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Portraits
Ein freundlich lächelnder Mann mittleren Alters sitzt auf einer Bank vor einer sonnigen Wiese mit Sträuchern im Hintergrund, er trägt einen Blindenbutton am Hemd und eine orangefarbene Brille
Bildinfo: Johannes genießt einen sonnigen Herbsttag im Park nahe des Bahnhofes St. Pölten. © BSVWNB/Ferdinand Doblhammer

„Wir lassen keinen zurück“

Wie schafft man es, wieder zurück ins Leben zu finden, wenn man das Augenlicht verliert? Bei Johannes Göls sind es viele kleine Schritte und Entscheidungen. Und nicht zuletzt der Austausch mit anderen Betroffenen.

Ein entscheidender Schritt

Für das Interview sind wir im Gasthof Graf in St. Pölten verabredet. Dort trifft sich einmal im Monat auch die regionale Selbsthilfegruppe des Blindenverbands. Als Johannes Göls vor einigen Jahren von dieser Gruppe erfährt, winkt er ab. Seine Frau ermutigt ihn jedoch, dorthin zu gehen und heute sagt er: „Das war das Beste, was mir passieren konnte. Denn am Anfang bist du von der Arbeit weg und von allem weg. Was tust du, wohin gehst du? In der Selbsthilfegruppe hast du Gleichgesinnte. Du kannst über alles reden. Das baut dich so richtig auf. Denn am Anfang, da wird die Welt ganz klein. Da kennst du dich nirgends mehr aus. Da rennst du dauernd irgendwo dagegen. Da hast du Angst, dich zu verirren. Da willst du dich nur noch verkriechen.“

Es ist fast fünf Jahre her, als die Welt für Johannes Göls ganz klein geworden ist. Seine Augenärztin gab ihm die Telefonnummer des Blindenverbands, die Sozialberaterin versorgte ihn mit vielen nützlichen Informationen und erzählte ihm auch von der Selbsthilfegruppe.

„Wie ich mich dann endlich getraut hab, hab‘ ich dort gleich Anschluss gefunden. Ich bin jeden Monat da. Wir machen Ausflüge, wir unterhalten uns, mir taugt das. Und ein paar Leute von der Gruppe, unsere Tischpartie, wir treffen uns auch sonst, bei mir im Garten, in einem Café oder bei jemandem zuhause.“

In seiner aktiven Zeit übt der vielseitige Niederösterreicher ganz unterschiedliche berufliche Tätigkeiten aus. Als Spengler und Installateur, als Bagger- und Staplerfahrer, an der Mischmaschine und als Monteur für Fenster. Die letzten 25 Jahre arbeitet er bei einer großen Firma, die Sonnen- und Wetterschutz produziert und montiert. Zunächst fertigt er selbst Markisen, später ist er im Außendienst tätig. Er kümmert sich um die Reklamationen und ist in ganz Österreich, aber auch im benachbarten Ausland unterwegs. „Ich war jeden Tag woanders. Einmal in Kärnten, am nächsten Tag in Tirol, dann in Wien, in Ungarn oder in der Slowakei.“

Bei den nächtlichen Autofahrten fällt es ihm zuerst auf, dass sich sein Sehvermögen verschlechtert. Zwei Jahre später stellt Johannes Göls irritiert fest, dass er auch am Tag weniger sieht. Als er bei einer Dienstfahrt beinahe einen Traktor übersehen hätte, bringt er das Fahrzeug in die Firma, übergibt dem Chef die Autoschlüssel und teilt ihm mit, dass dies seine letzte Fahrt gewesen sei. „Denn entweder ich bring‘ mich um oder ich bring‘ jemand anderen um und das will ich nicht. Dass du jemand anderen aus dem Leben reißt, damit kannst ja nicht leben.“ Mithilfe eines Lesegeräts arbeitet Johannes Göls noch ein Jahr im Innendienst, schult einen Kollegen ein und wird 2014 gekündigt.

Alles ist anders

Der begeisterte Handwerker und Bastler, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, der beruflich viel herumgekommen ist und viel gesehen hat, ist jetzt ohne Arbeit, ohne Aufgabe und verfügt nur noch über ein sehr eingeschränktes Sehvermögen. „Bei mir sind beide Augen in der Mitte vernarbt. Also ich sehe das Licht, aber keine Gesichter. Ich werd‘ oft gefragt, wie viel ich sehe. Das ist schwer zu beantworten. Ich sag‘ dann: ‚Pick‘ dir einmal mitten auf die Brille was drauf und dann merkst du, ob du noch was siehst.‘“

Jetzt wird der Alltag nicht mehr durch die Arbeitszeiten in der Firma bestimmt. Auch die täglichen beruflichen Kontakte fallen weg. Mobil ist der geübte Autofahrer, der jährlich rund 65 000 Kilometer zurückgelegt hat, auch nicht mehr. „Ich hab‘ mich am Anfang nicht einmal Bus fahren getraut. Ich war es überhaupt nicht gewohnt. Dann sitzt du daheim und ziehst dich immer mehr zurück.“ Johannes Göls lebt mit seiner Frau, die nach wie vor berufstätig ist, in einer kleinen Ortschaft in der Nähe von St. Pölten. Er aber verbringt viel Zeit zuhause, allein und untätig. Doch eines Tages fängt er, der kaum je in der Küche gestanden hatte, zu kochen an. Inzwischen ist er geübt, kocht Gulasch, Palatschinken oder Knödel, was seine Frau halt gerne mag. Sie freut sich immer, wenn sie heimkommt und wenn es etwas zu essen gibt. Das Paar hat drei Töchter, sie sind erwachsen und leben in der Nähe des Elternhauses.


Johannes Göls wird von seinen Angehörigen und Freunden von Anfang an unterstützt. Aber letztlich ist er doch auf sich allein gestellt, wenn es darum geht, zu akzeptieren, dass er nur noch sehr wenig sieht. Immer wieder fühlt er sich mutlos und „ganz am Boden“, wie er sagt. Inzwischen macht er, der nicht nur beruflich, sondern auch privat viel mit seinen Händen gearbeitet hat, einen großen Bogen um seine gut ausgestattete Werkstatt. Als sein damals zwölfjähriger Neffe Philipp kommt und den Onkel bittet, etwas mit ihm zu basteln, antwortet er barsch:

„Philipp, ich seh‘ nix, ich kann dir nix basteln.“

Der Bub lässt nicht locker, er lässt sich nicht so leicht abwimmeln. Schließlich willigt der Onkel ein und die beiden beginnen mit einem einfachen Bastelbausatz.  „Dann sind wir in der Werkstatt im Keller gesessen und ich hab‘ gemerkt, es geht ja wirklich. Ich spür‘ mit meinen Fingern, ob die Kanten gerade sind. Mein Neffe sitzt heute noch bei mir in der Werkstatt, wenn er frei hat. Er hat mir gezeigt, dass ich auch noch etwas zusammenbring‘, dass ich auch noch etwas kann. Das hat mich motiviert.“

Neue Perspektiven

Als Johannes Göls mit seiner Frau zu einem Vortrag über das positive Denken geht, beginnt sich wieder etwas zu verändern. Er schaut jetzt mehr darauf, was ihm geblieben ist, nicht so sehr, was er verloren hat. „Und dass man sich nicht dauernd denkt, ich lass mich fallen, ich bin so arm. Ich hab‘ mir damals gesagt, ich will wieder auf die Füß‘ kommen, ich möchte wieder etwas tun.“ Er bastelt und werkelt auch wieder alleine. Zimmert Regale und verkleidet die Betonstiege hinter dem Haus mit Holz. Er lernt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benützen und fährt mit dem Bus nach St. Pölten.

„Ich kann mich jetzt trotz meines stark eingeschränkten Sehvermögens wieder orientieren. Ich hab‘ zwar einige Zeit gebraucht, aber seit ungefähr zwei Jahren bewege ich mich wieder selbstständig. Ich gehe jetzt wieder durch die Innenstadt. Ich orientiere mich nur noch an den großen Häusern, da sehe ich die Farbe. Oder ich weiß, dass in der Fußgängerzone der schöne Brunnen steht. Man orientiert sich ganz anders, stellt sich komplett um. Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.“

Sein Schwiegersohn macht ihn mit der Sprachassistentin Alexa vertraut, die er regelmäßig nützt. Und das Handy ist zu einem ganz wichtigen Hilfsmittel geworden. Das Mobiltelefon ist – wie Johannes Göls nicht ohne Stolz erzählt – ein Firmenhandy: „Das zahlt die Firma.“ Obwohl Johannes Göls schon seit fast fünf Jahren in Pension ist, hat er immer noch Kontakt mit seiner alten Firma. Er wird zu den Weihnachtsfeiern eingeladen und ist bei den Ausflügen dabei. Und seine Expertise ist nach wie vor gefragt. „Die ganz jungen, die so Mitte 20 sind, die rufen mich immer wieder an und fragen mich: ‚Du, wie ist das mit den Markisen? Wie geht das?‘ Denn die älteren Markisen, die hab‘ ich selber gebaut.“ Manchmal genügt eine telefonische Auskunft. Manchmal aber holt ein junger Mitarbeiter den pensionierten Kollegen ab und sie fahren gemeinsam zu einer Kundschaft in Wien oder Salzburg. Es freue ihn immer, wenn er das Problem lösen könne. „Da weiß man, man wird noch gebraucht. Und der Chef sagt, er zahlt mir gern das Telefon, denn er schätzt mein Wissen. Ich mach‘ es ja nicht, damit ich ein Geld verdiene. Denn wenn du dich anmeldest, ziehen sie es dir wieder von der Pension ab. Ich mach‘ es, weil es mir Spaß macht.“

Heute ist der Blick von Johannes Göls wieder in die Zukunft gerichtet. Seit dem letzten Jahr gibt es ein Enkelkind in der Familie, seine älteste Tochter hat einen Buben bekommen. Es ist das erste Enkerl, er möchte es aufwachsen sehen, er möchte mit ihm spielen. „Es ist so lieb, man hört, wenn es dich anlacht. Da weiß ich dann wieder, wofür ich leben will. Und wenn es dann sagt, der blinde Opa, das ist wurscht. Ich kann damit umgehen. Früher hab‘ ich damit ein Problem gehabt. Ich habe nicht darüber reden können. Heute ist das anders.“

Johannes Göls, der viel und gerne mit seiner Familie zusammen ist, nimmt sich auch viel Zeit für die Freunde in der regionalen Selbsthilfegruppe des BSVWNB. Für ein gemütliches Beisammensein und den Austausch, für Krankenbesuche oder wenn jemand in der Gruppe mehr Unterstützung braucht, sei es, weil der Partner verstorben ist, sei es auch nur, weil im Haus oder Garten Hilfe benötigt wird. Und wenn bei einem Ausflug wieder einmal zu wenige Begleitpersonen da sind, müsse man eben zusammenhalten. „Denn“, so Johannes Göls, „wir lassen keinen zurück. Ich sag‘ immer, wir kriegen das schon hin. Dann helfen wir uns eben gegenseitig. Dann hängt sich halt bei mir jemand ein. Wir werden schon irgendwie durchkommen, langsam gehen, das geht schon. Aber zurück lassen wir keinen.“ Die Selbsthilfegruppe liegt dem kontaktfreudigen Niederösterreicher so sehr am Herzen, dass er seit kurzem im Leitungsteam mitarbeitet.

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