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Eine junge Frau mit blauer Jacke und langen, glatten, dunklen Haaren lehnt in einem großen Garten an einem Baumstamm und lacht in die Kamera.
Bildinfo: In einem Haus mit viel Natur rundherum lässt sich die Ausgangsbeschränkung aushalten. © privat / Foto zur Verfügung gestellt.

Wenn man plötzlich unendlich viel Zeit hat

Wie wirkt sich die Corona-Ausnahmesituation auf das Leben blinder und sehbehinderter Menschen aus? Wir fragen nach bei Studentin Klara Messner.

 

Sie studiert an der Universität Wien im vierten Semester Soziologie.

Wie, Frau Messner, schaut denn der „Corona Alltag“ einer Studentin aus? Die Universitäten sind geschlossen, das typische Studentenleben findet derzeit nicht statt. Wohnen Sie jetzt wieder bei Ihrer Familie?

Ja, zurzeit bin ich bei meinen Eltern in der Nähe von Korneuburg. Wenn normaler Unibetrieb ist, pendle ich hin und her. An den Tagen, wo ich Vorlesungen habe, wohne ich bei meiner Tante in Wien, sonst daheim. Jetzt bin ich die ganze Zeit zuhause und es passiert nicht viel.

In der Früh stehe ich erst auf, wenn es mich freut. Nach dem Frühstück lege ich mich oft wieder ins Bett. Immer wieder denke ich mir, ich sollte etwas für die Uni tun, aber das klappt nicht jeden Tag. Manchmal höre ich den ganzen Nachmittag ein Hörbuch, fast immer Krimis und Thriller. Nach so einem Tag nehme ich mir halt immer vor, dass ich morgen wirklich etwas für die Uni machen werde.

Wie hat sich Ihr Leben durch die Pandemie verändert?

Ich kann nicht mehr auf die Uni gehen und treffe keine Freunde mehr, das fehlt mir alles sehr. Und dass ich jetzt, wie gesagt, sehr faul bin, dass mir oft die Disziplin zum Lernen fehlt. Wenn ich fixe Vorlesungszeiten habe, ist das anders, da gehe ich hin und die Sache ist abgehakt. Jetzt muss ich mir alles selbst einteilen und selbst erarbeiten und so schiebe ich immer alles vor mir her.
Mir geht auch meine ältere Schwester sehr ab, die in Wien in ihrer Wohnung geblieben ist. Natürlich halten wir Kontakt übers Handy, aber es ist ein großer Unterschied, ob man telefoniert oder ob man sich gegenübersitzt, plaudert und gemeinsam etwas unternimmt und erlebt.


Wie war Ihr Alltag vor der Coronakrise?

Vor dem Coronavirus hatte ich montags eine Vorlesung und danach eine Übung mit Anwesenheitspflicht.

Eine Persönliche Assistentin begleitet mich auf die Uni, denn ich bin vor ungefähr fünf Jahren erblindet.

Ich habe 15 Jahre lang ganz normal gesehen und bin dann aufgrund einer Erkrankung blind geworden.

Also meine Persönliche Assistentin sitzt in der Vorlesung neben mir und wenn der Professor etwas mit Kreide auf die Tafel schreibt, tippt sie das ab oder wenn er PowerPoint Präsentationen verwendet, beschreibt sie mir die Grafiken, die auf den Folien zu sehen sind. Vorlesungen, die online verfügbar sind, besuche ich nicht, die mache ich von zuhause aus. Wenn ich keine Vorlesungen habe, stehe ich trotzdem in der Früh auf. Dann lerne ich, arbeite die Texte durch, die ich für Prüfungen brauche und erledige die Aufgaben, die wir jede Woche in dieser Übung mit Anwesenheitspflicht bekommen. Abends treffe ich mich oft mit Freunden, wir gehen ins Kino oder machen sonst etwas zusammen.

Wie können Sie zurzeit Ihr Soziologiestudium fortsetzen? Wie läuft der Vorlesungsbetrieb jetzt ab?

Am Institut für Soziologie wurde auf E-Learning umgestellt. Das schaut zum Beispiel so aus, dass PowerPoint Präsentationen online gestellt werden und dass wir uns die Texte, die dazugehören, im Selbststudium erarbeiten müssen. Für andere Vorlesungen gibt es auch sogenannte Streams. Die Professoren nehmen ihre Vorlesungen mit einem Diktiergerät auf und laden diese Sprachaufnahme hoch. In einem Fach, in Statistik, bekomme ich jede Woche bestimmte Aufgaben, die ich anhand der online gestellten Folien und Vorlesung lösen muss.

Ist dieses E-Learning, also der Wissenserwerb am PC, für Sie machbar? Sind alle Lehrinhalte für Sie barrierefrei zugänglich?

Das Allermeiste ist barrierefrei. Sicher muss ich das eine oder andere Mal eine sehende Person fragen, aber alles in allem komme ich gut zurecht. Außerdem habe ich am Anfang des Semesters bekanntgegeben, dass ich blind bin und wie die Dokumente sein sollten, damit ich sie gut auslesen kann. Die Professoren und ihre Assistenten sind sehr offen. Ich kann diese Dinge mit ihnen gut besprechen und sie adaptieren das dann für mich.

Bei den Aufgaben für diese Übung bitte ich hin und wieder meine Mutter, dass sie mich ein bissl unterstützt. Denn da geht es um Statistik, da geht es um Zahlen und da schaut sie dann drüber, sodass ich mich nicht vertue. Unlängst mussten wir für diese Übung ein Diagramm zeichnen, und zwar mit einem Stift auf Papier.

Da habe ich meinem Professor geschrieben, dass mir das nicht möglich ist und er hat mir dafür eine andere Aufgabe gegeben. Und zwar, wie man Statistiken und Grafiken für Menschen, die blind oder sehbehindert sind, lesbar, also barrierefrei zugänglich machen kann.

Meine Recherchen habe ich zusammengefasst und dem Professor geschickt. Das hat gepasst und war für mich eine interessante Aufgabe.


Wir leben seit einigen Wochen in einem Ausnahmezustand mit vielen Ausnahmeregelungen. Vielen Leuten machen die Ausgangsbeschränkungen zu schaffen. Aber gibt es auch Dinge, die Sie zurzeit schätzen und genießen?

Ja, es gefällt mir sehr, dass meine Eltern jetzt die ganze Zeit daheim sind, dass immer wer da ist. Denn sonst kommt mein Papa erst um halb sechs Uhr am Abend von der Arbeit nachhause, bei meiner Mama ist es auch so. Aber jetzt sind sie immer da. Das ist schön, das ist anders, denn wenn ich an den Tagen, wo ich keine Vorlesungen habe, bei meinen Eltern wohne, bin ich den ganzen Tag allein im Haus.

Was geht Ihnen in dieser außergewöhnlichen Lebenssituation so alles durch den Kopf? Was beschäftigt Sie ganz besonders?

Ich frage mich immer wieder, wann sich die ganze Situation normalisieren wird. Wann ich meine Freunde und meine Schwester wieder treffen kann. Und natürlich frage ich mich, ob ich in diesem Semester noch einmal auf die Uni gehen werde, ob wir Prüfungen machen können. Da gibt es so viele Fragezeichen und Ungewissheiten. Man hört die verschiedensten Dinge, weiß aber nichts Genaues. Man hängt in der Luft und fragt sich: Wie lange kann ich meine Sachen noch aufschieben, ab wann muss ich produktiv werden, damit mir das am Ende des Semesters nicht alles auf den Kopf fällt?

Überwiegt bei Ihnen zurzeit der Gedanke, unbedingt für die Uni etwas tun zu müssen oder genießen Sie es auch ein bisschen, faul sein zu können?

Ja, ich genieße es auch, dass ich nicht so einen Druck habe. Natürlich schleicht sich irgendwann das schlechte Gewissen ein, aber das schiebe ich dann ein bissl beiseite und dann kann ich wieder mehr genießen. Es ist schon auch schön, so viel Zeit zu haben, um stundenlang spannende Hörbücher zu hören, beim Kochen zu helfen oder es ganz zu übernehmen, sodass meine Eltern weiterarbeiten können. Mir macht Kochen viel Spaß und es ist schön, dass ich etwas Sinnvolles zu tun habe.

Vielen Dank für diese Einblicke in Ihre momentane Lebenssituation.

Das Interview führte Mag. Ursula Müller

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