrum in der Seegasse gegangen bin. Und zwar mit dem Schwerpunkt Sozialmanagement. Als Schülerin habe ich verschiedene soziale Einrichtungen kennengelernt und Praktika in einem Seniorenwohnheim und in einer Tagesstruktur absolviert. Dann wollte ich aber etwas ganz anderes machen und habe mich für ein Chemiestudium entschieden. Damals habe ich noch normal gesehen. Aber schon im ersten Studienjahr hat sich mein Sehvermögen drastisch verschlechtert. Und zwar aufgrund eines Gendefektes. Die Folgen habe ich aber erst im Alter von 20 Jahren zu spüren bekommen. Das war vor sieben Jahren. Dann war klar, dass ich das Studium nicht fortsetzen kann.

Sie haben im Alter von 20 Jahren eine dramatische Veränderung in Ihrem Leben erfahren. Wie sind Sie damit umgegangen?

Zuerst dachte ich, ich bin die einzige, die so etwas hat. Ich kannte niemanden, der in einer ähnlichen Situation war. Und ich hatte das Gefühl, das ist das Schlimmste was mir im Leben passieren kann.

Ich war überzeugt, dass ich meine beruflichen Pläne aufgeben muss, dass ich höchstens noch Hausfrau und Mutter sein kann.

Denn wenn du nichts siehst, wie solltest du einen Beruf ausüben können?! Erst nach und nach habe ich erfahren, dass es Vergrößerungsprogramme gibt, wie ich am PC arbeiten oder ein Buch lesen kann. Und irgendwann habe ich mir gedacht, naja, das ist eh nicht so schlimm. Ich war dann in Linz zur Reha, musste viele neue Dinge lernen und habe schließlich die Ausbildung zur Sozialpädagogin gemacht. Ich bin also zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Allerdings hat es dann noch zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich einen Job gefunden habe. Das war keine einfache Zeit.

Glücklicherweise hat sich an meinem Arbeitsalltag durch die Coronakrise nicht sehr viel geändert. Ich arbeite genauso 38 Stunden pro Woche wie davor, nur halt zuhause und nicht im Büro. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es den Menschen geht, die jetzt ihren Job verloren haben. Denn ich erinnere mich noch gut an die Zeit, wo ich nach meiner Ausbildung sehr lange eine Arbeit gesucht habe. Man kann nur hoffen, dass bald für alle Menschen, die von einer Kündigung betroffen sind, gute Lösungen gefunden werden.

Vielen Dank für diese Einblicke in Ihre momentane Lebenssituation.
 
Das Interview führte Mag. Ursula Müller

Aktuelles

Davon ist Theresa Baumgartner fest überzeugt. Sie lebt seit bald 55 Jahren mit Diabetes Typ 1 und leitet die Diabetesgruppe im BSVWNB.

Aktuelles

... so die einhellige Meinung von Adriana und Mahendra Galani, die beide blind sind.

Aktuelles

So kocht die Verrückte Jugend Aktion.