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Portraits
Ein Mann geht mit weißem Stock auf Blindenleitlinien, entlang zahlreicher daneben abgestellten E-Scootern.
Bildinfo: Verkehrsreferent Franz Mayer 2019 bei der Auftaktaktion der BSV WNB-"Initiative RückSICHT" © BSVWNB/Martin Tree

„Wenn man es nicht probiert, kann man auch kein Glück haben“

Das Glück erkennen, wenn es vorbeikommt, es am Schopf packen und etwas Neues wagen. Diese Einstellung ist Franz Mayer wichtig. Privat wie beruflich und auch bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Blindenverband als Leiter des Verkehrsgremiums.

Arbeits- und Privatleben in Einklang bringen

Seit vielen Jahren, seit 1999 pendelt Franz Mayer von Wien nach St. Pölten, wo er in der niederösterreichischen Landesregierung tätig ist. Sein kleiner Fachbereich kümmert sich um den Bedienstetenschutz, vergleichbar mit dem Arbeitsinspektorat in der Privatwirtschaft. „Wir beschäftigen uns mit dem Arbeitsplatz, den Arbeitsmitteln, mit Vibrationen, Lärm, magnetischer Strahlung oder mit der Bildschirmarbeit. Es gibt für diverse Belastungen genaue Verordnungen und es ist unsere Aufgabe, regelmäßig zu überprüfen, ob die Arbeitsplätze den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen.“ Seit zwei Jahren, seit Franz Mayer erblindet ist, kann er nicht mehr die Arbeitsplätze der öffentlich Bediensteten inspizieren. Nun ist er vor allem mit organisatorischen und legistischen Aufgaben betraut. Außerdem ist er Mitglied verschiedener Arbeitsgruppen, wo sich alles um die Themen Sicherheit und Gesundheitsschutz dreht. Es werden Maßnahmen erarbeitet, die dazu führen sollen, dass weniger Arbeitsunfälle passieren und dass es zu weniger arbeitsbedingten Erkrankungen kommt.  

Durch einen Unfall, den Franz Mayer als zweijähriger Bub erlitten hat, wird sein Sehvermögen stark eingeschränkt. Er wächst mit seinem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder in der Marktgemeinde Harmannsdorf-Rückersdorf im Bezirk Korneuburg auf, besucht dort den Kindergarten, muss aber im Alter von sechs Jahren von zuhause fort und kommt in die Schule für sehbehinderte Kinder in der Zinckgasse in Wien. 

„Ich war dort immer derjenige, der am schlechtesten gesehen hat. Ich konnte kein Buch lesen, ich konnte auch nichts auf der Tafel erkennen. Aber ich hab‘ gedacht, so gehört die Welt. Das ist halt so und fertig. Ich hab‘ das in meiner ganzen Schulzeit gar nicht so wahrgenommen, wie schlecht ich eigentlich sehe.“


Nach seinem Schulabschluss beginnt der junge Mann als Stenotypist in der niederösterreichischen Landesregierung in Wien zu arbeiten. „Ich bin mittlerweile ein Fossil dort“, stellt er schmunzelnd fest. Damals, als junger Mitarbeiter will er sich weiterbilden. Er besucht die Abendschule, macht die Matura nach und beginnt neben der Arbeit zu studieren. „Leider nicht erfolgreich“, wie er feststellt. Denn die Rechtswissenschaften sind ihm zu langweilig, auch das Studium der Publizistik ist nicht das richtige für ihn. Während er die Abendschule und die Universität besucht, reduziert er seine Arbeitszeit auf 20 Stunden. „Ich wollte nicht nur arbeiten und lernen, ich wollte meine Freizeit genießen und ich wollte vor allem tanzen.“ Seine Frau und er besuchen viele Tanzkurse, legen Prüfungen ab und erringen nicht nur Bronze, Silber und Gold, sondern schaffen es bis zum Gold Star.

Diese sportlichen Herausforderungen reichen dem jungen Paar nicht, es absolviert außerdem noch Rock ‘n‘ Roll Kurse. Mit Begeisterung in der Stimme erinnert sich der leidenschaftliche Tänzer: „Das war schon wirklich toll! Beim Rock ‘n‘ Roll gibt es viele Hebefiguren. Und wenn wir im Familienkreis eine Feier hatten, mussten wir immer vortanzen.“ Das Paar übt begeistert und besucht die schönsten Bälle in der Wiener Hofburg, im Konzerthaus oder im Hotel Hilton. „Um uns das leisten zu können, sind wir oft erst nach Mitternacht hingegangen, da konnten wir gratis hinein. Und wenn wir von halb eins bis vier Uhr in der Früh getanzt haben, hat das eh gereicht. Das war eine sehr, sehr tolle Zeit.“

Im Sommer sind die beiden jungen Leute mit Interrail unterwegs. Sie reisen mit dem Zug von Schottland bis Portugal, besuchen Paris, Nizza, Barcelona oder Amsterdam. Ihre größte Liebe gilt aber bis heute unserem südlichen Nachbarn Italien. Auch als die Kinder auf die Welt kommen, verbringt die Familie die Urlaube oft im Ausland. Das sei für ihn und seine Frau, die ebenfalls eine Sehbehinderung hat, kein Problem gewesen, eher eine sportliche Herausforderung.


Sportliche Brüder

Bis zu seiner Erblindung vor zwei Jahren ist Franz Mayer ein begeisterter Läufer. Er nimmt an mehreren Veranstaltungen in Wien teil, läuft einige Male einen Halbmarathon und erzielt respektable Ergebnisse. „Es war mir schon wichtig, dass ich nicht nur durchkomme, sondern auch eine gute Zeit mach‘, dass ich was zum Herzeigen hab‘. Ich hab‘ mir gesagt, meine drei Kinder müssen sich schon sehr anstrengen, um diese Zeit zu erreichen.“ Und mit dem ihm eigenen feinen Humor fügt er hinzu: „Und sie erreichen sie nicht.“

Sport und Bewegung spielen schon früh eine wichtige Rolle. Als Kind lernt Franz mit seinem jüngeren Bruder Radfahren und geht mit ihm zum Fußballspielen. Im Sommer im Freien, im Winter in der Halle. Wie wichtig dieser Bruder für ihn damals ist, wird Franz Mayer erst viel später bewusst.

„Durch meinen Bruder konnte ich mit allen anderen Kindern im Dorf spielen, so als ob auch ich keine Sehbehinderung hätte. Wir sind auch gemeinsam zur Bubenolympiade der katholischen Jungschar gefahren. Wir haben viel zusammen gemacht.“

Auch später, in der Pubertät ist er mit dem Bruder unterwegs und heute ist ihm klar, dass er dadurch Dinge tun konnte, die ihm ansonsten wahrscheinlich verschlossen geblieben wären. „Als Jugendlicher ist mir schon aufgefallen, dass mir die Mädchenherzen nicht so zugeflogen sind. Denn wenn mir ein Mädchen tief in meine trüben Augen geschaut hat, dann war das sicher nicht so erotisch wie bei anderen jungen Burschen. Außerdem hab‘ ich ganz oft nicht einmal bemerkt, dass mich jemand angeschaut hat. Und ich konnte ja auf niemanden aktiv zugehen, denn ich muss ja einen Menschen erkennen können, um ihn zu grüßen und anzusprechen. Also ohne meinen Bruder wäre ich in manche Gesellschaften nur sehr schwer reingekommen. Wir hatten da Glück und wir mögen uns bis heute.“

Überhaupt habe er in seinem Leben viel Glück gehabt, findet Franz Mayer. Andere meinen vielleicht, er habe Pech gehabt, weil er als Zweijähriger diesen Unfall hatte, wo Kalk in seine Augen gelangte, Kalk, der seine Augen verätzte und schwer schädigte. „Ich habe ein sehr glückliches Leben. Ich bin vielen interessanten Menschen begegnet. Ich würde mit niemandem tauschen wollen.“ Das bedeutet aber nicht, dass die Sehbehinderung kein Problem für den sportlichen Niederösterreicher darstellt. Jeder Weg ist anstrengend und herausfordernd. Es ist auch verunsichernd, wenn man einen Raum betritt und nicht weiß, ob jemand da ist und wenn man nicht erkennt, wie groß dieser Raum ist. Dieses fehlende Raumgefühl hat Franz Mayer vor allem in der ersten Zeit, nachdem er erblindet ist, zu schaffen gemacht.

„Es hat dazu geführt, dass ich mich sehr alleine gefühlt habe. Es ist diese Begrenzung, dieses Gefühl, dass man irgendwo eingebettet ist, verloren gegangen.“

Er sei sich damals wie in einem weiten leeren Raum vorgekommen. Das hat sich verändert, er hat sich an die neue Situation angepasst. Anderes vermisst er nach wie vor schmerzlich. „Vor allem, dass ich jene Menschen, die ich gernhabe, nicht mehr sehen kann. Und dass ich mein Enkelkind nicht sehen kann, das vermisse ich ganz besonders.“


Ein erfülltes Arbeitsleben

Aber so sei das Leben: Auch Menschen, die keine Behinderung haben, erleben immer wieder Situationen, die sie gerne anders hätten. Die Kunst bestehe darin, immer wieder flexibel auf neue Lebensumstände reagieren zu können. Und dies gelingt dem Landesbediensteten im Laufe seines Arbeitslebens immer wieder. Schon wenige Jahre nach seinem Berufseinstieg wechselt er in das Jugendreferat. Er organisiert Veranstaltungen für Lehrkräfte, SozialarbeiterInnen und PolizistInnen. „Ich habe Themen vorgeschlagen, die ich wichtig gefunden habe, wie zum Beispiel zu Rechtsextremismus oder Drogenmissbrauch. Ich habe mitbestimmt, welche Referenten dabei sind und welche Inhalte behandelt werden.“

Diese Arbeit erfüllt Franz Mayer. Dennoch merkt er, dass er noch etwas anderes machen will. Dass er noch zu jung ist, um sich bis zur Pensionierung im Jugendreferat einzurichten. Er entscheidet sich, es noch einmal auf der Uni zu versuchen. Er beginnt – neben der Arbeit – Psychologie zu studieren, ist begeistert bei der Sache und macht viele Prüfungen. Als aber im Jahr 1996 die niederösterreichische Landesregierung nach St. Pölten übersiedelt und er täglich pendeln muss, hängt er sein Studium schweren Herzens an den Nagel, weil er keine Zeit mehr dafür hat. „Ich hatte ja schon drei Kinder und musste Geld verdienen. Aber ich bin zum Personalchef gegangen und hab‘ gesagt, es muss doch eine Tätigkeit geben, bei der ich mein Wissen aus dem Studium einbringen kann. Weil ich hab‘ mir immer gedacht, wenn man’s nicht probiert, kann man auch kein Glück haben.“

Franz Mayer hat Glück und packt es am Schopf. Er wechselt in die Abteilung für Aus- und Weiterbildung. Dort entwickelt er gemeinsam mit anderen einen Lehrgang für Vorgesetzte auf der mittleren Hierarchieebene. „Das war sensationell. Ich konnte meine Kenntnisse aus dem Psychologiestudium verwerten. Und es macht auch was mit einem, wenn man weiß, dass die Beamten das lernen müssen, was ich mir einbilde, was ich für wichtig halte.“ Als die Abteilung aufgelöst wird, muss Franz Mayer wieder eine neue Aufgabe suchen. Und er findet sie in seiner jetzigen Tätigkeit. Der Landesbeamte hat sich vor einiger Zeit für eine Persönliche Assistentin am Arbeitsplatz entschieden. Diese unterstützt ihn im Büro, mitunter auch bei seinen Tätigkeiten in den verschiedenen Arbeitskreisen. „Aus diesem Grund kann ich noch vieles machen, was ich sonst nicht mehr tun könnte.“

Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagiert sich Franz Mayer auch noch im Blinden- und Sehbehindertenverband Wien, Niederösterreich und Burgenland (BSV WNB). Was ihm als Leiter des Verkehrsgremiums besonders wichtig ist, erfahren Sie im Artikel „Es ist eine Sisyphusarbeit, es gibt so viel zu tun, dass man nie fertig wird.“

 

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