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Auf einem roten Tisch liegt ein dickes weißes Buch, man sieht die Arme eines Mannes mit einer Blindenschleife links, der Zeigefinger der rechten Hand streicht über die erhabenen Braillepunkte auf der rechten Seite des Buches
Bildinfo: Ein Buch in Braille © BSVWNB

Wie Sesamkörner auf der Frühstückssemmel

Die Punktschrift - ein Buch mit sieben Siegeln?

Langsam, sehr langsam schieben sich meine Fingerkuppen über das Papier. Sie tasten sich vorwärts, entlang der erhabenen Punktschriftzeilen. Gleichzeitig versucht mein Gehirn einen Sinn in diesem Durcheinander zu entdecken.

Bisweilen fühle ich mich in meine Volksschulzeit zurückversetzt, als ich versuchte, Buchstabe für Buchstabe aneinanderzureihen und in dieser Aneinanderreihung sinnvolle Worte zu erkennen.
Damals waren es schwarze Zeichen auf weißem Papier. Waagrechte, schräge und senkrechte Striche, halbe und ganze Kreise oder Ellipsen.
Heute – ich bin über 40 – handelt es sich um erhabene Punkte, die ich nicht mit den Augen, sondern mit den Fingern erfassen soll.
Ich spüre kleine Tippelchen auf dem Papier, es fühlt sich an wie Sesamkörner auf der Frühstückssemmel oder Brösel auf einer Tischplatte.
Angeblich sind diese Erhebungen nach einem System angeordnet. Bestimmte Anordnungen bedeuten bestimmte Buchstaben.
Dieses System will und will sich meinen Fingern aber einfach noch nicht erschließen.
Die kleinen Unebenheiten sind so nah beisammen und nur, wenn ich die Fingerkuppe etwas auf und ab bewege, kann ich sie als differenzierte Punkte wahrnehmen. Position und Anzahl jedoch kann ich nicht erkennen.

„Wenn man die Brailleschrift erlernt,“ so sagt meine Lehrerin Susanne, „bilden sich an den Fingerspitzen neue Nervenenden aus.“

Durch das Üben komme es irgendwann dazu, dass man den Eindruck hat, die Braillezeichen unter den Fingerspitzen seien größer geworden. Dann spüre man sie fast so wie unter einer Lupe.
Eine Frage der Übung also.

Aber auch eine Frage der Motivation. Ist es in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung überhaupt noch notwendig oder sinnvoll, die Brailleschrift zu lernen? Wozu sich mit diesen winzigen Pünktchen abmühen, wenn man Literatur via Hörbuch oder E-Book konsumieren und die Sprachausgabe am PC oder Handy alles vorlesen kann?
Für Susanne, so erzählt sie mir, war es nach der Erblindung sehr schwierig, einen Zugang zu Hörbüchern zu finden. „Ich war es so gewohnt, beim Lesen meine eigene Stimme im Kopf zu haben, meine eigenen Bilder…“, erzählt sie.

Ein ganz wichtiger Aspekt für sie sei es auch gewesen, wieder ganz eigenständig lesen zu können, allein am Sofa oder in lauen Sommernächten am Balkon.

Das könnte tatsächlich ein Argument für mich sein, warum ich mich weiter mit der Punktschrift beschäftigen wollen würde.

Wieder einmal ein richtiges Buch in den Händen haltend lesen zu können, eines aus Papier, das auch nach Buch riecht, klingt ebenso verlockend wie hin und wieder den fremden Stimmen der Hörbücher oder den mechanischen der Sprachausgabe zu entkommen.

Ein Buch zu kaufen war, als ich die Schwarzschrift noch lesen konnte, ein besonderes, ja sinnliches Erlebnis. Buchläden duften. Sie riechen nach Papier und Druckerschwärze, manchmal auch nach ätherischen Ölen aus einer Duftlampe. Es ist meistens still, ein Ort zum Entspannen. Gleichzeitig ist die Atmosphäre aufgeladen mit einer freudigen Erwartung und Neugierde.
Dies trifft auf kleine Buchhandlungen zu, wie es sie heute immer weniger gibt. In den großen Buchhandelsketten wird man diese spezielle Stimmung nicht finden.

Auch Susanne spricht über die sinnliche Komponente des Lesens.
„Ich mag den Geruch von Büchern, ich mag die verschiedenen Papierqualitäten, ich habe es sehr genossen, Merian- oder GEO-Hefte zu lesen und das schöne, glatte Papier zu spüren“, erzählt sie mir.
Nach ihrer Erblindung habe sie, und das kann ich gut nachempfinden, so etwas wie Heimweh nach diesen Genüssen gehabt.
Das Lesen in Braille habe ihr dann eine neue sinnliche Dimension eröffnet.

Für mich wieder ein Argument, diese besondere Schrift weiter zu „studieren“.
Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort, Übung macht den Meister.
Aber davon auch nicht zu viel. Nach einer Stunde verschwimmen die Punkte unter den Fingern und von der angestrengten Haltung habe ich Nackenschmerzen. Genug für heute.

Susanne erzählt mir, dass bei ihr mit dem Erlernen der Brailleschrift das Tastempfinden allgemein verbessert wurde. „Wenn ich jetzt Stoffe berühre, Holz, eine Orange, einen Pfirsich oder einen sonnenwarmen Paradeiser, sind das viel stärkere sinnliche Eindrücke, als sie es früher waren.“

Auch bei mir werden die Fingerkuppen immer sensibler, ich spüre Fortschritte.
Mittlerweile kann ich einfache Worte lesen, sogar schon kurze Sätze mit Satzzeichen.

Schwierig wird es, wenn eine ganze Seite mit einem „richtigen“ Text vor mir liegt. So viele Zeichen neben- und untereinander.

Zu schmal ist der Zwischenraum zwischen den einzelnen Zeilen, meine Finger rutschen immer wieder in die nächste Zeile, und ich verliere den Faden.
Mit dem Lesen von „Herr der Ringe“ werde ich mich noch etwas gedulden müssen.

Inzwischen kann ich aber meine neu erworbenen Kenntnisse schon einmal nutzen. So beginne ich Dinge in meinem Haushalt zu beschriften: Mehl, Zucker, Salbeitee, Tomatenmark, Ringelblumen-, Tomaten- und Schnittlauchsamen, schwarze, rote und gepunktete Strumpfhose, Geburtsurkunde, Meldezettel, Maturazeugnis…
Meine beste Freundin in diesen Tagen: eine Braille-Prägezange mit selbstklebenden Etiketten.
So kennzeichne ich wichtige Gegenstände und schaffe eine für mich „durchschaubare“ Ordnung. Und das bringt mir ein großes Stück Selbstständigkeit zurück. Von nun an werde ich nicht mehr fragen müssen, ob in diesem Säckchen Petersilie- oder Dillsamen sind, welcher Zettel mein Staatsbürgerschaftsnachweis und welches das Roggen- oder das Weizenmehl ist.

Ich selbst kann es lesen.

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