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Ein junger Mann in Nahaufnahme mit Brille und Mund-Nasen-Schutz in einem Einkaufszentrum, hinter ihm ein großes BILLA-Schild
Bildinfo: Die Einkäufe werden jetzt sorgfältig geplant und nur ein- oder zweimal in der Woche getätigt. © privat / Foto zur Verfügung gestellt.

Wenn die Welt am Montag ganz anders ist als am Freitag davor

So erlebte Manuel Pöppel, der als Berater beim Arbeitsmarktservice (AMS) in Wien tätig ist, die einschneidenden Veränderungen Mitte März.

Wie hat sich die Welt für Sie verändert, als Sie am Montag, den 16. März zur Arbeit gefahren sind?

Wir haben in den Tagen davor beim AMS schon gewusst, dass da etwas kommt. Das war ja auch in der allgemeinen Stimmung spürbar, so ähnlich wie vor einem Gewitter. Aber wir wussten nicht, was kommen wird. Wie ich dann am Montag ins Büro gefahren bin, war das fast gruselig. Ich steige immer am Westbahnhof in die U3 um, dort sind normalerweise Tausende unterwegs, aber diesmal konnte man die Leute fast an einer Hand abzählen. Die U-Bahnen, die Straßen waren fast menschenleer. Der Meiselmarkt, wo ich mir oft ein Mittagessen hole, und wo sich sonst immer viele Menschen tummeln, war wie ausgestorben.

Und dann die strengen Regeln, Abstand halten, die Hygienevorschriften. Das war am Anfang alles sehr befremdlich.

Ich hab‘ mich irrsinnig gefreut, dass ich auf meinem Schreibtisch im Büro zufällig eine Flasche Desinfektionsmittel stehen hatte. Das wurde ja zu dem Zeitpunkt fast wie Gold gehandelt. Gleichzeitig hatten wir im AMS einen unglaublichen Ansturm an Anträgen.

Sie sind zunächst noch jeden Tag ins Büro gefahren, arbeiten jetzt aber von zuhause aus.

Nach einer Woche habe ich ins Homeoffice gewechselt. Ich habe eine Sehbehinderung, meine Frau ist blind und für uns ist der Alltag während der Pandemie so leichter zu bewältigen. Einkaufen, kochen, alles ist einfacher, wenn wir beide daheim sind. Und ich muss sagen, dass das Homeoffice für mich viel angenehmer ist. Ich kann ein bissl länger schlafen, muss nicht um sechs Uhr aufstehen. Und alles was ich brauche, ist in Reichweite.

Man fühlt sich auch viel sicherer, wenn man jetzt von zuhause aus arbeiten kann.

Ich kann mir vorstellen, dass ich nach dieser Krise ein oder zwei Tage die Woche Homeoffice mache, weil man dadurch eine viel bessere Work-Life-Balance hat.

Welche technische Ausrüstung benötigen Sie im Homeoffice?

Ich habe von der Firma einen Laptop bekommen, der einen speziellen Sicherheitsschlüssel hat. Denn wir haben ein mehrfach abgesichertes System, über das wir arbeiten. Ich bin auf diesen Laptop eingeschult worden und konnte am nächsten Arbeitstag im Homeoffice gleich loslegen. Der Bildschirm ist zwar etwas kleiner als beim Stand PC im Büro, aber ich verwende ja sowieso eine Bildschirmlupe, mit der ich mir auf Windows alles vergrößern kann.


Unterscheidet sich Ihre Arbeit im Homeoffice von jener im Büro?

Ich bin jetzt genauso für die Förderungen zuständig, die Firmen bekommen, wenn sie Menschen einstellen, die einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben, also ältere Leute, Menschen mit Behinderung oder jene, die lange arbeitslos waren. In der ersten Zeit nach dem 16. März musste ich einige Förderungen abschließen. Das tut mir persönlich weh, denn ich sehe ja, wie viele Leute einen guten Job hatten und jetzt plötzlich arbeitslos sind. Und das ist schon schiach mitzukriegen.

Dann haben wir Förderungen, die von einem Tag auf den anderen unterbrochen wurden, weil Leute gekündigt wurden. Viele in der Hotellerie zum Beispiel haben aber eine Zusage, dass sie wiedereingestellt werden und die Förderung läuft dann weiter. Kleinere Betriebe, die bereits wieder geöffnet haben, fragen jetzt auch schon nach, ob sie eine Förderung für einen Mitarbeiter bekommen können. Bei mir sind die Arbeitsabläufe also fast gleichgeblieben.  

Das ist bei vielen Ihrer KollegInnen anders.

Ja, das trifft vor allem auf jene zu, die die Anträge auf Kurzarbeit abwickeln. Sie haben wahnsinnig viel zu tun, manche arbeiten jeden Tag zehn Stunden, auch samstags, um das enorme Aufkommen abzuarbeiten. Ich habe sofort meine Hilfe angeboten und bin auf Reserve.

Diese ganze Situation ist für uns Mitarbeiter nicht einfach. Auch die psychische Belastung, wenn man erlebt, wie viele Leute in Kurzarbeit sind oder gekündigt wurden.

Also, wir sind momentan sehr gefordert.

Wie gewinnen Sie wieder Abstand von Ihrer Arbeit? Denn wenn das Büro im Wohnzimmer ist, ist das anders, als wenn Sie Ihren Schreibtisch in der Firma verlassen.

Wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin, schalte ich den Laptop ab, klappe ihn zu und sage: So, jetzt gehe ich nachhause. Mein erster Weg führt mich zur Couch und ich mache es mir bequem. Dann gehen meine Frau und ich noch ins Freie und machen einen Spaziergang. Wir sind in fünf Minuten im Erholungsgebiet Wienerberg, da ist ein schöner See, die Leute sitzen verstreut im Gras und genießen es, draußen zu sein.

Die allermeisten sind sehr rücksichtsvoll, sie halten fast immer den nötigen Abstand ein.

Und ich kann jetzt endlich meinem Hobby, dem Fotografieren, nachgehen. Und zwar mache ich besonders gern Aufnahmen mit einer Drohne. Die Austro Control hat mir, nachdem ich meine Prüfung erfolgreich abgelegt habe, die Flugerlaubnis dafür erteilt. Da man die Öffis in der Freizeit wieder benutzen darf, kann ich endlich meine Drohne in Niederösterreich fliegen lassen. Den Flug verfolge ich auf dem Display meines Handys. Was die Drohne sieht, sehe ich auch. Und via GPS weiß ich immer genau, wo sie ist.


Wirken sich die Corona Pandemie und die Einschränkungen, die damit einhergehen, auf Ihre Paarbeziehung aus?

Wir verstehen uns sehr gut, wir unterstützen uns gegenseitig und arbeiten super zusammen. Es ist ein Glück, dass wir füreinander da sein können. Wir haben viel mehr Zeit, wir können uns die Arbeiten im Haushalt besser aufteilen, ich koche jetzt viel mehr als früher. Es ist so, dass wir jetzt viel weniger Stress haben. Das ist für die Beziehung super, weil wir beide viel entspannter sind. Wir waren früher viel stärker eingeteilt. Meine Frau hat wechselnde Dienste, es ist dann oft spät geworden, vor allem, wenn sie ihre Chorprobe hatte. An manchen Tagen hatten wir nicht einmal Zeit, uns zu erzählen, was alles so passiert ist. Dazu kommt, dass wir eine große Wohnung mit Balkon haben, wo wir uns sehr wohlfühlen. Unser Leben ist sehr angenehm, sehr entspannt.

Ich habe das Glück, dass ich ein gesichertes Einkommen habe, dass ich meinen Job nicht verloren habe, das ist zurzeit alles andere als selbstverständlich. Bei meiner Frau ist es genauso. Also, uns drücken keine finanziellen Sorgen und Nöte. Aber natürlich empfinde ich sehr viel Empathie für all jene Leute, die es nicht so haben. Es ist schwierig, ihnen zu sagen: Schaut Leute, das Leben geht weiter, diese wirtschaftliche Krise wird überwunden werden, wir wissen nur nicht, wann es soweit ist. Man weiß es nicht, niemand kann es sagen.

Diese Unsicherheit, diese Ungewissheit, die wir zurzeit erleben, ist belastend.

Diese Ungewissheit empfinde ich als das Schwierigste in der gegenwärtigen Situation. Niemand weiß, wie es weitergeht. Hält dieser positive Trend an oder kommt eine zweite Welle?

Man macht sich ja weniger Sorgen um sich selbst, wir sind jung und gesund, aber man denkt darüber nach, was passiert, wenn ich andere Leute anstecken würde.

Ich mache mir immer wieder Sorgen wegen meiner Eltern, die im Waldviertel leben. Meiner Frau geht es mit ihren Eltern und Großeltern genauso. Und wir fragen uns, ob wir unsere geliebten Menschen tatsächlich bald wiedersehen und in die Arme schließen können? Sicher, wir halten Kontakt, wir telefonieren, aber wir vermissen diese Nähe zu ihnen. Und dann eben diese wirtschaftliche Ungewissheit, wann wird es wieder ein bissl aufwärts gehen? Aber ich bin optimistisch. Es ist ja gut, in schwierigen Zeiten optimistisch zu sein.


Was stimmt Sie zuversichtlich?

Im Moment ziehen alle an einem Strang. Es ist auch in der Bevölkerung eine große Solidarität spürbar. Wir sind alle in dieser blöden Situation gefangen und wir können nur schauen, dass wir alle gemeinsam da wieder herauskommen. Anders wird es nicht gehen. Man kann unsere Situation in gewisser Weise mit der Nachkriegszeit vergleichen, wo auch alle an einem Strang gezogen haben, um wieder eine gewisse Normalität herzustellen.

Ich hoffe nur, dass unsere Gesellschaft sich über die Coronakrise hinaus diese Solidarität und dieses Miteinander bewahrt.

Hat sich Ihr Blick auf die Welt durch die Pandemie verändert?

Ich merke jetzt noch viel deutlicher, wie wichtig es ist, soziale Kontakte zu haben. Es wurde mir noch viel stärker bewusst, dass es überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass ich abends in ein Lokal gehe, um meine Freunde zu treffen. Dass ich am Wochenende ins Waldviertel fahre, um meine Eltern zu besuchen. Man ist zufrieden, wenn das möglich ist.

Was erwarten, was erhoffen Sie sich für die Zeit nach der Krise?

Ich denke, dass wir das Leben wieder feiern werden. Partys werden nachgeholt werden. Wir werden uns vielleicht viel mehr umarmen als früher. Und sehr froh sein, dass wir diese Zeit hinter uns gebracht haben, dass wir das gemeinsam geschafft und miteinander bewältigt haben. Ganz besonders hoffe ich, dass sich unsere Wirtschaft verändert. Dass umgedacht wird, das ist längst fällig. Denn ist es wirklich notwendig, dass die Erdäpfel aus Stockerau zuerst über ganz Belgien verteilt werden müssen, bevor sie bei uns wieder als österreichische Erdäpfel verkauft werden? Wäre es nicht viel sinnvoller, die Erdäpfel aus Stockerau zuerst regional zu verkaufen und dann den Überschuss zu exportieren? Nachhaltig wirtschaften sichert Arbeitsplätze, kostet weniger, bringt mehr ein und ist letztlich für alle gut.

Vielen Dank für diese Einblicke in Ihre momentane Lebensgestaltung.

Das Interview führte Mag. Ursula Müller

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