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Das bionische Auge

Das bionische Auge - Wenn blinde Menschen auf neue Weise wieder sehen lernen


Es klingt wie Science Fiction, ist aber Realität. Hildegard Monschein, die im frühen Erwachsenenalter aufgrund einer erblich bedingten Netzhauterkrankung erblindet war, erhielt Mitte 2015 ein sogenanntes bionisches Auge, das aus einer Spezialbrille, einem kleinen Computer und dem Augenchip besteht. Es war eine medizinische Sensation, denn dieser Netzhautchip wurde in Österreich zum ersten Mal implantiert.

Eine andere Art des Sehens

Das bionische Auge Argus II ist die erste künstliche Retina, die in Europa zugelassen wurde. Diese Retinaprothese ist ein Neurostimulationsgerät, das Menschen mit einer schweren Degeneration der äußeren Retina eine visuelle Wahrnehmungsfähigkeit ermöglicht. Das ist jedoch kein Sehen im herkömmlichen Sinn.
„Die Patientin,“ so die Operateurin Univ. Prof. Dr. Susanne Binder, „verwendet ja das Auge nicht wirklich. Sie verwendet eine Kamera, die auf der Brille befestigt ist.“

Die Information von der Kamera wird kabellos an eine Antenne gesendet, die sich im Implantat im Auge befindet und schließlich auf eine Reihe von Elektroden übertragen, die auf der Netzhaut implantiert sind. „Wenn die Information dort gelandet ist, stimulieren die Elektroden die inneren Netzhautschichten“, erläutert Univ. Prof. Binder. „Denn die Patienten haben eine Erkrankung der äußeren Netzhautschichten, also der Stäbchen und Zapfen. Die inneren Netzhautschichten, die Ganglienzellen sind teilweise noch funktionsfähig und über diese Ganglienzellen wird die Information über den Sehnerv an die Hirnrinde weitertransportiert.“

Ausdauer und Austausch sind erforderlich

Ungefähr sechs bis acht Wochen nach der OP beginnt das Training. Zunächst wird die Brille angepasst und die Herstellerfirma Second Sight schult die Trainerin und die Patientin ein. „Man muss ganz genau wissen, was auf einen zukommt, sonst ist man enttäuscht“ sagt Hilde Monschein.

Die Brilleneinstellung erfordert höchste Konzentration und ist anstrengend. Ebenso die ersten Übungen vor einer Magnettafel. Auf einem schwarzen Hintergrund befinden sich weiße geometrische Formen wie Dreieck oder Kreis, die erkannt werden sollen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Marianne Kern, Rehabilitationstrainerin des BSVWNB, erhält am Computer einen Einblick, wie die Wahrnehmung mit einem bionischen Auge funktioniert und ist, obgleich vorbereitet und informiert, ernüchtert von dem Bild, das sie sieht. „Man kann sich das wie ein Rechteck vorstellen“, erläutert sie, „und in diesem Rechteck sind 64 Lichtpunkte. Aber ich habe nie das gesamte Rechteck im Blickfeld, sondern immer nur einen Ausschnitt, immer nur eine Kante. Ich sehe immer nur ein paar Lichtpunkte drinnen und fahre so entlang einer Linie wie zum Beispiel der Linie eines Dreiecks auf der Tafel. Es ist keine Form, die man sieht, es ist eher so ein kurzes Aufflackern.“

Nach der Einschulung durch die Firma Second Sight beginnt die Arbeit zu zweit. Es gibt kein fertiges Trainingsprogramm, es handelt sich vielmehr um learning by doing über Monate und Jahre. Die beiden üben zunächst in geschlossenen Räumen, gehen dann auf die Straße, in ein Einkaufszentrum oder in einen Bahnhof. Gemeinsam erkunden sie immer wieder neue Möglichkeiten des Übens.

Hilde Monschein lernt, eine gerade Linie zu verfolgen, wenn sie an einer Hausmauer entlanggehen, denn an der Kante zwischen Mauer und Gehsteig wird der Kontrast sichtbar und bildet eine wahrnehmbare Linie.  Sie beginnt, Schattierungen von hell und dunkel zu erkennen, wie zum Beispiel Eingänge, die sich von der Hausmauer farblich abheben. Zunächst wird zwei- bis dreimal in der Woche geübt, dann gibt es längere Pausen, denn das Training ist anstrengend und erfordert höchste Konzentration.

Manchmal geht gar nichts, dann wieder gibt es große Fortschritte wie die Orientierungs- und Mobilitätstrainerin Marianne Kern erzählt:  „Da hat die Hilde einmal zu mir gesagt: ‚Das ist dein Kopf, ich sehe deinen Kopf!‘ Das werde ich nie vergessen.“

Eine andere Art des Sehens

Ein Auto, das in eine Parklücke fährt, nimmt Hilde Monschein wahr, da es aufgrund des Lichteinfalls glänzt. Sie erkennt, dass da etwas ist, aber sie weiß zunächst nicht, was es ist. Die Trainerin benennt den Gegenstand. So wird geübt und kombiniert. Durch trainieren, angreifen, erfahren, erklären lernt Hilde Monschein, was es sein könnte und was es ist. Es findet ein reger Austausch zwischen den beiden statt und sie stimmen sich immer feiner aufeinander ab. Die O&M Trainerin Marianne Kern: „Wenn die Hilde sagt, dass das so glänzt, dann habe ich mit der Zeit gelernt, dass sie jetzt nicht die Fensterscheibe sondern die Wand im Blick hat. Ich kann es nicht genau erklären, aber wir reden sehr viel und entwickeln ein immer besseres Gespür füreinander.“

Inzwischen ist das Training so weit fortgeschritten, dass versucht wird, einen Gegenstand oder ein Ziel punktgenau anzusteuern. Wie zum Beispiel die Eingangstür einer Kirche in der Mariahilfer Straße in Wien. Hilde Monschein erinnert sich. „Ich habe von weitem das Kirchentor erkannt und bin darauf zugegangen.“ In dieser Situation hat alles gepasst, das Licht und der Einfall des Lichts, es war möglich, den Eingang zu fixieren und den Punkt nicht zu verlieren, den Kopf leicht, aber doch ausreichend zu bewegen und voll konzentriert zu bleiben. An einem bewölkten Tag, wenn man schlecht geschlafen hat und müde ist, kann alles ganz anders sein. Aber das ändert nichts an Hilde Monscheins Freude über diese neuen Erfahrungen und Ausblicke in ihrem Leben.

Mag. Ursula Müller / gekürzt von Mag. Martin Tree