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Nahaufnahme eines güldenen Plastiksterns inmitten von Zweigen einer Tanne.
Bildinfo: Frohe Weihnachten, ob mit oder ohne Weihnachtsbaum! © BSVWNB/Martin Tree

Wer braucht schon einen Weihnachtsbaum?

Eva Papst erzählt über damals, als es zuhause letztendlich wahrhaftig besinnlich war.

Die Fenster des Waggons der Schmalspurbahn waren so stark angelaufen, dass man die tief verschneite Landschaft draußen nur ahnen konnte. Es hatte etliche Grade unter Null und der Zug war wie immer gnadenlos überheizt. Meine Kehrseite fühlte sich an wie auf einem Bratrost und ich rutschte unruhig hin und her.

Mein Vater, der mich für die Weihnachtsferien aus dem Internat abgeholt hatte, wischte mit dem Ärmel seines abgetragenen Sakkos über die beschlagene Scheibe, um nach draußen zu sehen. Daher kamen also die Schmutzspuren an den Ärmeln, über die sich meine Mutter regelmäßig ärgerte, dachte ich und musste grinsen. "Wir sind gleich da", sagte er und holte den Koffer aus dem Gepäcknetz.

Als wir hintereinander den schmalen ausgeschaufelten Weg zur Straße entlang stapften, wünschte ich mir sehnlichst, dass die Weihnachtsfeiertage schon vorbei wären. Mir ging seit letztem Jahr das sentimentale Getue auf die Nerven, vor allem der mit allerlei Kitsch behangene Tannenbaum. "Kinderkram", hatte ich gelangweilt abgewinkt, als mich meine Mutter gefragt hatte, in welcher Farbe sie heuer den Baum schmücken sollte.

Und dann war mir in meiner typisch schnippischen Art noch herausgerutscht: "Wozu der Aufwand, hier gibt es doch kein Kind mehr." Mit meinen 16 Jahren fühlte ich mich jedenfalls erwachsener als meine Eltern mich einschätzten.

Ich versuchte mein leises Unbehagen, das nach meiner Bemerkung und der darauf folgenden Stille gefolgt war, zu ignorieren. Mir war klar, dass das Schmücken des Weihnachtsbaums für meine Eltern weit mehr bedeutete als das Festhalten an einer lieb gewordenen Tradition. Sie sehnten sich vermutlich nach dem Glanz zurück, den der Lichterbaum früher in meine Kinderaugen gezaubert hatte, auch wenn meine Augen schon immer zu schwach waren, um die Pracht in vollem Ausmaß wahrzunehmen. Aber sie begriffen eben nicht, dass ich kein Kind mehr war - oder zumindest keines mehr sein wollte.

Das leise Unbehagen stellte sich auch jetzt wieder ein, als wir zu Hause ankamen und mein Vater den schweren Koffer vor der Garderobe abgestellt hatte. Ich flüchtete daher rasch in "mein Reich", das aus zwei Räumen in der Mansarde unseres Hauses bestand. Nach dem Tod meiner Großmutter hatte ich sie mit meinen Postern und allerlei Zierrat versehen, meine Plattensammlung aufgebaut und die kleine Wohnung in Besitz genommen, die nun mein ganzer Stolz war.

Ich begann auszupacken, und als ich die Tür zu dem kleinen Schlafzimmer öffnete, blieb ich wie angewurzelt stehen. Vor dem Fenster stand auf einem Tisch mit weißer Tischdecke ein kleiner Tannenbaum - ungeschmückt und ganz so, wie er aus dem Wald gekommen war. Der harzige Duft erfüllte den kleinen Raum mit Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit.

Die schweren Schritte meines Vaters auf der knarrenden Holztreppe wurden von dem leiseren Geräusch der Hausschuhe meiner Mutter begleitet und gleich darauf standen beide in der Tür zu meinem Schlafzimmer.

"Du kannst den Baum so schmücken, wie er dir am besten gefällt", sagte meine Mutter und fügte hinzu, "und wenn du ihn nicht hier haben willst, dann tragen wir ihn eben wieder hinunter."

"Aber das ist der kühlste Raum im Haus", fügte mein Vater in der Hoffnung hinzu, ich sei logischen Argumenten zugänglich. Sie hatten es einfach nicht begriffen, dass ich gar keinen Baum wollte - weder hier oben noch unten im Wohnzimmer meiner Eltern.

Aber stimmte das überhaupt? Ich steckte meine Nase tief in die Äste. "Der riecht aber herrlich", sagte ich zögernd, teils um die Verlegenheit zu überbrücken, teils aber auch erstaunt darüber, wie angenehm und anheimelnd dieser Duft war. "Am liebsten würde ich ihn so lassen", sagte ich schließlich. "Wenn du meinst", war alles, was meine Mutter sagte, und mein Vater schwieg. Mein letzter Blick, als ich abends vor dem Schlafengehen das Licht ausschaltete, fiel auf den Baum. Konnte man eine Tanne einfach so ungeschmückt stehen lassen? Gar kein Baum, das ging an, aber wenn er schon mal da war ...

Am nächsten Vormittag - der Baum wurde mit keinem Wort mehr erwähnt - versuchte ich mir immer wieder vorzustellen, wie Weihnachten dieses Jahr wohl ablaufen würde: Im Wohnzimmer meiner Eltern und ohne Baum? In meinem kleinen Zimmer mit einem ungeschmückten und - anders konnte man es nicht sagen - nackt wirkenden Bäumchen?

"Ich gehe Geschenke einpacken", verkündete ich nach dem am Heiligen Abend immer kargen Mittagessen, und verschwand nach oben.

Unschlüssig stand ich vor der Tanne, strich über die weichen Nadeln, und langsam reifte mein Entschluss: Ich würde den Baum selbst schmücken - mit möglichst wenig Kitsch, versteht sich. Ich stieg also auf den Dachboden und inspizierte die vielen Kartons mit dem Glasschmuck: Glitzernde Kugeln, beschneite Tannenzapfen, Glocken und Sterne in allen Farben und Größen. Du meine Güte, genau das wollte ich ja nicht.

Unschlüssig hockte ich da in der eisigen Kälte und überlegte. Schließlich packte ich den ganzen Schmuck wieder weg. Er passte ohnehin nicht auf einen so kleinen Baum. Beim weiteren Stöbern fielen mir in einem einfachen braunen Karton, der meine Neugierde geweckt hatte, Nüsse in die Hände, die mein Vater vor vielen Jahren eigenhändig mit Goldfarbe überzogen hatte. Die hatte ich ganz vergessen gehabt. Ich legte den Karton beiseite und beschloss, ihn mit nach unten zu nehmen. Aber das reichte nicht. Mir fiel die Christbaumspitze ein und ich begann danach zu suchen. Zweifelnd hielt ich das filigrane Gebilde aus hauchdünnem Glas in Rot und Gold in den Händen: Eine so dicke und lange Spitze für einen so kleinen Baum! Lächerlich! Aber irgendetwas ...

Und dann entdeckte ich den von meiner Mutter ebenfalls vor vielen Jahren selbst gebastelten großen Stern aus Alufolie in Gold und Rot. Keine Ahnung, wie ich den befestigen würde, aber ich packte ihn zu den Nüssen. Aus frühester Kindheit tauchte plötzlich eine Erinnerung auf: Wir hatten doch Sterne und bunte Kugeln aus Alu gebastelt, bevor sich meine Eltern Christbaumschmuck überhaupt leisten konnten. Meine Mutter arbeitete in einer Aluminiumfabrik und bekam immer ein Weihnachtspaket mit Geschenkpapier, bunten Alufolien und ... wo war bloß das Einwickelpapier mit Fransen? Ungeduldig begann ich nach den simplen Dekorationen meiner frühen Kindertage zu suchen. In den hübschen Kartons mit Klarsichtfolie würde ich sie sicher nicht finden. In den verstaubten und halb verbeulten unscheinbaren Schachteln schon eher.

Es dauerte eine ganze Weile, aber endlich wurde ich doch fündig und begann meine Beute über die Leiter nach unten zu tragen und in meinem Zimmer zu stapeln.

Kerzen! Zögernd sah ich die Packungen an, die aus dem letzten Jahr übrig geblieben waren. Vor vielen Jahren hatte einmal ein Ast zu glimmen begonnen und ziemlichen Schrecken verursacht. Außerdem würde ich einen beginnenden Glimmbrand erst bemerken, wenn es danach roch. Wer nicht gut sehen kann, sollte mit Feuer vorsichtig sein.

Ich legte die Kerzen wieder zurück. Nein, wenn der Baum schon in meinem Zimmer stand, wo er definitiv bleiben würde, dann wollte ich ihn auch während der Ferien jeden Abend beleuchten. Dafür kam aber nur eine elektrische Beleuchtung in Frage. Meines Wissens existierten aber nur zwei Lichterketten: Eine, die aussah wie von Raureif bedeckte Zapfen, die jedoch so gut wie kein Licht durchließen, und eine weitere Kette von kleinen bunten Lichtern, die mein Vater dieses Jahr in meinem Wohnzimmer montiert hatte.

Kurz entschlossen begann ich die Lichterkette zu demontieren - ein schwieriges Unterfangen, wie sich herausstellte. Dabei bemerkte ich, dass mein Vater zur besseren Befestigung etliche Mauerhaken in die Wand geschlagen hatte. Das würde meine Mutter sicher nicht freuen. Also hängte ich einfach ein paar Alusterne und -kugeln auf die Haken. So würde diese Radikalmethode wenigstens erst nach den Feiertagen bemerkt werden.

Die Montage der Lichterkette stellte sich als weit schwieriger heraus als angenommen - und die Lichter reichten nicht einmal für das kleine Bäumchen. Na gut, dann eben nur vorne Lichter.
Schließlich hingen die Nüsse und die bunten Alusterne am Baum und den großen Stern hatte ich mit einem Wollfaden an der bemerkenswert geraden Spitze des Bäumchens befestigt. Jetzt war noch das Einwickelpapier übrig.

Woher sollte ich unbemerkt Pralinen oder etwas ähnlich Passendes herbekommen, ohne dass meine Eltern es merkten?

Ich schlich vorsichtig die Treppe hinunter und huschte an der Tür zur elterlichen Wohnung vorbei, aus der Licht drang. Das erinnerte mich daran, dass ich mich beeilen musste, denn es dämmerte bereits.
Ich durchwühlte die Speisekammer und stieß auf eine weiße Pappschachtel mit Rumpastillen - das geheime "Lager" meines Vaters, wie ich vermutete, denn der Karton war offen und längst nicht mehr voll. Kurz entschlossen stibitzte ich etwa 20 Stück, legte sie in die mitgebrachte Tasse und flitzte so leise wie möglich wieder die Treppe hinauf. Mein Vater würde den Diebstahl hoffentlich erst nach der Bescherung bemerken.

Hektisch machte ich mich daran, die geistigen Süßigkeiten einzuwickeln, die Enden mit den Fransen zu verdrehen, mit einem weißen Wollfaden zu versehen und an den Baum zu hängen.
Als ich endlich fertig war, wusste ich nicht recht, was jetzt tun. Ich zog mich um und erschien so lässig wie möglich in der Wohnküche, wo es bereits herrlich nach dem Abendessen duftete, das am Heiligen Abend immer vergleichsweise üppig ausfiel.

Meine Eltern machten es mir leicht. "Feiern wir bei dir oder im Wohnzimmer", wollte meine Mutter beiläufig wissen, als sie den Tisch abräumte.

"Oben", sagte ich nur und ging fröhlich voran, während Spannung und Vorfreude jegliche pubertäre Auflehnung hinwegschwemmten, um einer wohligen inneren Wärme Platz zu machen.

 

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