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Die Finger zweier Hände gleiten über die elektronische Braillezeile, dahinter ist eine Computer-Tastatur zu sehen.
Bildinfo: Wenn der Stand PC weit weg ist und der Laptop nicht funktioniert, ist guter Rat teuer. © BSVWNB/Ursula Müller

Wenn der Laptop seinen Geist aufgibt

Was tun, wenn der private PC in Zeiten der Corona Pandemie nicht für das Homeoffice taugt oder der Laptop sich am Morgen plötzlich nicht mehr einschalten lässt?

Wir fragen nach bei Christian Zehetgruber, dem Geschäftsführer der Wiener Hilfsmittelfirma Videbis, und bei unserer Redaktionskollegin Eva Papst.

Frau Papst, Sie verbringen die Zeit der Ausgangsbeschränkung nicht in Ihrer Wiener Wohnung, sondern in Ihrem Heimatort in Niederösterreich, an Ihrem Zweitwohnsitz, der an der schönen Mariazeller Bahn liegt.

Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die einen gesicherten Lebensabend genießen dürfen. Ich bin bereits in Pension und eigentlich recht entspannt. Mein Mann und ich haben noch nie so viel Zeit hier verbracht, wir erleben zum ersten Mal, wie der Garten im Frühling erwacht, wie Tag für Tag alles wächst und erblüht. Die Maiglöckchen kommen schon heraus, der Kirschbaum ist bereits verblüht, die Tulpen sind in voller Pracht.

Das klingt beinahe idyllisch.

Wir vermissen es natürlich, unsere Freunde zu treffen, mit ihnen essen zu gehen und Ausflüge zu unternehmen. Aber so geht es fast allen Menschen zurzeit. Hier haben wir was wir brauchen und wir machen das Beste daraus. Allerdings hatte ich überhaupt keine Freude, als sich mein Laptop eines Morgens Ende März nicht mehr starten ließ. Ich kann vieles am Handy machen, aber nicht alles. Ich verwende meinen PC ständig, ich lese, schreibe und recherchiere. Ich lade mir Filme herunter, bestelle Bücher, also E-Books und wenn ich etwas für die Braille Report Redaktion mache, brauche ich den Laptop natürlich auch.

Wenn man zur Zeit der Corona Pandemie am Land wohnt, zuhause bleiben soll und fast alle Geschäfte geschlossen haben, fragt man sich, wer das Gerät reparieren könnte.

Ich habe den Laptop zunächst frustriert in eine Lade gelegt, weil ich nicht wusste, wer ihn richten könnte. Bald habe ich aber gemerkt, dass ich das Gerät brauche.

Da ich blind bin, verwende ich einen PC mit einem Screenreader, mit einer Sprachausgabe, und nicht jeder IT Techniker kennt sich mit so einem Hilfsmittelgerät aus.

Ein ehemaliger Arbeitskollege vom Bundesblindeninstitut (BBI) hat mir den Tipp gegeben, bei Videbis anzufragen. Die Idee war gut, aber wie kommt das Gerät zur Firma in Wien? Da mein Mann zur Risikogruppe zählt, bleiben wir jetzt zuhause, gehen nicht selbst einkaufen und auch nicht zur Post.

Konnte das Problem gelöst werden?

Ich habe bei Videbis angerufen und der Chef hat mir sofort zugesagt, sich um die Sache zu kümmern. Der Laptop wurde von einem Boten abgeholt. Der Techniker bei Videbis, der ein unglaublich gutes Händchen hat, hat dann die Lötstelle, die kaputtgegangen war, gelötet. Und ein paar Tage später hat mir der Postbote den reparierten Laptop wieder ins Haus gebracht. Ich bin sehr, sehr froh, dass ich meinen PC wieder zur Verfügung habe, denn es kann noch Monate dauern, bis ich wieder in meine Wiener Wohnung zurückkehren kann, wo ich einen Stand PC habe.


Herr Zehetgruber, die Firma Videbis betreut in ganz Österreich sehr viele Computer, die von Menschen, die sehbehindert oder blind sind, genutzt werden. Sei es für den privaten Gebrauch, die Ausbildung oder den Arbeitsplatz. Wie haben denn Ihre KundInnen auf die Maßnahmen reagiert, die seit dem 16. März in Kraft sind?

Zu Beginn der Coronakrise hat es viele Ängste und Fragen gegeben. Wie wird das alles funktionieren, wenn ich als Kunde nicht zu Videbis gehen kann und der Mitarbeiter auch nicht zu mir kommen kann, so wie das bisher immer möglich war. Gleichzeitig wurden sehr viele Anliegen an uns herangetragen.

Viele Leute standen vor dem Problem, dass sie von heute auf morgen nicht mehr ins Büro gehen konnten, sondern von zuhause aus arbeiten mussten.

Aber wie soll das funktionieren, wenn der Stand PC mit der blindenspezifischen Ausstattung in der Firma steht, der kann ja nicht ohne weiteres auf den Wohnzimmertisch verfrachtet werden.

Unternehmen und Organisationen sind unterschiedlich darauf vorbereitet, ihre MitarbeiterInnen Homeoffice machen zu lassen. Wenn es bereits einen Laptop gibt, müssen nur noch die Hilfsmittel adaptiert werden. Aber oft gibt es nicht genug Geräte. Was dann?

Ein Mitarbeiter eines Ministeriums hat sich zum Beispiel an uns gewandt. Er hat zuhause einen PC mit dem Betriebssystem Windows 7. Aber so ein veraltetes Betriebssystem kann man aus sicherheitstechnischen Gründen einfach nicht mehr verwenden. Das Ministerium hätte das auch nicht zugelassen.

Was haben wir gemacht? Wir haben eine Fernwartung durchgeführt. Wir haben zunächst auf seinem PC ein Update auf das aktuelle Windows 10 gemacht. Dann wurde auf seinem PC die aktuelle Version von JAWS installiert, und zwar die, die er auch im Büro hat. JAWS ist ein Screenreader, ein Bildschirmleseprogramm. Es ist eine Software, die ein User, ein Benutzer, der blind ist, benötigt, damit er am PC arbeiten kann, damit er Windows bedienen kann. Danach musste der IT Fachmann aus dem Ministerium seinen Teil erledigen. Schließlich haben wir wieder über die Fernwartung mit dem Kunden getestet, ob alles funktioniert. Er wurde dabei unterstützt, sich an seinem Ministeriumsarbeitsplatz anzumelden und wir haben noch verfolgt, ob er die ersten zwei, drei Akten problemlos bearbeiten kann. Innerhalt kurzer Zeit konnte er zuhause so arbeiten wie im Ministerium.  

Das klingt ein bisschen, als geschehe das alles wie von Zauberhand. Wie kann man sich diese Fernwartung vorstellen?

Wir greifen dabei auf den Computer des Kunden zu. Das tun wir selbstverständlich nur unter der Voraussetzung, dass der Kunde dem ausdrücklich zustimmt. Also die beiden Computer verbinden sich und es gibt verschiedene Tools für die Fernwartung. Bei JAWS heißt dieses Tool, dieses Werkzeug Tandem.

Seit es JAWS Tandem gibt, ist es möglich, dass ein Nutzer, der blind ist, von einem IT Techniker, der ebenfalls blind ist, über das Internet angeleitet und geschult wird.

Der Techniker von Videbis kann also bei dem Kunden, der in Wien oder Villach im Homeoffice arbeitet, Einstellungen vornehmen und zeigen, wie die Bedienung funktioniert.

Wie reagieren die KundInnen auf die Fernwartung und Fernschulung?

Na ja, etwas überspitzt formuliert kann ich zum Kunden sagen: Sie können warten, bis die Coronakrise wieder vorbei ist und ein Mitarbeiter von uns zu Ihnen kommen kann. Oder wir finden jetzt mit der Fernwartung einen Weg, der für alle Beteiligten sicher ist. Auch wenn vielleicht nicht alles sofort hinhaut. Aber ich muss sagen, es haut viel besser hin, als ich es mir je hätte träumen lassen.

Wir haben uns, wie sich die Krise abgezeichnet hat, sehr viele Gedanken gemacht und probieren alle neuen Technologien und Prozesse aus. Denn wir wollen unsere Kunden gerade jetzt bestmöglich unterstützen, wo sie uns ganz besonders brauchen. Und viele reagieren sehr positiv. Wenn sie die Fernwartung einmal ausprobiert haben, wollen sie oft noch weitere Schulungen machen. So wie jener Mitarbeiter aus dem Ministerium, von dem ich vorhin erzählt habe. Er hat im Moment weniger Akten zu bearbeiten und will die Zeit nützen, um die neuen Funktionen von JAWS zu erlernen. So hat er bei uns an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils von neun bis zehn eine Schulung gebucht. Das hat Vorteile, der Techniker muss nicht zum Kunden fahren und der Kunde kann nach einer Stunde guten Gewissens sagen, dass es reicht, dass er sich nicht mehr konzentrieren kann. Und niemand muss fürchten, angesteckt zu werden. Das ist für die Kunden wichtig, aber auch für unsere Mitarbeiter, denn wir müssen in der Lage sein, die Arbeitsplätze unserer Kunden kontinuierlich zu betreuen.

Videbis hat ungefähr 30 MitarbeiterInnen, ein Drittel davon ist sehbehindert oder blind. Wie ist es gelungen, sich an diese Ausnahmesituation anzupassen?

Ich mag Herausforderungen. In so einer Situation zeigt sich, ob jemand Unternehmer ist. Denn ein Unternehmer unternimmt etwas, egal in welcher Lage er ist. Das Gegenteil von einem Unternehmer ist ein Unterlasser.

Unsere Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken war ein Klacks. Wir haben seit vielen Jahren Erfahrung damit. Viel schwieriger war es dagegen, die vielen Kundenanfragen unter den geänderten Bedingungen rasch zu erledigen.

Also mit den Fernwartungen und Fernschulungen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein tolles Angebot hinweisen. Gemeinsam mit der Firma Vispero bieten wir unseren Kunden an, Programme wie JAWS kostenlos für berufliche Zwecke zu nutzen, und zwar bis zum 30. Juni. Ich bin glücklich, dass wir unsere Kunden auch während der Coronakrise effizient unterstützen können und dass alle unsere Mitarbeiter genauso arbeiten wie vor der Krise. Einzelne jetzt sogar mehr, weil wir so viel zu tun haben.

Vielen Dank für diese Einblicke in Ihren Alltag / in die Arbeitsweise der Firma Videbis in Zeiten der Corona Pandemie.

Die Firma Videbis hat ihre Geschäfte ab 4. Mai wieder geöffnet, sowohl die Zentrale in Wien als auch die Filialen in Graz, Innsbruck und Linz. Es wird um eine telefonische Terminvereinbarung unter der Wiener Nummer 01 / 27 88 333 gebeten, um die Sicherheits- und Hygienemaßnahmen gewährleisten zu können.

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