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Aktuelles

Ein junger Mann führt einen Mann mit gelber Armbinde zur offenen Tür eines PKW.
Bildinfo: Das Auto: mehr schädlich als nützlich? Ein Themenabend zur (Auto-)Mobilität. © BSVWNB

Wollen Sie oder müssen Sie … mit dem Auto fahren?

Um diese Frage drehten sich die Interviews, die Katja Diehl mit 60 Freiwilligen führte und die den Ausgangspunkt für ihr erfolgreiches Buch „Autokorrektur für eine lebenswerte Welt“ bilden. Die Deutsche, die zurzeit in Hamburg lebt, war Gast bei unserem 22. virtuellen Themenabend.

Ein Themenabend zur (Auto-)Mobilität.

Angesichts der Klimakrise und auch angesichts der Krise, die steigende Energie- und Lebenskosten bei zahlreichen Menschen verursachen, ist es durchaus angebracht, sich mit dem Thema Mobilität zu befassen. Denn wie Katja Diehl bei ihren Interviews herausfand, wollen viele Menschen gar nicht mit dem Auto fahren. Sie müssen es aber tun, da der öffentliche Verkehr in ihrer Lebensumgebung nicht entsprechend ausgebaut ist. Wege zum Arbeitsplatz, in die Schule der Kinder oder auch nur zum Einkaufen können nur mit einem PKW zurückgelegt werden.

Eine Welt der Autos

In Deutschland gibt es 49 Millionen Autos, wobei viele Leute nicht nur ein Auto, sondern mehrere besitzen. Aber immerhin sind es 13 Millionen Erwachsene, die gar keinen Führerschein haben! Im Durchschnitt bewegt sich ein Auto 45 Minuten pro Tag. Die restliche Zeit steht es im öffentlichen Raum oder in der privaten Garage herum. Im beruflichen Pendelverkehr sitzen im Schnitt 1,057 Personen im Auto. Das allein würde eher für kleine Fahrzeuge sprechen. Tatsache ist aber, dass die Autos immer größer werden. 40% der Neuzulassungen sind mittlerweile SUVs. Daraus kann man schließen, dass die Hobbymobilität für die Menschen wichtiger ist, als die notwendige Mobilität. Und damit sind wir in Zeiten der Klimakrise eigentlich am falschen Weg. Inzwischen ist es so, dass Industrie und Landwirtschaft ihre Emissionen senken, aber der Verkehr folgt einem gegenteiligen Trend. 61% der Emissionen gehen auf das Konto der PKWs. Nach EU-Regelung darf ein Auto 95 Gramm CO2 abgeben. In Deutschland liegt der Wert aber bei 122 Gramm CO2.

E-Mobilität als Lösung für das Problem?

Ab 2035 dürfen keine Verbrennungsmotoren mehr gebaut werden. Ob das alleine sinnvoll ist, sei dahingestellt. Denn die Abhängigkeit von Ressourcen, die aus dem Ausland kommen, wird größer und auch die Frage der Entsorgung ausgedienter Batterien ist noch unbeantwortet. Im Kontext von blinden und sehbehinderten Menschen ist außerdem die Geräuschlosigkeit der E-Fahrzeuge im wahrsten Sinne des Wortes ein lebensbedrohendes Problem. Der Befund von Katja Diehl: in Deutschland gibt es nur Veränderung, weil die EU dahingehend Druck macht. Deutschland hat sich von der Autoindustrie abhängig gemacht. Dieser Sektor garantiert bisher sehr, sehr viele Arbeitsplätze.

Die E-Mobilität wird als die Lösung für das Problem Klimawandel vermarktet. Und tatsächlich ist der CO2 Abdruck eines E-Autos im Verhältnis gering. Wie sieht es aber mit dem Thema Platz aus? Ein E-Auto braucht ebenso viel Platz wie ein anderes. D.h. die Bodenversiegelung geht weiter. Auch das Problem der Autoreifen besteht nach wie vor. Diese sind die Hauptverursacher des Mikroplastiks in der Welt. Spuren von Mikroplastik sind inzwischen bis in die Antarktis und bis ins Blut von Neugeborenen nachweisbar. Auch bei einem totalen Umstieg auf E-Mobilität würde die Stadt weiterhin den Autos gehören und nicht den Bewohner:innen. Züge, Fahrräder und nicht zuletzt Menschen brauchen in Relation weniger Platz, um sich fortzubewegen und weniger Platz, wenn sie stillstehen.   

Städte als Lebensräume – Städte als Autozonen

Eine Studie in Berlin kam zu dem Ergebnis, dass 42% der Menschen keinen PKW besitzen. Im Umkehrschluss bestimmen die 58% PKW-Besitzer:innen aber das Stadtbild. 39% der Flächen in Berlin sind Straßen, 19% sind Parkplätze für Autos, aber nur 3% sind Radfahrwege. Damit zeigt sich ein klares Missverhältnis und viele Rad fahrende Personen empfinden das als nicht sicher. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt. Gleiches gilt für Gehwege, die zumeist in schlechtem Zustand sind. Das bringt vor allem Probleme für Rollstühle und blinde Menschen. Aber auch für Kinderwägen und Personen, die nebeneinander am Gehsteig unterwegs sein möchten.
 
Positive Beispiele von Städten, die eine Trendwende geschafft haben, gibt es bereits. Katja Diehl war mit ihrem Faltrad in Barcelona und Paris unterwegs. Paris hat eine tolle Infrastruktur für alle Verkehrsteilnehmer:innen. Damit sind auch Fußgänger:innen und Radfahrer:innen gemeint. Die Menschen fühlen sich in ihrer Mobilität frei und sicher. Nahversorgung, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sind in der Nähe.

Barcelona möchte die erste post-Auto-Metropole werden. Der Weg dahin wird den einzelnen Stadtvierteln überlassen. Viele davon sind für den durchfahrenden Verkehr gesperrt. Es gibt keine Parkplätze für Individualverkehr mehr, denn der Platz wird für Geh- und Radwege genutzt. Autos dürfen nur für Liefertätigkeit kurz halten. Das Resultat sind gesunde Nachbarschaften. In der warmen Jahreszeit treffen sich die Menschen vorm Haus, sitzen zusammen, die Straße ist auch der Spielort für Kinder, eingezäunte Spielplätze sind nicht mehr notwendig. In diesen Städten hat das Leben bereits eine andere Qualität und Lässigkeit, die Autofahren nicht mehr einschließt.

„Je nachdem, welche Straße du baust, diesen Verkehr wirst du ernten“

Beim Ausbau der Schiene, wäre das Zugverkehr. Beim Ausbau der Autobahnen, sind das noch mehr Autos. Katja Diehl hat früher in einem Logistik-Konzern gearbeitet, wo sie jede Form von Transport und Mobilität kennengelernt hat. Darum kennt sie sich auch mit dem Zugverkehr sehr gut aus. In Deutschland wurden 4000 Kilometer Schienen stillgelegt. Und das bei steigender Nachfrage! Zahlreiche Menschen sagen, dass sie mit dem Zug fahren wollen, aber dass es gar nicht (mehr) möglich ist. Sie sind gezwungen einen PKW zu fahren und einen Führerschein zu machen. Die Kosten dafür liegen in Deutschland übrigens bei 3000 Euro. Die neue Regierung machte voriges Jahr gute Versprechen, die sich auch im Koalitionsvertrag nachlesen lassen. Dennoch wurde bisher wieder mehr Geld in die Straße gesteckt. Die FDP will die Autobahn schneller machen. Obwohl auch hierbei erwiesen ist, dass das Tempolimit 100km/h CO2 einsparen würde. Lobende Worte hatte Frau Diehl für Österreichs Infrastrukturministerin Leonore Gewessler. Sie hat Großprojekte wie den umstrittenen Lobau Tunnel gestoppt und setzt auf verbessertes Angebot bei den Öffis. Während in Deutschland 44% in die Schiene und 56% in die Straße investiert werden, ist das in Österreich umgekehrt. Hierzulande werden 66 % in die Schiene und 34% in Autoverkehr investiert.

Ärgerlich ist die Geschichte von Kai: er sitzt seit 20 Jahren im Rollstuhl und kann in Deutschland nicht einfach selbstbestimmt eine Zugreise antreten. Er muss sich vor Reiseantritt bei der Bahn anmelden, damit er dann auch von bereitgestelltem Personal mit dem Hubwagen in den Zug gehoben werden kann. Und wieder hat der deutsche Verkehrsminister einen neuen Schnellzug mit Stufen bestellt, während in Österreich bereits barrierefreie Züge der gleichen Firma fahren!

Weibliche Mobilität

Katja Diehl benutzt auch den Begriff „weibliche Mobilität“. Dankenswerterweise schaut sie mit kritischem Blick sowohl auf die Wege, die von Männern als auch von Frauen öffentlich zurückgelegt werden können. Dabei ist klar zu sehen, dass ein weißer, gut situierter Mann seine notwendigen Wege bequem und sicher erledigen kann, auch mit öffentlichem Verkehr. Das belegen die Statistiken zur Erwerbsmobilität. Die Wege der meisten Frauen manifestieren sich leider nicht in den Statistiken. Frauen leisten den Großteil unbezahlter Care-Arbeit, versorgen die Familie mit Einkäufen, bringen Kinder in die Schule oder zum Arzt, gehen einer Teilzeiterwerbsarbeit nach und übernehmen sonstige unentgeltliche Hilfsdienste. Diese komplexen Wegeketten können sie öffentlich meist nicht zurücklegen und schaffen sich deswegen ein Auto an.  

Besonders krass ist auch das Beispiel einer Interviewpartnerin, die das Auto als ihren safe space bezeichnet. Sie ist eine schwarze Frau mit drei Kindern, die im öffentlichen Verkehr schon oft rassistischen Angriffen ausgesetzt war. Da sie das ihren Kindern ersparen möchte, zieht sie es vor, mit dem Auto zu fahren. Aber nicht, weil sie lieber Auto fährt, anstatt öffentlichen Verkehr zu nutzen. Katja Diehl meint, dass sich eine Person umso weniger frei durch die Stadt bewegen kann, je mehr Marginalisierungen sie in sich trägt. Manche Frauen erleben in der Nacht alleine im öffentlichen Verkehr unangenehme Situationen und fahren darum aus Angst mit dem eigenen PKW. Auch das Beispiel eines lesbischen Paares sowie einer Transgenderperson, die aus Angst lieber mit dem Auto fahren, untermauert diese Beobachtung. Wenn eine Gewalterfahrung gemacht wird, verändern sich die Wege von Menschen, und sie fühlen sich nicht mehr so frei wie zuvor, denn sie wollen ja den Ort dieser negativen Erfahrung vermeiden.

Das Fazit, das Frau Diehl aus den 60 Interviews zieht, ist, dass sehr viele Personen gerne klimafreundlicher unterwegs wären, aber dass dafür unterschiedliche Bedingungen erfüllt werden müssten: Alternativen zum Auto, Barrierefreiheit, ausgedehnte Betriebszeiten, Sicherheit, Bezahlbarkeit. Was Katja Diehl betont, ist, dass sie nicht per se gegen Autos ist. Was sie und übrigens auch viele andere Menschen möchten, ist die Möglichkeit auf ein Leben ohne Auto. Und zwar unabhängig vom Wohnort, Geschlecht, Beruf oder anderen Faktoren.

Und Österreich?

Katja Diehl hat sich in ihrer Analyse auf Deutschland konzentriert und einige positive Beispiele aus Österreich genannt. Z.B. Investitionen in die Bahn, das 365 Euro Ticket der Wiener Linien, der Ausbau der Radwege in der Wiener Innenstadt oder auch ein 3%iger Rückbau der Parkflächen in Wien. Dennoch kennen wir alle, vor allem diejenigen von uns, die im ländlichen Raum leben, die Angewiesenheit auf ein eigenes Fahrzeug. Einige Teilnehmende unseres Themenabends berichteten von privaten Initiativen am Land, bei denen Ehrenamtliche Fahrtendienste anbieten, weil die öffentliche Anbindung nicht ausreichend ist. Das Thema Mobilität polarisiert inzwischen vielerorts. Denken wir nur an die Klimaaktivist:innen, die sich auf den Zebrastreifen „festkleben“ und den Frühverkehr blockieren. Wahrscheinlich sind auch sie eine Folge falscher Politik, die auf den steten Ausbau von Straßen gesetzt hat. Das Buch von Katja Diehl stärkt auf jeden Fall all jenen den Rücken, die dem Autoverkehr kritisch gegenüberstehen oder ihn sogar ablehnen. Und alle jene, die gerne Autofahren, finden sicher ein paar Tatsachen im Buch, die sie zumindest zum kritischen Hinterfragen anregen.

 

Hier noch der Blog von Katja Diehl: https://katja-diehl.de/podcast/

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